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22.07.2017
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Aus dem kirchensite.de-Archiv
Der Prophet Jeremia.

Bibelarbeit im Februar 2008

"Gottes Wort geschah zu mir"

Der Auftrag des Propheten
(Jer 1)

1. Prophetische Existenz

Propheten sind schwierige Menschen. Wäre es anders, könnten sie nicht über den Horizont einer Zeit hinaus, nicht durch die Fassaden eines Lebens hindurch, nicht bis zu den Wurzeln von Gut und Böse schauen. Propheten haben es aber nicht nur anderen schwer gemacht, sie haben es auch selbst schwer gehabt: weil sie auf Ablehnung gestoßen sind und von ihrer Sendung überfordert worden sind, Gottes Wort zu verstehen und den Menschen weiterzugeben. Es gibt ein Leiden am Auftrag, ein Ringen um die rechten Worte, einen Kampf um Aufmerksamkeit.

Das Alte und das Neue Testament sind voll von schwierigen Propheten. Eine der eindrucksvollsten Gestalten ist Jeremia. Mit seinem Namen ist nicht nur ein dickes Prophetenbuch verbunden, sondern auch eine Sammlung von Klageliedern, die berühmten "Jeremiaden". Sie sind kein Ausdruck von Wehleidigkeit, wie manche denken mögen, die jene Klagen nicht kennen, sondern Ausdruck der Leidensfähigkeit, der Trauer und der aberwitzigen Hoffnung auf Gott.

Jeremia ist ein Mann des Wortes. Keiner hat so wie er das Wort Gottes beschworen, keiner so wie er auf die Macht des Wortes gesetzt. Wenn Augustinus über die ganze Bibel schreibt: "Gott spricht zu uns Menschen nach der Art von Menschen, weil er, indem er so redet, uns sucht", kann er am Lebensschicksal des Jeremia die Wahrheit dieses Satzes abgelesen haben.

2. Das Buch des Propheten

Kein anderes biblisches Buch hat ein so dramatisches Schicksal erlebt wie das des Propheten Jeremia. Nicht nur, dass es in seiner kanonischen Gestalt das Ergebnis eines langen, langen Wachstumsprozesses ist, der zu immer neuen Ergänzungen, immer neuen Anlagerungen und Ausbauten, immer neuen Fortschreibungen und Aktualisierungen, auch zu immer neuen Umdeutungen und Einordnungen geführt hat; das gilt ähnlich auch für die anderen großen Prophetenwerke. Bei Jeremia hingegen steht bereits der Beginn der Buchproduktion im Zeichen stärkster Turbulenzen. Der Anfang seiner schriftlichen Aufzeichnungen schien auch schon das Ende zu sein. Durch Bücherverbrennung und Autorenverfolgung sollte die Publikation seiner prophetischen Worte verhindert werden. Nur dank der von Gott ermöglichten Zähigkeit, Leidensfähigkeit und Gedächtnisleistung des Propheten hat diese Unterdrückungsaktion einen gegenteiligen Effekt erzielt.

Nach der (sicher theologisch stilisierten und mit anekdotischen Zügen angereicherten, im Kern aber doch wohl historischen) Erzählung des Kapitels 36 erhält der Prophet "im vierten Jahre Jojakims", also 605 v.Chr., den Auftrag, alle ihm offenbarten Worte "gegen Israel und Juda und alle Völker" (V. 2) in eine Buchrolle zu schreiben, um sie auf diese Weise festzuhalten und den Israeliten wieder und wieder ins Gedächtnis zu rufen, damit sie vielleicht doch Wirkung zu zeigen begännen (Vv. 3.7). Den Anlass bildet ein großer, am Jerusalemer Tempel ausgerufener Bußtag, an dem das Volk angesichts der Bedrohung durch den babylonischen Großkönig Nebukadnezar auf den Schulterschluss mit dem Königshaus eingeschworen werden soll, das sich, um Schlimmeres zu verhüten, auf eine geschmeidige Politik der Annäherung festgelegt hatte. Jeremia diktiert seinem Schreiber Baruch "alle Worte, die Jahwe zu ihm gesprochen hatte" (V. 4), und, selbst mit Redeverbot belegt, beauftragt er ihn, im Tempel die Schriftrolle vorzulesen (Vv. 6f). Nachdem dies zu verschiedenen Gelegenheiten geschehen ist (Vv. 8.9-15), wird die Rolle schließlich von Kabinettsmitgliedern zum König gebracht, der sie sich in seinem Winterpalast, mit seinen Getreuen und Beratern vor dem offenen Kamin sitzend, von Jehudi vorlesen lässt:

23Sooft nun Jehudi drei oder vier Spalten gelesen hatte, schnitt sie der König mit dem Federmesser ab und warf sie in das Feuer auf dem Kohlenbecken, bis das Feuer auf dem Kohlenbecken die ganze Rolle verbrannt hatte. 24Und niemand erschrak oder zerriss seine Kleider, weder der König noch einer seiner Diener, die all diese Worte mitanhörten. 25Selbst als Elnatan, Delaja und Gemarja in den König drangen, die Rolle nicht zu verbrennen, hörte er nicht auf sie. 26Vielmehr befahl der König dem Prinzen Jerachmeël, ferner Seraja, dem Sohn Asriëls, und Schelemja, dem Sohn Abdeëls, den Schreiber Baruch und den Propheten Jeremia festzunehmen.

Hinter der eiskalten Ruhe des Königs und seines Hofstaates verbirgt sich maßlose Erregung über den Inhalt des Vorgelesenen. Vermutlich denkt der Erzähler, dass sie gerade die radikale Tempelkritik (7,1-15) des Jeremia und seine Unheilsprophetie über das grausige Ende des Königs (22,13-19) gehört haben. Der Vorwurf lautet (V. 29):

Warum hast du darauf geschrieben, der König von Babel werde kommen und dieses Land verheeren und die Menschen darinnen wie das Vieh vertilgen?

Der Zynismus der Macht, den Jojakim in seinem gespenstischen Autodafé zelebriert, will sich den Anschein der Stärke geben - und ist doch nichts als Schwäche. Die Angst vor dem geschriebenen Wort des Propheten reißt den König zu Gewaltakten hin. Indem er das Buch verbrennt, hofft er, es unschädlich zu machen; indem er den Propheten wie den Abschreiber ins Gefängnis sperren will, hofft er, die unbequemen Kritiker mundtot zu machen. Diese "Hoffnung" hat getrogen.

Die Vernichtung des einzigen Textexemplars, der Alptraum eines jeden Autors, treibt Jeremia nicht in die Verzweiflung. Dank Gottes Willen weiß er sich nicht nur der Verhaftung zu entziehen, er sieht sich auch zu einer neuen Aufzeichnung der Worte berufen (36,28):

Nimm dir wieder eine Rolle
und schreibe darauf all die Worte,
die auf der Rolle standen,
die Jojakim, der König von Juda, verbrannt hat.

Wiederum diktiert er Baruch; wiederum schreibt Baruch alles getreulich auf, die verbrannten Worte - und noch viele weitere.

Jer 36 ist geeignet, in selten intensiver Weise die untrennbare Einheit zwischen dem Werk und der Biographie eines biblischen Autors vor Augen zu stellen. Elie Wiesel (*1928) schreibt über ihn (Von Gott gepackt. Prophetische Gestalten (engl. 1981), Freiburg - Basel - Wien 1983, 94):

Jeremia war ständig hin- und hergerissen zwischen Gott und Israel, Israel und anderen Völkern, großen Mächten und kleineren, seiner verlorenen Kindheit und seinem unerträglichen Alter. Er verblüfft und interessiert, weckt alle Leidenschaften vom äußersten Hass bis zur absoluten Treue, er ist ein Außenseiter und wird als solcher missverstanden. Er ist, kurz gesagt, ein Überlebender, ein Zeuge. Als einziger der Propheten sagte er die Katastrophe voraus, stand sie durch und lebte weiter, um Bericht zu erstatten. Er allein schlug Alarm vor dem Feuer, und schon von den Flammen versengt, fuhr er fort, davon zu sprechen zu jedem, der hören wollte.

Dass ein Buch das Schicksal seines Verfassers bestimmt, ihm Verfolgung und Verleumdung, aber auch postume Anerkennung und Verehrung einträgt - das wird in der gesamten Bibel kaum je deutlicher als beim Propheten Jeremia; und dass umgekehrt ein Prophet mit seiner Biographie zum lebendigen Zeichen seiner Verkündigung und auf diesem Wege zum wesentlichen Thema des ihm gewidmeten Buches wird - auch das wird in der Bibel am Beispiel des Jeremia besonders klar: von seiner charismatischen Ehelosigkeit (16,1) über seine Bedrohung (11,18-23), Misshandlung (20,1-6) und Inhaftierung wegen missliebiger Prophetie (Kap. 37) bis zu seiner Verschleppung nach Ägypten, wo er verschollen ist (Kap. 42ff).

3 Der Text

Was hat diesen Menschen Jeremia bewogen, so zu leben, so zu leiden - und so zu reden und zu schreiben? Wem hat er sich verantwortlich gefühlt, indem er, abgesehen von kurzen Episoden, Zeit seines Lebens ein Außenseiter gewesen ist? Die Spur zu einer Antwort führt über die Berufungsvision, die in 1,4-10 aufgezeichnet ist:

4Und das  Wort des Herrn geschah zu mir:
"5Noch ehe ich dich im Mutterleib geformt,
habe ich dich erkannt,
noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorgekommen,
habe ich dich geheiligt:
zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt."

6Da sagte ich:
"Ach, Herr Gott,
siehe, ich kann nicht reden,
ich bin ja zu jung."

7Aber der Herr erwiderte mir:
"Sag nicht: Ich bin zu jung,
sondern zu wem ich dich auch senden werde, sollst du gehen,
und was ich dir auch auftragen werde, sollst du sagen.
8Fürchte dich vor ihnen nicht;
denn ich bin mit dir, dich zu retten,
Spruch des Herrn"

9Dann streckte der Herr seine Hand aus
und ließ sie meinen Mund berühren,
und der Herr  sagte zu mir:
"Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.
10Siehe, am heutigen Tag setze ich dich ein über Völker und Königreiche:
auszureißen und niederzureißen,
zu vernichten und umzustürzen,
zu bauen und zu pflanzen."

Der thematische Bogen spannt sich weiter bis zu Vers 19. Zunächst werden zwei weitere Visionen geschildert und ausgedeutet: Jeremia sieht einen Mandelzweig (hebr.: schaqed), der ihm zeigt, wie wachsam (hebr.: schoqed) Gott auf sein Wort (und mithin auch auf dessen Verkünder) achtet (1,11f); und er sieht einen dampfenden, nach Norden geneigten Kessel, der sich ihm als Symbol des von Norden, d.h. aus Babylon zu erwartenden Unheils für Israel erschließt (1,13-16). Schließlich lenkt der Schluss der Komposition wieder auf die Eingangsszene zurück, wenn der Sendungsauftrag, der in der Berufung angelegt ist, präzisiert wird (1,17ff). Jer 1,4-10 ist in seiner vorliegenden Gestalt nicht einheitlich. Der Text ist durch die Hände vieler Anhänger des Jeremia gegangen, die aber auf ihre Weise doch Typisches gerade dieses Propheten eingefangen haben.

4. Die Berufung des Propheten

Jes 1,4-10 ist nach dem Schema eines Berufungsberichts gestaltet, wie es ähnlich in Ex 3, aber auch in Ri 6,11-24 und 1Sam 9,1 - 10,16 begegnet. Im Vergleich mit den Texten über die Berufung seiner prophetischen Kollegen Jesaja und Ezechiel ist immer aufgefallen, wie schlicht und nüchtern bei Jeremia von der ursprünglichen, alles weitere bestimmenden, über sein Leben entscheidenden Erfahrung berichtet wird, von Gott in Dienst genommen und gesendet zu sein. Jesaja wird von der Erde in den himmlischen Thronsaal Gottes versetzt, wo er der gewaltigen Heiligkeit Gottes und damit zugleich der ungeheuren Schuldhaftigkeit seiner eigenen Person und seines eigenen Volkes ansichtig wird (Jes 6). Ezechiel sieht den Himmel sich öffnen und Gott im Gewittersturm aus dem Norden daherbrausen und mitten in der düsteren Wolkenfront den Glanz der himmlischen Herrlichkeit aufleuchten (Ez 1). Auch Jeremia weiß nicht nur von einer Audition, sondern auch von einer Vision (1,9). Doch bleibt dies vergleichsweise unspektakulär - nicht weil Jeremia Scheu hätte, zu erzählen, was er von Gott gesehen hat, sondern weil für ihn das innere, das existentielle Moment der Berufung das alles entscheidende ist: Signifikant scheint bei ihm nicht, dass er ekstatisch in die Sphäre Gottes hineinversetzt, sondern dass er als Mensch, als geschichtliche Person, als junger Israelit ganz und gar von Gott in Beschlag genommen worden ist. Er ist in persona: in seiner Geschichte und seinem Geschick, in seinem Wollen, Denken und Handeln, in seinem menschlichen Wesen das von Gott eingesetzte Medium seiner Kommunikation mit Israel.

Jeremia ist der Sohn eines Priester aus Anatot, einer 5 km nordöstlich von Jerusalem gelegenen Landgemeinde, die zum Gebiet des Stammes Benjamin gehört (1,1). Offenbar vermögend, kann er, selbst kein Priester, Grundbesitz erwerben (Kap. 32) und sich einen Schreiber, eben Baruch, leisten, der 609 in Dienst nimmt und lange Jahre beschäftigt. Vielleicht gehört er zu den "offiziellen" Tempel- und Hofpropheten, deren Aufgabe es war, dem König wie dem ganzen Volk mit Rat und Tat, mit Gebeten und Gottesdiensten, mit Warnungen und Mahnungen zur Seite zu stehen (vgl. 14,1 - 15,9; 19,1). Doch ist dieser sein Brotberuf nichts im Vergleich zu der Berufung, die ihm zuteil geworden ist und die ihm ein für allemal sagt, wie er von nun seines prophetischen Amtes zu walten hat. Nicht weniger als 45 Jahre dieses Dienstes lassen sich aus dem Jeremiabuch belegen.

Mit größtem Nachdruck arbeitet der Text (wohl schon auf der Basis jeremianischer Notizen) heraus, was die Berufung bedeutet: Jahwe ruft Jeremia aus seinen alltäglichen, seinen normalen, seinen professionellen Lebensverhältnissen heraus, um ihn ganz und gar in den Dienst des Propheten hineinzurufen. Beides, das Heraus- und das Hineinrufen, ist allein als ebenso unvorhersehbare wie unwiderrufliche, ebenso souveräne wie gnädige Tat Gottes gekennzeichnet. Wer von Gott berufen wird, ist von ihm "erkannt" und "geheiligt" (V. 5), um von ihm "bestimmt" (V. 5b) und "eingesetzt" zu werden (V. 10b). Jeremia wird "erkannt", nicht insofern er durch besondere Vorzüge die Aufmerksamkeit Gottes weckte, sondern insofern Gottes erwählender Blick unter allen Menschen, die er im Gedächtnis hat, gezielt auf ihn, diesen einen, fällt, um ihn für seine Sendung zu qualifizieren. Jeremia wird "geheiligt", nicht insofern er moralisch untadelig zu leben hätte, sondern insofern Gott ihn in eine ganz und gar von seinem Willen und Wesen bestimmte Lebenssphäre hineinstellt, um ihn zum Diener seines Wortes werden zu lassen. Jeremia wird "bestimmt", nicht insofern sein freier Wille ausgeschaltet würde, sondern insofern Gott sich seiner Person als Mittler bedient, ihn an die entscheidenden Stellen führt und ihn zur rechten Zeit das rechte Wort sagen lässt. Und Jeremia wird "eingesetzt über Völker und Königreiche", nicht insofern er als ihr Herrscher fungierte, sondern insofern er über sie seine prophetischen Worte zu sprechen hat.

Jeremia geht auf, dies alles sei schon vor seiner Zeugung und Geburt von Gott so geplant und gedacht gewesen. Damit sagt er auf der einen Seite, dass es Gottes ewigem Heilsratschluss entspreche, ihn an seinen Platz als Prophet zu stellen und mit seinem Verkündigungsdienst zu beauftragen. Und auf der anderen Seite sagt Jeremia, dass es nicht im mindesten sein Verdienst, sein Anspruch, seine Lebensleistung gewesen sei, die ihn zum Propheten qualifizierte, sondern ganz allein Gottes Gnade, die ihn sein und werden lässt, was er ist. Über seinem Leben steht nicht das Wort des Rene Descartes (1596-1650): cogito ergo sum (Ich denke, also bin ich), sondern dessen Umkehrung: cogitor ergo sum (Ich bin erdacht, also bin ich).

Die Indienstnahme des Propheten ist von einer unbedingten Beistandsverheißung getragen (V. 8): Gott wird immer "mit" seinem Propheten sein, selbst in den dunkelsten Stunden seines Lebens; und er wird ihn "retten", selbst aus tödlicher Gefahr. Die Beistandsverheißung macht von vornherein klar, wieviel Leiden und Anfechtung, wieviel Bedrohung und Verfolgung, wieviel Verkennung und Verleumdung auf den Propheten warten. Jeremia wird in eine Welt hineingesendet, die sich zwar den Anschein der Frömmigkeit gibt, in Wahrheit aber ein Leben gegen Gott führt. Dass Gott in den schweren Stunden der Misserfolge und Zurückweisungen, der Anfechtung und Bedrückung "mit" Jeremia sein wird, heißt nicht, dass er seinen Propheten wunderbar aus jeder Not und jedem Elend befreit, sondern dass er mit Jeremia zusammen an der Taubheit und Verblendung seines erwählten und geliebten Volkes leidet; und dass er seinen Propheten "rettet", bedeutet nicht, dass er ihn vor dem Leiden bewahrt, aber dass er ihn in seinem Leiden nicht zugrundegehen lässt, indem er mit ihm mitleidet und ihm seine Nähe durch das Leiden erweist.

5. Die Autorität des Propheten

Die Vollmacht, die dem Propheten zukommt, ist allein die Macht des Wortes. Nach Vers 10 (der vermutlich auf die Hand eines Redaktors zurückgeht) ist Jeremia "über die Völker und die Königreiche eingesetzt". Das erinnert zum einen daran, dass Jeremia sich Zeit seines prophetischen Wirkens immer auch mit dem Wohl und Wehe der Heidenvölker auseinandergesetzt und als der politische Prophet, der er gewesen ist, Israel immer auch im Mächtespiel der anderen Nationen und Regierungen gesehen hat. Zum anderen weist der Vers darauf hin, welch enorme Autorität und Verantwortung dem Propheten gegeben ist. So bedeutende Rollen auch immer Jojakim und seine Beamten, vor allem aber Nebukadnezar, seine Heerführer und seine Vasallen auf der Weltbühne spielen mögen - in den Augen des Glaubens werden sie durch den scheinbar ohnmächtigen und erfolglosen Jeremia allesamt an die Wand gespielt. Er hat die Hauptrolle: weil nur er etwas zu sagen hat, das wirklich wichtig und gültig ist. Er, der Prophet, ist ihnen allen über, Königen und Generälen, Kanzlern und Priestern: weil er auf Gott zu hören und Gottes Wort zu sagen begnadet worden ist. Die Autorität des Propheten weist sich nicht durch äußeren Glanz, durch Macht und Ansehen aus. Im Gegenteil: Der Prophet erleidet das Schicksal der einfachen Leute in Israel, die niemand fragt und die sich dem Willen der Mächtigen beugen müssen; Jeremia bestimmt nicht die Richtlinien der Politik, noch nicht einmal im kleinen Staate Juda, geschweige im großen Babylon. Er wird vielmehr immer wieder zum Opfer der herrschenden Machtpolitik. Zuletzt teilt er gar das Schicksal der Verschleppten und Verschollenen, deren Namen niemand kennt. Aber in all dieser Erniedrigung kommt es doch letztlich nur auf ihn an, den Gott in seinen Dienst genommen hat: auf das, was er sagt, und auf das, was er erlebt.

Jeremia selbst weiß freilich, dass ihn von Haus aus nichts dazu qualifiziert, diese Rolle zu spielen. Im Gegenteil: Schaut er auf seine natürlichen Fähigkeiten, weiß er, dass Gottes Auftrag ihn überfordert. Er hat sich nicht im mindesten nach der Rolle des Propheten gedrängt. Wie in den Berufungsszenen anderer Propheten und Rettergestalten auch (Ex 3,11; Ex 4,10ff; Ri 6,15; Jes 6,5), wendet Jeremia seine totale Unfähigkeit ein, um auf diese Weise von seinem Auftrag loszukommen. Nicht, dass er zweifelte, ob Gottes Ruf wirklich ihm gegolten hätte, lässt ihn Bedenken äußern, sondern dass er, sobald er auf die eigene Person schaut, meinen muss, Gott habe die falsche Wahl getroffen. Wenn Jeremia einwendet, aufgrund seiner Jugend nicht reden zu können (V. 6), deutet er nicht auf einen Sprachfehler (vgl. Ex 4,10), auf Schüchternheit oder mangelnde rhetorische Bildung hin, sondern darauf, dass er, der Gottes Wort verkünden soll, mangels Erfahrung von sich aus nichts zu sagen hat. Im Einwand des Jeremia spiegelt sich auf der einen Seite das existentielle Wissen um die eigene Unwürdigkeit, das freilich geradezu eine conditio sine qua non ist, um dann wirklich mit der Autorität Gottes auftreten zu können. Auf der anderen Seite deutet der Einwand darauf hin, von welch schöpferischer Macht Gottes berufendes Wort ist: Er selbst, und nur er macht den Propheten zu jedem Boten, den er sich ausersehen hat.

Die Konsequenz im Leben des Jeremia kann nur eine zweifache sein: radikaler Verzicht auf Ansehen der eigenen Person und radikaler Gehorsam gegenüber Gott, der ihn sendet (V. 7b) und der ihm seine ureigene, seine wahre Identität erst vermittelt, indem er ihn beruft (V. 8). Gottes Gegen-Rede in Vers 7 bestreitet nicht, was Jeremia eingewendet hat: Tatsächlich ist er noch sehr jung. Aber er lenkt den Blick des Jeremia von dem weg, was er ist, hin zu dem, was Gott aus ihm macht. Jeremia muss aus der Fixierung auf seine Unfähigkeit, also aus der Fixierung auf seine Person gelöst und zur Konzentration auf das Wort Gottes geführt werden. Da er sich aber zum Propheten hat berufen lassen, stellt er sich mit all seinen Fähigkeiten und Fertigkeiten, mit all seiner Geduld und Leidensfähigkeit, die er im Zuge seines prophetischen Wirkens erst erwerben wird, in den Dienst der Verkündigung.

6. Die Macht des Wortes Gottes

Das Wort, das Jeremia, obgleich eigentlich unfähig, dennoch vollmächtig verkünden soll, ist das Wort Gottes. Gottes Wort hat Macht. Es wird zum geschichtlichen Ereignis: zuerst in der Anrede des Propheten, dann in der Verkündigung durch den Propheten. Die sogenannte "Wortereignisformel" leitet die Berufungsszene ein (1,4); sie wird sich auch in den Versen 11 und 13 und dann immer wieder im Jeremiabuch finden. Mag sie auch redaktionell sein, nimmt sie doch das Spezifikum prophetischen Redens auf: Indem Gott das Wort ergreift und sich äußert, stellt er sofort eine neue geschichtliche Situation her. Sein Wort hat schöpferische Macht. Es verändert die Wirklichkeit: Es "geschieht". Die Wirkung zeigt sich zuerst am Propheten. Durch seine Berufung bekommt er nicht nur eine neue Aufgabe zugewiesen, er wird ein neuer Mensch, dessen Lebensaufgabe (im doppelten Sinn des Wortes) darin besteht, vollmächtiger Künder des Wortes Gottes zu sein. Der Prophet erfährt das Ergehen des göttlichen Berufungs- und Auftragswortes als Widerfahrnis eines Wortes, das ihn unbedingt angeht und ganz mit Beschlag belegt - so dass er fortan mit sich geschehen lassen darf und muss, was dieses Wort ihm zu sagen hat. Es wird für ihn Ereignis, indem es ihn aus seinem bisherigen Leben herausruft und in ein neues Leben des Dienstes am Wort Gottes hineinstellt.

Davon handelt der knappe Visionsbericht in Vers 9. Ähnlich wie nach Jes 6,7 die Lippen des Propheten, der als unreiner Mensch aus einem unreinen Volk stammt, erst mit einer glühenden Kohle vom himmlischen Brandopferaltar verbrannt werden müssen, damit Jesaja Gottes Worte aussprechen kann, so berührt hier, weit weniger dramatisch gestaltet, Gott den Mund des Jeremia, um seine Worte in ihn zu legen. Die intime Geste des Berührens ist ein Ausdruck unverbrüchlicher Beistandsverheißung und gültiger Vollmachtsübertragung. Gottes Berührungsgeste ist einerseits ein Bild dafür, dass er Jeremia befähigt, die Worte zu finden und auszusprechen, die Gott ihm eingegeben hat, und andererseits dafür, dass aus dem Munde des Jeremia nur das Gewicht und Bedeutung hat, was aus Gottes Eingebung stammt.

Gerade weil Jer 1,9 auf jede großartige Ausgestaltung verzichtet, gewinnt die Szene größte Eindringlichkeit. Es ist ein Geschehen, das sich einzig und allein zwischen Gott und seinem Propheten abspielt und das mit grellen Scheinwerfern auszuleuchten (historisch, psychologisch, soziologisch), sich verbieten müsste. Was im Interesse der Menschen, zu denen Jeremia gesendet wird, allenfalls mitgeteilt werden kann, ist dies: Gott berührt den Mund des Propheten; er legt ihm seine Worte in den Mund - und deshalb kann der Prophet, Mensch der er ist und bleibt, zum Sprachrohr Gottes werden.

Wenn dieser Prophet dann auftritt und verkündet, was Gott ihm eingegeben hat, kommt seinem Wort die Autorität des Wortes Gottes zu, so sehr es das von diesem Propheten verkündete Wort ist und bleibt, das nur er gefunden und nur er zu verantworten hat. Indem Gott den Weg wählt, seinen Willen zu bekunden, indem er einen Menschen, dessen Geschichte und Individualität genau bekannt sind, zu seinem Sprecher macht, setzt er sein Wort der Gefahr des Missverstehens, der Ablehnung, der Verdrehung und der Unterdrückung aus. Doch diese Wehrlosigkeit ist nicht nur gewissermaßen der Preis, den Gott zahlt, um die Freiheit der Menschen zu achten; sie ist zugleich die Konsequenz seiner vorbehaltlosen Anteilnahme am Leben der Menschen, die er retten will.

7. Vorschlag für eine Bibelarbeit

Ankommen

  • Singen: GL 687: Dein Wort ist Licht und Wahrheit
  • oder Beten: GL 750 (Ps 119 A)

Lesen

  • Jemand liest den Text der Berufung Jeremias vor. 

Erklären

  • Welche Verständnisfragen ergeben sich beim Lesen?

Diskutieren

  • Was macht die Prophetie des Jeremias aus? 
  • Woran erkennt man, dass sie "echt" ist? 
  • Welche Gestalten aus der Geschichte und Gegenwart würde ich/würden wir als Prophetin oder Prophet gelten lassen? Warum?

Beten: 

  • GL 751 (Ps 119 B)

Die Bibelarbeit beruht auf einem Kapitel aus Thomas Söding, Mehr als ein Buch. Die Bibel begreifen, Freiburg - Basel - Wien 1996

Weiterführende Literatur:

Georg Fischer, Jeremia (HThKAT), Freiburg - Basel - Wien 2005

Thomas Söding, Februar 2008
Katholisches Bibelwerk im Bistum Münster (www.bibelwerk.de)
in Kooperation mit
kirchensite - online mit dem Bistum Münster
(www.kirchensite.de)
Foto: Archiv

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Weitere Bibelarbeiten im Internet:
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