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22.07.2017
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Aus dem kirchensite.de-Archiv

Bibelarbeit im Januar

"Herr, lehre uns beten"

"Herr, lehre uns beten" (Lk 11)
- Das Vater unser und das Vertrauen im Gebet

Hinführung:

Mose baute, so schildert es das Buch Exodus, außerhalb des Lagers das Offenbarungszelt, auf das sich die Wolkensäule hernieder ließ. Dort, heißt es dann, redeten der Herr und Mose "miteinander Auge in Auge, wie Menschen miteinander reden" (Ex 33,11). Ein bemerkenswertes Wort: Gott ist an uns Menschen interessiert. Gebet kann darum heißen, mit Ihm zu reden: Auge in Auge, so wie es zwei Menschen tun. Das setzt Vertrauen voraus. Vertrauen in Gottes Menschenfreundlichkeit und Liebe ebenso, wie in Seine Gegenwart und Nähe.

Der Theologe Ulrich Bach schreibt im Vorwort seines kleinen Büchleins "Hosianna bei Gegenwind": "Es geht mir um die Art des Betens, um die Art unseres Umganges mit Gott. In wie vielen Gesprächen spüre ich etwa, dass mein Gegenüber traurig ist über das, was Gott ihm da zumutet. Haben Sie ihm das schon mal gesagt?, frage ich. Meistens erlebe ich dann ein verlegenes Kopfschütteln: Kann man denn so was im Gebet sagen? – Vielen ist klar: Im Gebet können wir bitten, danken, loben. Aber damit hat sich’s auch. – Und genau da möchte ich weitergehen: Wie kümmerlich wird doch unser Umgang mit Gott, wenn das Gespräch mit ihm sich auf Dank, Bitte und Lob eingrenzt!

Ich versuche mir einen Menschen vorzustellen, zu dem mein Kontakt sich in Bitte, Dank und Lob erschöpft. Spontan steht mir vor Augen die Mitarbeiterin in unserer Einkaufs-Abteilung: Da bestelle ich Papier, Aktenordner und Tip-Ex. Und wenn die Sachen kommen, bestätige ich den Empfang. Wenn es kompliziertere Dinge waren, greife ich zum Telefonhörer und bedanke mich. Auf der gleichen Ebene sehe ich hier meine Vorgesetzten: Kürzlich beantragte ich eine bestimmte Arbeitserleichterung, sie wurde genehmigt – natürlich habe ich mich bedankt.

Muss ich meinem Freund nicht viel mehr sagen? Ihm muss ich auch viel mehr sagen können: Das hat mich gefreut – das habe ich nicht verstanden – hier habe ich mich über dich geärgert – hier muss ich mal erst schlucken, etwas dazu sagen kann ich höchstens morgen (…)

Gott ist unser Freund, unser Vater, unser Bruder. Warum reden wir nicht mit ihm, wie wir mit Freund, Vater, Bruder reden? (…) Versuch mal, ähnlich zu beten; erzähl Gott Deine Geschichten, und sag ihm dabei, ob du fröhlich oder traurig, ob du lustig oder wütend bist; beanspruche Gott als deinen Freund, als deinen Vater, als deinen Bruder. Mache ernst damit, dass Gott nicht dein Vorgesetzter ist, der nur Bitte, Dank und Anbetung duldet. Glaube Gott ganz einfach, dass er heruntergekommen ist in seine Schöpfung, in deine Welt. Dass Gott in Jesus dein Bruder wurde, das heißt zum Beispiel: du kommst in Gottes Biographie vor – lass ihn daraufhin auch in deiner Biographie vorkommen, stündlich!"

Im 11. Kapitel seines Evangeliums lädt Lukas uns ein, das Gebet neu einzuüben. Als Ausdruck unseres Vertrauens, mehr noch: als Ausdruck unserer inneren Verbundenheit zu dem Gott, der unser Vater ist, und den wir darum "unseren Vater" nennen und anrufen dürfen.

Der Text:

V1: Und es geschah, als er an einem Ort war und betete, sprach, als er aufgehört hatte, einer seiner Jünger zu ihm: "Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte."
V2: Er sprach aber zu ihnen: "Wenn Ihr betet, sprecht: Vater, geheiligt werde Dein Name! Es komme Dein Reich!
V3: Unser notwendiges Brot gib uns täglich!
V4: Und erlass uns unsere Sünden, denn auch wir erlassen jedem, der uns schuldet; und führe uns nicht in Versuchung."
V5: Und er sprach zu ihnen: "Wer von Euch hätte einen Freund, und er käme zu ihm um Mitternacht und sagte zu ihm: Freund, leihe mir drei Brote,
V6: weil ein Freund von mir auf der Reise zu mir gekommen ist und ich nicht habe, was ich ihm vorsetzen kann –
V7: jener würde von drinnen antworten und sagen: Mach mir keine Mühe, die Tür ist schon verschlossen, und meine Kinder sind mit mir auf dem Lager; ich kann nicht aufstehen und Dir geben? –
V8: Ich sage euch, wenn er auch nicht aufsteht und ihm gibt, weil er sein Freund ist, so wird er wegen seiner Aufdringlichkeit aufstehen und ihm geben, wessen er bedarf.
V9: Und ich sage Euch: Bittet, und Euch wird gegeben; Suchet, und Ihr werdet finden; Klopfet an, und Euch wird geöffnet werden.
V10: Jeder Bittende nämlich empfängt, und der Suchende findet, und dem Anklopfenden wird aufgetan.
V11: Welchen Vater unter Euch aber bittet der Sohn um einen Fisch, und er wird ihm statt des Fisches eine Schlange geben?
V12: Und er bäte ihn um ein Ei, und er wird ihm einen Skorpion geben?
V13: Wenn nun Ihr, die Ihr böse seid, wisst, gute Gaben zu geben Euren Kindern, um wie viel mehr wird der Vater vom Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten".

Theologische Hintergründe:

V1: Der Evangelist Lukas schildert erneut den betenden Jesus (vgl. Lk 3,21; 5,16; 6,12; 9,18.28f). Damit wird nicht nur der Vorbildcharakter Jesu betont, sondern vielmehr in christologischer Perspektive sein besonderes Eins-Sein mit dem Vater hervorgehoben.

Einer aus dem Jüngerkreis bittet Jesus, er möge die Jünger beten lehren. Dabei beruft er sich auf Johannes den Täufer, der seinen Jüngern eine feste Gebetspraxis ans Herz legte (vgl. Lk 5,33). Fest formulierte Gebete gehörten zu den Kennzeichen einer religiösen Gruppierung und dienten als ihr äußeres Erkennungsmerkmal. Die Bitte des Jüngers hat ein solches, in dieser Weise fixes Gebet im Blick.

V2: Das Gebet, das Jesus auf die Bitte des Jüngers hin formuliert, beginnt mit der Anrede "Vater" und greift damit jenes aramäische "Abba" auf, das das besondere Verhältnis Jesu zu Gott, seinem Vater, markiert. Indem Jesus die Seinen so zu beten lehrt, eröffnet er ihnen sein eigenes Verhältnis zu Gott und nimmt sie mit hinein in die Beziehung zum Vater.

Die daran anschließende Bitte um Heiligung des Gottesnamens ist so eng mit der dann folgenden Bitte um das Kommen des Reiches Gottes verbunden, dass man beide Bitten zu einer einzigen verschmelzen lassen kann: Gott möge seinen Namen heiligen, d.h. sich als heilig erweisen, indem er sein Reich kommen lasse.

Im Hintergrund der Bitte um die Heiligung des Gottesnamens steht vielleicht das jüdische Kaddischgebet: "Verherrlicht und geheiligt werde sein großer Name in der Welt". Wie im Vaterunser folgt auch im Kaddischgebet die Bitte um die Herrschaft Gottes: "Er bringe sein Reich zur Herrschaft." Allerdings bleibt die besondere jesuanische Anrede Gottes als Vater in der Geschichte der Religionen ohne Analogie und  außerdem treten im Vaterunser – anders als im Kaddischgebet – an die Stelle von Prädikationen echte, handfeste Bitten.

V3:  Die im Vergleich zu Matthäus (Mt 6,10) von Lukas abgeänderte dritte Bitte nimmt natürliche Güter in den Blick und vertraut sich der Fürsorge Gottes an.

V4: Auch die Bitte um Vergebung hat im Vergleich mit der matthäischen Fassung (Mt 6,12) eine Veränderung erfahren: Hier geht es nicht nur um den Erlass von Schuld, sondern von Sünden. Wie schon die Brotbitte ist auch diese Bitte eine fortdauernde. Der Begründungssatz richtet keine Bedingung auf, die Gott zum Handeln zwingen könnte, sondern bringt umgekehrt zum Ausdruck, dass es in der Konsequenz der Erfahrung göttlicher Vergebung liegt, seinerseits Vergebung zu gewähren.

In der letzten Bitte geht es nicht um ein apokalyptisches Standhalten gegenüber dem als Satan gedachten Versucher, sondern um die Bitte an Gott, der die Kirche sammelt und lenkt, sie nicht in Versuchung geraten zu lassen.

V5: Mit einem Neueinsatz startet die Erzählung eines Gleichnisses, das mit einer rhetorischen, sich über die Verse 5 bis 7 erstreckenden Frage beginnt: "Könnt Ihr Euch das vorstellen?" – die intendierte Antwort lautet: "Nein"! Die Erzählwelt des Gleichnisses ist die eines palästinischen Dorfes zur Zeit Jesu, in dem es nicht etwa Läden gibt, sondern vielmehr jedes Haus das zum Leben Notwendige bereit hält. Ausdruck dörflicher Gemeinschaft und des Vertrautseins der Dorfbewohner untereinander ist die Praxis wechselseitiger Unterstützung und Hilfe.

V6: Der bittende Freund hat – zur Zeit der Antike nicht ungewöhnlich – noch zu später Stunde einen Gast aufgenommen. Drei Brotfladen sind die übliche Mahlzeit für einen einzelnen.

V7: Es ist natürlich schier undenkbar, dass der um Hilfe Gebetene seinem Freund die Bitte ausschlägt – trotz aller Widrigkeiten, die Erwähnung finden.

V8: Jetzt wechselt die Perspektive: Nicht mehr die missliche Lage des Hilfe Ersuchenden, sondern die Reaktion dessen, dem die Bitte gilt, steht im Vordergrund des Interesses. Wenn er die Bitte nicht schon aufgrund der Freundschaft, die beide verbindet, erfüllen würde, so doch zumindest wegen der Zudringlichkeit des Bittstellers.

V9.10: Es folgt die Deutung der Erzählung. Die hier begegnenden Imperative wollen den Menschen in seiner ganzen Existenz in den Blick nehmen und stellen zugleich Umkehrrufe dar: Der Mensch soll sich in seinem Verhältnis zu Gott als ein Bittender, Suchender und Anklopfender verstehen, weil Gott einer ist, der die Bitten eines Glaubenden hört, seinem Suchen Richtung und Perspektive gibt und neue Gottgemeinschaft eröffnet. Im Hintergrund dieser Zusage steht der sich aus dem Gleichnis erschließende Appell zu ebenso vertrauensvollem wie beharrlichem Gebet.

V11.12: Diese Zusage wird noch einmal mittels zweier rhetorischer Fragen bekräftigt. Die Antwort auf die Fragen kann nur negativ sein: Kein Vater auf der Welt würde seinem Kind anstatt des Guten etwas Schlechtes geben!

V13: Im Zuge eines rhetorischen Stilmittels a minori ad maius, d.h. mit der Schlussfolgerung vom Kleineren zum Größeren gipfelt die Botschaft: Wenn schon die Menschen, denen die Macht der Sünde anhaftet und geradezu buchstäblich in den Knochen sitzt, ihren Kindern nichts als Gutes tun wollen – um wie viel mehr gilt das für Gott, der hier gleichfalls als der himmlische Vater beschrieben wird, der die Seinen aufgrund nicht nachlassender vertrauensvoller Bitte mit der Gabe des Heiligen Geistes beschenkt. Diese Gabe des Geistes ist jedoch nicht nur eine rein geistliche. Wie die Konkretheit der zuvor gegebenen Beispiele (Lk 11, 11-12) nahelegt, geht mit der Gabe des Gottesgeistes durchaus auch die Gabe alles zum Leben Notwendigen einher. Die Präsenz des Heiligen Geistes, um den beharrlich zu bitten das Gleichnis einlädt, kann sich also auch in der Form täglichen Brotes, menschlicher Liebe oder glücklicher Fügung manifestieren.

Lukas führt auf diese Weise ein in die Schule des Gebetes. Er ermutigt die Glaubenden, sich an Gott, den Freund der Menschen zu wenden: zu jeder Zeit und immer wieder neu. Wie ein Kind den Vater bitten darf um das, was zum Leben fehlt, und wie der Notleidende das Recht hat, das Lebensnotwendige zu erbitten, so darf der Glaubende sein Vertrauen auf Gott richten, der die je größere Güte des himmlischen Vaters walten lässt und dessen Liebe unermesslich ist. So ist es die Qualität der von tiefem Vertrauen und zugleich zuversichtlicher Nachhaltigkeit geprägten Bitte selbst, auf die es Lukas hier ankommt, und weniger die Natur dessen, worum jemand Gott bitten könnte. Der Jakobusbrief wird diese Einladung Jesu zum Gebet später scharfsinnig auf den Punkt bringen: "Wenn aber einer von Euch nicht weiß, was er in einem bestimmten Fall tun muss, soll er Gott um Weisheit bitten. Gott wird sie ihm geben, denn er gibt gern und teilt allen großzügig aus. Er muss Gott aber in festem Vertrauen bitten und darf nicht zweifeln" (Jak 1, 5-6).

Vorschlag für eine Bibelarbeit

Bibel-Teilen in 7 Schritten

1. Einladen:

Wir werden uns bewusst, dass der Herr in unserer Mitte ist (vgl. Mt 18,20).
Dies soll in einem freien Gebet zum Ausdruck gebracht werden.

2. Lesen:

Wer möchte die Verse vorlesen? Sie vielleicht ein wenig erläutern und erhellen, dann noch einmal ruhig vorlesen.

3. Verweilen:

Wir suchen nun Verse oder Gedanken aus dem Text heraus und sprechen sie laut und betrachtend aus. Dazwischen wird jeweils eine Zeit der Stille gehalten. Danach wird der Text noch einmal im Zusammenhang gelesen.

4. Schweigen:

Wir werden still und lassen in der Stille Gott zu uns sprechen.

5. Austauschen:

Wir tauschen uns darüber aus, was uns angesprochen und berührt hat. Was klingt nach? Was kann mein Denken und Handeln bestimmen?

6. Beten:

Alle sind eingeladen eine Bitte oder einen Dank an Gott zu richten.

7. Lobpreisen:

Wir beten gemeinsam, in großer Ruhe das Vater-unser.

Literatur:

  • W. Wiefel, Das Evangelium nach Lukas (ThHK 3), Berlin 1987, 213-218 
  • F. Bovon, Das Evangelium nach Lukas (EKK III/2), Neukirchen-Vluyn 2 2008, 144-162

Dr. Robert Vorholt, Dülmen, Januar 2009
Katholisches Bibelwerk im Bistum Münster (www.bibelwerk.de)
in Kooperation mit
kirchensite - online mit dem Bistum Münster
(www.kirchensite.de)
Foto: Michael Bönte

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