
- Trotz drängender Armut steht das Kästchen für den Weltmissionstagder Kinder bei den Müllers auf der Fensterbank über der Spüle.
Eine Mutter erzählt:
Weihnachten mit Hartz IV
Oldenburger Land. Die meisten Familien stecken in diesen Tagen in den letzten Weihnachtsvorbereitungen. Doch nicht überall sorgt das nahende Fest für besinnliche Vorweihnachtsstimmung bei Tee und Gebäck. Besonders für Familien, die von Hartz IV leben, können die Vorbereitungen zum Alptraum werden. "Kirche+Leben" hat eine Familie im Oldenburgischen besucht.
Erika Müller (Name von der Redaktion geändert) weint. Sie presst die Handflächen vors Gesicht. Ein paar Sekunden schweigt die 41-jährige Mutter. Dann streicht sie eine blonde Strähne zur Seite und reibt sich mit einem Taschentuch die geröteten Wangen. "Entschuldigung", sagt sie. "Manchmal kann ich einfach nicht anders, weil es ja doch nie besser wird."
Sie zuckt mit den Schultern. Von draußen schaut die Familienkatze in die Küche. Nur noch zwei Wochen, dann ist Heiligabend – und Erika Müller weiß noch nicht genau, wie sie das mit den Geschenken für fünf Kinder und fast ohne Geld machen soll.
Die ganze Wahrheit
Sie könne wohl reden, aber nur anonym. Auch der genau Wohnort der Familie soll nicht bekannt werden. Nur soviel: Die Familie lebt in einer Neubausiedlung in Südoldenburg. Dafür will Erika Müller die ganze Wahrheit erzählen. Wie man sich als Hartz IV-Empfängerin zu Weihnachten fühlt. Aber vielleicht hat sie sich das einfacher vorgestellt. Als sie von Heiligabend anfängt, brechen die Tränen aus ihr heraus.
Anfangs spricht sie ruhig, schimpft nur ab und zu. Darüber, wie alles anfing. Das "Dilemma", wie sie es nennt. Eine Geschichte von Schulden und Arbeitslosigkeit. Mehr als zehn Jahre sei ihr Mann schon berufsunfähig. Sie selbst habe mit den Kindern genug zu tun. Woher soll da Geld kommen?
Erika Müller regt sich auf. Über die Ungerechtigkeit des Lebens, das Gerede der Nachbarn, darüber, wie die Kinder in der Schule oder im Sportverein ausgegrenzt würden.
Suche nach Schuld
"Sie wissen ja nicht, wie weh das tut. Wenn der Lehrer unsere Kleinste vor der versammelten Klasse darauf anspricht, dass wir den Beitrag für den Ausflug immer noch nicht bezahlt hätten." Derselbe, der ein anderes Mal den Kindern gedroht hätte: "Wenn ihr weiter so faul seid, landet ihr irgendwann alle bei Hartz IV." Man kann die Gefühle der Mutter nur erahnen, wenn die Tochter so etwas am Mittagstisch erzählt.
Anfangs will auch ihr Mann noch beim Gespräch dabei sein. Bernd Müller ist 46 Jahre alt, ohne Ausbildung und seit mehr als zehn Jahren berufsunfähig. "Ich hatte einen guten Job. Und plötzlich war meine Bandscheibe kaputt", sagt der Mann in Jogginghose und T-Shirt. Seither bleibt er meistens in den eigenen vier Wänden.
Die Nachbarn in der Einfamilienhaus-Siedlung redeten natürlich über die Familie. Einer hat Bernd Müller wegen seiner Berufsunfähigkeit mal "faule Sau" genannt. Die Wut kocht in ihm. "Man wird beleidigt und beschimpft", sagt er. Und dass er mit den anderen in der Straße nichts mehr zu tun haben wolle. Lange würden sie sowieso nicht mehr hier wohnen. Das Haus der Müllers steht zum Verkauf. Noch zahlt die Familie die 700 Euro für Zins und Tilgung ab. Andere laufende Kosten summieren sich auf weitere 300 Euro. Hartz IV und Kindergeld ergeben zusammen 1.590 Euro. Bleiben 590 Euro im Monat zum Leben. Eigentlich zu wenig.
Das Geld reicht nur, weil ein Sohn Arbeit hat und etwas Kostgeld abgibt und die älteste Tochter mit ihrem Säugling ebenfalls in dem 135 Quadratmeter-Haus Unterschlupf gefunden hat. Aber eigentlich reicht das Geld nicht wirklich, zumindest nicht für Weihnachten.
"Ist doch egal", sagt Bernd Müller. "Das Ganze ist doch sowieso nur was für Leute mit Geld. Da haben nur die Geschäfte was davon. Ich brauche Weihnachten nicht. Ist doch alles Blödsinn." Seiner Frau tun die Worte weh. Sie widerspricht vorsichtig. Sie denkt an ihr drei Jüngsten. "Aber die Kinder. Sie sollen sich doch freuen dürfen. Denk doch an Heiligabend."
"Ach, du mit deinem Heiligabend." Wie auf ein Stichwort beginnt der Familienvater zu schluchzen und rennt weinend aus die Küche. "Es ist einfach alles zu viel für uns", erklärt seine Frau. "Gerade zu Weinachten, und wir streiten oft deswegen."
Deshalb muss manches heimlich passieren. Schon seit September blättert Erika Müller Prospekte und Kataloge nach Sonderangeboten durch, will der Not ein Schnippchen schlagen. Und geht dabei mancher Verlockung auf den Leim.
"Ich bestelle auf Raten", erklärt sie. "Die bezahle ich von den 80 Euro im Monat, die ich mir in einer Kneipe dazuverdiene. Damit mein Mann es nicht merkt." Oft zahlt Erika Müller Weihnachtsgeschenke noch bis Ostern ab. Und nicht immer kann sie die Raten pünktlich überweisen. "Dann kommt natürlich jedes Mal noch die Mahngebühr dazu", sagt sie schulterzuckend. "So ist das eben."
Ein paar Geschenke hat sie schon. "Zwei gebrauchte Schul-Rucksäcke aus einer Flohmarkt-Anzeige in der Zeitung. Die waren zwar nicht mehr ganz sauber. Aber ich habe sie gewaschen, und jetzt geht das wohl."
Vor elf Jahren, als Arbeiter im Torfwerk, hatte ihr Mann einige Jahre ganz gut verdient. Manchmal 4.300 Mark im Monat. Weihnachten gab es sogar 3.000 Mark extra. Die Zahlen klingen wie aus einer fernen Welt.
Sicher, sie könnten sich auch bei der Tafel im Nachbarort zwei Mal in der Woche Lebensmittel holen. Erika Müller hat dort auch schon in der Schlange gestanden. "Aber ich habe mich so geschämt, dass ich nicht noch einmal hingegangen bin", sagt sie. Dann will sie lieber versuchen zu sparen. Auch am Adventskranz. Und obwohl es ihr weh tut, wenn die Jüngste fragt, warum zu Hause das Gesteck mit einer einzigen Kerze leuchtet und bei den anderen Kindern nach und nach vier angezündet werden.
Text und Foto: Michael Rottmann in "Kirche+Leben", 19.12.2007
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