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26.06.2016
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Pädophile sind "tickende Zeitbomben".

Klaus Jung über sein Leben als pädophil veranlagter Priester

"Pädophile sind die besten Lügner gegenüber sich selbst"

Klaus Jung ist Priester, 68 Jahre alt und pädophil veranlagt. In einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Hildesheim appellierte er am Montag (29.07.02) an die deutschen Bischöfe, bei nationalen Richtlinien auch über Therapien für Täter nachzudenken.

- ? - Herr Jung, Sie sind als Priester 1995 von der Diözese Hildesheim wegen Pädophilieverdachts vom Dienst beurlaubt worden und haben anschließend eine Therapie gemacht. Wie kam es dazu?

Jung: Eine Pfarrsekretärin hat damals ein Heft mit kinderpornografischen Darstellungen bei mir entdeckt und das sofort dem Bischof gemeldet. Schon einen Tag später wurde ich zum Personalchef zitiert und beurlaubt. Dort hat man mich dann vor die klare Alternative gestellt, entweder eine Therapie zu machen oder aus dem kirchlichen Dienst entlassen zu werden.

- ? - Wie haben Sie reagiert?

Jung: Ob Sie es glauben oder nicht: Ich bin zu dem Gespräch fast mit Freude gefahren. Ich war so erleichtert, mich endlich bekennen und mit mir ins Reine kommen zu können.

- ? - Es gab also keinen konkreten Verdacht, dass sie ein Kind missbraucht haben?

Jung: Nein, ich habe kein Kind missbraucht, aber ich wusste schon seit meiner Jugend, dass ich eine Veranlagung zur Pädophilie hatte.

- ? - Wie sind Sie damit umgegangen?

Jung: Ich bin in einer katholisch-konservativen Familie groß geworden und hatte einen sehr autoritären Vater. Gefühle oder erst recht Gespräche über Sexualität gab es nicht, stattdessen Strenge. Ich habe gelernt, in der Reichweite meines Vorgesetzten zu gehorchen und nicht zu hinterfragen.

- ? - Das wurde dann in Ihrer Ausbildung zum Priester auch nicht aufgefangen?

Jung: Im Gegenteil. Zumindest in unserer Generation wurden Theologiestudenten zum Alleinsein, zur Einsamkeit und zum mit sich selbst Zurechtkommen erzogen. Wie ein Mann mit dem Zölibat und seiner Sexualität zurecht kommen kann, spielte keine Rolle.

- ? - Ist das heute anders?

Jung: Die Ausbilder sagen, die jungen Theologiestudenten wüchsen heute in einer ganz anderen, viel offeneren Gesellschaft auf. Doch das reicht meiner Ansicht nicht. Es ist nach wie vor für die meisten Menschen sehr schwer, über die eigene Sexualität zu reden.
Dazu kommt noch ein anderes Problem: Ich habe nie eine echte, freie Partnerschaft mit meinen Mitmenschen erlebt. Die autoritären Verhältnisse in der Familie habe ich schon beschrieben. In der Priesterausbildung musste man sich dann in ein enges, klar geregeltes Ordnungssystem einfügen; uns war nicht mal erlaubt, alleine spazieren zu gehen.
Auch als Priester ist man eine nicht hinterfragte Persönlichkeit; auf der Kanzel hören Dir alle zu, und wo Du hinkommst, bist Du eine respektierte Amtsperson. So eine gerade in der Kirche zu beobachtende Tendenz kann für die eigene Persönlichkeit sehr gefährlich werden.

- ? - Es wird oft diskutiert, wie weit der Zölibat Pädophilie begünstigt.

Jung: Ich glaube das nicht. Wenn ich geheiratet hätte, hätte ich möglicherweise meine eigenen Kinder missbraucht.

- ? - Wo bleibt da das Gewissen, gerade bei Priestern?

Jung: Pädophile und Alkoholiker, von denen ich selber auch einer war, sind die besten Lügner gegenüber sich selbst. Ich habe einfach verdrängt, wie problematisch meine sexuellen Wünsche waren. Sexualität wird in der kirchlichen Lehre immer nur im Zusammenhang mit einer Beziehung zu einer Frau und im Zusammenhang mit Fortpflanzung gesehen. Ich habe deshalb meine Wünsche in Bezug auf Kinder gar nicht als sexuelle Wünsche wahrhaben wollen.
Manche Pädophile reden sich sogar ein, sie täten den Jugendlichen etwas Gutes und nehmen gar nicht wahr, was eigene sexuelle Wünsche und was Hilfen für Jugendliche sind. Man wird immer findiger, sein Gewissen zu beruhigen.

- ? - Aber es gibt doch Spirituale, die sich um das geistige Wohl der Priesteramtskandidaten kümmern sollen, und Beichtväter...

Jung: Nach meiner Erfahrung sind das nicht die geeigneten Leute, um einem pädophilen Priester zu helfen. Zum einen, weil die Beichtväter, denen ich begegnet bin, auch aus meiner Generation stammen und Hemmungen hatten, über Sexualität zu reden. Zum anderen reicht es nicht aus, wenn der Gesprächspartner ein guter Moraltheologe ist. Ein Pädophiler braucht einen Therapeuten, der die Neigungen seines Gegenübers erkennt und ihn qualifiziert behandeln kann.

- ? - Neuerdings wird immer wieder betont, dass Pädophilie nicht heilbar sei. Was hat Ihnen die Therapie gebracht?

Jung: Die Neigung und die Versuchung werden wohl immer bleiben. Aber ich habe in der Therapie gelernt, was ein Missbrauch beim Opfer anrichten kann. Und ich habe gelernt, wie ich mich selber und meine Neigung einschätzen muss. Es war sehr gut, zu diesen vier Jahren Therapie gezwungen worden zu sein. Es war eine harte Auseinandersetzung mit mir selber, bis ich dazu Ja gesagt habe.

- ? - Bleibt die Frage, wie die Kirche mit pädophilen Priestern nach einer Therapie umgehen soll. Sie sind nach Ihrer Therapie heute Umweltbeauftragter des Bistums Hildesheim und feiern auch Gottesdienste in einer Gemeinde...

Jung: Wenn ich um meine Anfälligkeit und um die schrecklichen Folgen für die Opfer weiß, bin ich gegen solche Taten besser gewappnet. Es wäre äußerst problematisch, wenn die Kirche Pädophile einfach in Klöster schicken oder sie entlassen und sich nicht mehr um sie kümmern würde. Solche Menschen sind ja tickende Zeitbomben. Das gilt übrigens nicht nur für Priester und Kirchenmitarbeiter, sondern für betroffene Personen aus allen Berufen und Bevölkerungsschichten.

- ? - Die Bischofskonferenz will im September über nationale Richtlinien zum Thema pädophile Priester beraten.

Jung: Ich habe die Sorge, dass die Bischöfe nur disziplinarische Maßnahmen beschließen. Doch es kann nicht nur darum gehen, wann die Justiz eingeschaltet wird und welche innerkirchlichen Verwaltungsschritte notwendig sind. Die Kirche muss sich vor allem damit beschäftigen, die Ursachen für den Kindesmissbrauch bei kirchlichen Mitarbeitern zu ergründen. Dazu braucht es Fachleute. Leider gibt es in ganz Deutschland nur ganz wenige Therapeuten, die mit Tätern arbeiten können. Hier könnten die Bischöfe auch eine Vorbildfunktion für andere gesellschaftliche Gruppen einnehmen. Sie sollten bewusst solche Therapeuten ausbilden lassen und beauftragen. Das gilt auch für Alkoholmissbrauch.

- ? - Was empfehlen Sie den Bischöfen aus Ihrer eigenen Erfahrung?

Jung: Meine Therapeutin hat mich nach dem Ende meiner Therapie gefragt, ob ich nicht Ansprechpartner für andere Priester in ähnlicher Situation werden könnte. Ich habe zugesagt, und auch im Bistum Hildesheim gibt es dazu die Bereitschaft. Zwar ist das derzeit noch nicht offiziell geregelt, weil manche in der Diözese der Meinung sind, dass die enge Bindung zwischen Bischof und jedem einzelnen Priester keine andere Instanz wie Beratungsstellen oder Ratgeber duldet. Es gibt aber in der Diözesanleitung die Einsicht, dass pädophile Priester einen Ansprechpartner und Begleiter brauchen. So ein Ombudsmann wäre eigentlich für jedes Bistum notwendig.

Interview: Christoph Arens (KNA)

Text: KNA Katholische Nachrichten-Agentur GmbH, 29. 07.02

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