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28.04.2017
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Aus dem kirchensite.de-Archiv
Professor Thomas Söding: "Es gibt kein Mustergebet, keinen Masterplan zum Beten."

Interview mit Professor Söding:

Gebete der Bibel

Bistum. Die Bibelarbeiten in "kirchensite.de" sind im Jahr 2009 dem Thema Gebet gewidmet. Im Interview mit "kirchensite.de" erläutert der Bochumer Neutestamentler und Vorsitzende des Katholischen Bibelwerkes im Bistum Münster, Professor Thomas Söding, warum Beten so wichtig für den Glauben ist aber auch weshalb Zweifel ihren Platz im Gebet haben.

kirchensite.de: Welche Rolle spielt das Gebet in der Bibel?

Professor Thomas Söding: Das Gebet ist die Sprache des Glaubens. Gott zu hören und ihm etwas sagen zu können, das gehört zur Grundform der Bibel. Deshalb ist die Bibel insgesamt ein Gebetbuch: ein Buch mit vielen Gebeten und ein Buch zum Beten.

kirchensite.de: Warum soll man beten?

Söding: Ich würde zuerst sagen: Man darf beten. Es ist gar nicht so selbstverständlich, dass Gott, wenn er wirklich der eine und einzige ist, sich mit den Menschen abgibt, auf sie hört und sie zu beten lehrt. Aber die Bibel sagt: Gott ist so, dass man beten kann. Und dann ist es auch richtig zu beten. Denn ohne, dass die Sprache des Glaubens gesprochen wird, wird sie tot. Wer betet, lernt Gott und seinen Willen, lernt auch sich selbst und die anderen Menschen besser kennen.

kirchensite.de: Sagt die Bibel etwas darüber, wie man beten soll? Gibt es eine biblische Gebetsschule?

Söding: Es gibt kein Mustergebet, keinen Masterplan zum Beten. Den kann es auch nicht geben, weil es so viele Gebete gibt, wie es Menschen gibt und Situationen, die Verbindung mit Gott zu suchen. Aber wer die Gebete der Bibel betet, lernt das Beten.

kirchensite.de: Was ist das wichtigste Gebet in der Bibel?

Söding: Für Christen ist das wichtigste Gebet das Vaterunser. Denn es ist das Gebet, das Jesus selbst seine Jünger zu beten gelehrt hat. Aber das Vaterunser hat kein Monopol. Es ist ein neutestamentlicher Psalm, der die alttestamentlichen Psalmen voraussetzt, besonders Psalm 103. Und das Vaterunser inspiriert immer neue Gebete im Geiste Jesu bis heute. Das hat Jesus so gewollt.

kirchensite.de: Das größte biblische "Gebetbuch" sind die Psalmen. Was ist das Besondere an ihnen?

Söding: Wer die Bibel in der Mitte aufschlägt, landet bei den Psalmen. In ihnen schlägt das Herz der Bibel, nicht nur des Alten, sondern auch des Neuen Testaments. Sie sind so voller Emotionen und Reflexionen, so voller Lebensnähe und Gottinnerlichkeit, so voller Himmel und Erde wie kein zweites Buch der Bibel.

kirchensite.de: Viele tun sich schwer mit den Psalmen. Haben Sie einen Tipp für diese Menschen?

Söding: Vielleicht sollten sie versuchen, mit denen ins Gespräch zu kommen, denen die Psalmen über alles wichtig sind. Es sind oft Meister der Spiritualität. Die Psalmen weiten den Horizont des Betens. Wer sich auf sie einlässt, vielleicht nur auf den Rhythmus der Sprache, die Buntheit der Bilder, lässt den großen Atem des Glaubens Israels auf sich wirken.

kirchensite.de: Welche Arten zu beten zeigt die Bibel?

Söding: Jede nur erdenkliche Art: Loben, bitten, danken, jubeln – aber auch klagen. Freie Gebete und gebundene Gebete. Kleine Glaubensbekenntnisse und Hilfeschreie. Freudengesänge und Grabeslieder, wortreiche Litaneien und tiefes Schweigen, Nachdenklichkeit und Anbetung. Auf eines nur kommt es an: die Versuchung der Heuchelei zu überwinden. Gebete dienen nicht der Selbstdarstellung, Gebete suchen die Nähe Gottes.

kirchensite.de: Darf der Beter an Gott zweifeln?

Söding: Was heißt dürfen? Niemand sucht sich seine Zweifel aus. Das Besondere ist nur: Wer zweifelt, sei es an Gott, sei es an sich selbst, sei es an den Menschen, braucht nicht zu verzweifeln, sondern kann seine Zweifel vor Gott tragen – sagt jedenfalls Jesus in der Linie der großen Gebete Israels. "Ich glaube, hilf meinem Unglauben", ruft der Vater eines scheinbar unheilbar kranken Kindes (Mk 9,24) – das ist ein Gebet für viele, die es nicht mehr wagen, zu beten.

kirchensite.de: Warum hat Jesus gebetet, obwohl er doch Gott war?

Söding: Jesus ist der Sohn, der zu seinem Vater gebetet hat. Jesus ist ganz und gar Mensch. Als Mensch hat er auf Erden gebetet, um die Einheit mit dem Vater auszudrücken und die Versuchungen zu bestehen. Als Auferstandener lebt er sein Leben für Gott, den Vater, schreibt der Apostel Paulus (Röm 6,10). Das ist ja gerade unsere große Hoffnung: von Jesus in seine Gemeinschaft mit dem Vater hinein genommen zu werden.

kirchensite.de: Was bewirkt das Gebet?

Söding: Viele denken: gar nichts, weil ihre Bitten scheinbar verhallen. Andere denken nur: Sie dienen der Ausbildung der menschlichen Persönlichkeit. Ich glaube: Die Bitten des Vaterunsers verhallen nicht ungehört. Es kommt darauf an, sehen zu lernen, wo und wie sie erfüllt werden. "Bei Gott ist kein Ding unmöglich", sagt Jesus seinen Jüngern (Mk 10,27), als sie angesichts ihrer Schwachheit verzagen. Das gilt, glaube ich, sogar an der Grenze des Todes und durch die Unsinnigkeit unschuldigen Leidens hindurch – auch wenn ich nicht weiß wie.

kirchensite.de: Was sind für Sie die schönsten biblischen Gebete?

Söding: Neben dem Vaterunser: das Magnifikat, die Hymnen des Urchristentums – und der Psalm, den ich gerade bete.

kirchensite.de: Wie beten Sie?

Söding: Oft, zwischendurch, sehr gerne mit anderen zusammen in der Kirche, und am liebsten singend.

kirchensite.de: Hilft beten?

Söding: Ich bete darum, dass es hilft – denen die beten, und denen, die nicht beten.

Interview: Norbert Göckener / Foto: Michael Bönte, 08.01.2009

Mehr zu diesem Thema in "kirchensite.de":
- Zu den Bibelarbeiten 2009
- Übersicht Professor Söding

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