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30.07.2016
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Thomas Söding.

Interview mit Prof. Södingzur neuen Enzyklika:

"Personifizierte Hoffnung"

Bistum. Der Papst setzt mit seiner neuen Enzyklika ein Zeichen der Hoffnung. Das erklärt der Bibelwissenschaftler Professor Thomas Söding (Münster/Wuppertal) im Interview mit "kirchensite.de". Er erläutert zudem, warum der Papst keine Scheu hat, Fehler und Schwächen der Kirche zuzugeben.

"kirchensite.de": Wie bewerten Sie die neue Enzyklika?

Thomas Söding: Der Papst setzt ein Zeichen der Hoffnung. Er bleibt seiner Linie treu. Nach der Enzyklika über die Liebe kommt eine über die Hoffnung. Benedikt XVI. will die großen Themen des Christentums aufgreifen und ins Gespräch bringen. Das ist ihm gelungen. Das ewige Leben ist eine starke Sehnsucht der Menschen. Die Enzyklika zeigt mit dem Neuen Testament und mit großen Stimmen aus der Tradition der Kirche, aber auch aus unserer Gegenwart, dass diese Sehnsucht berechtigt ist und dass zu hoffen steht, dass sie über die Maßen erfüllt werden kann.

"kirchensite.de": Welcher Zusammenhang besteht zur seiner ersten Enzyklika "Gott ist  die Liebe"?

Söding: Glaube, Hoffnung, Liebe sind die drei "theologischen Tugenden". Paulus hat sie in seinen Briefen als Kurzformel des Christenseins geprägt. Gott ist Liebe - dass dieser Satz wahr ist, kann man nicht einfach sehen, beweisen und hoffen. Man muss, man darf hoffen, dass er wahr ist und sich noch viel tiefer bewahrheiten wird, als wir zu hoffen wagen. Und das Leben mit Gott ist das letzte Ziel aller Hoffnung, weil Gott die Liebe ist.

"kirchensite.de": Fast zwei Drittel der jungen Erwachsenen in Deutschland glauben einer Umfrage zufolge nicht mehr an eine positive Zukunft; bei den Erwachsenen ist es laut zahlreicher Umfragen nicht anders. – Und jetzt predigt der Papst die Hoffnung. Glauben Sie, dass die Botschaft ankommt?

Söding: Der Papst macht sich keine Illusionen. Er weiß und schreibt, dass das ewige Leben für viele Menschen nicht mehr erstrebenswert scheint. Aber er analysiert auch,  weshalb. Er sucht die Schuld nicht bei den Menschen, die angeblich nur noch egoistisch wären. Er fragt vielmehr, ob nicht die Neuzeit mit ihrem Fortschrittsglauben und die moderne westliche Theologie mit ihrer individualistischen Verkürzung der Heilshoffnung wesentlich zu der Krise der Hoffnung beigetragen haben, alles werde gut. Selbst die größten Erfolge in der Medizin und der Technik werden nie das Leid aus der Welt schaffen können. Das stürzt den modernen Menschen in eine tiefe Depression. Und wenn die Theologie nur antwortete: "Rette deine Seele" – wo blieben dann die anderen? Der Papst  drückt sich klar und verständlich aus. Er hat etwas zu sagen, und er kann es auch ausdrücken. Ich denke schon, dass diese Botschaft ankommt.

"kirchensite.de": Der Papst sagt, dass der Mensch ohne Gott hoffnungslos ist. – Warum ist das so?

Söding: Es gibt auch bei den Menschen, die nicht an Gott glauben können oder wollen, viele Hoffnungen. Diese Hoffnungen – auf Liebe, auf Gerechtigkeit, auf Frieden – sind gut. Das ist ein wichtiger Gedanke der Enzyklika. Aber wer – wie der Papst – realistisch ist, weiß, dass keine dieser Hoffnungen auf Erden ewig in Erfüllung gehen kann. Jede dieser Hoffnungen wird irgendwann zerbrechen – und was dann? Nur wenn es möglich wäre, noch die letzte Schwelle der Hoffnung zu überschreiten, an der alles menschliche  Tun endet, gibt es die ganz große Hoffnung, von der die Bibel spricht. Ewiges Leben gibt es nur in Gott.

"kirchensite.de": Was sagt die Bibel über die Hoffnung?

Söding: Die Bibel ist im Alten wie im Neuen Testament ein Buch der Hoffnung auf Gerechtigkeit: einer himmlischen Gerechtigkeit, die zugleich höchste Barmherzigkeit ist. Diese Hoffnung trägt im Neuen Testament den Namen Jesu Christi. Die Bibel lädt die  Menschen ein, sich in ihrem Hoffnung nicht mit zu wenig zufrieden zu geben. Wer nur auf Geld, Macht, Ansehen hofft, ist arm dran. Wer hingegen hofft, glücklich zu sein und dabei andere in sein Herz schließt, der – so Benedikt XVI. – ist schon auf dem Weg, jene Hoffnung zu hegen, die niemals enttäuscht werden wird.

"kirchensite.de": Wenn Jesus kein Freiheitskämpfer war –ist er dennoch ein Hoffnungsträger?

Söding: Nicht dennoch, sondern deshalb. Wäre er ein Freiheitskämpfer gewesen, hätte er sich in den Kampf der Mächtigen eingemischt; er hätte ihre Mittel verwenden müssen, Stärke zu zeigen; er hätte gewaltsam eine Art Gottesstaat auf Erden errichten müssen.  Aber sein Reich ist nicht von dieser Welt. Es ist größer, weiter, freier. Jesus hat den Menschen die Freiheit  gebracht, indem er sie von der Fixierung auf sich selbst befreit hat. Freiheit entsteht auf Liebe: Liebe zu Gott und zum Nächsten.

"kirchensite.de": Worin unterscheidet sich das christliche Hoffnungs-Verständnis von dem anderer Religionen und Ideologien?

Söding: Zwischen Religionen und Ideologien muss man strikt unterscheidet. Das Problem  neuzeitlicher Ideologie war es, so kritisiert der Papst, Gott nicht Gott sein lassen und neue Götter auf den Thron zu heben wollen. Das fällt hinter die wesentliche Unterscheidung Jesu zurück: Gebt dem Kaiser, was der Kaiser, und Gott, was Gottes ist. Dass Jesus alles Gewicht auf Gott legt, versteht sich von selbst. Mit den Unsterblichkeitshoffnungen vieler Religionen weiß sich das Christentum aber innerlich verbunden. Es ist nicht angetreten, um sie zu negieren, sondern um entdecken zu lassen, wie wahr sie sind. Das Besondere der christlichen Hoffnung ist, dass sie sich nicht auf Etwas, sondern auf Jemanden, nicht auf eine Sache, sondern eine Person richtet: auf die Anteilgabe an der Gemeinschaft zwischen dem Vater und Sohn im Heiligen Geist, der Liebe in Vollendung. Das kann keine andere Religion versprechen.

"kirchensite.de": Der Christ lebt in der Spannung zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen dem Schon und dem Noch-Nicht: Liegt dazwischen die Hoffnung?

Söding: Paulus schreibt: Auf Hoffnung hin sind wir gerettet. Mit diesem Wort beginnt der Papst seine Enzyklika. Wenn die Gläubigen auf Jesus Christus schauen, schauen sie auf den Erlöser, den auferweckten Gekreuzigten. Sie schauen dann auch auf die Erlösung,  weil Jesus ganz und gar für sie und – der Papst betont es stark – für alle gelebt hat und gestorben ist. Aber wer all das Leid in der Welt sieht, wer ehrlich ist und die eigene Schwäche, die eigene Schuld zugibt – wer wollte dann sagen, die Erlösung sei schlechterdings schon zu erfahren? Am Ende eines jeden Lebens steht der Tod. Das wird von Jesus nicht übersprungen. Hoffnung ist, wie Paulus sagt, immer Hoffnung wider alle Hoffnung. Aber das eben ist die stärkste Hoffnung.

"kirchensite.de": Auf was darf der Christ hoffen? Und welche Hoffnung ist hoffnungslos?

Söding: Es gibt fehlgeleitete, falsche, unrealistische Hoffnungen. Aber in vielen dieser Hoffnungen auch ein Körnchen Wahrheit zu entdecken. Alle Hoffnungen, die den Menschen ins Zentrum rücken wollen, aber ihn vor dem Ewigen abschotten wollen, müssen scheitern. Christen dürfen hingegen auf den Menschen hoffen: nämlich auf Jesus von Nazaret, der am Ende wiederkommt und sie hineinholt ins Reich Gottes und  verwandelt im Geist Gottes. Im Namen Jesu hoffen sie auf den lebendigen Gott, der sie nicht vernichten, sondern retten will. Und sie hoffen auch für andere,  auch für solche, die nicht glauben.

"kirchensite.de": Der Papst fordert kirchliche Selbstkritik ein: Hat die Kirche Hoffnungen der Menschen betrogen? Wo muss sie eintreten, wo darf sie nicht Hoffnung als Vertröstung predigen, wo aber muss sie sagen: "Ihr dürft auf mehr hoffen!"?

Söding: Der Papst hat, Gott sei Dank, keine Scheu, Fehler und Schwächen der Kirche zuzugeben – weil er um ihre Stärke weiß. Diese Stärke ist die Hoffnung, mit der sie unterwegs ist. In "Deus Caritas est" hatte Benedikt XVI. offen von den Schwierigkeiten der katholischen Kirche gesprochen, sich in der Demokratie zurechtzufinden. Jetzt, in "Spe salvi", spricht er, von der Schwierigkeit der neuzeitlichen Theologie, die kosmische Weite der biblischen Hoffnung zu wahren. Vertröstung ist unehrlich; hingegen, Trost zu spenden, ein Segen. "Was dürfen wir hoffen?", hat Immanuel Kant eine der drei großen  Fragen der Menschheit genannt. Und die Antwort der Kirche: darauf, dass Jesus Recht gehabt hat mit seiner Verkündigung Gottes und seinem Bild des Menschen.

"kirchensite.de": Die Predigt vom Richtergott war viele Jahrhunderte eine Droh- und Angstpredigt für viele Menschen. Jetzt sagt der Papst: Das Gericht macht Hoffnung. – Wie passt das zusammen?

Söding: Viele Menschen vergehen schier vor Angst vor dem "gestrengen Richter aller Sünder". Aber das Jüngste Gericht ist die Stunde der Wahrheit. Schlüge sie nicht, wäre die Erlösung purer Zynismus. Zur Wahrheit des eigenen Lebens gehört, dass alles, was  wir an Bösem getan und an Gutem unterlassen haben, zur Sprache kommt – aber auch  alles, was wir an Gutem getan und an Bösem unterlassen haben. Und es wird nicht eins gegen das andere aufgerechnet, sondern alles wird Gott zu Füßen gelegt, dass er es zu dem mache, was seinem Willen entspricht.

"kirchensite.de": Paulus schreibt, Jesus im Sinn: Mag alles gegen uns sprechen – Gott ist für uns. Wenn das nicht Hoffnung macht – was dann?

Söding: Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt der Volksmund. Aber das Evangelium sagt noch mehr: Die Hoffnung reicht über das Sterben hinaus. Sie richtet sich auf das ewige Leben – nicht nur für uns, sondern für alle, die wir lieben; und nicht nur für alle, die wir lieben, sondern für alle, die Gott liebt. Mehr kann es nicht geben.

Interview: Norbert Göckener, 03.12.2007 / Foto: Michael Bönte

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- Enzyklika: Christliche Hoffnung gegen neuzeitliche Ideologien
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