Anzeige:
Werbung

kirchensite.de | Online mit dem Bistum Münster: Nachrichten aus der Kirche, katholischer Glaube, Spiritualität, Heiligenlexikon, Veranstaltungen, Seelsorge, Fürbitte, Bibelarbeiten, Dossiers.

. . . . .
Seite: Aktuelles  >  Archivartikel
22.07.2017
Artikel drucken
Logo kirchensite.
Aus dem kirchensite.de-Archiv
Der Engel verheißt die Geburt Jesu, des Retters.

Bibelarbeit im Dezember 2007

"Mir geschehe nach deinem Wort"

Der Glaube Marias (Lk 1,26-38)

1. Marienbilder

Maria ist im Volk beliebt – die Theologie tut sich schwerer mit ihr. Frauen stehen ihr näher als Männer, jedenfalls im Durchschnitt. Je einfacher die Menschen, desto inniger die Frömmigkeit; je gebildeter, desto größer die Zweifel – Ausnahmen bestätigen die Regel. Die schönsten Kirchenlieder sind Marienlieder, doch im "neuen geistlichen Lied" kommt sie kaum vor. Die traditionelle katholische Frömmigkeit ist marianisch gefärbt – sind die Zeiten vorbei? Kein Artikel des Glaubensbekenntnisses stößt auf größere Zweifel als die Jungfräulichkeit Mariens. Mit der modernen Wissenschaft scheint sie unvereinbar. Und mit den modernen Frauenbildern scheinen die katholischen Marienbilder nichts zu tun haben, vom Kitsch ganz zu schweigen.

Doch der Schein trügt. Es lohnt sich, genauer hinzusehen. Das Glaubenskenntnis sagt über Maria nichts, was nicht die Bibel auch sagt. Wenn sie als Gottesmutter verehrt wird, geht es gerade darum, das Menschsein Jesu in seiner göttlichen Heilsbedeutung zu erfassen. Umgekehrt: Wem das Menschsein Jesu wichtig ist, muss auch Maria am Herzen liegen, die Mutter Jesu.

Ein genauer, ein kritischer, auch selbstkritischer Blick in die Bibel öffnet die Augen. Was dort von Maria geschrieben steht, macht sie zur Mutter der Glaubenden. Martin Luther hat das noch gewusst und gespürt. In der modernen evangelischen Theologie haben erst Feministinnen Maria neu entdeckt. Das ist ein ökumenisch hoffnungsvolles Zeichen.

Eine christliche Göttin ist Maria allerdings nicht. Die Polemik des Koran gegen die christliche Trinitätslehre richtet sich gegen die Vorstellung, neben Gott, dem Vater, und Jesus, dem Sohn, gehöre Maria, die Mutter, ins himmlische Dreigestirn. Das hat mit dem christlichen Glauben nichts zu tun.

Umso wichtiger ist es, die ursprüngliche Bedeutung der neutestamentlichen Marientexte zu eruieren. Dann zeigt sich, dass sie zuerst als Glaubende vor Augen tritt und in darin nicht nur eine Vorbildfunktion hat, sondern selbst in das Heilshandeln Gottes durch Jesus Christus einbezogen ist.

Ihr Glaube ist bezogen auf das Wort Gottes. Ihr Glaube kommt vom Hören. In ihrem Glauben kommt das Wort an.

2. Der Text (Lk 1,26-38)

26Im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott in eine Stadt Galiläas mit Namen Nazareth gesandt 27zu einer Jungfrau, die verlobt war einem Manne namens Joseph aus dem Hause Davids, und der Name der Jungfrau war Maria. 28Und der Engel trat bei ihr ein und sagte: "Gegrüßet seist Du, Begnadete, der Herr ist mit Dir."
29Sie aber erschrak über dieses Wort und überlegte, welch ein Gruß dies sei.
30Und es sprach der Engel zu ihr: "Fürchte dich nicht, Maria, denn Gnade hast du gefunden bei Gott. 31Und siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und Du wirst seinen Namen Jesus nennen. 32Der wird groß sein und Sohn des Höchsten heißen und geben wird ihm Gott, der Herr, den Thron seines Vaters David 33und herrschen wird er über das Haus Jakob in Ewigkeit und seiner Herrschaft wird kein Ende sein."
34Maria aber sprach zum Engel: "Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?"
35Und der Engel antwortete ihr: "Der Heilige Geist wird über dich kommen und die Kraft des Höchsten dich überschatten. Darum auch wird das Heilige, das geboren wird, Sohn Gottes genannt werden. 36Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, selbst sie erwartet einen Sohn in ihrem Alter, und jetzt ist der sechste Monat bei ihr, die als unfruchtbar genannt wurde. 37Denn kraftvoll sein wird bei Gott jedes Wort. ".
38Da sagte Maria: "Siehe, ich bin die Magd des Herrn. Mir geschehe nach deinem Wort"
Und es verließ sie der Engel.

3. Wunderbares Leben

In seinem "Kindheitsevangelium" erzählt Lukas von Johannes dem Täufer und von Jesus. Groß ist das Wunder bei der Geburt des Johannes: Elisabeth und Zacharias, beide kinderlos und längst über der Altersgrenze, werden Vater und Mutter. Größer ist das Wunder bei der Geburt Jesu: Die Jungfrau Maria, die mit Joseph verlobt ist, aber noch keinen Mann "erkannt" hat, wird schwanger – vom Heiligen Geist. Groß ist Johannes der Täufer: "Du wirst dem Herrn vorangehen und ihm den Weg bereiten" (Lk 1,76). Größer ist Jesus von Nazareth: der "Heiland, der Messias, der Herr" (Lk 2,11). "Wunder" heißt im einen wie im anderen Fall: Gott handelt, wo menschliches Handeln keine Möglichkeit hat. Gott handelt mit Menschen, durch Menschen, an Menschen; er handelt so, dass er die Fakten bestimmt. Er ist der Gott des Lebens.

Die Geschichte von Zacharias und Elisabeth reiht sich in eine ganze Kette biblischer Männer- und Frauengeschichten ein, die wunderbare Geburten zu erzählen wissen: Abraham und Sara, Jakob und Rachel, Elkana und Hanna sind nur die bekanntesten Paare. Ihre menschlichen Möglichkeiten sind am Ende – und dann kommt doch noch das heiß ersehnte Kind zur Welt. Solche Wunder gibt es immer wieder, Gott sei Dank. An ihnen kann aufgehen, dass die Geburt eines jeden Kindes ein Wunder ist. Wer Kinder hat, weiß es am besten: Kind werden nicht "gemacht"; sie werden geschenkt. Jedes Kind ist ein kräftiges Lebenszeichen, dass Gott die Menschen liebt und will, dass es Leben gibt auf dieser Welt. Die wunderbaren Geburten, die es immer wieder gibt, sind keine Zaubereien, sondern Spitzenwerte der Schöpferkunst Gottes, ohne die es gar kein Leben gäbe. Die wunderbaren Geburten, von denen das Alte Testament berichtet, geschehen an Knotenpunkten der Heilsgeschichte. Ohne sie hätte Gott seine Verheißungen nicht erfüllt. An ihnen kann abgelesen werden, was Gott mit den Menschen vorhat: sie auf den des Heiles zu führen.

Die Geburt Jesu ist die unendliche Steigerung wunderbaren Geburten, die zeigen, wie wunderbar das Leben ist, wenn es mit Gottes Augen angeschaut wird. Die lukanische Erzählung stimmt mit dem Glaubensbekenntnis der Urkirche überein: Jesus ist der Sohn Gottes. Er wird es nicht irgendwann im Laufe seines Lebens und Sterbens. Er ist es von Anfang an. Die Geburt Jesu aus der Jungfrau Maria, von der Lukas berichtet, ist kein besonders raffinierter Trick Gottes, sondern das A und O der Menschheitsgeschichte. In dieser einen Geburt liegt der Sinn aller Geburten verborgen: dass nämlich jeder Beginn irdischen Lebens ein Vorschein des ewigen Lebens und jede Freude über die Geburt eines Menschenkindes der Vorgeschmack himmlischer Seligkeit sein kann.

Aber nicht erst seit der Geburt, sondern von Moment seiner Empfängnis an ist der Mensch Jesus Gottes Sohn. Das wird man zwar erst später erkennen – und nie wird es unumstritten sein. Aber es macht sein Wesen aus. Sein Menschsein wird dadurch nicht gemindert, im Gegenteil: "Empfangen durch den Heiligen Geist", wie das Credo im Anschluss an Lukas und Matthäus sagt, beginnt Jesus, "geboren aus der Jungfrau Maria" sein irdisches Leben, in dem er nicht als Halbgott in Weiß über die Erde wandelt, sondern als Gottes Sohn das Leben der Menschen teilt.

4. Große Verheißung

Der Engel verheißt die Geburt Jesu, des Retters. Das färbt auf die Mutter ab, sonst wäre Jesus nicht wahrhaft als Mensch geboren. Die Aussagen über Maria sind gehaltvoll und nachdenkenswert. Der Erzähler begnügt sich mit dürren biographischen Angaben: Jungfrau, wohnhaft in Nazareth, Verlobte des Davididen Joseph, Maria mit Namen.

Die theologisch entscheidenden Aussagen trifft der Text durchweg mit Engelszungen:

Vers 28
Gegrüßet seist Du.
Begnadete,
der Herr ist mit Dir

Vers 30
Gnade hast du gefunden bei Gott.

Sehr viele alte Handschriften ergänzen noch den ersten Engelsgruß:

Vers 28
Du bist gesegnet unter den Frauen.

Und einzelne führen fort:

Vers 28
… und gesegnet ist die Frucht deines Leibes.

Das Ave Maria ist aus dem Lukasevangelium herausgelesen worden – und hat dann wohl in einzelnen Handschriften des Neuen Testaments abgefärbt. Schon der erste Gruß kündigt an, welche Frohe Botschaft der Engel für Maria hat – und dass sie nicht kalt lassen kann, was er mitzuteilen hat, sondern dass es ihr ganzes Leben prägt. Die Gnade, die ihr zuteil wird, ist einzigartig. Denn Gott ist einzig, und Jesus ist nicht ein Göttersohn neben vielen, sondern der eine und einzige Sohn des einen und einzige Gottes, der messianische Retter, wie die Engel ihn auf dem Hirtenfeld verkünden werden. "Der Herr ist mit dir" ist kein frommer Wunsch, sondern die Wahrheit ihres Lebens: dass sie die Mutter Jesu ist. Weil Jesus nach Matthäus, der Jesaja zitiert (1,23), der "Immanuel" ist, "Gott mit uns", deshalb gilt für Maria, seine Mutter: "Der Herr ist mit dir".

Im Lukasevangelium ist das "Magnifikat" ein Echo (Lk 1,46-55):

"48Auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut.
siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter;
49denn Mächtigre hat Großes an mir getan."

Die Verheißung für Maria, so groß sie wirkt, ist aber nur ein Ausdruck der größeren Verheißung Jesu Christi. Über ihn sagt der Engel:

Vers 32
Der wird groß sein
und Sohn des Höchsten heißen
und geben wird ihm Gott, der Herr, den Thron seines Vaters David

Vers 33
und herrschen wird er über das Haus Jakob in Ewigkeit und seiner Herrschaft wird kein Ende sein.

Vers 35
Das Heilige, das geboren wird, wird Sohn Gottes genannt werden.

Die Verse sind gespickt mit alttestamentlicher Theologie. Sie knüpfen an die Verheißung des Propheten Nathan an, Gott werde dem Königshaus Davids ewigen Bestand verleihen (2Sam 7), und laden sie durch die Hoffnung des Propheten Daniel auf, jenseits des Todes, des Gerichtes, des Jüngsten Tages werde das Reich Gottes kein Ende mehr haben (Dan 2.7.12). Das aber setzt voraus, dass Gott sich nicht an die männliche Zeugungskraft bindet, die dem davidischen Königshaus immer einen neuen Stammhalter zu garantieren hätte. Menschliche Herrschaft ist immer Herrschaft auf Zeit. Keine Menschenherrschaft hat die Gottesherrschaft darstellen. Israel hat das schmerzlich erfahren: Die davidische Königskette ist seit dem Babylonischen Exil ein halbes Jahrtausend vor Christi Geburt unwiderruflich zerrissen. Ist damit Gott widerlegt?

Damit finden sich fromme Juden nicht ab. Mit ihnen haben sich die ersten Christen, ihrerseits Juden, verbündet. Freilich: Gott kann nicht einfach da weitermachen, wo Menschen gescheitert sind. Er muss ganz neu ansetzen. Sein Schöpferwort ist gefragt. Und dass es ergangen ist – das wird Weihnachten gefeiert. Jesus ist und bleibt als Messias der Sohn Davids. Wäre es anders, würde die Geschichte Israels geleugnet, Aber er ist es nicht durch Joseph, obgleich der aus dem Hause Davids stammt, sondern durch den Heiligen Gottes. ";Man hielt ihn für den Sohn Josephs", schreibt Lukas später (3,23). Wer glaubt, weiß es besser. Dass die junge Frau, die nach Jesajas Verheißung den "Immanuel" gebären soll (Jes 7,14), eine "Jungfrau" ist, sagt schon die jüdische Übersetzung der Bibel ins Griechische Jahrhunderte vor Christi Geburt – in der Hoffnung. Gott werde durch ein Wunder seine Verheißungen doch noch erfüllen. Im Horizont dieser Hoffnung läst sich auch die Jesusgeschichte von ihrem Anfang sehen.

Manche Mythen der Völker, besonders der Ägypter, reden von der göttlichen Zeugung eines göttlichen Kindes. Doch geht es dann um die religiöse Überhöhung eines Sexualaktes: Der Gott wohnt in Gestalt eines Mannes der Mutter bei, die dann keine Jungfrau mehr ist. Das Neue Testament öffnet eine ganz andere Welt. Weihnachten ist nicht das Fest sakralisierter Sexualität, sondern der Menschwerdung Gottes. In dem Mythen königlicher Götterkinder mag sich die Ahnung göttlicher Schöpferkraft, die Hoffnung auf Goldene Zeiten widerspiegeln. Das Evangelien führt diese Ahnungen und Hoffnung auf ihre Wurzel zurück: die Begegnung Gottes mit den Menschen. Nirgendwo kann sie größer sein als in Maria, der Mutter Jesu – wenn die Menschwerdung Gottes keine Idee, sondern ein Ereignis ist.

5. Mütterliche Glaube

Die Gnade, die Maria erfährt, besteht darin, dass sie die Mutter Jesu ein wird. An diesem Jesus hängt auch ihr ganzes Glück und Heil. Denn Jesus ist der Sohn Gottes, der im Namen Gottes das Reich Gottes für das Volk aufrichten wird, "und seiner Herrschaft wird kein Ende sein" (Lk 1,32f.). Im gesamten Evangelium wird Lukas erzählen, wie Jesus diesem Auftrag nachgekommen ist. Der Bogen spannt sich aber bis in die Gegenwart der Auferstehung und bis zur Zukunft des vollendeten Reiches Gottes, das Jesus heraufführen wird.

Maria ist davon geprägt. Ihre Mutterrolle ist stark betont. Dreifach wird sie von Gabriel beschrieben:

Vers 31
Und siehe, du wirst schwanger werden
und einen Sohn gebären,
und Du wirst seinen Namen Jesus nennen.

Die Schwangerschaft führt zur Geburt. Das ist Frauensache. Die Namensgebung aber ist traditionell Männersache. So wird Zacharias, mit Stummheit geschlagen, auf eine Tafel schreiben: "Sein Name ist Johannes" (Lk 1,66). Bei Maria und Jesus ist es anders: Sie gibt den Namen. Die Namensgebung ist ein kleines Bekenntnis. Denn "Jesus" heißt: Gott hilft. Maria ist die erste, die ihr Kind beim Namen ruft. Nomen est Omen. Maria ist die erste, die sich zu Jesus bekennt: aus Liebe der Mutter zu ihrem Kind.
Dass es eine Kehrseite gibt, verschweigt Lukas nicht.

Deine Seele wird ein Schwert durchdringen,

prophezeit der greise Simeon der jungen Mutter, da Jesus im Tempel "dargestellt" wird (Lk 2,35).

Zur Verkündigungsszene in Nazareth gehört führt die Künstler aller Zeiten die Pietà. Lukas ist zurückhaltender und spricht nicht von Maria unter dem Kreuz. Aber er weiß, welchen Weg Jesus nehmen wird. Und mit den Worten eines jüdischen Propheten sagt er, dass Maria Anteil an diesem Weg nehmen wird.

Lukas zeichnet in seiner Erscheinungserzählung ein farbiges Marienbild mit einigen überraschenden Zügen. Aufschlussreich sind die Verben, mit denen ihr Handeln beschrieben wird.

Vers 29:
Sie erschrak …
und überlegte …

Vers 34
Maria sprach zum Engel:

Vers 38
Da sagte Maria:

Mit einer scheuen, stillen Frau, als die sie häufig dargestellt worden ist, hat das nichts zu tun. Im Gegenteil: Ihr Erschrecken zeigt, dass sie vom Heiligen berührt ist. Sie "überlegt" (Vers 29) und sie fragt: "Wie soll das geschehen?" (Vers 34). Zum lukanischen Marienbild gehört Nachdenklichkeit: "Seine Mutter bewegte alle diese Worte in ihrem Herzen", heißt es zum Schluss der Kindheitsgeschichte Jesu (Lk 2,51). Auf sehr vielen Bildern ist Maria mit einem Buch dargestellt. Sie steht für da Ideal einer gebildeten Frau, die weiß, was sie sagt – und weiß, wann sie schweigt, weil sie vor dem Geheimnis des lebendigen Gottes steht.

Ihr letztes Wort ist ein Bekenntnis: "Siehe, ich bin die Magd des Herrn." Unterwürfigkeit wäre das falsche Wort. Gehorsam ist besser: Maria hört – und bejaht, was sie gehört hat: das Wort Gottes aus dem Munde eines Engels.

Liest man nur einen Vers weiter, kommt ein neuer Aspekt des neutestamentlichen Marienbildes zum Vorschein (Lk 1,39f.):

Maria aber stand auf in diesen Tagen und ging ins Gebirge voller Eile in eine Stadt Judas und kam in das Haus des Zacharias und grüßte Elisabeth.

Der Aufbruch Marias zeigt ihre Beweglichkeit, ihre Freiheit. Gefahrlos war der Weg nicht, schon gar nicht für eine junge Frau. Aber damit nicht genug. Maria macht sich auf zu Elisabeth – und eigentlich sollte es anders sein, weil Maria den "Herrn", Elisabeth aber "nur" seinen Vorläufer zur Welt bringen wird. Der Weg Marias durchs judäische Gebirge, in hunderten Liedern besungen und in tausenden Bildern darstellt, nimmt die Wege vorweg, die Jesus gehen wird, der nicht wartet, bis die Menschen zu ihm kommen, sondern selbst unterwegs ist, um sie zu suchen und zu finden.

6. Schöpferisches Wort

Dass die Geburt Jesu aus der Jungfrau Maria ein Ding der Unmöglichkeit ist, sagt nicht erst die Aufklärung, sondern schon das Neue Testament. Alle neuen Erkenntnisse der Biologie, der Genetik, der Gynäkologie unterstreichen nur, was auch schon Maria klar ist: Es gibt keine natürliche Erklärung für ihre Schwangerschaft. Jeder Versuch, sie zu geben, muss scheitern, weil die Geburt Jesu sich ganz und gar dem Schöpferwort Gottes verdankt.

An dieser Stelle scheiden sich die Geister. Die Skeptiker verweisen die Mariengeschichte ins Reich der Legende. Einige glauben sogar, der Skandal eines sexuellen Fehltritts solle vertuscht, andere, der Makel einer Vergewaltigung verbrämt werden. Nichts davon lässt sich den Quellen entnehmen. Dass die Nazis solche Theorien aufgewärmt haben, um die aberwitzige Theorie zu vertreten, Jesus sei "Arier". könnte denken lassen, sie seien ein für alle mal unmöglich geworden. Leider fehlt es hier er in weiten Teilen der öffentlichen Diskussion an kritischer Intelligenz.

Aus anderem Holz sind jene Theorien geschnitzt, die besagen, die ganze Bethlehem- und Jungfrauen-Tradition sei dem Umstand geschuldet, dass der Messias in der Stadt Davids geboren worden sein müsse, und zwar nach der – griechisch übersetzten Jesaja-Verheißung – als Sohn der Jungfrau. Dann wären die Weihnachtsgeschichten erzählerische Illustrationen eines judenchristlichen Messiasdogmas. Es wären nicht Phantasiegebilde, aber einer historischen Basis würden sie entbehren. Ihre Wahrheit bestünde ausschließlich in ihrem ideellen Wert.

Darin liegt das Problem. Denn Jesus ist ja nicht eine Idee, sondern der Sohn Gottes. Allerdings ist es richtig, dass es den messianischen Erwartungshorizont Israels gibt und dass das Neue Testament in ihm entstanden ist, genährt durch den Glauben an die Auferstehung Jesu Christi. Es kann auch gar keinen Zweifel geben, dass die neutestamentlichen Evangelien stark die Handschrift der Evangelien zeigen und das ganze Christusgeschehen als "schriftgemäß" ausweisen wollen.

Aber daraus folgt noch nicht, dass die Weihnachtserzählungen nur Illustrationen vorgefertigter Glaubenssätze und theologischer Postulate wären. Den entscheidenden Fingerzeig gibt die Verkündigungsgeschichte selbst. Häufig wird übersetzt: "Bei Gott ist kein Ding unmöglich" (Lutherbibel und Zürcher Bibel) oder "Für Gott ist nichts unmöglich" (Einheitsübersetzung, Benedikt-Bibel) oder "Alle Dinge sind möglich bei Gott" (Bibel in gerechter Sprache). Das könnte auf den Gedanken göttlicher Willkür verfalle lassen: dass er mit einem Brachialakt des Willens die Gesetze der Natur überlistet und so ewiges Heil geschaffen habe. Aber das griechische Wort Rhema heißt nicht nur eigentlich "Sache", sondern "Wort", wirkendes Wort. Der Engel verkündet Maria (Lk 1,37):

Denn kraftvoll sein wird bei Gott jedes Wort.

Dann erinnert die Verkündigung an den Schöpfungsbericht. So wie es keine natürliche Erklärung dafür gibt, weshalb es das Leben dieser Welt gibt (weil jede Erklärung eo ipso schon voraussetzen muss, was sie erklären will), so gibt es auch keine natürliche Erklärung für die Geburt des Gottessohnes Jesus aus der Jungfrau (weil jede Erklärung, die Gottes Handeln begrenzt sieht, ihn auf Menschmaß zurechtstutzt).

Die Jungfrauengeburt ist eine Glaubenssache: des Glaubens an Gottes Schöpferwort. Gibt es, wofür Jesus einsteht, Gottes Handeln in der Geschichte? Gibt es Erlösung? Kommt das Reich Gottes nahe? Wer diese Fragen beantwortet, hat keinen stichhaltigen Grund, die Jungfrauengeburt in Frage zu stellen.

Das Macht Maria vor. Sie nimmt genau das Wort Gabriels auf. Ungenau sind wiederum die Lutherbibel und Einheitsübersetzung: "Mir geschehe, wie du es gesagt hast". Das klingt fast ein wenig nach blindem Gehorsam gegenüber einem Boten Gottes. Marias Wort ist aber freier, tiefer, offener (wie in der Benedikt-Bibel):

Mir geschehe nach deinem Wort.

Das Wort, das der Engel für sie hat, ist das Wort Gottes. Diesem Wort folgt sie. Das macht sie zur "Magd des Herrn".

7. Vorschlag für die Gestaltung einer Bibelstunde

Ankommen

  • in der Weihnachtszeit: GL 132 Es ist ein Ros’ entsprungen
  • im Rest des Jahres: GL 588 Sag an, wer ist doch diese

Lesen 

Lk 1,26-38

Besprechen 

  • Welche Aussagen des Textes sprechen Sie besonders an? Weshalb
  • Wo machen Sie ein Fragezeichen? Weshalb?
  • Wo erkennen sie im Wort des Engels den Jesus der öffentlichen Verkündigung wieder? Wo gibt es Hinweise auf den Tod und die Auferstehung?
  • In welchem Kontext steht die Verkündigung der Geburt Jesu aus der Jungfrau Maria? Welche Fragen haben Sie?

Vertiefen 

  • Welche Bedeutung spielt Maria für Ihren Glauben? Welche Züge ziehen sie an? Wo haben Sie Schwierigkeiten?
  • Welche anderen Vorbilder im Glauben haben Sie? Welche Bedeutung spielt für die das Wort Gottes?

Beten 

Das Magnifikat (Lk 1,46-55) GL 689.

Weiterführende Literatur:

  • Peter Stuhlmacher, Die Geburt des Immanuel. Die Weihnachtsgeschichten aus dem Lukas- und Matthäusevangelium, Göttingen 2005

Thomas Söding, Dezember 2007
Katholisches Bibelwerk im Bistum Münster (www.bibelwerk.de)
in Kooperation mit
kirchensite - online mit dem Bistum Münster
(www.kirchensite.de)
Foto: Michael Bönte

Die Bibelarbeit zum Download...

(Zum Anzeigen der Texte ist der Acrobat-Reader erforderlich. Falls Sie diesen nicht haben, können Sie ihn hier kostenlos runterladen: Der Acrobat-Reader zum Download…)

Weitere Bibelarbeiten im Internet:
www.kirchensite.de/bibelarbeiten

Das Evangelium hören

Service für Sie

Facebook

RSS-Feed Topnews

Öffnet internen Link im aktuellen FensterNewsticker für Ihr Web


Anzeigen-Sonderthema


Heiligenlexikon in "kirchensite.de"

im Heiligenkalender können Sie nach Monaten blättern. Oder wählen Sie hier nach Buchstaben aus:

 

Kontakt

  kirchensite-Redaktion:
  redaktionkirchensite.de

  Technik:
  technikdialogverlag.de

Dialogversand