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24.05.2017
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Aus dem kirchensite.de-Archiv

Bibelarbeit im Juni

"Rede, Herr,dein Diener hört"

Die Berufung des Samuel
(1Sam 3)

1. Zur Einstimmung

Haben Sie sich das schon einmal überlegt?
Dass Gott Sie kennt? Sie ganz persönlich?
Dass Er Sie haben will? So wie Sie sind?
Und dass Er etwas mit Ihnen vorhat?
Haben Sie sich das schon einmal überlegt?

Wer sich auf diese Gedanken,
wer sich auf solche Fragen einlässt,
der wird vermutlich tief in seinem Innern zwei Dinge spüren können:

Da ist dann zunächst Freude und tiefe Dankbarkeit.
Gott kennt mich.
Er weiß um mich, Er weiß um mein Leben:
Ich bin nicht eine Nummer unter Milliarden anderer Nummern auf der Welt.
Ich bin von Gott gewollt. Unbedingt gewollt und ins Leben gerufen.
Als Mensch bin ich, sagt die Schrift, "von Ewigkeit her geliebt".
Ein tiefes Geheimnis, ein großes Geschenk!
Das uns vielleicht bescheidener stimmen kann,
und dankbarer,
und von echter Freude erfüllt:
Gott weiß um uns. Er sagt Ja zu uns. Wir gehören zu Ihm.

Ein zweiter Gedanke, der sich unmittelbar anschließt:
Gott hat mich erschaffen,
Er hat mich gewollt,
Er nimmt mich an –
Aber: Er hat auch etwas vor mit mir.
Jeder Mensch hat von Gott her eine Bestimmung, einen Auftrag: und den gilt es zu erkennen!

Davon sprechen die Berufungsgeschichten der Heiligen Schrift.

Da geht es um Menschen,
die Gott für sich in Dienst nimmt.
Menschen,
ohne eine besonders strahlende Biografie.
Menschen,
ohne glanzvolle Momente völliger Gotteserkenntnis.
Menschen,
nicht einmal ohne Fehler und Makel.

Aber genau die werden mit Gottes Willen und seinem Auftrag konfrontiert.
Wie sie sich dann winden und zieren!
Bekommen Angst und tausend Gründe fallen ein, weshalb sie für Gott besser nicht in Frage kommen.

Aber es hilft nichts.
Gott ruft,
Er nimmt in Dienst,
die die Er will.

Noch einmal die Frage:

Haben Sie sich das schon mal überlegt,
dass Gott etwas mit Ihnen vorhat;
Dass Er Sie meint, Sie ganz persönlich?
Dass es für Sie einen Auftrag gibt,
eine Aufgabe in ihrem ganz konkreten, ganz alltäglichen Leben?
Haben Sie sich das schon einmal überlegt?
Ein Auftrag für die Art, wie Sie Ihr Leben gestalten.
Ein Auftrag für den Lebensweg, den Sie gehen sollen.
Ein Auftrag für Ihr Zusammenleben mit Menschen: in Ihrer Familie, im Freundeskreis – wo immer.

Und einmal zu den vielleicht jüngeren Leserinnen und Lesern gesprochen:
Habt Ihr schon einmal überlegt,
dass Gott euch braucht?
Für Seine Sache? Für die Verkündigung des Evangeliums, nicht irgendwann, nicht irgendwo, sondern im Hier und Jetzt, und unter den Bedingungen dieser Zeit?
Und dass es vielleicht nicht immer richtig ist zu fragen: Was will ICH, was will Ich in meinem Leben erreichen?
Sondern:
Was will ER, was will GOTT, das ich in meinem Leben tun soll?

Fragen, für die es innerhalb weniger Minuten keine Antwort gibt.
Aber die uns in den Ohren klingen sollen.
Die uns nicht in Ruhe lassen wollen.

Gott nimmt Menschen in den Dienst.
Mit Ihm müssen wir immer rechnen.
Er klopft auch an unsere Tür.

Vor Jahren fiel mir ein Text  in die Hand, von dem ich nicht weiß, wer ihn geschrieben hat. Aber ich finde, dass er hierher gehört:

Der Herr sagte: Geh!
Und ich sagte: Wer? Ich?
Und Er sagte: Ja, Du!
Und ich sagte: Aber ich bin noch nicht so weit, und es kommt doch Besuch, und ich kann meine Familie doch nicht allein lassen, und Du weißt doch: es gibt hier doch niemanden, der mich ersetzen könnte.
Und Er sagte: Du übertreibst.

Wieder sagte der Herr: Geh!
Und ich sagte: Aber ich will doch überhaupt nicht!
Und Er sagte: Ich habe Dich nicht gefragt, ob Du willst.
Und ich sagte: Hör mal, ich zähle nicht zu den Leuten, die sich in Kontroversen verwickeln lassen. Im Übrigen: Meine Freunde wollen es nicht. Und was werden die Nachbarn denken?
Und Er sagte: Quatsch.

Und ein drittes Mal sagte der Herr: Geh!
Und ich sagte: Muss ich wirklich?
Und Er sagte: Hast Du mich lieb?
Und ich sagte: Schau, ich hab eine Riesenangst,
die Leute werden über mich herfallen,
sich das Maul zerreißen und alles Mögliche erdenken.
Und ich weiß gar nicht, ob ich das kann und ob ich das schaffen werde so ganz allein.
Und Er sagte: Was glaubst Du, wo werde ich sein?

Und der Herr sagte: Geh!
Und ich sagte: Herr, hier bin ich. Sende mich.

2. Der Text (nach Jörg Zink)

1Sam 3

V1: In der Zeit, als der Knabe Samuel am Heiligtum unter der Aufsicht Elis Dienst tat, waren Worte des Herrn selten, Visionen waren nicht häufig.
V2: Eines Tages geschah es: Eli schlief auf seinem Platz, seine Augen waren schwach geworden, so dass er nicht mehr sehen konnte.
V3: In einer Nacht nun, kurz vor Tag, die Lampe Gottes war noch nicht erloschen und Samuel schlief im Tempel bei der Lade,
V4: rief Gott den Samuel und Samuel antwortete: "Hier bin ich!"
V5: Dann lief er zu Eli und sagte: "Du hast mich gerufen!" "Nein", antwortete der, "Ich habe Dich nicht gerufen! Geh wieder und lege Dich schlafen." Und er ging und legte sich wieder schlafen.
V6: Abermals rief der Herr: "Samuel!" Samuel stand auf und ging zu Eli. "Hier bin ich! Du hast mich gerufen!" "Nein" antwortete der, "ich habe Dich nicht gerufen, mein Sohn, geh wieder und lege Dich schlafen."
V7: Aber Samuel kannte den Herrn noch nicht, und er wusste nicht, wie es zugeht, wenn einem ein Wort Gottes offenbart wird.
V8: Zum dritten Mal rief der Herr Samuel, und der stand auf und ging zu Eli. "Hier bin ich! Du hast mich doch gerufen!" Da merkte Eli, dass der Herr den Jungen rief,
V9: und sprach: "Leg Dich schlafen, und wenn Du wieder gerufen wirst, dann sprich: ’Rede, Herr, Dein Diener hört’" Samuel ging und legte sich an seinem Platz zum Schlafen nieder.
V10: Da kam der Herr, trat heran und rief wie die vorigen Male: "Samuel! Samuel!" Und Samuel antwortete: "Rede, Herr, Dein Diener hört".
V11: Da sprach der Herr: "Gib Acht! Ich werde etwas tun in Israel! Davon sollen jedem, der hört, beide Ohren gellen.
V12: An dem Tage will ich am Hause Elis geschehen lassen, was ihm angekündigt ist, von Anfang bis Ende.
V13: Für immer will ich ihn und die Seinen zu Grunde richten. Er hat um seiner Söhne Schuld gewusst, um ihren Frevel, und hat ihnen nicht gewehrt.
V14: Darum soll die Schuld des Hauses Eli weder durch Gabe noch Opfer in Ewigkeit zu sühnen sein."
V15: Danach lag Samuel bis zum Morgen, dann öffnete er die Türen des Heiligtums, er fürchtete sich aber, Eli seine Offenbarung mitzuteilen.
V16: Da rief Eli Samuel und fragte ihn: "Samuel, mein Sohn?" Er antwortete "Hier bin ich."
V17: Eli fragte: "Was war das für ein Wort, das ER zu Dir geredet hat? Verbirg mir nichts. Die Strafe Gottes komme über Dich, wenn Du mir auch nur eines von diesen Worten verschweigst, die er gesprochen hat!"
V18: Und Samuel sagte ihm alles und verschwieg nichts. Da sprach Eli: "Er ist der Herr. Er tue, was ihm gefällt."
V19: So wuchs Samuel auf. Gott war mit ihm und ließ keines seiner Worte über ihn unerfüllt.
V20: Ganz Israel von Dan bis Beerscheba merkte, dass Samuel berufen war, ein Prophet Gottes zu sein.
V21: Immer wieder erschien ihm Gott, der Herr, in Schilo und offenbarte sich ihm.

3. Beobachtungen am Text

Die Erzählung der Berufung Samuels liegt auf der Linie dessen, was die ersten beiden Kapitel des Samuelbuches zuvor berichtet haben: Die bis dato kinderlose und von ihren Nachbarinnen deshalb gedemütigte Hanna darf durch Gottes Fügung nun doch noch ihren Sohn Samuel glücklich zur Welt bringen. Seine besondere Geburt bestimmt ihn allerdings zu einer besonderen Aufgabe für Israel, seine Kindheit und Erziehung im Schatten des Tempels bereiten ihn darauf vor. Doch so sehr sich die Ereignisse hier zur Erzählung fügen, so wenig lassen sie übersehen, dass schon im dritten Kapitel ein Höhepunkt des Samuelbuches erreicht ist: Über die Schilderung des ersten Kapitels hinaus, in dem Hanna ihren Sohn im Tempel dem Herrn weiht, berichtet nun das dritte Kapitel, wie der Herr selbst Samuel in Dienst nimmt und für seine besondere Aufgabe weiht. Diese Audition stellt die eigentliche Mitte der Erzählung dar, die gerahmt wird durch eine knappe Schilderung der Situation vor ("In jenen Tagen war das Wort des Herrn selten, Visionen waren nicht häufig" 1Sam 3,1) und nach ("Der Herr erschien weiterhin in Schilo" 1Sam 3,21) dieser Theophanie.

Mit der Berufung Samuels scheint zunächst kein unmittelbarer Sendungsauftrag verknüpft zu sein. Er wird nicht einmal beauftragt, den Inhalt der ihm zuteil gewordenen Offenbarung seinem Lehrer und Erzieher Eli weiterzusagen. Die Besonderheit des Ereignisses besteht  im Hören der Stimme Gottes selbst, die Samuel schließlich zum Propheten werden lässt. Das Wahrnehmen des göttlichen Anrufs markiert hier also im Sinne der positiven Aufnahme durch Samuel die Tatsache seiner Berufung. Anders als die Berufungsgeschichten der meisten alttestamentlichen Propheten, hebt 1 Sam 3 "nur" auf das Hören der Stimme des Herrn ab.

Dreimal glaubt Samuel die von ihm vernommene Stimme sei die des Eli. Und auch der tippt zunächst auf alle möglichen Einflüsterungen und Imaginationen, mit Gott selbst rechnet er zunächst nicht. So erzeugt die Erzählung eine gewisse Spannung, weil ja ihre Leserinnen und Leser längst wissen: Es ist der Herr, der ruft (vgl. 1 Sam 3,4.6.8). Die Geschichte taucht den jungen Samuel in das positive Licht eines ehrlichen, bescheidenen, fast ein wenig naiv anmutenden Charakters. Samuel wird als jemand beschrieben, der das Herz Gottes und der Menschen zu erobern versteht (1Sam 2,26), wohingegen die Söhne Elis in bewusster Kontrastierung solche sind, die weder Gott noch die Menschen achten (1Sam 2,12.24).

Eli leidet unter der Last seines Alters, aber noch mehr unter dem zweifelhaften Lebenswandel seiner Söhne. Samuel hingegen hat er an Sohnes statt angenommen (vgl. 1Sam 3,6.16). Dass der Junge Herz und Verstand wach und offen zu halten lernt für die Wirklichkeit und Weisung Gottes, ist Elis großes Anliegen. Damit freilich ist stillschweigend vorausgesetzt, dass Eli selbst einer ist, dessen Sinn die Präsenz des Herrn zu erspüren vermag und der in seinem Leben eine lange Schule des Hörens auf Gottes Wort absolviert hat. Diese innere Vertrautheit ist es, die Eli schließlich erkennen lässt, wessen Stimme den jungen Samuel da eigentlich ruft, und was nun zu tun ist (1Sam 3,8f.). Der Inhalt jener Offenbarung, die sodann an Samuel ergeht, kann bei Eli keine Freude auslösen. Immerhin geht es um den Niedergang seines Hauses. Der Zweck dieser Prophezeiung (1Sam 3, 11-14) mag darin bestehen, den künftigen Heimsuchungen des Volkes Israel Sinn zu verleihen: Sie entspringen keinem Zufall, sondern ereignen sich gemäß dem souveränen, je lohnenden oder strafenden Willen Gottes. Die nahezu stoische Gelassenheit, mit der Eli das Fatum aufnimmt, erklärt sich wiederum aus der Tiefe seiner spirituellen Verankerung und dem geradezu ungebrochenen Vertrauen auf die Treue und Verlässlichkeit Jahwes, des Heiligen Israels: "Er ist der Herr. Er tue, was ihm gefällt" (1Sam 3,18).

Die Erzählung ist im Blick auf Zeit und Ort der Handlung dicht komprimiert. Von der Einleitung und dem Schluss abgesehen, findet alles in der Nacht und am darauffolgenden Morgen statt. Biblisch betrachtet ist die Nacht ihrem Wesen nach ambivalent: Wenn Form und Farbe, im Schlaf sogar das Bewusstsein eines Menschen ins Dunkle sinken, eröffnet sich ein Feld für böse und gute Mächte. Schutz gewährt allein Gott (Ps 127,1f), der Wächter und Hüter seines Volkes, der weder schläft noch schlummert (Ps 121, 3-6). Der Morgen ragt als heilvolle Zeit schon in die Nacht hinein (Ps 88,14). Ein Vorschein davon ist es, wenn Gott in nächtlichen Offenbarungen epiphan wird.
Der Schauplatz der Erzählung ist das Heiligtum von Schilo, wo Israel die Bundeslade aufbewahrte (1 Sam 3,3).

V1: Beschrieben werden die Hintergründe jener Epoche, in der die Samuel-Erzählung spielt. Außerdem wird erwähnt, dass Samuel dem Eli dient. Damit wird zugleich ein Verstehenshorizont für das Verhalten Samuels geschaffen, der zu Eli läuft, weil er glaubt, von ihm gerufen worden zu sein (V4ff).

VV2-3: Während Eli auf "seinem Platz" schläft, nächtigt Samuel "im Tempel des Herrn". Weil die Lampe Gottes, jenes "ewige Licht", das nach Ex 27, 20f. rund um die Uhr im Heiligtum brennen soll, nicht erloschen ist, sieht Samuel, dass kein anderer Mensch außer Eli in Frage kommt, der ihn hätte rufen können. Das Schlafen Samuels "im Tempel des Herrn, wo die Lade Gottes war," erinnert an die Worte, die der Herr einst zu Mose sprach: "Dort werde ich Dir begegnen und mit Dir reden von dem Deckel aus, der sich zwischen den beiden Kerubim auf der Bundeslade befindet" (Ex 25,22); "Als Mose in das Begegnungszelt ging, um mit ihm zu reden, hörte er die Stimme vom Deckel aus, der sich über der Bundeslade zwischen den beiden Kerubim befindet, sprechen" (Num 7,89).

Die Verse konstruieren einen Gegensatz zwischen dem alten Eli, dessen Kräfte nachgelassen haben, und dem jungen Samuel, der seine Aufgaben erfüllt. Während Eli im Dunkeln liegt, ist der Platz Samuels vom Licht Gottes erleuchtet. Damit einher geht eine weitere Beobachtung: Fällt der Name Gottes im Vers 2, der sich dem Eli widmet, kein einziges Mal, wird er im folgenden auf Samuel konzentrierten Vers gleich dreimal erwähnt. 1Sam 3,3 ist also so konstruiert, dass Samuel, der vom Licht und der Lade Gottes umgeben im Tempel schläft, geradezu eingetaucht erscheint in eine Sphäre der Gegenwart Gottes.

VV4-5: Weil Samuel glaubt, Eli habe ihn gerufen, lautet seine Antwort "Hier bin ich", was soviel bedeutet wie "Ich habe Dein Rufen vernommen". Dann eilt er zu Eli und wiederholt dort sein "Hier bin ich", um anzuzeigen, dass er seinem Lehrer zur Verfügung steht. Aber Eli, der vermutlich glaubt, Samuel habe geträumt, schickt ihn wieder fort.

V6: Beim zweiten Ruf ist ein gewisses Zögern Samuels erkennbar: Er antwortet nicht ad hoc und beeilt sich auch nicht sehr. Das Zögern spiegelt sich im Erzählrhythmus, der jetzt einen - im Vergleich zur Reaktion nach dem ersten Ruf ("Samuel eilte zu Eli") -  verlangsamten Prozess des Aufstehens andeutet. Auch in der Reaktion Elis zeichnet sich eine leichte Veränderung ab: Um Samuel zu beruhigen, dessen jugendliche Phantasie ihm anscheinend einen Streich spielt, fügt er seinen Worten jetzt die liebevolle Anrede "mein Sohn" hinzu.

V7: Die Erzählung wird unterbrochen, um in logischer Folge zu 1Sam 3,1 zu betonen, dass Samuel die Stimme des Herrn bislang noch nicht vernommen habe. Die eingeschobene Information erklärt – den Verdacht übermäßiger Phantasiebildung ausräumend – , weshalb Samuel nicht begreift, dass es Gott ist, der zu ihm spricht.

V8: Samuel vernimmt erneut die Stimme, steht ein drittes Mal auf und geht zu Eli – wieder ohne Eile, wieder ohne direkte Reaktion. Mangels geistlicher Erfahrung bleibt dem Schüler noch verborgen, was im Lehrer bereits als Ahnung Gestalt annimmt. Dem Rufen des Herrn liegt im hebräischen Text eine Partizipialkonstruktion zugrunde, die einen fortwährenden Zustand signalisiert: Der Herr ruft die ganze Zeit.

V9: In der Antwort des Eli bleibt das Subjekt zunächst unbestimmt und meint wohl: "Wenn Du ein weiteres Rufen hörst". Eli vermeidet es, den Namen Gottes auszusprechen, obgleich er längst ahnt, mit wem Samuel es zu tun bekommen hat. Darum weist er Samuel ausdrücklich an, in der Anrede des Herrn die Bereitschaft seines Hörens auf Gottes Wort zum Ausdruck zu bringen. Das Wort "hört", im Hebräischen ein Partizip, meint dann vor allem die Hörbereitschaft: "Dein Diener ist hörbereit". Die erneute Verlangsamung des Erzählrhythmus und die im Vergleich zu V5 geradezu umständlich erscheinende Reaktion Samuels lassen auf eine gewisse zögerliche Furcht im Umgang mit dem Heiligen schließen. Nichtsdestotrotz befolgt Samuel genau die Weisung seines Meisters.

V10: Was sich bislang als Audition andeutete, verdichtet sich nun zur eigentlichen Theophanie: Der Herr tritt zu Samuel heran. Vor seinem  Auge vollzieht sich eine prophetische Vision (vgl. Ex 24,5; Num 22,22). Die Erzählung ist an dieser Stelle sehr zurückhaltend, es wird mehr angedeutet als ausgeführt. Doch genügt das Erzählte, um klar zu machen, dass sich nun ereignet, wofür alles Vorherige nur Vorsignal war. Was Samuel zu hören bekommen wird, ist eine Unheilsansage par exellence: Schuld und Strafe werden wie Ursache und Wirkung miteinander verknüpft.  Die Verdoppelung des Namens Samuel im Anruf Gottes gilt der Bekräftigung desselben (vgl. Ex 3,4). Sie erfolgt im Unterschied zu den voranstehenden Auditionen nur hier, weil sich jetzt die eigentliche Theophanie ereignet.

VV11-14: Der Inhalt der Offenbarung ist zweigeteilt. Zunächst wird ein allgemeines Unheil über Israel und das Haus Elis angesagt (VV11.12), danach folgt die Begründung (VV13.14). Explizit ist hier von einer Schuld Elis die Rede, die bemerkenswerterweise darin besteht, vom gotteslästerlichen Tun seiner Söhne zwar gewusst, es jedoch unterlassen zu haben, ihnen – wenigstens versuchsweise – Einhalt zu  gebieten. Die Ernsthaftigkeit von Schuld und Strafe wird durch einen göttlichen Schwur unterstrichen.

V15: Trotz der bewegenden Begebenheit läuft Samuel nicht erneut zu Eli, sondern legt sich hin und verrichtet am Morgen seinen Dienst nach Vorschrift. Um keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen, fügt der Erzähler eine Erklärung hinzu: Weil Samuel seinem Lehrer Furcht, Kummer und Gram ersparen will, setzt er darauf, dass Eli glauben wird, es habe keine weiteren besonderen Vorfälle gegeben – dann gäbe es ja schließlich auch nichts zu erzählen. 

V16: Aber Eli ruft Samuel zu sich, tituliert ihn wiederum als seinen Sohn. Beinahe stereotyp (vgl. 1Sam 3,4.5.6.8) folgt die Antwort Samuels: "Hier bin ich" – bereit, alle Aufträge entgegenzunehmen.

V17: Eli, der längst geahnt hatte, dass Gott selbst sich dem Samuel mitteilen wollte, schließt aus der Zurückhaltung seines Zöglings auf den negativen Inhalt der Offenbarung. Umso massiver fällt sein Drängen aus, restlos alles zu erfahren.

V18: Auf die harte Ansage Gottes reagiert Eli mit einer die Leserinnen und Leser überraschenden und zugleich beeindruckenden Fügsamkeit.

VV19-21: Die letzten drei Verse bilden als Schlusswort ein Gegenstück zur Einleitung 1Sam 3, 1.2. Die Offenbarung an Samuel, von der die Erzählung berichtet, blieb nicht die einzige, sondern viele andere folgten. Samuel wurde ein anerkannter und beachteter Prophet des Herrn – in der Nachfolge Elis.

Literatur:

  • H.W. Herberg, Die Samuelbücher (NTD 10), Göttingen 1965, 28-32
  • S. Bar Efrat, Das Erste Buch Samuel. Ein narratologisch-philologischer Kommentar (BWANT 176), Stuttgart 2007, 95-103

4. Vorschlag für eine Bibelarbeit:

Sich Einfinden:

  • Gotteslob 980: "Herr, wir hören auf Dein Wort"
  • Gotteslob 505: "Du hast uns, Herr, gerufen" – singen oder sprechen.

Die Heilige Schrift lesen:

1 Sam 3 langsam vorlesen, aufmerksam zuhören

In der Stille nachdenken:

  • Wo kann ich Gottes Wort, Seine Stimme hören oder erfahren? Wann und wie?
  • Gebe ich Gott Gelegenheit, in mein Leben hineinzusprechen?
  • Wie könnte sein Wort für mich lauten?
  • Im Blick auf mein Leben: Welchen Auftrag könnte ich für mich herauslesen und erkennen?

Den Bibeltext wahrnehmen:

  • Den Bibeltext verteilen und leise lesen,
  • dann können alle nacheinander einen Vers oder einen Gedanken vorlesen, der besonders beeindruckt.

Den Bibeltext erklären:

  • Die Hintergründe und Zusammenhänge beschreiben,
  • die Hauptaussagen benennen, wie oben dargestellt,
  • offene Fragen diskutieren:

Die Bibel ins Leben übersetzen:

  • Im Blick auf Gott: Was bedeutet es, an einen Gott zu glauben, der Menschen in Dienst nimmt und für seine Sache einspannt?
  • Im Blick auf Samuel: Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, um Gottes Ruf hören zu können? Gibt es in meinem Leben einen Eli, der mir hilft, Gottes Spuren zu erkennen und zu deuten?
  • Im Blick auf Eli: Wo kann ich Menschen helfen, Gott zu entdecken? Woher rührt das schier unendliche Gottvertrauen dieses Mannes?

Um Berufung und Sendung beten:

  • Gebet: Gotteslob 6,6
  • Lied: Gotteslob 881 "Lass uns in Deinem Namen, Herr, die nötigen Schritte tun"

Kaplan Dr. Robert Vorholt, Dülmen, Juni 2008
Katholisches Bibelwerk im Bistum Münster (www.bibelwerk.de)
in Kooperation mit
kirchensite - online mit dem Bistum Münster
(www.kirchensite.de)
Foto: Makrohelmut (www.pixelio.de)

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