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24.05.2017
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Aus dem kirchensite.de-Archiv
"Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt"

Bibelarbeit im August

"Sprich nur ein Wort"

Der Hauptmann von Kafarnaum (Lk 7; Mt 8; Joh 4)

1. "Herr, ich bin nicht würdig …" – Bekanntes aus dem Gottesdienst neu angefragt

Kaum ist in der sonntäglichen Eucharistiefeier der Agnus-Dei-Gesang verklungen, der die Brechung des Brotes begleitet, präsentiert der Priester die gebrochene Hostie der Gemeinde mit den Worten, die das Johannesevangelium dem Täufer in den Mund legt, als das "Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt" (vgl. Joh 1,29.36). Die antwortende Reaktion der Gemeinde lautet: "Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund." Dabei wird zumeist gekniet, verbreitet ist auch das dreimalige Klopfen an die Brust.

Dieser kleine Ritus, der sich in jeder Eucharistiefeier wiederholt, beinhaltet einen Passus, der bei genauerem Hinsehen gar nicht so selbstverständlich bzw. aus sich selbst heraus verständlich ist, wie vielleicht auf den ersten Blick vermutet. Gemeint ist das: "Herr, ich bin nicht würdig …" Im Gotteslob ist es als Nr. 365,1 unter der Überschrift "Einladung zur Kommunion" zu finden und auch im Evangelischen Gesangbuch ist der kurze Ruf abgedruckt (vgl. z. B. EG. Ausgabe für Bayern und Thüringen, S. 1140 Nr. 677,2). Die katholischen deutschen Bischöfe führen erläuternd dazu aus: "Der Priester zeigt den Gläubigen das eucharistische Brot, das sie in der Kommunion empfangen, und lädt sie zum Mahl des Herrn ein. Gemeinsam mit ihnen bringt er mit Worten des Evangeliums die Gesinnung der Demut zum Ausdruck." (Die Meßfeier – Dokumentensammlung. Auswahl für die Praxis (Arbeitshilfen 77), hrsg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn 71998, S. 30, Nr. 56 g von Teil I. Allgemeine Einführung in das Römische Meßbuch)

Eine Gesinnung der Demut soll zum Ausdruck gebracht werden. Doch ist dies an dieser Stelle des Gottesdienstes eigentlich stimmig? Immerhin bereitet der eingangs erfolgende Bußakt mit allgemeinem Schuldbekenntnis und Vergebungsformel bereits auf den Empfang der Kommunion vor, von der "reinigenden" bzw. "heiligenden" Wirkung des aufmerksamen Hörens auf das Wort Gottes im Wortgottesdienstteil ganz zu schweigen. Sind die Gläubigen somit im sich anschließenden Eucharistieteil immer noch nicht würdig für das Geschehen der Kommunion?

Und was bedeutet das, was die Gottesdienstgemeinde wie aus einem Munde spricht, genau? Was meint das "Eingehen unter das eigene Dach"? Jesus als potenzieller Gast, dessen ich nicht würdig bin, bei mir zu Hause? Oder ist – im wahrsten Sinne des Wortes näher liegend – mit "mein Dach" der eigene Kopf als Haupt des Leibes gemeint? Dann würde ich mich selbst kurz vor der Kommunion als des Kommunionempfangs eigentlich unwürdig klassifizieren – eine Haltung, die durchaus demütig und bescheiden genannt werden kann, jedoch in einem deutlichen Gegensatz steht zum anschließenden Empfang der Kommunion, der ja grundsätzlich wünschens- und empfehlenswert ist. Und weiter gefragt: Ist es ein bestimmtes Wort, das Jesus sprechen soll, und wo und wie kommt dies im Rahmen des weiteren Gottesdienstes vor? Inwiefern wird dadurch die eigene Seele gesund? Und wie verhält sich dies alles schlussendlich zum Kommunionempfang?

Fragen über Fragen angesichts eines in der Liturgie gebräuchlichen Textes. Vielleicht kommen wir möglichen Antworten näher, wenn wir uns zu den traditionsgeschichtlichen Wurzeln des aus der Gottesdienstfeier bekannten Textstückes vorarbeiten. Woher kommt dieser Text überhaupt? Hier geben uns die deutschen Bischöfe einen wertvollen Hinweis (vgl. oben): "mit Worten des Evangeliums". Und tatsächlich: Das "Herr, ich bin nicht würdig …" findet sich – nicht ganz, aber fast wörtlich – im Neuen Testament und zwar in einer Geschichte, die oft mit dem Titel "Der Hauptmann von Kafarnaum" überschrieben wird. Sie wird in etwas unterschiedlichen Versionen im Matthäusevangelium (Mt 8,5–13) und im Lukasevangelium (Lk 7,1–10) überliefert, auch das Johannesevangelium kennt eine vergleichbare Erzählung (Joh 4,46–54), allerdings gerade ohne die hier bislang in den Mittelpunkt gerückten Worte. In der vorliegenden Bibelarbeit wollen wir uns deshalb auf die matthäische und die lukanische Fassung konzentrieren und diese beiden Bibeltexte gründlich unter die Lupe nehmen und bearbeiten. Abschließend sind die vorstehenden Fragen erneut aufzugreifen – vielleicht trägt die Bibelarbeit ja auch liturgisch brauchbare Früchte.

2. "Der Hauptmann von Kafarnaum" – Die einzige Wundererzählung der Logienquelle Q

2.1 Wo kommt der Hauptmann her? – Zu den traditionsgeschichtlichen Ursprüngen der Erzählung

Die Erzählung vom "Hauptmann von Kafarnaum" findet sich in einer sehr ähnlichen Fassung im Matthäusevangelium und im Lukasevangelium, die johanneische Version weicht deutlicher davon ab. Das Markusevangelium kennt die Geschichte nicht. Soweit der statistische Befund. Stellt sich die Frage nach möglichen traditionsgeschichtlichen Zusammenhängen: Hat einer der beiden Evangelisten Matthäus/Lukas vom anderen abgeschrieben? Oder greifen beide auf eine ihnen gemeinsame Quelle zurück?

Wenn Sie sich einmal die Mühe machen, alle vier Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes parallel nebeneinander zu lesen, so wird Ihnen – vielleicht – dreierlei auffallen:

  1. Das Johannesevangelium unterscheidet sich deutlich von den anderen dreien (u. a. Aufbau/Komposition, Sprache, Christologie), wohingegen Matthäus, Markus und Lukas auffällige Gemeinsamkeiten zeigen, teils bis hin zu wörtlichen Übereinstimmungen. Diese Beobachtung hat bereits früh dazu geführt, Matthäus, Markus und Lukas als synoptische Evangelien (Synopse = Zusammenschau) in Absetzung von Johannes zu bezeichnen und eine literarische Abhängigkeit zwischen den ersten drei Evangelien anzunehmen. Hierbei hat sich im Laufe der Forschungsgeschichte der weitgehende Konsens herausgebildet, dass Markus das älteste Evangelium ist (sog. Markus-Priorität) und von Matthäus und Lukas als Quelle verwendet wurde.
  2. Bei genauer Betrachtung fällt außerdem ins Auge, dass Matthäus und Lukas weitere bedeutsame Schnittmengen aufweisen, ohne dass dieser Stoff im Markusevangelium auftaucht. Es drängt sich somit der Eindruck auf, dass Matthäus und Lukas entweder voneinander abgeschrieben oder neben Markus eine weitere gemeinsame Quelle verwendet haben, die allerdings leider nicht mehr erhalten ist. Letzteres wird in der Zwei-Quellen-Theorie vermutet. Die zweite Quelle lässt sich nur aus Matthäus und Lukas (und im Kontrast zu Markus) durch synoptische Vergleiche entsprechend rekonstruieren, und da sich hier überwiegend Worte Jesu, im Griechischen: logoi (Logien), überliefert finden, ist diese Quelle kurzerhand "Logienquelle" genannt worden, abgekürzt: Q (für Quelle). Für die synoptische Frage wäre somit die Zwei-Quellen-Theorie als mögliches Lösungsangebot gefunden.
  3. Zu guter Letzt der Vollständigkeit halber: Neben dem, was Matthäus und Lukas aus Markus oder der Logienquelle Q haben, begegnen weitere Stoffe, die nur bei Matthäus oder nur bei Lukas vorkommen. Hier haben wir es mit dem jeweiligen Sondergut zu tun

Wenn sich der "Hauptmann von Kafarnaum" also bei Matthäus und Lukas, nicht aber bei Markus findet, liegt hier eine Überlieferung aus der Logienquelle Q vor. Und eine ganz besondere noch dazu: Dies ist offensichtlich die einzige Wundererzählung, die in der Logienquelle tradiert worden ist.

2.2 Die übereinstimmenden Grundelemente der Erzählung – paraphrasiert, nicht rekonstruiert

Da es sich beim "Hauptmann von Kafarnaum" um eine Q-Überlieferung handelt, wird diese Bibelarbeit stark vom methodischen Vorgehen des synoptischen Vergleichs geprägt sein, da sich hierdurch interessante Beobachtungen machen lassen. Als Ausgangsbasis ist es hilfreich, sich zunächst einen Überblick über die bei Matthäus und Lukas gemeinsamen Grundelemente der Erzählung zu verschaffen, denn vor diesem Hintergrund sind die jeweiligen Besonderheiten unserer beiden Evangelisten gut zu erkennen. Wichtig: Im Folgenden wird keine Rekonstruktion der Q-Fassung geboten (vgl. hierzu unten 6.3), sondern schlicht und ergreifend eine Paraphrase der hinter den beiden Versionen zu erkennenden Grundgeschichte gegeben. Es soll quasi der "kleinste gemeinsame Nenner" resümiert werden.

Als Hauptprotagonisten lassen sich besagter Hauptmann (= Centurio: steht einer Abteilung von hundert Soldaten vor) sowie Jesus ausmachen, daneben tritt einmal die Jesus folgende Volksmenge als Statist in Erscheinung. Außerdem wäre da noch ein Hausangehöriger des Hauptmanns, dessen Rolle darin besteht, krank zu sein. Die Erzählung spielt in Kafarnaum. Folgendes Erzählgerüst findet sich: Des Hauptmanns Hausangehöriger liegt krank danieder, woraufhin der Hauptmann mit Jesus in Kontakt tritt. Ziel der Aktion: die Heilung des Kranken. Doch betritt Jesus das Haus des Hauptmanns nicht, stattdessen werden folgende Worte des Hauptmanns überliefert:

"Herr, nicht bin ich wert, dass unter mein Dach du hineinkommst, aber sprich (nur) mit einem Wort, und geheilt werden wird/soll mein Sklave/Knecht/Sohn. Denn auch ich bin ein Mensch unter Vollmacht (gestellt), habend unter mir Soldaten, und sage ich diesem: Geh! Und er geht, und einem anderen: Komm! Und er kommt, und meinem Sklaven: Tue dies! Und er tut (es)." (vgl. Mt 8,8f. und Lk 7,6–8)

Der sich in diesen Worten aussprechende Glaube beeindruckt Jesus, so überliefern es Matthäus und Lukas, was Jesus auch öffentlichkeitswirksam den ihm nachfolgenden Personen gegenüber kundtut: "Auch nicht/bei keinem in Israel fand ich so großen Glauben." (vgl. Mt 8,10 und Lk 7,9) Schlussendlich gibt es ein Happy End für den Hausangehörigen des Hauptmanns: Er wird geheilt – quasi aus der Ferne. So weit zum Grobgerüst der Erzählung.

2.3 Ein Wunder! – Kurze gattungsmäßige Betrachtung der Erzählung

Bei der Erzählung vom "Hauptmann von Kafarnaum" handelt es sich um eine Wundergeschichte, und zwar nach der gattungsmäßigen Unterdifferenzierung G. Theißens um ein Heilungswunder, eine Therapie (= Übertragung wunderhafter Energie). Auffällig ist zum einen, dass keinerlei direkter Kontakt, ja nicht einmal Sichtkontakt, zwischen Jesus als Heiler und der kranken, zu heilenden Person besteht, und dass es zum anderen – im Gegensatz zu vielen anderen Heilungsgeschichten – nicht auf den Glauben des Zuheilenden selbst ankommt, sondern auf den Glauben einer dritten Person (Hauptmann). Diese beiden Besonderheiten finden sich in dieser Form und Kombination nur bei einem weiteren Heilungswunder Jesu: Die Tochter der Syrophönizierin (Markus) bzw. Kanaanäerin (Matthäus) wird ebenfalls in Abwesenheit gesund (vgl. Mk 7,24–30; Mt 15,21–28) – man kann von einer Fernheilung durch das Wort sprechen (Heilungen allein durch das Wort Jesu ohne begleitende Berührungen oder sonstige Aktionen werden mehrere überliefert). Hier ist es der Glaube der Mutter, deren (stellvertretender) Glaube die Grundlage für den Heilungserfolg darstellt (das Motiv des stellvertretenden Glaubens alleine begegnet noch bei der Heilung eines Gelähmten in Mk 2,1–12; Mt 9,1–8; Lk 5,17–26).

Unter funktionalen Gesichtspunkten können Heilungswunder mit G. Theißen als symbolische Handlungen mit sozialen, religionsgeschichtlichen und existenziellen Funktionen klassifiziert werden: Sie verheißen Rettung, Heil und Erlösung. In Wundergeschichten offenbart sich das Heilige und das normale Weltgeschehen wird durchbrochen. Wundererzählungen sind mutmachende und hoffnungsstiftende Geschichten von Gottes Kraft, die heilschaffend in unserer Welt (konkret) spürbar wird.

3. "Der Hauptmann von Kafarnaum" nach Matthäus – Ein weiterer Heide auf dem Vormarsch?

Kommen wir nun zum "Hauptmann von Kafarnaum" in der matthäischen Version. Einleitend kurz ein Wort zur Einordnung in den Kontext des Gesamtevangeliums: Das Matthäusevangelium kennt fünf große Reden Jesu (= vom Evangelisten bewusst komponierte Textkomplexe, die jeweils mit einer identischen Formel abgeschlossen werden, vgl. Mt 7,28; 11,1; 13,53; 19,1; 26,1), deren erste und bedeutendste die Bergpredigt (Mt 5–7) darstellt. An die Bergpredigt schließt sich bei Matthäus ein Wunderzyklus an (Mt 8f.): Jesus wird somit als "Messias des Wortes" und als "Messias der Tat" präsentiert. Die Zusammengehörigkeit von Bergpredigt und Wunderzyklus wird kompositionell dadurch deutlich, dass die Kapitel 5–9 von zwei fast wörtlich identischen summarischen Notizen gerahmt werden: Mt 4,23 und Mt 9,35.

Die Erzählung vom "Hauptmann von Kafarnaum" findet sich – passend für ein Heilungswunder – im matthäischen Wunderzyklus in Mt 8,5–13 und zwar als Wunder Nr. 2 von insgesamt zehn Wundergeschichten. (Anm.: Die Zählung ist nicht unumstritten, aber es gibt gute Gründe, von einer gewollten Zehnerkomposition auszugehen. Nicht nur, dass die jüdische Tradition zehn Schöpfungsworte kennt (vgl. Gen 1,1–2,4a: zehnmal "Und Gott sprach"), auch auf die Zehn Gebote vom Berg Sinai ist hinzuweisen. Außerdem sei eine jüdische Überlieferung zitiert, die von zweimal zehn Wundern im Zusammenhang mit dem Auszug aus Ägypten (zehn Plagewunder in Ägypten, vgl. Ex 7–11; Durchzug durchs Schilfmeer) spricht: "Zehn Wunder geschahen unseren Vätern in Ägypten und zehn am Meere." (Pirque Aboth V, 4f.).)

3.1 Synoptische Enthüllungen I: Die matthäische Erzählung in ihren Besonderheiten

Mt 8,5–13 (Übersetzung nach dem Münchener Neuen Testament)

5 Als er (Jesus) aber hineinkam nach Kafarnaum,
kam zu ihm ein Hauptmann, bittend ihn 6 und sagend:
Herr, mein Knecht/Sohn liegt im Haus gelähmt, arg gequält.
7 Und er sagt ihm:
Ich werde kommend ihn heilen
(oder als Frage: Soll ich etwa kommend ihn heilen?)
8 Und antwortend sagte der Hauptmann:
Herr, nicht bin ich wert, dass unter mein Dach du hineinkommst,
aber sprich nur mit einem Wort, und geheilt werden wird mein Knecht/Sohn.
9 Denn auch ich bin ein Mensch unter Vollmacht,
habend unter mir Soldaten,
und sage ich diesem: Geh!
Und er geht,
und einem andern: Komm!
Und er kommt,
und meinem Sklaven: Tue dies!
Und er tut (es).
10 (Es) hörend aber, staunte Jesus und sprach zu den (ihm) Folgenden:
Amen, ich sage euch: Bei keinem fand ich so großen Glauben in Israel.
11 Ich sage euch aber: Viele werden von Osten und Westen kommen und sich (zu Tisch) legen mit Abraham und Isaak und Jakob im Königtum der Himmel,
12 die Söhne aber des Königtums werden hinausgeworfen werden in die Finsternis draußen;
dort wird sein das Weinen und das Klappern der Zähne.
13 Und (es) sprach Jesus zum Hauptmann:
Geh fort! Wie du glaubtest, soll dir geschehen.
Und geheilt wurde (sein) Knecht/Sohn in jener Stunde.

Nach der Heilung eines Aussätzigen (Mt 8,1–4) kommt Jesus nach Kafarnaum, doch ist ihm keine Ruhepause vergönnt: Unmittelbar bei seinem Hineinkommen in die Stadt wird er in Gestalt des Hauptmanns von einem Heiden angesprochen. Der Kontakt zwischen dem Hauptmann und Jesus erfolgt somit direkt, face-to-face. Der Hauptmann schnappt sich Jesus sofort, als dieser die Stadt betritt – fast möchte man meinen, er habe Jesus aufgelauert – und schildert in einem ersten Kommunikationsakt (1) sein Problem: Ein Angehöriger seines Hauses ist ernsthaft krank, nämlich gelähmt – von einer Todesgefahr kann allerdings keine Rede sein. Die pragmatische Zielrichtung der Aktion (1) ist deutlich: Der Gesundheitszustand des Hausangehörigen soll sich durch ein potenzielles Wirken Jesu positiv verändern!

Bezüglich der Frage, wer im Haus des Hauptmanns krank ist, haben wir mit einer begrifflichen Mehrdeutigkeit zu kämpfen: Matthäus verwendet den griechischen Begriff pais, was sowohl Knecht als auch Kind/Sohn bedeuten kann. Das matthäische pais (= Junge, Bursche) steht gewissermaßen zwischen den – in unterschiedliche Richtungen – eindeutigen Fassungen von Lukas und Johannes: Lukas verwendet dreimal doulos (= Sklave; vgl. Lk 7,2f.10), Johannes spricht mehrfach vom huios (= Sohn; vgl. Joh 4,46f.50.53; vgl. Joh 4,53: pater = Vater). Die matthäische Version ist und bleibt mehrdeutig, es scheint aber tendenziell eine engere (verwandtschaftliche) Beziehung zwischen Hauptmann und pais impliziert zu sein – evtl. ist eben an Vater und Sohn zu denken (vor diesem Hintergrund wird im Folgenden nur noch von Sohn gesprochen). Dies würde auch erklären, dass keinerlei weitere Begründung für das Engagement des Hauptmanns angegeben wird, da die verwandtschaftliche Beziehung Motivation genug ist (anders bei Lk, s. u. 4.3).

Jesus wird angesprochen und er reagiert darauf, ebenfalls verbal. Der zweite Kommunikationsakt (2) kann entweder als Aussagesatz oder als Frage aufgefasst werden (Mt 8,7). In ersterem Fall würde Jesus positiv seine Bereitschaft bekunden, das implizit geäußerte Anliegen des Hauptmanns durch einen Hausbesuch zu erfüllen, in letzterem Fall wäre eher von einer kritisch-skeptischen Rückfrage Jesu auszugehen nach dem Motto: "Ist dir eigentlich klar, was du da von mir verlangst?! Was willst du von mir?!" Dann würde Jesus dem Ansinnen des Hauptmanns eher ablehnend begegnen. Beide Verständnismöglichkeiten sind denkbar, doch spricht in meinen Augen mehr für die zweite Version: Vor diesem Hintergrund macht die sich anschließende Antwort des Hauptmanns mehr Sinn (diese Deutung wird durch den Vergleich mit Mt 15,21–28 gestützt, vgl. 3.3).

Jesus scheint sich folglich dem heidnischen Hauptmann gegenüber als orthodoxer, toratreuer Jude zu präsentieren, für den es sich nicht ziemt bzw. nicht ganz so einfach und selbstverständlich ist, ein heidnisches Haus zu betreten. Zwar gibt es keine Toravorschrift, die dies explizit verbieten würde, doch ist für fromme Juden aus Reinheitsgründen ein grundsätzlicher Sicherheitsabstand gegenüber Heiden nicht verkehrt (vgl. Apg 10,28; 11,3). Vor diesem Hintergrund ist denn auch die Antwort (3) des Hauptmanns in V. 8f. zu verstehen: Der Hauptmann anerkennt quasi seine eigene Unwürdigkeit als Heide sowie die Vorbehalte Jesu einem Hausbesuch gegenüber, doch trotzdem gibt er sich nicht geschlagen: Er traut Jesus eine Fernheilung durch ein bloßes Wort zu (wichtig: Jesus betritt das heidnische Haus in der Folge nicht!) – womit sowohl seinem Sohn geholfen als auch einer streng-radikalen Auslegung jüdischer Reinheitsvorstellungen im Umgang mit Heiden Genüge getan wäre. Der Hauptmann ist sich somit seiner eigenen Position als Heide = Nicht-Jude bewusst; etwas theologisch aufgeladen könnte man formulieren: Er akzeptiert seinen eigenen, den Juden gegenüber sekundären heilsgeschichtlichen Status. Nichtsdestotrotz möchte er – in demütiger Haltung – am durch Jesus gebrachten Heil partizipieren bzw. er bittet um Rettung und Heil für seinen Sohn. Er glaubt an Jesus und traut ihm eine Fernheilung durch ein einziges Wort zu.

Dieser Glaube des Hauptmanns beeindruckt Jesus sehr, was er den nachfolgenden Volksmassen gegenüber – hierbei handelt es sich vermutlich um Juden! – dezidiert kundtut (4) (Mt 8,10). In Israel sucht man einen derartig starken Glauben lange und vergeblich, wobei "in Israel" an dieser Stelle personal im Sinne von "bei Israeliten/Juden" und nicht lokal zu verstehen ist (Kafarnaum als Ort des Geschehens liegt ja im jüdischen Territorium). Und anschließend folgt in V. 11f. das nur bei Mt im Kontext der Erzählung vom "Hauptmann von Kafarnaum" überlieferte Logion (= Wort; dieses Logion steht bei Lukas in umgekehrter Reihenfolge an anderer Stelle: Lk 13,28f.) von denen, die von Osten und Westen zum (endzeitlichen) Mahl im Reich Gottes – mit den klassischen Ahnvätern der jüdischen Tradition, mit Abraham, Isaak und Jakob – zusammenkommen werden; hiermit scheinen im vorliegenden Kontext Heiden gemeint zu sein, da Jesus dieses Wort in der Erzählung ja gerade angesichts des beispielhaften bzw. – verglichen mit Israel – beispiellosen Glaubens eines Heiden spricht! Dass damit eine Terminologie, die sich alttestamentlicher Tradition gemäß normalerweise auf die Sammlung der Kinder des Volkes Israel aus der Zerstreuung des Exils bezieht (vgl. z. B. Jes 43,5; Sach 8,7; Ps 107,3; Bar 4,37; 5,5), quasi sachfremd und entgegen der alttestamentlichen Vorlagen mit Blick auf die Einbeziehung von Heiden in die Heilsgemeinschaft verwendet wird, sei ausdrücklich angemerkt. Hier scheinen zwei Vorstellungskomplexe in unorthodoxer und kreativer Art und Weise miteinander verbunden worden zu sein: die endzeitliche Sammlung/Heimführung (eigentlich der in alle Himmelsrichtungen verstreuten Israeliten) und die Vorstellung von der endzeitlichen (Heiden-)Völkerwallfahrt zum Zion bzw. vom endzeitlichen Freudenmahl für alle Völker (vgl. z. B. Jes 2,2–4; 25,6–9; Sach 14,16).

Gleichzeitig werden die "Söhne des Königtums" nicht viel zu feiern haben: Sie werden hinausgeworfen – und dort herrschen Finsternis, Heulen und Zähneknirschen. Bleibt die schwierige Frage zu klären, wer mit den "Söhnen des Königtums" genau gemeint ist. Grundsätzlich scheinen damit Juden im Unterschied zu Heiden angesprochen zu sein, doch dürfte Mt keine vollständige und absolute Substitution – nur noch Heiden anstelle der Juden erlangen das Heil – vor Augen zu haben. Zwar kann Mt 8,11f. in diese Richtung verstanden werden, doch deutet sich beim Blick auf das Gesamtevangelium eine anders akzentuierte Linie an (vgl. unten 3.4): Sowohl das Einbezogenwerden von Heiden (vgl. Hauptmann als Exemplum!) als auch das Hinausgeworfenwerden von Juden ist von bestimmten Bedingungen/Kriterien abhängig. Nichtsdestotrotz findet in Mt 8,11f. so etwas wie ein Austausch bzw. eine unübliche Durchmischung der Fest(mahl)gemeinde statt: Heiden, die klassischerweise ausgeschlossen sind, partizipieren am Heil und kommen mit dazu, wohingegen Juden (vermutlich ist primär an den Teil des jüdischen Volkes zu denken, der Jesus als Messias ablehnt – und der sich seines eigenen Heilsstatus’ zu gewiss ist; vgl. auch die entsprechende Warnung des Täufers in Mt 3,7–9: auf die "Früchte" kommt es an, die Berufung auf die Abrahamsabstammung nützt nichts), die klassischerweise das Volk Gottes bilden, nicht automatisch einen Platz im Festsaal sicher haben.

Schlussendlich spricht Jesus dem Hauptmann die Erfüllung seiner mit derartig großem Glauben vorgetragenen Bitte zu (5) und die erfolgte punktgenaue Heilung wird festgehalten (Mt 8,13).

3.2 "Söhne des Königtums" nominell und faktisch und die Frage nach den Einlassbedingungen – Der Textpragmatik der Erzählung auf der Spur

Stellt sich die Frage: Was will uns Matthäus mit dieser Geschichte in der konkreten bei ihm vorliegenden Form sagen? Welche pragmatische Dimension der Erzählung lässt sich erkennen?

Es scheint, als möchte Matthäus mit der Erzählung vom "Hauptmann von Kafarnaum" eine Aussage im teils spannungsvollen Mit- bzw. Gegeneinander von Juden (Judenchristen) und Heiden (Heidenchristen) besonders mit Blick auf die Zugehörigkeit zur Heilsgemeinschaft machen. Darauf weist das Logion Mt 8,11f. deutlich hin. Für Matthäus repräsentiert der Hauptmann einen Heiden, und zwar einen vorbildlichen Heiden, der alles richtig macht mit Blick auf eine Partizipation am Heil, das grundsätzlich und zuerst den Juden zusteht. Diese sind schließlich – nominell! – die "Söhne des Königtums". Daran ist nicht zu rütteln. Dieser Ehrentitel scheint nach Matthäus exklusiv für die Juden reserviert zu sein, kein Heide kann ihn für sich in Anspruch nehmen. Wenn ein Heide allerdings diesen heilsgeschichtlichen Vorrang des jüdischen Volkes und damit die grundlegende eigene Unwürdigkeit anerkennt und einen starken Glauben (an Jesus!) an den Tag legt, dann – und jetzt wird es paradox – kann er Anteil am Heil bekommen und in der Folge faktisch zu einem "Sohn des Königtums" werden, auch wenn er den Titel nicht führen kann. Die Juden umgekehrt, die vom Titel her "Söhne des Königtums" sind und bleiben, können ihren Platz beim Festmahl verlieren, mit Mt gesprochen: Sie können hinausgeworfen werden in die äußerste Finsternis. In der Folge heißen sie zwar nominell "Söhne des Königtums", sind es aber de facto u. U. nicht (mehr), wohingegen Heiden de facto "Söhne des Königtums" werden können, auch wenn sie nicht so heißen. So die auf den ersten Blick vielleicht etwas verwirrende Logik und Grundaussage von Mt 8,11f.

Und wie es richtig geht, führt uns der Hauptmann vorbildlich vor Augen. Er zeichnet sich nämlich durch zweierlei aus: einen starken, beeindruckenden und unbedingten Glauben (an Jesus) einerseits und die bereits erwähnte Anerkennung der eigenen Position, des eigenen Status bzw. besser gesagt Nicht-Status andererseits. Dies ist die Basis, auf der seinem Haus Heil bzw. Heilung zuteil wird. Erwähnt sei an dieser Stelle auch, dass er ja nicht für sich selbst bittet, sondern stellvertretend für seinen Sohn, also gewissermaßen für seine eigene Zukunft.

3.3 Vater und Sohn, Mutter und Tochter – oder: Was Hauptmann und Kanaanäerin gemeinsam ist

Die vorstehende Auslegung bzgl. der Textpragmatik kann argumentativ untermauert werden, wenn wir einen Blick ins 15. Kap. des Matthäusevangelium werfen. Hier findet sich die Erzählung von der Kanaanäerin (vgl. Mt 15,21–28; Quelle: Markusstoff, vgl. Mk 7,24–30; bei Lukas – bewusst?! – nicht überliefert) und es fallen einige frappierende Ähnlichkeiten zum Hauptmann unmittelbar ins Auge.

Auch hier wendet sich eine heidnische Person mit einer Heilungsbitte mit Blick auf eine dritte, nicht anwesende Person direkt und face-to-face an Jesus, diesmal bittet eine Frau für ihre kranke Tochter (Mt 15,22 – analog: Hauptmann bzgl. Sohn, vgl. Mt 8,5f.). Dies bringt zunächst so ganz und gar keinen Erfolg, Jesus reagiert nämlich erst einmal überhaupt nicht. Erst auf eine Intervention seiner Jünger hin, die das nervende Geschrei und Gezeter der Frau fürchten, lässt sich Jesus zu einer Stellungnahme bewegen, die allerdings für die bittende Frau nichts Hoffnungsvolles verheißt: Er sieht seine Sendung exklusiv auf die "verlorenen Schafe des Hauses Israel" beschränkt, Heiden haben da keinen Platz, also quasi Pech gehabt.

Doch lässt sich die Frau nicht entmutigen, ganz im Gegenteil: Sie wirft sich Jesus zu Füßen und spricht ihn (insgesamt zweimal) mit "Herr" (im Griechischen: Kyrie!) an (Mt 15,25.27 – vgl. Mt 8,6.8). Jetzt reagiert Jesus auf ihre Hilfsbitte (Mt 15,25 – vgl. Mt 8,6), allerdings eindeutig abweisend-ablehnend (Mt 25,26 – vgl. Mt 8,7, als Frage verstanden). Er verweist die Frau als Heidin in die heilsgeschichtlich zweite Reihe bzw. im verwendeten Bild gesprochen: unter den Tisch, auf den Hundeplatz. Doch statt sich über die Gleichsetzung mit den "Hündchen" zu echauffieren oder gar zu widersprechen, akzeptiert die Frau diesen Platz ausdrücklich (vgl. Mt 15,27: "Ja, Herr" – vgl. Mt 8,8), ohne aber ihr Anliegen aufzugeben: Durch geschickte Argumentation bewegt sie Jesus vielmehr dazu, ihrer Bitte doch noch zu entsprechen (Mt 15,27 – vgl. Mt 8,8f.). Dabei kommt der Anerkennung der eigenen Zweitrangigkeit bzw. Unwürdigkeit im Verhältnis zu den Kindern Israels die Schlüsselstellung zu. Schlussendlich betont Jesus die Größe ihres Glaubens (Mt 15,28 – vgl. Mt 8,10), spricht ihr die Erfüllung ihrer Bitte zu und der umgehende Heilungserfolg – per Fernheilung – wird konstatiert (Mt 15,28 – vgl. Mt 8,13).

Bibelarbeit
"Herr, nicht bin ich wert, dass unter mein Dach du hineinkommst."

Beide Erzählungen, die vom Hauptmann und die von der Kanaanäerin, weisen somit zum einen eine höchst ähnliche dramatische Struktur auf, der gegenüber Mt 8,5–13 überschüssige Vorspann in Mt 15,21–24 ist von Mt in den Markusstoff eingetragen worden und könnte sich Mt 10,5f. verdanken: In der sog. Aussendungsrede untersagt Jesus seinen Jüngern dezidiert, zu den Heiden zu gehen, und schickt sie stattdessen ausdrücklich zu den "verlorenen Schafen des Hauses Israel". Dieses in Mt 10,5f. von Jesus selbst aufgestellte Missionsprinzip wird somit in Mt 15,21–28 dahingehend berücksichtigt, dass Jesus die bittende Frau zunächst völlig ignoriert und sich erst nach der Intervention der Jünger zu einer verbal-diskursiven Auseinandersetzung mit der Frau einlässt (streng genommen ist auch dies inkonsequent!). Zum anderen geht es in beiden Erzählungen textpragmatisch gedacht um eine mögliche Partizipation von Heiden am Heil, das grundsätzlich den Juden zukommt. Die für das Happy End entscheidende Basis ist jeweils zweiteilig: starker Glaube und die Anerkennung der eigenen Unwürdigkeit. In diesem Punkt werden uns Hauptmann und Kanaanäerin von Mt als vergleichbare Vorbilder präsentiert.

3.4 Die entdeckte Spur weiterverfolgt – Ein roter Faden im gesamten Matthäusevangelium?

Der Hauptmann von Kafarnaum sowie die kanaanäische Frau scheinen von Matthäus somit bewusst in Szene gesetzt zu sein, um Heiden nachahmungswürdige Vorbilder vor Augen zu stellen, wie man/frau sich als Heide/Heidin zu verhalten habe, um trotz des Defizits, kein Jude/keine Jüdin zu sein, Anteil am Heil erhalten zu können. Diesbezüglich spricht der direkte Vergleich der beiden Erzählungen eine deutliche Sprache. Hier werden gewissermaßen narrativ Einlassbedingungen entfaltet – der Hauptmann und die Kanaanäerin dürften den Türsteher ins Königtum Gottes erfolgreich passieren. Matthäus ringt ganz offensichtlich mit der Frage, wie das mit der Verhältnisbestimmung von Juden und Heiden mit Blick auf die Heilsgemeinschaft so ist, wer unter welchen Bedingungen wie am Heil partizipieren kann, und in den Personen von Hauptmann und Kanaanäerin deutet er einen für ihn gangbaren möglichen Lösungsweg an. Diese entdeckte Spur kann an weiteren Stellen im Matthäusevangelium ausgemacht werden. Dabei ist wichtig, dass mit Blick auf die endzeitliche Festgemeinschaft bei Matthäus nicht einfach Juden gegen Heiden ausgetauscht werden. Vielmehr ist sowohl der Eintritt als auch der (drohende) Hinauswurf an ein bestimmtes Verhalten gebunden.

Gleich ganz am Anfang des Matthäusevangelium fällt ins Auge, dass der Stammbaum Jesu nicht mit Adam beginnt (so in Lk 3,23–38), sondern mit Abraham (Mt 1,1f.), wobei Abraham als Prototyp des aus den (heidnischen) Völkern berufenen Gläubigen zu verstehen ist. Hier steht somit ein Heide ganz an der Spitze, der durch die gläubige Annahme des Rufes und der Verheißung Gottes die Geschichte des Volkes Israel zuallererst begründet. Abraham glaubt und vertraut Gott – absolut, bedingungslos. Sodann ist bemerkenswert, dass der Stammbaum Jesu vier Frauen erwähnt: Tamar (Mt 1,3), Rahab (Mt 1,5), Rut (Mt 1,5), "die des Uria" = Batseba (Mt 1,6). Was diesen vier gemeinsam ist bzw. warum gerade diese vier von Matthäus im Stammbaum erwähnt werden, ist nach wie vor in der exegetischen Forschung strittig. Lange Zeit herrschte die These vor, der Status als Sünderinnen wäre das verbindende Element, doch scheint es auf einen anderen Aspekt anzukommen: Alle vier sind Heidinnen, gehören ursprünglich nicht zum Volk Israel, doch geht gerade über sie als unverzichtbare Glieder der Genealogie die Geschichte Gottes mit seinem Volk weiter. Somit spielen heidnische Personen von allem Anfang an eine wichtige Rolle in der jüdischen Volksgeschichte.

Und die ersten mit Freude erfüllten Huldigungsgäste beim neugeborenen "König der Juden" in der Futterkrippe von Betlehem sind nicht etwa jüdische Abgesandte aus Jerusalem, sondern Magier aus dem Osten, also ebenfalls Heiden (Mt 2,1–12). Sie sind dem Stern gefolgt, haben die lange, beschwerliche Reise auf sich genommen und begegnen Jesus in angemessener Art und Weise: huldigend und mit eines Königs würdigen Geschenken. Die jüdische Seite dagegen reagiert mit Verwirrung und Entsetzen (Mt 2,3), Herodes trachtet dem neugeborenen Kind sogar nach dem Leben (Mt 2,16–18). Matthäus baut in den Beginn seines Evangeliums somit deutliche Hinweise ein, dass Heiden nicht per se außen vor bleiben müssen und dass mit Blick auf die richtige Haltung zu Jesus sowohl Juden als auch Heiden richtig und falsch liegen können. Entscheidend ist somit nicht die Volkszugehörigkeit, ob man nominell ein "Sohn des Königtums" bzw. ein "Sohn Abrahams", also ein Jude, ist oder nicht, sondern wie man Jesus begegnet. Und auf ein weiteres Kriterium kommt es an: Welche "Früchte" gebracht werden (vgl. Mt 3,7–9), also welche Taten aus der Begegnung mit Jesus erwachsen.

Folgen wir dem weiteren Verlauf des Matthäusevangelium so begegnet uns als nächstes der Hauptmann von Kafarnaum (Mt 8,5–13), bevor Jesus seine Jünger in der Aussendungsrede auf eine exklusiv-jüdische Perspektive einschwört (Mt 10,5f.), welche allerdings bei der Kanaanäerin bereits wieder partiell unterlaufen wird (Mt 15,21–28).

Gegen Ende des Evangeliums kommt dieser rote Faden des Matthäus, nämlich das Ringen um die schrittweise Öffnung der Heilsgemeinschaft hin zu den Heiden, noch stärker zum Tragen. Beim Hauptmann von Kafarnaum ist schon zur Sprache gekommen, dass die Zusammensetzung der endzeitlichen Mahlgemeinschaft im Reiche Gottes nicht zwingend durch die Trennlinie Juden || Heiden festgelegt ist (Mt 8,11f.). Dies wird in zwei Gleichnissen weiter expliziert, wobei hier nun ausdrücklich genannt wird, worauf es jeweils ankommt: Was entscheidet somit über Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit? Gleichnis Nr. 1: Der Weinberg (= Reich Gottes) wird den unzuverlässigen und verbrecherischen Weinbauern weggenommen werden, da diese mörderisch agieren und keine Früchte abliefern (vgl. erneut Mt 3,8!). Des einen Leid, des anderen Freud: Der Weinberg wird an andere Personen übergeben werden und zwar an solche, die Früchte zur rechten Zeit bringen (Mt 21,33–43). Und beim königlichen Hochzeitsmahl (Gleichnis Nr. 2) werden Leute von der Straße zu Tische sitzen, da die ursprünglich Geladenen ja Besseres zu tun hatten – Pech gehabt! (Mt 22,1–10) Die ursprünglich Berufenen verpassen den rechten Augenblick, so dass sie sich quasi selbst von der Feier ausschließen – ihre Plätze werden von anderen eingenommen werden. Wenn sich jedoch im Festsaal jemand ohne "Festkleid" findet, dann droht ihm der Hinauswurf (vgl. Mt 22,11–14). Matthäus ist der Aspekt, dass bestimmte Einlassbedingungen für die Teilnahme am endzeitlichen Hochzeitsmahl erfüllt sein müssen, so wichtig, dass er sogar einen gewissen logischen Bruch in seinem Gleichnis in Kauf nimmt (eine von der Straße spontan eingeladene Person trägt für gewöhnlich kein Festgewand!). Wir sehen also: Die Zusammensetzung der Festgemeinde hängt nicht an der Volkszugehörigkeit, weder in die eine noch in die andere Richtung – es kommt auf etwas anderes an: "Früchte" zur rechten Zeit zu bringen, die Gerechtigkeit bzw. den Willen des Vaters in den Himmeln zu tun (vgl. u. a. Mt 5,20; 7,21).

Schlussendlich sendet der Auferstandene in Mt 28,19f. seine Jünger auf einem Berg in Galiläa aus, diesmal – anders als in Mt 10,5f. – explizit zu "allen Völkern". Nun lässt sich trefflich darüber streiten, ob bei "allen Völkern" das jüdische Volk eingeschlossen ist oder nicht (Mt 28,19f. scheint die ursprünglich exklusiv-jüdische Missionsperspektive von Mt 10,5f. auf alle Völker hin auszuweiten und nicht etwa ersetzend zu verstehen zu sein) – klar ist auf jeden Fall: Das Matthäusevangelium spricht sich am Ende ausdrücklich für die Öffnung zu den Heiden aus, womit ein roter Faden, der das gesamte Matthäusevangelium durchzieht, hier zum Abschluss gekommen wäre.

4. Ein Reicher, ein Gottesfürchtiger, ein Glaubender: der Hauptmann von Kafarnaum als Vorbild im Lukasevangelium

Lukas hat die Geschichte vom "Hauptmann von Kafarnaum" an exponierter Stelle in seine Jesusgeschichte eingebaut. Sie steht am Ende der programmatischen Rede Jesu, der Feldrede (Lk 6,17–19.20–49), wie die erste große Rede Jesu aufgrund der Verortung bei Lukas genannt wird (bei Matthäus: Bergpredigt). Für die Leser/innen des Evangeliums ist das eine spannende Schnittstelle. Nach der langen Rede Jesu nimmt die Geschichte wieder Fahrt auf, begegnet Jesus bisher unbekannten Menschen, kommt es zu neuen Taten, die im Licht eben jener Feldrede gehört und gelesen werden können. An erster Stelle steht die Erzählung vom Hauptmann von Kafarnaum, der um Heilung für seinen todkranken Sklaven bittet. Leser/innen, die die Bibel als Buch von vorne nach hinten lesen (oder eben Sie als Leser/in dieser Bibelarbeit), werden sich unmittelbar an die gleiche Geschichte bei Matthäus erinnern – und überrascht sein. Denn die lukanische Erzählung verläuft ganz anders als bei Matthäus oder in der beiden Evangelisten als Traditionsbasis dienenden Logienquelle Q (s. o.). Lukas hat seine Version der Erzählung sehr eigenwillig gestaltet, hat reichlich eigene Akzente in die Geschichte eingetragen. Nähern wir uns dieser lukanischen Perikope zunächst über den Versuch einer Gliederung des Textes.

4.1 Text und Gliederung

Lk 7,1–10 (Übersetzung nach dem Münchener Neuen Testament)

Einleitung (V. 1f.)
1 Nachdem er (Jesus) erfüllt hatte alle seine Worte in die Ohren des Volkes, hineinkam er nach Kafarnaum. 2 Eines Hauptmanns Sklave aber, dem es schlecht ging, war im Begriff zu sterben; der war ihm teuer.

Die erste Gesandtschaft: Juden (V. 3–5)
3 Hörend aber über Jesus, schickte er zu ihm Älteste der Judaier, bittend ihn, dass er, kommend, rette seinen Sklaven. 4 Die aber, herankommend zu Jesus, baten ihn eifrig, sagend: Würdig ist er, dass du ihm dies gewährst; 5 denn er liebt unser Volk, und die Synagoge baute selbst er uns.

Die Reaktion Jesu (V. 6a)
6a Jesus aber ging mit ihnen.

Die zweite Gesandtschaft: Freunde (V. 6b–8)
6b Als er aber schon nicht (mehr) weit entfernt war vom Haus, schickte der Hauptmann Freunde, sagend ihm: Herr, bemühe dich nicht, denn nicht bin ich wert, dass unter mein Dach du hineinkommst; 7 deshalb auch hielt ich mich nicht für würdig, zu dir zu kommen; aber sprich mit einem Wort, und geheilt werden soll mein Knecht. 8 Denn auch ich bin ein Mensch, unter Vollmacht gestellt, habend unter mir Soldaten, und sage ich diesem: Geh! Und er geht, und einem anderen: Komm! Und er kommt, und meinem Sklaven: Tue dies! Und er tut (es).

Die Reaktion Jesu (V. 9)
9 Hörend aber dieses, staunte Jesus über ihn, und sich umwendend sprach er zu der ihm folgenden Volksmenge: Ich sage euch: Auch nicht in Israel fand ich so großen Glauben.

Abschluss und Konstatierung des Wunders (V. 10)
10 Und zurückkehrend ins Haus, fanden die Geschickten den Sklaven gesundend.

Lukas hat die vorliegende Perikope planvoll komponiert. Im Zentrum der Geschichte erzählt er in zwei Durchgängen strukturell Ähnliches. Zweimal schickt der Hauptmann eine Gesandtschaft zu Jesus, die in seinem Auftrag, einmal sogar in der Form einer direkten Rede in der ersten Person Singular, mit Jesus in Kontakt tritt. In beiden Fällen reagiert Jesus auf diesen Auftritt. Im ersten Fall macht sich Jesus wortlos auf den Weg zum Haus des Hauptmanns. Im zweiten Fall hält er auf eben diesem Weg an und kommentiert knapp, aber nachdrücklich, die ihm übermittelte Botschaft des Hauptmanns. Zu einer persönlichen Begegnung zwischen beiden kommt es nie. Jesus geht nicht mit den Ausgesandten (V. 10) in das Haus des Hauptmanns, sondern gelangt in die Stadt Nain (V. 11), wo er sich einer Witwe und ihres toten Sohnes annimmt. Um dieses parallel gestaltete Zentrum der Erzählung hat Lukas eine Einleitung und einen knappen Schluss gelegt, die durch eine Stichwort- und Motiventsprechung aufeinander verwiesen sind und so die Perikope rahmen. Hören wir am Anfang von einem Sklaven, der im Sterben liegt, so wird am Ende erzählt, dass eben jener Sklave im Begriff ist, zu gesunden.

Diese Komposition verdankt die Geschichte Lukas. Sie findet sich so nicht im Matthäusevangelium oder in der beiden gemeinsamen Vorlage, die aus dem Vergleich der lukanischen und der matthäischen Version der Erzählung vom Hauptmann rekonstruiert und der Logienquelle Q zugerechnet wird (s. o.).

Aufgrund dieser Überlieferungslage bietet sich uns nun die Gelegenheit, in die literarische Werkstatt des Lukas zu blicken. Wir können unterscheiden und vergleichen: zwischen der traditionellen Geschichte, wie Lukas sie vermutlich vorgefunden hat (rekonstruierter Q-Text), und der lukanischen Erzählung. Ein solch "synoptischer Vergleich" – so der exegetische Fachbegriff – kann äußerst erhellend sein. Konkret: Auf einen (manchmal auch erst auf den zweiten) Blick lässt sich relativ leicht überschauen, was an der Geschichte vom Hauptmann im Lukasevangelium aus der Tradition stammt – und von Lukas so belassen wurde – und was erst Lukas an der Geschichte ergänzt und verändert hat. Wir können also zwischen Tradition und (lukanischer) Redaktion unterscheiden. Das ist eine große Chance, den Interessen des Lukas bei der Bearbeitung dieser Geschichte für sein Evangelium (und damit für seine Gemeinde am Ende des 1. Jh. n. Chr.) auf die Spur zu kommen. Schauen wir uns das im Einzelnen an und vergleichen die Q-Version mit der lukanischen Erzählung.

4.2 Synoptische Enthüllungen II: Die lukanische Erzählung in ihren Besonderheiten

Auf das Konto des Lukas gehen eine ganze Reihe von inhaltlichen Ergänzungen und Umstellungen. Kommt es in der Wundergeschichte der Logienquelle (den Text finden Sie unter 6. "Vorschläge für eine Bibelarbeit") zu einer direkten Begegnung zwischen dem Hauptmann und Jesus, die in einen Dialog über die Möglichkeiten der Heilung eintreten, so ändert Lukas die Erzählung dergestalt ab, dass es gerade nicht zu einer unmittelbaren Interaktion zwischen Jesus und dem Hauptmann kommt. Der Hauptmann betritt bei Lukas überraschenderweise überhaupt nicht direkt die Bühne der Erzählung. Er agiert ausschließlich aus dem Off heraus, das allerdings sehr wirkmächtig. Spezifisch lukanisch sind in diesem Zusammenhang die V. 3–6. Hier wird im Gegensatz zur Q-Version von zwei Gesandtschaften erzählt, die im Auftrag des Hauptmanns mit Jesus in Kontakt treten. Besonders stark fallen die lukanischen Zusätze in den V. 3–5 aus. Sie haben – bis auf einzelne Worte – überhaupt keine Parallele in Q (bzw. im Matthäusevangelium). Das dort Erzählte: der Hauptmann hat von Jesus gehört und schickt Juden zu ihm, die für ihn ein positives Zeugnis ablegen, hat für Lukas insofern besonderes Gewicht.

Gravierend sind auch die Veränderungen, die V. 6 im Vergleich zur Q-Vorlage einträgt. Bei Lukas macht sich Jesus ohne Umschweife auf den Weg zum heidnischen Hauptmann und hat augenscheinlich kein Problem, dessen Haus zu betreten. Darum hatte der Hauptmann zunächst auch bitten lassen (V. 3). Das steht im Gegensatz zur Erzählung in Q. Hier fragt Jesus den Hauptmann vermutlich kritisch an, ob er – als Jude – mit ihm in das heidnische Haus gehen soll (s. o.). Das lehnt der Hauptmann mit dem Hinweis auf seine eigene Unwürdigkeit und die Wirkmacht Jesu ab. Bei Lukas finden sich diesbezüglich zunächst überhaupt keine Skrupel.

Kleinere, aber durchaus bedeutsame Veränderungen zeichnen auch V. 2 aus. Lukas verschärft nicht nur die Notsituation (in Q ist der Knecht schlicht krank, bei Lukas liegt er im Sterben), sondern begründet auch die Aktion des Hauptmanns: Ihm ist sein Sklave von Bedeutung (er ist ihm teuer).

Deutliche Parallelen zu Q finden sich erst ab dem Ende von V. 6. Lukas übernimmt das Redematerial des Hauptmanns aus Q, allerdings mit dem Unterschied, dass bei ihm diese Aussagen des Hauptmanns von seinen Freunden (zweite Gesandtschaft) übermittelt werden. Kleine Veränderungen betreffen den Beginn von V. 7. Hier begründet der Hauptmann, warum er sich nicht selbst zu Jesus aufgemacht hat, sondern andere für sich sprechen lässt. Er hielt sich selbst nicht für würdig, zu ihm zu kommen. Das ist letztlich sogar eine Verschärfung im Vergleich zu Q. Hatte dort der Hauptmann mit Blick auf seine eigene Person (als Heide) Bedenken, Jesus in sein Haus zu bitten, so geht der lukanische Hauptmann noch einen Schritt weiter. Mit der gleichen Begründung (Unwürdigkeit) lehnt er nicht nur den Besuch Jesu in seinem Haus ab (V. 6), sondern eben auch eine direkte Begegnung zwischen ihm und Jesus (V. 7). Das steht in gewissem Widerspruch zur Bitte des Hauptmanns um einen Besuch Jesu in V. 3. Diese Spannung entsteht wohl durch die Überarbeitung des Q-Materials seitens Lukas und ist ein nicht untypischer Redaktionsfehler, der noch dadurch verstärkt wird, dass der Hauptmann ja eigentlich gar nicht wissen kann, dass Jesus zu ihm kommt. Niemand hatte ihm schließlich von der Reaktion Jesu auf die erste Gesandtschaft erzählt.

V. 10 schließlich berichtet vom Erfolg der Heilung und der Rückkehr der Gesandten in das Haus des Hauptmanns. Letzteres ist sicher ein lukanischer Erzählzug. Eine Notiz über den Heilungserfolg dürfte hingegen vermutlich schon in Q vorhanden gewesen sein (obwohl das unter Q-Forschern umstritten ist).

Überblickt man nun im Ganzen die lukanische Redaktion der Geschichte, die wir hier in ihren wichtigsten Zügen nachgezeichnet haben, so fällt auf, dass Lukas die Figur des Hauptmanns deutlich ausbaut. Obwohl dieser selbst niemals direkt auftritt, wird doch die Geschichte von Lukas ganz auf seine Person hin zugeschnitten. Er schickt die beiden Gesandtschaften aus, er steht im Zentrum der beiden durch die Gesendeten gehaltenen Reden und wird dadurch massiv charakterisiert. Obwohl Jesus an den entscheidenden Knotenpunkten der Geschichte beteiligt ist, ist es der Hauptmann, dem die Rolle des Helden der Geschichte zufällt. Lukas gestaltet ihn als durch und durch positive Identifikationsfigur für die Leser/innen. Er ist in mehrfacher Hinsicht ein Vorbild für sie. Drei Perspektiven wollen wir in diesem Zusammenhang nachgehen. Sie führen jeweils unmittelbar zu den durch den synoptischen Vergleich ausgemachten spezifischen lukanischen Erzählzügen der Geschichte zurück.

4.3 Der Hauptmann als ein vorbildlich Reicher

Lukas wird oft – und nicht zu Unrecht – als Evangelist der Armen bezeichnet. Ein Hauptmerkmal seines Evangeliums ist die Kritik am Reichtum und an Reichen, sofern sie ihren Besitz nicht sozial, und d. h. konkret zum Nutzen der Armen, einsetzen. Umgekehrt wird den materiell Armen spätestens mit Blick auf das Jenseits eine großartige Zukunft verheißen. Für sie bricht Lukas eine Lanze. Das wird an vielen Stellen innerhalb des Lukasevangeliums deutlich (exemplarisch: 6,20–38; 16,1–9: eine Lektüre des ganzen Textes unter der Perspektive von Arm und Reich lohnt sich!): So hören wir z. B. in 16,19–31 von einem Reichen, der den bettelarmen Lazarus vor seiner Tür buchstäblich vor die Hunde gehen lässt. Das bleibt in der Sicht des Lukas allerdings nicht ohne Folgen. Denn im Jenseits haben sich die Rollen verkehrt. Hier leidet der Reiche Höllenqualen, während Lazarus buchstäblich in Abrahams Schoß ruht. Reiche, die von ihrem Reichtum nicht lassen, ihn also nicht sozial einsetzen wollen, haben bei Lukas schlechte Karten. Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr … (18,25).

Auch der Hauptmann von Kafarnaum wird von Lukas deutlich als ein Reicher charakterisiert. Nur bei Lukas wird explizit und durchgehend (Ausnahme: V. 7) davon gesprochen, dass der zu Heilende ein Sklave ist (bei Johannes handelt es sich um den Sohn des Bittstellers; zu Mt s. o. 3.1): Der Hauptmann kann sich also mindestens einen, vermutlich aber mehrere Sklaven leisten. Und mehr noch. Dem Hauptmann gehört ein Haus (V. 10) und er verfügt über so große finanzielle Mittel, dass er den Juden von Kafarnaum einen gesamten Synagogenbau stiften konnte (V. 5). Beides sind im Übrigen Zusätze des Lukas zur Q-Version. Wahrlich ein reicher Mann, der obendrein in gehobener Position im Militär (vermutlich in den heidnischen Truppen des Herodes Antipas) Dienst tut.

Allerdings: Dieser Reiche ist im Gegensatz zu vielen anderen Reichen innerhalb des Lukasevangeliums ein echtes Vorbild für die Leserinnen und Leser. Kein Deut von Kritik findet sich an ihm innerhalb der Geschichte. Vom lukanischen Jesus wird er ohne jede Einschränkung gelobt. Und das liegt an seinem Verhalten und an seinen Worten, deren Nutznießer der Sklave, also ein exemplarisch Armer, ist. Für ihn nutzt er seine Kontakte zu den Juden, fordert vielleicht sogar einen wertvollen Gefallen ein. Für ihn macht er seine Freunde zu Boten, die in seinem Auftrag Jesus abfangen. Für ihn wendet er sich überhaupt an Jesus. Der Grund: Sein Sklave ist ihm teuer, wie das Münchener Neue Testament übersetzt. Der Sklave ist dem Hauptmann also – aus welchen Gründen auch immer – wertvoll, steht bei ihm in Ansehen (das griechische Wort für teuer kann auch "angesehen" meinen und bedeutet nicht unbedingt, dass der Sklave besonders kostspielig im Erwerb war, vgl. Lk 14,8).

Für Lukas ist das ein vorbildliches Verhalten eines Reichen gegenüber seinem abhängigen Untergebenen, gegenüber einem Armen. Denn mit seinen Handlungen setzt der Hauptmann prototypisch einige der Forderungen Jesu aus der Feldrede um. Er ist barmherzig (6,36), er gibt von seinem Reichtum (6,38), er tut Gutes und erhofft wohl nichts zurück (6,35). Schließlich kann sein Sklave ihn nie und nimmer in gleicher Münze entlohnen, ja ist das Überleben des Sklaven zu Beginn der Aktionen des Hauptmanns überhaupt nicht gesichert. So wie der Hauptmann handelt, so sollen Reiche mit Armen umgehen: ökonomisch uneigennützig, den Reichtum für das Wohl der Armen einsetzend. Dann haben auch sie eine Chance in das Himmelreich einzugehen (was sicherlich eine Motivation ganz eigener Art ist …).

4.4 Der Hauptmann als ein vorbildlich Glaubender

Auch als glaubende Figur ist der Hauptmann ein Vorbild. Unmissverständlich ist die jesuanische Wertung in V. 9: "Ich sage euch: Auch nicht in Israel fand ich so großen Glauben." So deutet Jesus die Worte des Hauptmanns in den V. 6–8, die ihn in Staunen versetzen. Auch diese Worte des Hauptmanns lohnen einen genaueren Blick.

Der Hauptmann ist überzeugt, dass Jesus durch nur ein Wort, aus der Ferne gesprochen, seinen Sklaven heilen kann: "aber sprich mit einem Wort, und geheilt werden soll mein Knecht." Diese Überzeugung begründet er indirekt in V. 8. Entscheidend ist dabei das Stichwort "Vollmacht". Mit Hilfe dieses Begriffs eröffnet der Hauptmann ein Hierarchie-Kontinuum von Über- und Unterordnung, das er im Blick auf seine eigene Person erläutert. Vollmacht meint in diesem Zusammenhang die Fähigkeit, etwas anzuordnen, das dann ausgeführt wird. An zwei Beispielen macht der Hauptmann das deutlich. Er hat Vollmacht über Soldaten und seinen Sklaven, die jeweils tun (müssen), was er anordnet. Zugleich ist sich der Hauptmann bewusst: Auch er steht unter der Vollmacht anderer, auch er muss Befehlen gehorchen. Als Hauptmann/Centurio ist er eben kein General. Diese Struktur von Befehl und gehorsamer Ausführung überträgt er nun auf Jesus. Er traut Jesus nicht weniger zu, als dass er im Blick auf Leben und Tod seines Sklaven Vollmacht hat, den Sterbenskranken zu retten. Solche Vollmacht stellt Jesus an die Spitze jeder Vollmachtskette. Genau diesen Platz räumt der Hauptmann Jesus ein. Und wohl aus diesem Grund erscheint er Jesus gegenüber so demütig und hält sich nicht für wert, Jesus direkt anzugehen und ihn persönlich zu treffen. Er hält ihn für einen Gottesmann. Mit dieser Vollmachtszuschreibung trifft der Hauptmann ins Schwarze. Jesus handelt im Lukasevangelium in vielfältiger Weise in Vollmacht. Er lehrt in Vollmacht (4,32), er heilt in Vollmacht (4,36) – wie unsere Geschichte zeigt, auch in schwierigsten Fällen –, er vergibt Sünden in Vollmacht (5,24). Und er kann wie jeder Vollmachtsinhaber seine Macht delegieren. Auch die Zwölf Schüler haben in dieser Weise an der Vollmacht Jesu teil (9,1; 10,19).

Der Glaube des Hauptmanns, der vom Hören kommt (7,3), ist also Vertrauen in die Wirkmacht, in die Vollmacht Jesu. Auf ihn setzt er in einer Situation, in der es um Leben und Tod geht, seine ganze Hoffnung – und zwar obwohl er Jesus nur vom Hörensagen kennt, gesehen hat er ihn ja gerade nicht. Der von Jesus so gelobte und hochgeschätzte Glaube des Hauptmanns besteht also zunächst nicht aus dogmatischen Lehrsätzen irgendwelcher Art oder litaneiartigen Gebeten, sondern in Vertrauen, das sich in Taten ausmünzt. Anders gesagt: Der gläubige Hauptmann ist ein Paradebeispiel dafür, dass es beim Glauben im Lukasevangelium nicht primär um das richtige Bekenntnis geht, sondern um die rechten Taten, die ihre Wurzeln in nahezu grenzenlosem Vertrauen auf Jesus haben. Auch in dieser Perspektive erfüllt der Hauptmann eine der Forderungen Jesu aus der Feldrede. Am Ende dieser Rede nimmt Jesus seine Zuhörer noch einmal in die Pflicht. Es reicht nicht, so Jesus, ihn "Herr, Herr" zu nennen, aber nicht zu tun (!), was er sagt (6,46). Ein reines Lippenbekenntnis, auch wenn es dogmatisch noch so korrekt ist, bleibt letztlich wertlos, wenn es nicht durch Taten gedeckt ist. Menschen, die so "glauben", gleichen Bauherren, die ein schönes Haus bauen, aber das Fundament vergessen. Kommt die Flut, fällt es zusammen (6,49), so Jesus im die Feldrede abschließenden Gleichnis. Das macht der Hauptmann intuitiv richtig. Er nennt Jesus nicht nur "Herr" (V. 6), sondern handelt vor allem auch entsprechend dem Willen Jesu, konkret: Er setzt sich auch mit seinen ökonomischen Möglichkeiten zugunsten seines Sklaven ein. Sein "Glaubenshaus" hat ein festes Fundament (6,48).

Für Lukas ist das Glaube schlechthin, unvergleichlich groß und vorbildlich. Und mehr noch: Es ist äußerst auffällig, dass in der lukanischen Version der Geschichte das eigentliche Heilungswort, um das der Hauptmann Jesus ja gerade bittet, fehlt. Das einzige Wort, das Jesus in der Geschichte spricht, ist die von Staunen geprägte Äußerung über den Glauben des Hauptmanns. Das "Wunderwort" Jesu ist insofern Antwort auf die Worte und Taten des Hauptmanns. Es ist also vor allem der Glaube des Hauptmanns, der dem Sklaven zur Rettung wird. Dieser Glaube kann sprichwörtlich Berge versetzen, dieser Glaube kann rettend wirken – sagt Lukas. Dafür steht der Hauptmann als vorbildliches Exempel.

4.5 Der Hauptmann als ein vorbildlicher Gottesfürchtiger

Lukas schreibt, so die meisten Exegetinnen und Exegeten, für eine mehrheitlich heidenchristliche Gemeinde, für Menschen, die ihrer Herkunft nach aus den Völkern und nicht aus dem Judentum stammen. Dabei hat er eine spezielle Gruppe von Heiden ganz besonders im Blick: die Gottesfürchtigen. Mit diesem Begriff bezeichnet man Heiden, die am Judentum großes Interesse haben, aber den Übertritt zur jüdischen Religion nicht vollziehen. Gottesfürchtige stammen – soziologisch betrachtet – meist aus der Mittel- und Oberschicht. Am Judentum faszinieren sie besonders der klare Monotheismus und die ausgearbeitete jüdische Ethik. Und doch kommt für diese Gottesfürchtigen eine öffentliche Konversion zum Judentum nicht in Frage, da die damit verbundene Einhaltung der Speise- und Eheregeln wie auch die für Männer notwendige Beschneidung ihnen vielfältige Nachteile in ihren gesellschaftlichen heidnischen Kontexten eingebracht hätten. So ist die Einhaltung der jüdischen Speiseregeln für die in diesem soziologischen Milieu durchaus häufigeren Einladungen zu Dinnerpartys und Geschäftsessen äußerst hinderlich. Zudem galt die Beschneidung bei Griechen und Römern, also der heidnischen Lebenswelt der Gottesfürchtigen, als eklig und obszön. Das machte einen Übertritt zum Judentum alles andere als attraktiv. Gottesfürchtige leben insofern auf der Grenze. Sie nehmen am Synagogengottesdienst teil, sind aber nicht Teil des auserwählten Gottesvolkes (sind keine "Söhne des Königtums" s. o.). Sie unterstützen – oft auch massiv finanziell – die örtlichen jüdischen Gemeinden, gehören aber nicht wirklich dazu, weil sie für das Judentum essentielle Regeln nicht einhalten können/wollen. Im Christentum fanden sie hingegen eine echte Alternative, stammte die christliche Bewegung doch aus dem Judentum, übernahm eine Vielzahl von dessen Regeln und den Monotheismus. Allerdings boten die christlichen Gemeinden, d. h. zunächst also die jüdischen Jesusanhänger, den Gottesfürchtigen mehr als die örtlichen jüdischen Synagogalgemeinden. Sie konnten durch die Taufe Vollmitglieder der Gemeinden werden, ohne sich beschneiden lassen oder die hinderlichen Speisegesetze einhalten zu müssen – ein Punkt, um den im Urchristentum heftig gerungen worden ist (vgl. Apg 15; Gal 2). Die Gottesfürchtigen waren insofern für die urchristliche Mission eine gute Klientel. Vor allem Paulus hat das verstanden und sich immer wieder an Gottesfürchtige gewandt. Und auch in der lukanischen Gemeinde scheinen sie einen wichtigen Teil der Mitglieder auszumachen. Die dadurch entstehende Mischung aus Judenchristen und Heidenchristen innerhalb der Gemeinden war für das junge Christentum in doppelter Weise eine Herausforderung: im Blick auf die innere Ausdifferenzierung der Gemeinden wie auch im Blick auf das Außenverhältnis zu den jüdischen Ortsgemeinden. Beginnen wir mit Letzterem. Den lokalen Synagogalgemeinden dürfte neben einer Reihe von theologischen Streitfragen insbesondere die "Übernahme" der Gottesfürchtigen mit ihrem Potenzial durch die zunächst innerjüdische Splittergruppe der Christen nicht geschmeckt haben. Der Kampf um die Gottesfürchtigen wird daher wohl ein gewichtiger Treibsatz beim schmerzhaften Prozess der Differenzierung zwischen Judentum und Christentum gewesen sein. Dieser Trennungsprozess hat auf beiden Seiten zu Angriffen, Abwehrreaktionen und damit zu Verletzungen geführt. Für die christlichen Gemeinden ab der Mitte des 1. Jh. n. Chr. war das Verhältnis zu den jüdischen Synagogalgemeinden immer ein schwieriger Balanceakt – und umgekehrt. Auch im Blick auf die Binnendifferenzierung der christlichen Gemeinden waren Grabenkämpfe auszufechten und vielfältige Fragen zu klären. Unter anderem musste das Verhältnis zwischen Judenchristen und Heidenchristen im Gemeindealltag bestimmt werden.

Präzise in diesen Zusammenhängen der Binnendifferenzierung innerhalb der Gemeinde wie auch der Außenorientierung der Gemeinde gegenüber den jüdischen Synagogalgemeinden erscheint der Hauptmann von Kafarnaum wiederum als ein Vorbild für die Leser/innen des Lukasevangeliums. Auch er wird als ein Gottesfürchtiger stilisiert (auch wenn der entsprechende Begriff nicht fällt). Er ist Heide (V. 5: "unser Volk" nicht "sein Volk"), er ist reich, er ist gut Freund mit den Ältesten der örtlichen Synagoge, die er selbst gestiftet hat. Er akzeptiert mit Hinweis auf seine personale Unwürdigkeit als Heide die Anstandsregeln für den Umgang von Heiden mit Juden und verlangt von Jesus nicht, das heidnische Haus zu betreten (s. o.). Und er traut dem Juden Jesus eine nahezu unglaubliche Vollmacht zu. Das macht ihn zum Glaubenden und zum Mitglied der Jesusbewegung. Als heidnisch Geborener und nicht zum Judentum Konvertierter ist er doch Teil der Glaubensgemeinschaft. Er steht damit exemplarisch für alle Heiden, die Jesus nicht leibhaft gesehen haben (wie er ihn ja gerade auch nicht leibhaft sieht), die nicht zum Judentum konvertieren – und die doch zu den christlichen Glaubensgemeinden gehören. Lukas zeigt damit am Beispiel des Hauptmanns und im Blick auf die Binnendifferenzierung christlicher Gemeinden: Heiden, die sich nicht beschneiden lassen, aber an Jesus glauben, haben im Vergleich zu Judenchristen innerhalb der Gemeinden keinen nachgeordneten religiösen Status. Sie sind keine Christen zweiter Wahl. Ihr Glaube kann mit dem Glauben der jüdischen Jesusgläubigen mithalten. Im Falle des Hauptmanns überragt er sogar den in Israel durchaus vorhandenen Glauben. Für das Heil ist also nicht das Jude-Sein an sich oder eine körperliche Nähe zu Jesus entscheidend, sondern der Glaube, der sich in Taten zeigt. Das wird allen Heidenchristen der zweiten und dritten christlichen Generation in der lukanischen Gemeinde gut gefallen. Für sie ist der Hauptmann ein Beispiel und ein Glaubensvorbild.

Das ist er in diesem Zusammenhang aber auch noch in einer anderen, eher außenorientierten Weise. Er steht paradigmatisch für das gute Mit- und Nebeneinander von jüdischer Synagogalgemeinde, die sich nicht zu Jesus bekennt, und heidnischen Jesusgläubigen. Der Hauptmann unterstützt die jüdische Gemeinde, er hält sich an die Regeln für den Umgang von Juden mit Heiden, er akzeptiert Juden als Heilsmittler für einen Heiden und seine Anliegen. Im Gegenzug machen sich die Ältesten der Juden für den Heiden auf den Weg zu Jesus. Lukas zeichnet insofern das Idealbild eines guten Miteinanders in einer Atmosphäre gegenseitigen Respekts. Auch in dieser Perspektive ist der Hauptmann für die lukanische Gemeinde also ein Vorbild.

Der Hauptmann von Kafarnaum ist eine der kleinen, aber ganz sicher eine der vorbildlichsten Erzählfiguren im Lukasevangelium: als Reicher, als Glaubender, als Heide. Letzteres macht ihn auch im Matthäusevangelium neben anderen Heiden zu einer beeindruckenden Figur. Sich an ihn in jeder Eucharistiefeier indirekt zu erinnern, ist herausfordernd. Werfen wir daher abschließend einen Blick zurück auf unsere Liturgie und versuchen wir, das "Herr ich bin nicht würdig …" nach dieser Reise durch zwei Evangelien und die Logienquelle Q neu zu verstehen.

5. "Herr, ich bin nicht würdig …" – Bekanntes aus Liturgie und Gottesdienst abschließend neu beleuchtet

"Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund", so sprechen wir in der Liturgie kurz vor der Austeilung des Brotes (und des Weines) und antworten damit auf die Präsentation des gebrochenen Brotes als "Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt". Inzwischen wissen Sie, dass es sich hierbei im Wesentlichen um ein Zitat aus Mt 8,8 und Lk 7,6f. handelt und dass mit der Rede vom "Dach" im biblischen Kontext tatsächlich das eigene Haus gemeint ist. Wir beziehen also im Gottesdienst die Worte des Hauptmanns von Kafarnaum auf uns, machen seine Worte zu unseren Worten. Dabei ergeben sich, wie so oft bei der Verwendung biblischer Passagen in anderen Zusammenhängen, Übereinstimmungen und Unterschiede zum biblischen Primärkontext.

Auch wir halten uns nicht für würdig, dass Jesus zu uns kommt, auch wir bitten den Herrn um ein heilend-rettendes Wort. Allerdings werden wir bei der Rede vom "Dach" vermutlich seltener an unsere Behausung denken; vielmehr wird der eigene Körper in Vorbereitung auf den Empfang Jesu in Gestalt von Brot (und Wein) in den Sinn kommen. Und bzgl. des zu heilenden Objekts wird der biblische Text im Rahmen der liturgischen Rezeption am stärksten abgeändert: Hier wird die Person, genauer die Seele des Beters in den Blick genommen. Für sie bittet die Beterin/der Beter um Gesundung, sprich: für sich selbst, ganz im Gegensatz zum Hauptmann, der entweder für seinen Sohn (Matthäus) oder für seinen Sklaven (Lukas) bittet. Dieses Anliegen können wir uns jedoch im Gottesdienst kaum zu eigen machen. Insofern ist es folgerichtig, dass im Sinne einer Aktualisierung des Bibeltexts ein neues Ziel für die Bitte formuliert wird: die eigene Seele. Ob dieser Bezug dabei eine gute Aktualisierung des Hauptmannswortes ist, der ja für einen anderen bittet, sei dahingestellt.

Diese Art der liturgischen Rezeption hat eine lange Tradition. Bereits seit dem 10. Jh. gibt es in den unterschiedlichen Liturgien der Zeiten Gebete, die sich in Teilen oder auch ganz (inklusive der Erwähnung des Sohnes als zu Heilendem) auf die Worte des Hauptmanns stützen, so erklären es uns Liturgiehistoriker. Besonders beliebt waren dabei die Anfangsworte "Herr, ich bin nicht würdig …", die Demut ausdrücken sollen. Sie dienten häufig als "Ansatz zu längeren Gebeten, die dem Empfang (der Kommunion) vorausgehen" (J. A. Jungmann). Eine solche "Gesinnung der Demut" soll auch durch unser Beten kurz vor dem Kommunionempfang zum Ausdruck kommen (s. o. 1.). Ob dies an dieser Stelle des Gottesdienstes angebracht ist, darüber kann man auch nach dieser Bibelarbeit weiterhin trefflich streiten. Sicher hingegen ist: Diese Gesinnung der Demut ist eine Botschaft der Erzählung vom "Hauptmann von Kafarnaum", der Jesus als Jude (Matthäus / Lukas) wie als Gottesmann (Lukas) gegenüber demütig erscheint. Bedenkenswert an dieser Stelle: Der Hauptmann als Heide fühlt sich für den Empfang eines Juden unwürdig, womit er für uns heute als (unbeschnittene) (Heiden-)Christen durchaus über Identifikationspotenzial verfügt.

Die Gesinnung der Demut als Botschaft des "Hauptmanns von Kafarnaum" ist jedoch gewissermaßen nur die halbe Miete. Ebenso klar lässt sich sein Wort: "Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird mein Sohn/Knecht/Sklave gesund" als Vertrauensäußerung lesen. Und auch die verdient es, erinnert und gelebt zu werden. Schließlich gehört Vertrauen als Haltung, ob schwach und zögerlich oder überzeugt und kraftvoll, zur kommunial-sakramentalen Begegnung der Gemeinde untereinander und mit dem anwesenden Jesus dazu. Auch zu einer solchen Haltung sind wir eingeladen, wenn wir die Worte des Hauptmanns sprechen: "Herr, ich bin nicht würdig …"

Und zu guter Letzt ist noch ein wichtiger Unterschied zwischen biblischem Text und liturgischer Rezeption anzumerken, der darauf zurückzuführen ist, dass hier quasi Alltagsexegese im liturgischen Kontext getrieben wird. In der biblischen Erzählung weist der Hauptmann den Hausbesuch Jesu mit Hinweis auf die eigene Unwürdigkeit zurück und Jesus betritt in der Folge das Haus des Hauptmanns nicht. Sollte das "Dach" im Rahmen der gottesdienstlichen Verwendung des Spruches auf den eigenen Körper zu beziehen sein – wofür einiges spricht –, so ist auffällig, dass im anschließenden Kommunionempfang Jesus ja doch unter dieses "Dach" eingeht, da er in Gestalt des Brotes (und des Weines) empfangen wird. Dies ist dezidiert anders als in der biblischen Vorlage. Die entscheidende Basis für diese Veränderung: Der "Sohn/Sklave" als zu heilendes Objekt ist ersetzt durch die eigene "Seele". So macht die Bitte um Heilung der eigenen Seele Sinn, denn dadurch – die Erfüllung der Bitte vorausgesetzt – wird das eigene "Haus" schlussendlich doch noch würdig für den Empfang Jesu, wie er sich in der Kommunion ereignet. Wir sehen also: Kleine Änderungen an biblischen Texten können bedeutsame Bedeutungsumakzentuierungen in anderen Kontexten nach sich ziehen.

6. Vorschläge für eine Bibelarbeit

Die Bibelarbeit möchte ein doppeltes Ziel verfolgen. Sie will die Geschichte vom "Hauptmann von Kafarnaum" zum Thema machen und zugleich dazu anregen, über das Gebet "Herr, ich bin nicht würdig …" aus der Liturgie nachzudenken.

6.1 Ankommen

  • Die Leiterin/der Leiter der Bibelgruppe hat ein Plakat mit dem Text "Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund" vorbereitet. Nach einer kurzen Reflexionsphase schreiben die TN ihre Eindrücke zu diesem Gebet auf das Plakat. Leitfragen können sein: Was bedeutet mir dieses Wort? Was verstehe ich an ihm gut? Was finde ich schwierig?
  • (Alternative: Bei einer größeren Gruppe können auch mehrere Plakate verwendet werden, die dann im Sinne eines Schreibgesprächs gefüllt werden.)

6.2 Dem Text begegnen

Die Erzählung vom "Hauptmann von Kafarnaum" findet sich in zwei Evangelien (Matthäus und Lukas). Beide Versionen sollen in der Bibelarbeit erfasst werden. Wir schlagen vor, beide Texte zunächst mit verteilten Rollen vorlesen zu lassen und anschließend Zeit zu geben, die Texte nochmals in Stille für sich zu lesen. Die TN werden gebeten, ihre Einfälle und Beobachtungen zum Text zu notieren und diese im weiteren Verlauf (6.3) in die Diskussion mit und über die Texte einzubringen.

  • Für die matthäische Fassung (Mt 8,5–13) benötigen Sie: Erzähler, Hauptmann, Jesus. Achten Sie insbesondere auf die Übersetzung von V. 7. Lesen Sie ihn einmal als Aussagesatz und einmal als Fragesatz (s. o. 3.1).
    Für die lukanische Fassung (Lk 7,1–10) benötigen Sie: Erzähler, Gruppe von Juden, Gruppe von Freunden, Jesus.
  • (Alternative: Je nach Gruppensituation könnten Sie auch versuchen, die beiden Szenen spielerisch darzustellen; lesen Sie in diesem Fall die Texte zunächst vorab durch und unterstreichen Sie zur besseren Orientierung die Verben; anschließend sollten Sie sich an einer szenischen Umsetzung versuchen.)

6.3 Mit dem Text arbeiten

Sowohl Matthäus als auch Lukas greifen mit ihrer Erzählung vom Hauptmann auf eine ihnen gemeinsame Quelle, die Logienquelle Q (s. o. 2.), zurück, die bereits diese Geschichte enthielt. Die Auseinandersetzung mit dem matthäischen und lukanischen Text kann nun dadurch besondere Tiefe erlangen, dass in zwei Gruppen jeweils einmal der matthäische (Gruppe 1) und einmal der lukanische Text (Gruppe 2) mit dem Q-Text verglichen wird. In beiden Fällen lohnt es sich, die Gemeinsamkeiten und wesentlichen Unterschiede zwischen Q und Matthäus bzw. Q und Lukas festzuhalten. Insbesondere ist darauf zu achten, wo Matthäus oder Lukas spezifisch eigene Akzente im Blick auf die Figur des Hauptmanns setzen. Wie wird der Hauptmann, so könnte eine Leitfrage zur Anregung der Diskussion und Auseinandersetzung mit den Texten lauten, bei Matthäus bzw. bei Lukas charakterisiert?

  • Speziell für die matthäische Erzählung ist der Überschuss gegenüber der Q-Fassung in den Mittelpunkt zu rücken (= Mt 8,11f.). Wer sind die, die von Osten und Westen zum Mahl dazukommen? Wer sind die "Söhne des Königtums", die hinausgeworfen werden? Zum richtigen Verständnis sollte der diesbezügliche rote Faden des Matthäusevangeliums berücksichtigt werden, indem weitere zugehörige Passagen einbezogen werden (s. o. 3.4).
  • Speziell für die lukanische Erzählung erscheint es reizvoll, die vorausgehende Feldrede (6,17–19.20–49) zu lesen und mit der Figur des Hauptmanns zu vergleichen. Welche der Forderungen Jesu aus der Feldrede setzt der Hauptmann exemplarisch um?

Der Hauptmann von Kafarnaum in der Logienquelle (Q 7,1.3.6–10; Rekonstruktion in abgewandelter Form nach P. Hoffmann/C. Heil (Hrsg.), Die Spruchquelle Q. Studienausgabe. Griechisch – Deutsch, Darmstadt/Leuven 2002, S. 46f.):

1 Und es geschah, als er (Jesus) diese Worte beendet hatte, ging er nach Kafarnaum hinein. 3 Ein Hauptmann kam zu ihm und bat ihn und sagte: Mein Knecht/Sohn ist krank. Und er sagt ihm: Soll ich kommen und ihn heilen? 6bc Und der Hauptmann antwortete und sprach: Herr, ich bin nicht würdig, dass du unter mein Dach trittst, 7 aber sage es mit einem Wort, und mein Knecht/Sohn soll geheilt werden. 8 Denn auch ich bin ein Mensch unter einer Vollmacht, und ich habe unter mir Soldaten, und ich sage diesem: Geh, und er geht, und einem anderen: Komm, und er kommt, und meinem Sklaven: Tu dies, und er tut es. 9 Als er aber das hörte, staunte Jesus und sagte denen, die ihm folgten: Ich sage euch, nicht einmal in Israel habe ich einen so großen Glauben gefunden. 10 (hier dürfte knapp von der Heilung berichtet worden sein; der genaue Wortlaut ist nicht mehr rekonstruierbar (s. o. 4.2)).

6.4 Mit dem Text weitergehen/den Text in Leben umsetzen

  • Greifen Sie erneut auf das Plakat vom Anfang zurück. Was verstehen Sie am Gebetstext aus der Liturgie nach der Erarbeitung des biblischen Hintergrunds nun besser? Wo ist für Sie der Text fragwürdiger geworden? Was fällt Ihnen neu zum Text ein?
  • (Alternative: In einer kreativ veranlagten Gruppe könnten z. B. auch neue Gebetsschlüsse im Blick auf das Ziel der Bitte ("so wird meine Seele gesund") formuliert werden.)

Markus Lau/Christian Schramm, August2008
Katholisches Bibelwerk im Bistum Münster (www.bibelwerk.de)
in Kooperation mit
kirchensite - online mit dem Bistum Münster
(www.kirchensite.de)
Foto: Michael Bönte

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