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01.06.2016
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Aus dem kirchensite.de-Archiv

Bibelarbeit im März

Er tat seinen Mund nicht auf

Das Leiden des Gottesknechtes

1. Zum Thema

"Von wem spricht der Prophet, von sich selbst oder von einem anderen?" – diese Frage stellt der äthiopische Kämmerer, als er mit Philippus über das Vierte Lied vom Gottesknecht spricht, das er gerade liest, auf dem Weg zurück von Jerusalem (Apg 8,34). Treffender könnte er kaum fragen. Denn bis heute ist die Identität des Gottesknechtes umstritten; bis heute deuten viele auf den Propheten, andere aber auf andere Gestalten: den Messias, einen Gerechten, das ganze Volk Israel, die Stadt Jerusalem, die Tochter Zion.

Das Vierte Lied vom Gottesknecht wird seid Urzeiten in allen christlichen Kirchen am Karfreitag gelesen. Jes 53 hat eine große Bedeutung erlangt, das Leiden Jesu als ein Handeln Gottes inmitten schreienden Unrechts zu verstehen – zum Heile derer, die nur ihre Schuld bekennen können. Im christlichen Gottesdienst ist die Antwort klar: Der Gottesknecht ist Jesus, und Jesus ist der Gottesknecht, der stellvertretend die Schuld der sündigen Menschen trägt, um sie zu retten. Auf diesen Weg des Verstehens führt auch Philippus den afrikanischen Finanzminister, wenn er "angefangen von dieser Schrift ihm das Evangelium verkündet" (Apg 8,35). Jes 53 wird aber bis heute im Judentum ohne Bezug zu Jesus von Nazareth gelesen – mit Blick auf das Leid von Juden, mit Blick vielleicht auch auf einen Gerechten, der noch kommen wird, um durch das Leid hindurch Erlösung zu wirken.

Diese Spannung kann eine christliche Exegese nicht auflösen. Sie hat die Chance, das vierte Gottesknechtslied zuerst im Horizont des Alten Testaments zu lesen du aus der Zeit vor dem Kommen Jesu Christi heraus zu begreifen; das eröffnet ihr auch die Möglichkeit eines Austausches mit jüdischer Exegese. Die christologische Bibelwissenschaft hat dann aber die Möglichkeit, unter dem Vorzeichen von Jes 53 die Passionsgeschichte Jesu zu lesen, um ihre theologische Bedeutung genauer zu sehen; hier wird sie alleine stehen und – in der Regel – keine Hilfe von jüdischer Bibeltheologie erwarten können, die ja bei der Hebräischen Bibel zu bleiben entschlossen ist. Die christliche Exegese kann aber dann von Jesus aus noch einmal zurückblicken ins Alte Testament und Jes 53 im Lichte Jesu neu lesen. Hier werden Unterschiede sowohl zum alttestamentlichen Grundsinn wie auch zur jüdischen Schriftauslegung sichtbar, die nicht verwischt werden dürfen, sondern genutzt werden können, um in einen Dialog einzutreten.

2. Zum Text

So bekannt Jes 53 ist, so umstritten ist der Text – nicht nur in seiner Bedeutung, sondern auch in seiner Entstehungsgeschichte. Einen Schlüssel zum Verstehen liefert die Struktur des Textes. Sie ist einerseits ganz klar, andererseits aber nicht sofort beim ersten Lesen sichtbar. Deshalb wird die Übersetzung gleich mit dem Ergebnis einer Strukturanalyse verknüpft.

Der Gedankengang

52,13ff Gottes Wort an Israel über seinen Knecht:
Der Verachtete wird geehrt.
Der Verkannte wird verkündet.
53,1-11a - Der Bericht über den Knecht
1 - Das ungehörte Evangelium
2-9 - Sein Leid, unsre Schuld
2.5a -  Er
4b-5 - Wir – Er
6-7 - Wir – Er
8-9 - Er
10.11a - Die Erhöhung
53,11b-12 - Gottes Resümee:
Der Gerechte rechtfertigt die Ungerechten.

Der Text (Jes 52,13 – 53)

13Seht, verstehen wird mein Knecht und erhoben und erhöht und hoch erhaben sein, 14über den viele sich entsetzten, so entstellt war sein Aussehen unter den Menschen und seine Gestalt unter den Adamskindern 15So wird er viele Völker besprengen, Könige werden den Mund vor ihm schließen. Denn was ihnen nicht verkündet worden war, wird ihnen verkündet; und was sie nie gehört hatten, verstehen sie jetzt.
1Wer hat unserer Kunde geglaubt? Der Arm des Herrn - wem wurde er offenbar? 2Er wuchs auf wie ein junger Spross vor ihm, wie eine Wurzel aus dürrer Erde. Er hat kein Ansehen, keine Ehre; wir sahen ihn und seinen Anblick schätzten wir nicht. 3Er war der verachteste Mensch, ein Mann der Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Dass man das Gesicht verhüllt, so verachtet war er; wir achteten ihn für nichts. 4Doch unser Leid – er hat’s getragen, unsre Schmerzen – er hat sie auf sich geladen
Wir aber meinten, er sei von Gott gestraft, von ihm getroffen und gebeugt. 5Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt
6Wir alle irrten umher wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen. 7Er wurde misshandelt, aber er beugte sich und tat seinen Mund nicht auf, wie ein Lamm, das man zur Schlachtbank führt, und wie ein Schaf verstummt angesichts seiner Scherer, tat er seinen Mund nicht auf. .
8Durch Drangsal und Gericht wurde er dahingerafft, doch wen kümmerte sein Geschick? Er wurde vom Land der Lebenden abgeschnitten und wegen der Verbrechen seines Volkes zu Tode getroffen. 9Bei den Frevlern gab man ihm sein Grab, bei den Verbrechern seine Ruhestätte, obwohl er kein Unrecht getan hatte und kein Trug in seinem Mund war.
10Doch der Herr fand Gefallen an seinem Zerschlagenen, er rettete den, der sein Leben als Schuldtilgung hingab. Er wird Nachkommen sehen und lange leben. Der Plan des Herrn wird durch seine Hand gelingen.11Nachdem seine Seele so vieles ertrug, erblickt er das Licht. Er sättigt sich an Erkenntnis.
Mein Knecht, der gerechte, macht die vielen gerecht; er lädt ihre Schuld auf sich. 12Deshalb gebe ich ihm seinen Anteil unter den Großen, und mit den Mächtigen teilt er die Beute, weil er sein Leben dem Tod preisgab und sich unter die Verbrecher rechnen ließ. Denn er trug die Sünden von vielen und trat für die Schuldigen ein

3. Die Struktur des Textes

Das Vierte Lied vom Gottesknecht müsste mit verteilten  Rollen gelesen werden, eher noch als die Passionsgeschichte. Es ist in Wirklichkeit ein Wechselgesang.

  • Zum Auftakt, in Jes 52,13ff, spricht Gott durch den Mund des Propheten zu den Israeliten: darüber dass die Geschichte des Gottesknechtes aller Welt verkündet wird.
  • Zum Schluss, in Jes 53,11b-12, spricht Gott wieder durch den Propheten und fällt sein Urteil: Der Gerechte macht die vielen Ungerechten gerecht, weil er für sie eintritt.
  • Der Mittelteil (Jes 53,1-11a) ist am spannungsreichsten. Hier sprechen diejenigen, die in der Gottesrede der Rahmenverse angesprochen werden. Sie erzählen ihre Geschichte mit dem Gottesknecht, oder besser: des Gottesknechtes Geschichte mit ihnen. Es ist die Geschichte des Gottesvolkes, zu dem der Gottesknecht gehört.

Diese Geschichte, die den Kern des Liedes ausmacht, ist voller Kontraste. Sie werden ihrerseits noch einmal auf verschiedenen Ebenen angesiedelt.

  • Vers 1 stellt die Frage, wer die im folgenden erzählte Geschichte glaubt. Luther übersetzt anders: "Wer glaubt dem, was uns verkündet wurde?" Das scheint etwas logischer, glättet aber den Text. Tatsächlich aber ist Vers 1 ein Aufruf: Die Geschichte des Gottesknechtes ist noch nicht zu Ende. Sie heischt Glauben. Wer wird sie dem Gottesknecht schenken?
  • In den Versen 2-9 werden im Wechsel immer wieder und in schonungsloser Offenheit die brutalen Gegensätze zwischen dem Gottesknecht und dem Gottesvolk ausgebaut.
    - Verse 2-4: - "Er" war verachtet.
    - Verse 4-5: - "Wir" haben ihn verurteilt – "Er" hat uns gerettet.
    - Verse 6-7: - "Wir" hatten uns verirrt" – "Er" hat gelitten.
    - Verse 8-9: - "Er", der Unschuldige, starb.
  • In den Versen 10-11a wird berichtet, was Gott aus dieser Katastrophe macht und den Sängern inzwischen eingeleuchtet hat: Er hat den gerettet, der sein Leben für die Täter hingab.

Auch hier spricht der Prophet. Er sagt "Wir" und "Er". Er leiht dem Worte, was das Volk als seine Schuld bekennen muss, da es zur Einsicht gekommen ist, die Gott ihm dann doch geschenkt hat. Der Prophet – in Rahmen des Kanons: Jesaja – schließt sich mit dem Volk zusammen. Er entzieht sich seiner Schuld nicht. Aber er weiß den Ausweg aus ihr: den Ausweg, den Gott selbst weist.

Unter dieser Rücksicht wird klar, dass Jes 53 verschiedene Zeitebenen unterscheidet.

Vergangenheit:
Die Leidensgeschichte des Gottesknechtes
und seine Errettung durch Gott
Gegenwart: 
Die Verkündigung der Geschichte an die Vielen
Zukunft: 
Die Verwirklichung des Heilsplanes Gottes

Im Kern steht die Leidensgeschichte eines Unschuldigen, der von denen, die das Lied singen, zu Tode gebracht wird, der aber zu ihrem Heil die Strafe sauf sich nimmt. Das verkünden diejenigen, die zur Einsicht gekommen sind, den vielen Völkern. Diese Vielen –weiß der Prophet – hat Gott im Blick als diejenigen, die er – durch den Gottesknecht – retten wird, um seinen Heilsplan zu verwirklichen. Die Verkündigung, die auf viel Skepsis stößt, ist der Weg, den Zeitraum bis zur von Gott bestimmten Heilszukunft zu füllen.

4. Der Kontext

Das Vierte Lied vom Gottesknecht gehört mit den drei anderen Gottesknechtsliedern zusammen, die in das Jesajabuch eingegangen sind.

  • Das erste Gottesknechtslied (Jes 42,1-9) handelt vom Sendungsauftrag des Propheten: "Er bringt den Völkern das Recht" (Jes 42,1).
  • Das zweite Gottesknechtslied (Jes 49,1-9) identifiziert den Gottesknecht mit Israel – insofern er Israelit ist, die Stimme seines Volkes, die aber die Völker erreichen soll: "Ich mache dich zum Licht der Völker" (Jes 49,6).
  • Das dritte Gottesknechtslied (Jes 50,4-9) zeigt den Knecht als Leidenden, dem Gott den Rücken stärkt, damit er zu den Leidenden spricht: "Er, der mich freispricht, ist nahe" (Jes 50,8).

Zwei Momente zeichnen die Gottesknechtslieder aus: die Universalität der Perspektive und die Gewaltlosigkeit des Propheten, der selbst Gewalt erleidet. Beide Momente verbinden sich in Jes 53. Hier soll das Leiden, das in Israel verursacht worden ist, durch die Gewaltlosigkeit und Lebenshingabe des Knechtes nicht nur denen zugute kommen, die es im Gottesvolk verursacht haben, sondern auch den Vielen, die davon nur hören können.

Das erste Lied vom Gottesknecht ist von "Ich" Gottes geprägt: Er lässt den Gottesknecht auftreten und erscheinen. Das zweite und dritte Lied sind vom "Ich" des Propheten bestimmt: Er erhebt selbst die Stimme. Im vierten Lied erhebt das "Wir" derer die Stimme, zu denen der Gottesknecht gesandt ist: das Gottesvolk Israel inmitten der Völker.

Der engere Kontext spielt das Thema "Zion" ein, also die Heilsgeschichte Israels und die immer angefochtene, immer neu entbrannte Hoffnung auf Rettung.

  • In Jes 52,1-12 wird Heil für Zion angekündigt. Gott sagt neu: Ich bin da" (Jes 52,6). Zion ist die Zufluchtsstätte, mehr noch: der Rettungsanker für das Volk, das in der Zerstreuung lebt.
  • In Jes 54-55 wird die Vision des neuen Jerusalem entworfen. "Du wirst auf Gerechtigkeit gegründet sein" (Jes 54,14).

Das Vierte Gottesknechtslied passt in diesem Zusammenhang hinein und sprengt ihn auf: erstens durch die heilsuniversale Perspektive, zweitens durch die Figur des Gottesknechtes selbst. Liest man Jes 52-55 zusammen, hängt Zions Heil an ihm und ist deshalb nie nur Heil zu Israel, sondern auch für die Völker.

Die Exegese ist sich sicher, dass die Gottesknechtslieder erst sekundär der Sammlung hinzugefügt worden sind, die den zweiten Teil des Jesajabuches ausmacht (ab Jes 40). Hier wird die babylonische Gefangenschaft thematisiert und die Hoffnung auf Erlösung, die die der Zweite Jesaja eintritt.

5. Das Gottes- und das Menschenbild

Jes 53 berichtet von einer Katastrophe. Ein Mensch muss unschuldig leiden und verachtet sterben. Aber Gott wendet das Unheil zum Heil. Der schärfste Kontrast bricht auf zwischen dem Handeln Gottes und dem Handeln der Menschen am Knecht Gottes.

"Wir"

  • mochten ihn nicht anschauen (53,2),
  • hatten kein Gefallen an ihm (53,2),
  • haben ihn verachtet und gemieden (53,3),
  • schätzten ihn nicht (53,3),
  • meinten, er sei von Gott geschlagen (53,4b),
  • hatten uns verirrt (53,6),
  • haben ihn misshandelt und erniedrigt (53,7),
  • haben ihn verhaftet und verurteilt (53,8),
  • haben ihn getötet (53,9).

Gott

  • präsentiert den Knecht (52,13ff),
  • zeigt seinen Arm (53,1),
  • lässt den Knecht vor seinen Augen aufwachsen (53,2),
  • scheint den Knecht geschlagen zu haben (53,4),
  • lädt ihm die Schuld von uns allen auf (53,6),
  • fand Gefallen an seinem geschlagenen Knecht (53,10),
  • rettet ihn, der sein Leben hingibt (53,11),
  • verheißt dem Knecht die Erfüllung (53,11f).

Zum "Wir" gehört allerdings auch, dass "wir" jetzt verkünden, was "wir" getan haben und was "uns" getan worden ist. Es liegt im Lichte des Kontextes sehr nahe, dass "wir" auf das Gottesvolk Israel zu deuten.

"Wir" sind Schuldige, denen vergeben wird; "wir" sind Täter, die vom Opfer profitieren; "wir" sind Ungerechte, die gerechtfertigt werden; "wir" sind Verirrte, die heimgeholt werden. So sind "wir" solche, die "unsere" Geschichte – die Leidensgeschichte des Gottesknechtes als "unsere" Erlösungsgeschichte – anderen verkünden können, auch wenn "wir" keinen Glauben finden.

Gott hingegen ist der Herr der Geschichte. "Wir" glaubten, dass Gott den Knecht gestraft, geschlagen, verworfen – weil er abstoßend war und leiden musste: dass Hiob-Thema. Tatsächlich aber haben erfahren, die das Lieb singen, das Gott ganz im Gegenteil an der Seiten seines leidenden Knechtes gestanden hat und steht: Er lässt ihn zwar den Weg des Leidens gehen, den er gehen muss und will; er lädt ihm "unser" aller Schuld auf; aber er handelt so zu seiner Rettung und zu "unserem" Heil. Die Erfüllung des Heiles, das der Gottesknecht durch sein Leiden und Sterben herbeiführen will, steht zwar noch aus, wird aber kommen, so war Gott lebt.

6. Der Gottesknecht

Das Lied zeichnet ein sehr genaues Bild des Gottesknechtes.

"Er"

  • wird groß sein und erhaben (52,13),
  • wird in Erstaunen versetzen (52,15),
  • hat unsere Krankheit getragen (53,4),
  • tat seinen Mund nicht auf (53,7),
  • ist gerecht (53,10),
  • gab sein Leben als Schuldtilgung (53,10),
  • macht die Vielen gerecht (53,11),
  • lädt die Schuld auf sich (53,11),
  • trug die Sünden von vielen (53,12),
  • trat für die Schuldigen ein (53,12)..

Die Figur des leidenden Gottesknechtes verweist auf abgründige Erfahrungen in der Geschichte Israels.

  • Hiob ist ein Gerechter, der leidet - nicht weil er eine Sünde begangen hat, sondern weil an seinem Beispiel zeigen will, wie tief und echt menschliche Frömmigkeit sein kann. Hiobs Klage ist ein Akt rebellischer Frömmigkeit: die an Gott festhält, indem sie ihn mit Vorwürfen überhäuft. Gott bestätigt Hiobs Unschuld, befreit ihn aber von der Fixierung auf sein Leid. So geht Hiob durch den Tod hindurch zu einem neuen Leben im Angesicht Gottes.
  • Der leidende Gerechte, der in den Klagepsalmen das Wort ergreift (Ps 22; 69 u.a.), ist ein  Mensch, der nicht leidet, weil er bestraft wird, sondern weil er in einer gottlosen Welt an Gott festhält. Es scheint nur so, dass er verworfen ist von Gott. In Wirklichkeit sind gottlos, die ihm sein Leid angetan haben. Seine Not schreit der Gerechte heraus – und wird von Gott erhört.
  • Der gerechte Weise, der nach der "Weisheit Salomos" von den Ungerechten gehasst, geschlagen, geschädigt wird, bleibt bei seinem Gott und seiner Weisheit, und koste es ihn das Leben (Weis 2,12-24).

Wie Hiob und der Gerechte leidet der Gottesknecht nicht an eigener, sondern an fremder Schuld. Anders als Hiob und der Leidende Gerechte der Psalmen klagt und schreit der Gottesknecht nicht. Er bleibt stumm: nicht weil er verzweifelt, schwach und verzagt wäre, sondern weil er so viel Gottvertrauen besitzt, dass er sein Leiden annimmt – so wie Hiob an Anfang der Geschichte. Das verbindet ihn mit den leidenden Gottessohn des Weisheitsbuches, der auch – in Anspielung auf Jes 53 – "Knecht" Gottes genannt wird (Weish 2,13).

Im Unterschied zu all diesen verwandten Gestalten nimmt der Gottesknecht das Leiden aber nicht nur hin und an als ein Geschick, das ihn wegen seiner Gottesliebe ereilt und das Gott wenden wird. Das Leiden soll selbst zum Mittel der Überwindung der Gewalt, der Vergebung der Schuld, der Erlösung der Täter werden.

So vielfältig die Deutung sind und bleiben werden, weil die Gestalt rätselhaft bleibt – nicht alle haben den gleichen Anhaltspunkt am Text. Stellt man Jes 53 in den Kontext der anderen Gottesknechtslieder, ist die Deutung auf eine prophetische Gestalt wahrscheinlicher als eine kollektive Deutung ("Israel") oder eine allegorische Deutung (Zion, Jerusalem). Denn es wird ja von einem Einzelschicksal berichtet, dass "wir" – Gottes Volk – verursacht haben. Der Gottesknecht wird allerdings mit Jakob – Israel identifiziert wird (Jes 53,3), um das Volk zu erlösen.

Die Dimensionen, in denen von Erniedrigung und Erhöhung gesprochen wird, sprengen jedes Maß. Deshalb ist eine messianische Deutung vielleicht nicht zwingend geboten, aber doch naheliegend. Der stärkste Einwand gegen die messianische Deutung ist das Vergangenheitstempus, das jede Übersetzung wählen muss, um dem hebräischen Urtext gerecht zu wählen. Das aber erklärt sich aus prophetisches Präteritum. "Jesaja", dem der Kanon das Buch zuschreibt, spricht zu seiner Zeit von einem Geschehen der Zukunft, das im Moment des Lesens Vergangenheit sein wird. Durch diese Zeitverschiebung erschließt das Lied immer neue Sinnhorizonte.

7. Vergebung der Schuld

Das Vierte Lied vom Gottesknecht ist im Alten Testament ein Solitär. Es bezieht sich zurück auf den Opferkult, der zur Vergebung der Sünden eingesetzt worden ist, und nimmt das Ethos der Versöhnung auf: dass im Prozess der Erlösung die mörderische Macht der Sünde nicht unsichtbar, sondern sichtbar gemacht wird und dass Gott nicht bestochen wird, damit er sich gnädig stimmen lasse, sondern dass Gott selbst die Sünde vergibt. Aber an zwei wesentlichen Stellen bricht das Gottesknechtslied aus dem Rahmen der Opfertheologie und -praxis Israels aus:

  • Zum Wesen des rituellen Opfers gehört die Wiederholung, Das Leiden des Gottesknechtes ist aber einmalig, unwiederholbar, definitiv. Es führt ja auch zum Tod.
  • Die Opfer Israels und aller anderen Religionen sind symbolische Ersatzhandlungen. Anstelle der Menschen, die durch ihre Schuld ihr Leben verwirkt haben (insofern sie es selbst weggeworfen haben), stirbt ein unschuldiges Tier, damit sie wieder vor Gott leben können. Der Gottesknecht aber ist zwar wie ein Opferlamm, aber ein Mensch. Der Ritus kann die Personalität der Schuld nicht einholen, er werde denn zum mörderischen Menschenopfer, das aber keine Aussicht auf Rettung mehr bietet.

Der Gottesknecht schafft Erlösung nicht am Leiden vorbei, sondern durch das Leiden hindurch. Ginge es nach dem Gesetz der Vergeltung, müssten diejenigen, die ihn zu Tode gebracht haben, ihrerseits sterben. Am Vergeltungsgesetz ist wahr, dass Vergebung Gerechtigkeit voraussetzt und nicht "billig" zu haben ist, so als ob man das Leid ungeschehen machen könnte. Aber das Gesetz der Vergeltung kann keine Hoffnung machen. An dieser Stelle bricht das Vierte Gottesknechtslied das Vergeltungsdogma. Der Gottesknecht stirbt stellvertretend für die Mörder. Er will, dass sein Tod nicht auf die Täter zurückfällt, sondern den Fluch ihrer bösen Tat von ihnen nimmt. Das kann nur Gott allein. Und dass Gott es getan hat, ist die Einsicht des Propheten, der für sein Volk spricht.

Würde der Gottesknecht nicht freiwillig handeln, bliebe sein Tod eine Zwangsmaßnahme Gottes; sie könnte nicht retten. Würde Gott sich nicht machtvolle auf die Seite seines Sohnes stellen, bliebe dessen Stellvertretung eine schöne Idee, eine hilflose Geste. Es fragt sich, wie beides zusammenpasst. Diese Frage lässt der Text offen. Der evangelische Alttestamentler Hermann Spieckermann aus Göttingen schreibt (Der Retter ist nah: Heilsverheißung und Rechtfertigung nach dem Alten Testament, in: E. Härle - P. Neuner (ed.), Im Licht der Gnade. Symposion zur Gegenwartsbedeutung der Rechtfertigungsbotschaft, Münster 2003, 27-51: 50):

Am Ende des Alten Testaments liegen alle Elemente für die Heilsvision des Neuen Testaments bereit: die Rettungsnot des Volkes Israel und der Völker, die Erkenntnis der Rettungsnotwendigkeit durch die göttliche Gerechtigkeit, das stellvertretende Leiden des Gottesknechtes für die Vielen, die Rechtfertigung (teils Gotte, teils der Vielen), der leidende Gottessohn bzw. die leidenden Gerechten, von Gott wie ein vollgültiges Opfer angenommen. Diesen Elementen fehlt eine verbindende Mitte. Greifbar nahe könnte es die Menschwerdung Gottes sein, wahrgenommen als rettende Rechtfertigung des Sünders. Doch dieser Schritt wird im Alten Testament nicht mehr vollzogen.

8. Vorschlag zur Gestaltung einer Bibelstunde

Gebet oder Lied zu Beginn

  • GL 179: "O Haupt voll Blut und Wunden"

Lesen des Textes

  • am besten mit verteilten Rollen:
    - Stimme Gottes
    - Stimme des Volkes

Fragen zum Text

  • Was machen "wir" mit ihm? - Wer sind "wir"?
  • Was macht Gott mit ihm? - Wer ist Gott?
  • Was macht er mit "uns"? - Wer ist er?

Fragen zum Sinn

  • Wo sehe ich mich im Spiegel des Liedes? Wie würde ich reagieren?
  • Welche Gerechten kenne ich? Wie haben sie gelitten und woran?
  • Wie stelle ich mir Erlöse vor? Worauf hoffe ich? Für mich? Für andere?

Gebet zum Abschluss aus dem Ersten Petrusbrief

21Auch Christus hat gelitten und euch ein Beispiel gegeben,
dass ihr seinen Spuren folgt.
22Der keine Sünde begangen
und in dessen Mund sich kein Trug gefunden hat,
23der wurde geschmäht,
schmähte aber nicht,
er litt,
drohte aber nicht,
sondern übergab seine Sache dem gerechten Richter.
24Er hat unsere Sünden selbst hinaufgetragen in seinem Leib an das Holz,
damit wir, den Sünden gestorben, der Gerechtigkeit leben.
Durch seine Wunden seid ihr geheilt.
25Denn ihr wart wie verirrte Schafe.
Jetzt aber seid ihr umgekehrt zum Hirten und Bischof eurer Seelen.
(1Peztr 2,21-25)

Literatur:

Hermann Spieckermann, Gottes Liebe zu Israel, Tübingen 2000

Thomas Söding, März 2008
Katholisches Bibelwerk im Bistum Münster (www.bibelwerk.de)
in Kooperation mit
kirchensite - online mit dem Bistum Münster
(www.kirchensite.de)
Foto: Michael Bönte

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