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01.07.2016
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Aus dem kirchensite.de-Archiv

Bibelarbeit im Oktober 2007

"Niemand kann zwei Herren dienen"

Matthäus 6

"Nachbarschaftshilfe" der besonderen Art

Mein Haus, meine Ländereien, mein Reichtum –
kein Haus, keine Ländereien, kein Reichtum.
Problemlösung à la Mt 6 durch Verbindung der Gegensätze

1. Gegensätze ziehen sich an – oder eben auch nicht!

Wenn ein Bestatter eine Hebamme heiratet … – dieses lebens- bzw. todesnahe Beispiel hört man immer wieder in humorvollen Kontexten, wenn es um die Volksweisheit Gegensätze ziehen sich an geht.

Doch hat die Grundregel Gegensätze ziehen sich an nicht in allen Lebensbereichen bzw. in jeder Hinsicht Gültigkeit – beispielsweise, wenn es um materiellen Reichtum geht. Reich und arm – dies scheinen Gegensätze zu sein, die nicht zusammenpassen, auch wenn sie häufig unmittelbar aufeinanderprallen. Man denke nur an Bilder von Obdachlosen und auf der Straße lebenden Bettlern vor prächtigen Banken- oder Börsentempeln, mit denen z. B. der USA-Kinofilm "Das Streben nach Glück" (2006, Original: "Pursuit of Happyness") in seinen Plot einsteigt. Reichtum und Armut liegen oft – im wahrsten Sinne des Wortes – nahe beieinander bzw. gerade im Aufeinandertreffen werden die Gegensätze umso schärfer deutlich. Hier gilt die Weisheit Gegensätze ziehen sich an jedoch augenscheinlich nicht.

Was in der weiten Welt im Großen begegnet, findet sich in christlichen Gemeinden im Kleinen. Jede Gemeinde stellt ja einen gewissen gesellschaftlichen Querschnitt dar, gewissermaßen einen Mikrokosmos, der den Makrokosmos in klein abbildet. Je nachdem, wo sich die Gemeinde befindet – ob mitten in einer Großstadt, auf dem Land, in einem so genannten Brennpunktviertel –, werden die soziale Situation bzw. die Gemeindezusammensetzung unterschiedlich sein. Doch ist die Vermutung berechtigt, dass der Gegensatz reich – arm ebenso vorherrscht – mal mehr, mal weniger ausgeprägt. In der Folge kann es durchaus vorkommen, dass der steinreiche Großindustrielle, der natürlich im Villenviertel residiert, an einem Sonntag in der Kirchenbank neben dem Hartz-IV-Empfänger aus der angrenzenden Hochhaussiedlung zu Sitzen kommt: reich neben arm. Beide gehören zur Gemeinde, beide feiern (miteinander) Gottesdienst – und doch könnten die Voraussetzungen nicht unterschiedlicher sein: Während der Großindustrielle im Verlaufe der Predigt möglicherweise in Gedanken zu seinen aktuell laufenden Devisengeschäften abschweift und sich überlegt, wie der Millionencoup nächste Woche erfolgreich über die Bühne gebracht werden kann, mag es dem Hartz-IV-Empfänger mit Blick auf den nächsten Tag einen Schauder über den Rücken jagen, da die Miete fällig wird, die Kinder neue Kleidung brauchen und der Kühlschrank gähnende Leere aufweist.

Da sitzen die beiden, hängen ihren Gedanken nach und merken fast gar nicht auf die Predigt des Pfarrers, der sich doch alle Mühe gibt, jedes seiner Gemeindeschäfchen anzusprechen. Und das ist bei Gott nicht einfach: Würde er beispielsweise massiv zu Spenden aufrufen, würde sich der Hartz-IV-Empfänger vermutlich mehr als auf den Arm genommen fühlen; eine Predigt über Armut und ein einfaches Leben träfe dagegen die Lebenswirklichkeit des Großindustriellen kaum. Was tun in dieser Dilemma-Situation? Will man nicht auf ein ungefährlicheres thematisches Terrain ausweichen, sondern sich dem Gegensatz reich – arm (auch in der eigenen Gemeinde stellen), dann lohnt ein Blick auf Mt 6 – und wenn der sich in Predigtverlegenheit befindende Pfarrer Glück hat, dann sieht die Evangeliumslesung just an besagtem Sonntag wenigstens einen Teil daraus vor.

2. Der Text: Mt 6

2.1 Ein Teil eines Teils eines Teils … – Die literarische Kontextualisierung von Mt 6

Der Textabschnitt Mt 6 ist – wenn man den Fokus zunächst ganz weit macht – ein Teil der Bibel, genauer hin des Neuen Testaments. Hier findet er sich in einem der vier Evangelien und zwar im ersten der kanonischen Folge, im Matthäusevangelium (MtEv). Das MtEv lässt sich, grob gesprochen, in drei große Einheiten untergliedern: Prolog (Mt 1,1–4,16), Hauptteil (Mt 4,17–25,46) und Epilog (Leiden und Auferstehung, Mt 26,1–28,20). Der Hauptteil wiederum ist durch fünf große Redekomplexe strukturiert: Mt 5–7 (Bergpredigt), Mt 10 (Aussendungsrede), Mt 13 (Gleichnisrede), Mt 18 (Gemeinderede), Mt 23.24f. (Rede gegen die Pharisäer und eschatologische Rede). Damit könnte intendiert sein, Jesus als neuen Mose darzustellen, da Mose mit fünf Büchern (Pentateuch, Torah) in die geschichtliche Erinnerung eingegangen ist. Und dass die erste Rede Jesu auf einem Berg verortet wird, dürfte angesichts der enormen Bedeutung des Sinai in der Mose-Tradition auch kein Zufall sein.

Unser Text Mt 6 ist somit ein Teil des Hauptteils und dort Bestandteil der ersten großen Rede Jesu im MtEv, der so genannten Bergpredigt. Hier bildet er den Mittelteil: nach Einleitung, Seligpreisungen, diversen kleineren Sprüchen und den Antithesen ("Ihr habt gehört … Ich aber sage euch …") – vor verschiedenen kleineren Traditionen, von denen die Goldene Regel (Mt 7,12: "Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen!") wohl die bekannteste sein dürfte.

2.2 Mt 6 – Eine kunstvoll aufgebaute und gegliederte Komposition mit unterschiedlicher Adressatenschaft

Der Text: Mt 6

1Hütet euch, eure Gerechtigkeit vor den Menschen zur Schau zu stellen; sonst habt ihr keinen Lohn von eurem Vater im Himmel zu erwarten.

2Wenn du Almosen gibst, lass es also nicht vor dir herposaunen, wie es die Heuchler in den Synagogen und auf den Gassen tun, um von den Leuten gelobt zu werden. Amen, das sage ich euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten. 3Wenn du Almosen gibst, soll deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte tut. 4Dein Almosen soll verborgen bleiben, und dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.

5Wenn ihr betet, macht es nicht wie die Heuchler. Sie stellen sich beim Gebet gern in die Synagogen und an die Straßenecken, damit sie von den Leuten gesehen werden. Amen, das sage ich euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten. 6Du aber geh in deine Kammer, wenn du betest, und schließ die Tür zu; dann bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.

7Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen. 8Macht es nicht wie sie; denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet.

9So sollt ihr beten: Unser Vater im Himmel, dein Name werde geheiligt, 10dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf der Erde. 11Gib uns heute das Brot, das wir brauchen. 12Und erlass uns unsere Schulden, wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben. 13Und führe uns nicht in Versuchung, sondern rette uns vor dem Bösen.

14Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben. 15Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

16Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht wie die Heuchler. Sie geben sich ein trübseliges Aussehen, damit die Leute merken, dass sie fasten. Amen, das sage ich euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten. 17Du aber salbe dein Haar, wenn du fastest, und wasche dein Gesicht, 18damit die Leute nicht merken, dass du fastest, sondern nur dein Vater, der auch das Verborgene sieht; und dein Vater, der das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.

19Sammelt euch nicht Schätze hier auf der Erde, wo Motte und Wurm sie zerstören und wo Diebe einbrechen und sie stehlen, 20sondern sammelt euch Schätze im Himmel, wo weder Motte noch Wurm sie zerstören und keine Diebe einbrechen und sie stehlen. 21Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. 22Das Auge gibt dem Körper Licht. Wenn dein Auge gesund ist, dann wird dein ganzer Körper hell sein. 23Wenn aber dein Auge krank ist, dann wird dein ganzer Körper finster sein. Wenn nun das Licht in dir Finsternis ist, wie groß muss dann die Finsternis sein!

24Niemand kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben, oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon.

25Deswegen sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt, noch um euren Leib und darum, dass ihr etwas anzuziehen habt. Ist nicht das Leben wichtiger als die Nahrung und der Leib wichtiger als die Kleidung?

26Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie? 27Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur um eine kleine Zeitspanne verlängern?

28Und was sorgt ihr euch um eure Kleidung? Lernt von den Lilien, die auf dem Feld wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. 29Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen. 30Wenn aber Gott schon das Gras so prächtig kleidet, das heute auf dem Feld steht und morgen ins Feuer geworfen wird, wie viel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen!

31Macht euch also keine Sorgen und fragt nicht: Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen? 32Denn um all das geht es den Heiden. Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr das alles braucht. 33Euch aber muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben. 34Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug eigene Plage.

Betrachtet man das Kapitel Mt 6 für sich, so fallen beim ersten genaueren Lesen bereits einige deutliche Gliederungsmerkmale auf. Es begegnen nämlich drei Beispiele, die jeweils mit wenn du/ihr das und das tust/tut eingeleitet werden, einem negativen Kontrastbild ein positives Vorbild gegenüberstellen und auf den Lohn abheben: "Sie haben ihren Lohn bereits erhalten" (negativ; Mt 6,2.5.16) und "dein Vater, der (auch) das Verborgene sieht, wird es dir vergelten" (positiv; Mt 6,4.6.18). So wird nach einem programmatischen und einleitenden Mottovers (Mt 6,1) gewissermaßen in drei Durchgängen entfaltet, was es konkret bedeutet, seine Gerechtigkeit nicht vor den Menschen zur Schau zu stellen und auf den Lohn des himmlischen Vaters zu bauen: mit Blick auf das Almosengeben/Wohltaten (Mt 6,2–4), das Beten (Mt 6,5f.) und das Fasten (Mt 6,16–18). Der Abschnitt bzgl. des richtigen Betens inklusive des Vaterunsers wird zwar auch mit wenn … eingeleitet und das nachahmungswürdige Vorbild vor einer negativen Kontrastfolie profiliert, doch fehlt der Lohngedanke völlig. Der Teil Mt 6,7f. scheint sich aufgrund des verbindenden Themas Beten an das Vorhergehende anzuschließen (vgl. Mt 6,5 und 7); das Vaterunser passt anschließend von der logischen Folge wunderbar: Nachdem negativ die Abgrenzung (diesmal von den Heiden und nicht von den Heuchlern!) vorgenommen ist, wird positiv das Gebet des Herrn vorgestellt. Mt 6,14f. wiederum knüpft wohl an Mt 6,12 (Verfehlungen vergeben) an. In Mt 6,19–23 wird noch einmal das Gesamtresümee gezogen, wobei sich der Teil Mt 6,22f. nicht gut in das Kompositionsschema einordnen lässt.

Mt 6,24f. kann man zum gerade skizzierten Schlussresümee dazunehmen, oder aber man sieht darin den programmatischen Auftakt eines zweiten Teils (vgl. Anschluss in Mt 6,25: Deswegen sage ich euch …), der eine anders gelagerte Situation/Konstellation vor Augen hat (vielleicht bietet sich auch eine sowohl-als-auch-Lösung an, s.u.). Während bislang Menschen angesprochen worden sind, die Almosen geben können, die Zeit und den Status haben, um öffentlichkeitswirksam beten zu können, die bewusst Fasten können und damit normalerweise wohl (vielleicht auch mehr als) genug zum Leben haben, kommt jetzt eine andere Art von Menschen in den Blick. Etwas salopp gesagt: Mt 6,25–34 scheint arme Schlucker vor Augen zu haben. Da ist die Rede davon, dass sich jemand um Kleidung und Nahrung sorgt, an Almosen geben ist nicht zu denken. Erst einmal geht es darum, den nötigsten Lebensunterhalt und damit das eigene Überleben zu sichern. Es lässt sich somit in Mt 6 ein deutlicher Einschnitt feststellen, wobei Mt 6,24f. eine Scharnierfunktion hat.

Der zweite größere Komplex von Mt 6 ist in sich wiederum sehr geschickt komponiert: Nach einem einleitenden Mottovers (Mt 6,25), der die Sorge um das Leben im Allgemeinen sowie exemplarisch konkretisiert um Nahrung und Kleidung im Besonderen thematisiert, werden eben genannte Bereiche entfaltet: Nahrung (Mt 6,26f.) und Kleidung (Mt 6,28–30). Mt 6,31–34 stellt dann einen resümierenden Abschluss dar. Gerahmt wird das gesamte Kapitel durch das Stichwort Gerechtigkeit (V. 1.33).

Eine mögliche Gliederung von Mt 6 sieht somit folgendermaßen aus:

Teil 1

Mt 6,1: Mottovers
Mt 6,2–4: Beispiel 1 Wohltat/Almosen
Mt 6,5f.: Beispiel 2 Beten
Mt 6,7f.: Exkurs Rechtes Beten
Mt 6,8–13: Exkurs Vaterunser
Mt 6,14f.: Exkurs Vergeben
Mt 6,16–18: Beispiel 3 Fasten
Mt 6,19–23: Schlussresümee

Mt 6,24: Scharnierstück

Teil 2

Mt 6,25: Mottovers
Mt 6,26f.: Beispiel 1 Nahrung
Mt 6,28–30: Beispiel 2 Kleidung
Mt 6,31–34: Schlussresümee

3. Das Menschenbild in Mt 6 – Der Ist-Zustand: Gegensätze, die sich auszuschließen scheinen

Der mt Jesus nimmt seine Welt und damit die Menschen, die diese Welt bewohnen und gestalten, sehr genau wahr. Arme und Reiche, Starke und Schwache, Mächtige und Ohnmächtige, Menschen, die sich um ihr Ansehen sorgen, und solche, die sich um Nahrung und Kleidung mühen müssen – sie alle sind in Mt 6 im Blick. Beginnen wir mit den Reichen und Mächtigen.

3.1 Die Reichen und Mächtigen: Von den Menschen verherrlicht, von Gott verworfen? (V. 1–24)

In drei parallel gebauten Strophen (V. 2–4.5f.16–18), die ihrerseits das Vaterunser umschließen (V. 7–15 inklusive Vor- und Nachrede), stellt Mt spezifische Züge des Verhaltens von Reichen heraus. Dass mit diesen drei Strophen vor allem Reiche angesprochen sind, ergibt sich aus dem Text selbst. Nur Wohlhabende können schließlich aus ihrem Überfluss heraus anderen Menschen Almosen (= Wohltaten) angedeihen lassen, nur sie verfügen über Häuser, in denen es Kammern gibt, in die man sich zum privaten Gebet zurückziehen kann; nur sie schließlich haben überhaupt die Möglichkeit, als Nicht-Fastende zu erscheinen und ihren Kopf mit den oft sündhaft teuren Salbölen zu pflegen. Für viele Angehörige der Unterschicht hingegen ist Fasten z. T. das paradoxe tägliche Brot. Mit dem thematischen Material der drei Strophen bezieht sich Mt auf typische Ausdrucksformen jüdischer Frömmigkeit: Almosen/Wohltaten, Gebet und Fasten. Auch wenn Mt mit diesen Beispielen primär im jüdischen Horizont bleibt (zweimal spricht er auch von Synagogen: V. 2.5), so hat er mit seiner thematischen Auswahl doch nicht etwas speziell Jüdisches eingefangen, sondern beschreibt generell anzutreffende Verhaltensweisen von Menschen der Antike: Litaneihaft lange Gebete gibt es bei Heiden genauso wie bei Juden. Gleiches gilt für die Wohltaten, die in der ersten Strophe angesprochen werden.

Konzentrieren wir uns bei der inhaltlichen Durchmusterung der drei Beispiele in einem ersten Durchgang auf das jeweils kritisierte, negativ gefärbte Verhalten, also den ersten Teil der Strophen. Die Beispiele treffen sich im Blick auf die mt Kritik in einem Punkt und haben so einen gemeinsamen Nenner. Menschen sind wohltätig, beten öffentlich und fasten demonstrativ, damit ihre Taten publik werden und zur Steigerung des eigenen Prestiges beitragen. Die so Handelnden wollen, so der Text, "von den Menschen verherrlicht werden" (so wörtlich V. 2), sie wollen vor den Menschen glänzen und von ihnen gelobt werden. Schon der den ganzen Abschnitt eröffnende Mottovers (V. 1) weist in diese Richtung: "Hütet euch, eure Gerechtigkeit vor den Menschen zur Schau zu stellen." Dieses menschliche Verhalten, die Jagd nach Ansehen und Prestige, wird von Mt abgelehnt. Die mt Kritik daran ist für uns heute gut verständlich und kaum provozierend. Wir wissen ja schließlich, dass es nicht auf die Länge von Gebeten ankommt, dass nicht unbedingt der zu den Frömmsten gehört, der seine Frömmigkeit am stärksten nach außen trägt. Und über herumposaunte finanzielle Spenden denken viele heute kaum anders als Mt – oder täuschen wir uns in diesem Punkt?

In der Antike jedoch beinhaltet gerade die erste Strophe, der angeratene Verzicht auf die demonstrative Zurschaustellung von Wohltaten, die größte Sprengkraft. Mt rührt damit nämlich an einem grundlegendem Muster der antiken Welt: dem Reziprozitätsdenken. Dahinter steht folgender Grundmechanismus: Jede Gabe führt zu einer ihr entsprechenden Gegengabe. Allgemein: Jede Aktion zieht eine ihr gemäße Re-Aktion nach sich. In der Antike gibt man also etwa Almosen oder eben Wohltaten in der Erwartung einer entsprechenden Gegengabe. Nichts anderes wird in V. 2 beschrieben: Der gut situierte Wohltäter erwartet für seine "Spende" eine Gegenleistung, eben die Verherrlichung durch die Menschen. Das ist für die Antike, auch wenn sich da und dort Kritik an diesem Muster zeigt, üblich. Dieser Reziprozitätsmechanismus stellt so etwas wie den "sozialen Kitt" der antiken Gesellschaft dar. Eine Vielzahl gesellschaftlicher Prozesse der Antike basieren auf diesem Prinzip. Man tut etwas – in der Erwartung, dafür auch etwas zu bekommen. Normalerweise sollten sich bei derartigen Formen des Gabentausches die ausgetauschten Güter in etwa entsprechen. Das schließt ein, dass ein Gabentausch eigentlich nur zwischen sozial etwa Gleichgestellten möglich ist, damit Verlust und Gewinn sich in etwa die Waage halten. Faktisch haben sich aber im Gegenüber zu diesem Grundmuster Spezialformen des Gabentausches entwickelt, die eine Verbindung zwischen unterschiedlichen sozialen Schichten ermöglichen bzw. ein vermögendes oder mächtiges Individuum in Beziehung zu einem Gemeinwesen setzen. Beginnen wir mit Letzterem. Gemeint ist die Figur des so genannten Wohltäters. Eine Einzelperson erweist sich etwa einer Stadt gegenüber als Wohltäter, indem sie für das Kollektiv eine herausragende Leistung erbringt, z. B. ein öffentliches Gebäude auf eigene Kosten errichten lässt. Die Einzelperson wird in der Folge als Wohltäter verehrt, eine Ehrung, die sogar kultische Formen annehmen kann und unter Umständen bis zur Vergöttlichung des Wohltäters führt. Der Wohltäter wird verherrlicht. Dieser Mechanismus ist im Übrigen auch umkehrbar. Es ist in der hellenistisch-römischen Umwelt des Neuen Testaments ganz und gar üblich, einen Menschen, vornehmlich den römischen Kaiser, in der Erwartung einer entsprechenden Gegengabe zu verherrlichen – und es gibt reichlich Beispiele dafür, dass dieser Mechanismus exzellent funktioniert hat und manche städtebaulichen Schmuckstücke oder sonstigen Vorteile sich einer vorherigen Verehrung des Stifters verdanken.

Der Gabentausch zwischen unterschiedlichen sozialen Schichten wird im Patronatswesen Realität. Darunter ist das Verhältnis zwischen einem reichen Patron und seinen ärmeren Klienten zu verstehen. Der Patron unterstützt seine Klienten finanziell durch Geld und Geschenke oder institutionell (etwa bei Gericht). Als Gegenleistung sind die Klienten zu Dankbarkeit, Loyalität und Verehrung verpflichtet. Sie müssen morgens zur Begrüßung ihres Patrons bereit stehen, begleiten ihn auf das Forum (= Marktplatz), lauschen seinen Reden, klatschen ihm Beifall und vertreten seine Meinungen. Klienten sind so etwas wie (gekaufte) Parteigänger. Dass es sich hierbei um eine asymmetrische Beziehung handelt, wird schon am Zahlenverhältnis sichtbar. Einem Patron stehen viele Klienten gegenüber. Damit ist der einzelne Klient wesentlich leichter austauschbar – eine für den Patron ausgesprochen komfortable Situation (die Gegensätze von Arm und Reich ziehen sich auch in diesem Falle eben nur bedingt an!). Der Klient muss sich daher auf Gedeih und Verderb an seinen Patron binden und kann sich Kritik oder Undankbarkeit schlechterdings kaum leisten. Ein in diesem Sinne schönes Beispiel für die handfesten Folgen im Falle respektlosen Verhaltens eines Klienten gegenüber seinem Patron überliefert Martial, ein antiker Dichter aus dem 1. Jh. n. Chr.:

Heute morgen habe ich dich zufällig mit dem richtigen Namen begrüßt und habe dich, Caecilianus, nicht "meinen Herrn" genannt. Wie viel mich eine solche Ungeniertheit koste, willst du wissen? Hundert Quadranten hat sie mir genommen. (Epigramm I 88; Übersetzung: Barié/Schiedler)

Der Klient hat es im berichteten Fall verabsäumt, seinen Patron als Herrn (= Ehrentitel) zu titulieren. Die Strafe folgt auf dem Fuße. Er erhält kein Geld (oder muss sogar eine Strafe zahlen; das wird in der Textstelle leider nicht ganz klar).

Das Geschäft, das Wohltäter bzw. Patrone tätigen, ist im Übrigen für sie selbst kein schlechtes. Auch wenn ihnen nicht in klingender Münze zurückbezahlt wird, erhalten sie doch einen hohen Wert. Dankbarkeit, Loyalität, Verehrung und damit Prestigegewinn sind in der Antike extrem wichtig. Dafür ist man gerne bereit, Geld in die Hand zu nehmen bzw. in anderer Form tätig zu werden.

In unserer Textstelle haben wir wohl keinen Wohltäterkult vor Augen. Auch um ein institutionalisiertes Patron-Klient-Verhältnis scheint es sich nicht zu handeln. Mit Almosen und Wohltaten in V. 2 dürften vielmehr nicht institutionalisierte Spenden gemeint sein, die ein Wohlhabender ärmeren Menschen zukommen lässt. Allerdings erwartet er dafür etwas, eben Dankbarkeit und damit Prestigegewinn – in den Worten des Mt: Er will von den Menschen verherrlicht werden. Dies entspricht exakt dem Gabentauschgrundmechanismus. Wer in diesem Punkt wie Mt Kritik übt, rührt an einem Motor der antiken Gesellschaft.

Mit seinen Beispielen fängt Mt die gesellschaftliche Realität seiner Zeit, die Menschen und ihr Verhalten sehr genau ein und unterzieht sie der Kritik. Das Gebaren der Reichen behagt ihm ganz und gar nicht und kann für diese geradezu existenziell gefährlich werden.

Das Problem: Auch Gott kennt – nach Mt – das Spiel von Aktion und Reaktion

Durch ihr Streben nach Anerkennung und Prestige, durch ihre genau kalkulierten und letztlich auf eine Gegengabe abzielenden Wohltaten, durch ihre öffentlichen Gebete und das demonstrative Fasten geraten die Wohlhabenden nach Mt in eine ausgesprochen prekäre Lage. Ihre Orientierung allein am schönen Schein führt dazu, dass sie ihren Lohn bereits erhalten haben. Vom Vater, also Gott, können sie nichts mehr erwarten. Sie gehören mit solcherlei Taten zu den Heuchlern (V. 2.5.16) und Heiden (V. 7). Mt verknüpft also bestimmte menschliche Verhaltensweisen mit damit verbundenen Folgen. Er übernimmt damit die Logik und das Muster des Reziprozitätsgedankens, der jeder Aktion/Gabe eine Reaktion/Gegengabe zuordnet. Nur ändert Mt dabei die Kategorien und führt einen dritten Akteur in das Geschehen ein: Gott. Geschickt konstruiert Mt in diesem Sinne Gegensatzpaare und stellt Ketten von Aktion und Reaktion einander gegenüber. Exemplarisch lässt sich dies an den V. 2–4 zeigen (ganz ähnlich sind die V. 5f.16–18 komponiert):

Wohltaten

Aktion:
(Heuchler (V. 2)) trompeten ihre Tat vor sich her
(Du (V. 3f.)) nicht erfahre deine Linke, was deine Rechte tut

Aktion
(Heuchler (V. 2)) handeln in Öffentlichkeit
(Du (V. 3f.)) handeln in Verborgenheit

Reaktion der Menschen
(Heuchler (V. 2)) werden von den Menschen verherrlicht

Reaktion Gottes
(Heuchler (V. 2)) sie haben den Lohn bereits erhalten
(Du (V. 3f.)) Gott wird dir vergelten

Wer auf der Seite der Heuchler steht, so Mt, kann nicht damit rechnen, dass sich Gott ihm gegenüber in irgendeiner Weise dankbar zeigen wird. Wer auf der Seite der Heuchler steht, der sammelt nach V. 19 Schätze auf der Erde und nicht im Himmel (ein weiteres Gegensatzpaar); Schätze, die vergänglich sind, von Wurm und Motte zerfressen oder von Dieben gestohlen werden können. Wer auf der Seite der Heuchler steht, der hängt sein Herz an den Schatz auf der Erde (V. 21), er dient dem Mammon und hasst damit Gott (V. 24). Auch wenn einem der Gedanke nicht sympathisch ist: Für die Heuchler unter den Reichen wird es im Blick auf das jenseitige, ewige Leben schwierig. Sie haben sich augenscheinlich für den vergänglichen Schatz entschieden – und damit gegen den unzerstörbaren himmlischen Schatz. Dabei ist zu beachten, dass für Mt Reichtum nicht per se eine Art Ausschlusskriterium vom Reich Gottes ist. Es kommt vielmehr darauf an, wie man mit seinem Reichtum, allgemeiner gesprochen: mit seinen Fähig- und Möglichkeiten, umgeht. In diesem Sinne entwickelt Mt eine Vision, sozusagen das Bild eines neuen Menschen und eines neuen menschlichen Miteinanders; eine Vision, die für die Reichen und Großen der Gesellschaft nur Wirklichkeit werden kann, wenn auch die Kleinen, Schwachen und Armen in den Blick geraten.

3.2 Die Armen und Untergebenen: Von den Reichen abhängig, für Gott keine Zeit? (Mt 6,24–34)

"Niemand kann zwei Herren dienen" (Mt 6,24) – das wird sich wohl auch so mancher arme Schlucker zu Jesu Zeiten gedacht haben. Angesichts der hohen Steuerbelastung im römischen Reich, die einmal mehr Zeugnis davon ablegt, dass der Friede, die Pax Romana teuer erkauft werden musste, standen viele Familien vor existenziellen Sorgen. Hinzukamen teils Provinzstatthalter, die auch ihren Teil vom (Gewinn-)Kuchen abhaben wollten, und Zolleinnehmer, die immer mal wieder etwas draufschlugen. Das Neue Testament zeugt an vielen Stellen von dieser harten alltäglichen Realität. In dieser Zeit als armer Schlucker unterwegs zu sein, hieß, sich beispielsweise Tag für Tag um Lohn zu verdingen und immer wieder einen neuen Herrn zu finden, der den Lebensunterhalt wenigstens für einen Tag sicherstellte. Tagelöhner – so hieß die wenig erstrebens- und beneidenswerte Existenzform. Mt 20,1–16 illustriert, wie man sich dies vorzustellen hat: Die Tagelöhner stehen früh morgens auf dem Markt und bieten ihre bloße Arbeitskraft an. Sie stehen und warten darauf, dass sie für Lohn angeworben werden – hat man Pech, so vergeht der Tag ohne einen Arbeitsauftrag. Dann heißt es, ohne Tagelohn und unverrichteter Dinge nach Hause zurückzukehren – meistens zu Frau und Kindern – und auf den nächsten Tag zu hoffen. Man lebte gewissermaßen von der Hand in den Mund, von Tag zu Tag – und die existenziellen Sorgen hörten wohl nie auf. Und es ist nicht nur eine Erfahrung der heutigen Zeit, dass Sorgen einen geradezu auffressen können und keinen Platz mehr lassen für anderes.

In einer derartigen Situation kann man Mt 6,24 in mehrfacher Weise verstehen: "Niemand kann zwei Herren dienen" – dies dürfte eine alltägliche Erfahrung gerade für Tagelöhner gewesen sein. Man hat ja nur seine Arbeitskraft, eine Menschenstärke sozusagen, und wenn man einen Lohn- und Brotgeber für den Tag gefunden hat, so macht es keinen Sinn, nach einem zweiten Ausschau zu halten. Ein Herr genügt vollkommen. Problematisch wird es erst, wenn man mehrere Tage lang keinen Herrn gefunden hat. Vielleicht befindet man sich aber auch in der glücklichen Lage, über einen wohlhabenden Gönner, einen Patron, zu verfügen, der einem die Existenz sichert – auch in diesem Fall ist ein Herr völlig ausreichend. Man wäre schlecht beraten, diesem abtrünnig zu werden oder Illoyalität zu signalisieren, indem man mit anderen Herren flirtet – schneller, als man sich versieht, ist die Gönnerschaft auch wieder vergangen. "Niemand kann zwei Herren dienen" ist somit eine alltägliche Erfahrung ebenso wie eine Klugheitsregel.

Doch kommt im zweiten Teil des Verses Gott und der Mammon ins Spiel. Jetzt wird die Ebene innermenschlicher Beziehungen überschritten und eine Opposition aufgebaut, die das Gottesverhältnis des Menschen in den Blick nimmt: Gott tritt als ein potenzieller Herr auf der Bühne auf. Da mag es manchem armen Schlucker kalt den Rücken herunter laufen und Protest hervorrufen: Moment einmal, wenn Gott ein Herr ist und ich nur einem Herrn dienen kann, wie soll ich denn dann überleben? Wie soll ich meine Existenz bestreiten, die doch fundamental von (menschlich-irdischen) Herren abhängig ist? Wie soll denn das gehen? Der arme Schlucker, dem etwas an Gott (als Herrn) liegt, steht somit vor einem existenziellen Dilemma.

In eine derartige Situation könnten die Ratschläge von Mt 6,25–30 hineingesprochen sein. Der Mensch wird – anthropologisch betrachtet – einerseits ernst genommen mit seinen Grundbedürfnissen und existenziellen Nöten, andererseits provokativ herausgefordert. Der Mensch kommt als verletzliches Wesen in den Blick, das bestimmte – auch materielle – Dinge zum Überleben braucht, das auf das eine oder andere grundlegend angewiesen ist, und gleichzeitig wird dieses Angewiesensein auf Gott hin gerichtet (vgl. 1 Petr 5,7). Einen Herrn hast du nötig, Gott – dies ist die Grundbotschaft des Abschnitts. Die Grunddevise lautet: "Sorge dich nicht, vertraue auf Gott und setze die Prioritäten richtig!" (vgl. auch Phil 4,6)

Das Leben ist wichtiger als die Nahrung, der Leib wichtiger als die Kleidung. Klar ist, dass das jeweils Erste ohne das Zweite nicht auf Dauer bestehen kann (vgl. auch 1 Tim 6,8), doch hat Ersteres eine grundsätzliche Priorität. Diese Sichtweise mag bereits entlasten. Wirklich Luft zum Verschnaufen sollen aber die beiden Naturbeispiele verschaffen, die in einleuchtender Art und Weise die Aufforderung zur Sorglosigkeit illustrieren: Die Vögel des Himmels (vgl. Ijob 12,7; 38,41) und die Lilien des Feldes sind der materiell konkret greifbare Beweis dafür, dass Gott für das Wohlergehen aller seiner Geschöpfe und Kreaturen sorgt – gerade dann, wenn der menschliche Machbarkeitswahn an seine Grenzen stößt. Egal, wie sich der Mensch auch müht, seine Lebenszeit wird er letztlich nicht verlängern (vgl. Mt 6,27). Und selbst der große und sagenhafte König Salomo (vgl. z. B. 1 Kön 10,4f.; 2 Chr 9,13–22) kann gewandungstechnisch mit den Blumen des Feldes nicht mithalten – dies sollte uns eine Lehre sein und ein gewisses Maß an Sorglosigkeit ermöglichen.

Und auf der Grundlage dieser Sorglosigkeit, so das abschließende Resümee, ist es endlich möglich, Gott Gott sein zu lassen und Gott als dem Herrn zu dienen. Jetzt ist man frei für den Aufbau des Reiches Gottes: Hierauf soll sich unser Streben zuallererst konzentrieren. Die Nebensächlichkeiten (wie Essen und Kleidung) werden uns dann dazugegeben werden.

Schön und gut, kann man sagen: Das Sorglosigkeitskonzept mag funktionieren, wenn man – ähnlich wie Jesus beispielsweise – eine Art Wanderradikaler ist, der predigend durch die Lande zieht, am Morgen nicht weiß, wo er abends sein Haupt hinbetten wird, und der von dem lebt, was er geschenkt bekommt oder findet (vgl. Mt 12,1: Die Jünger Jesu reißen, als sie hungrig sind und an einem Getreidefeld vorbeikommen, Ähren ab.). Doch wenn man Familie hat oder an einem Ort sesshaft ist, dann nützt einem auch der Blick auf die Vögel oder die Lilien des Feldes nicht viel – oder vielleicht doch?

4. Die mt Vision einer gerechten Menschenwelt – Der Soll-Zustand: Verbindung der Gegensätze als genialer Clou

Die mt Schlussmahnung, nicht für das Morgen vorzusorgen, dürfte wohl nicht nur auf die Menschen im 1. Jh. n. Chr. provozierend, ja fast dreist gewirkt haben. Wie soll man denn leben, wenn man keine Daseinsvorsorge betreibt, gerade als einer der strukturell zu kurz Gekommenen? Ist Mt in diesem Punkt nicht ein utopischer Phantast? Vielleicht – vielleicht aber auch nicht. Schauen wir dazu abschließend noch einmal auf den Text Mt 6 im Ganzen. Mt scheint im gesamten 6. Kapitel eine Vision vor Augen zu stehen, eine Vision von einer gerechten und besseren Menschenwelt. Und in dieser Welt funktioniert die Sorglosigkeit auch für die armen Schlucker – unter einer Voraussetzung: Die Reichen spielen mit.

An dieser Stelle wird wichtig, dass Mt 6,24 als Scharnierstück verstanden werden kann. Das Problem mit den zwei Herren haben nämlich sowohl die Reichen als auch die Armen – nur jeweils entgegengesetzt. Beide Male hat es mit der materiellen Grundversorgung zu tun. Die Reichen haben so viel, dass sie sich zwar keine Sorgen wegen des eigenen Überlebens zu machen brauchen, aber sie stehen in der Gefahr, ihr Herz an ihren Reichtum zu hängen und darüber Gott als Herrn zu verlieren, weil sie selbst zu Herren werden. Und die Armen haben zwar nicht diese Sorge der Reichen, dafür sind sie Tag für Tag mit existenziellen Überlebenssorgen belastet und gut damit beschäftigt, ihren irdischen Herren zu gefallen. Auch keine günstige Voraussetzung, um Gott als Herrn zu seinem Recht kommen zu lassen.

Für Mt 6 – und hier liegt der Kunstgriff der Komposition des Kapitels – scheint die Lösung der wechselseitigen Probleme darin zu bestehen, dass man beide Gruppierungen miteinander in Beziehung bringt. Wenn die Wohlhabenden etwas von ihrem Reichtum abgeben, ohne sich als Wohltäter aufzuspielen und entsprechend als Herren aufzutreten, dann steht ihr Mammon ihnen nicht als Götze im Weg und hindert sie nicht, Gott ihrerseits als Herrn zu dienen. Das ist im Kern die Forderung von Mt 6,2–4. Denn die Reichen sollen, so Mt, auch weiterhin wohltätig sein. Gegen diese Art des Gebens hat Mt überhaupt nichts. Er legt den Angesprochenen eine wohltätige Verhaltensweise sogar nahe. Jedoch soll man diese Freigebigkeit nicht publik machen. Nutznießer der (heimlichen) Wohltaten sind die Ärmeren. Wenn sie auf diese Weise ihren Lebensunterhalt gesichert bekommen und dafür nicht den Wohltäter in Dankbarkeit verherrlichen müssen, dann sind sie nicht von den Überlebenssorgen so sehr in Beschlag genommen, dass sie Gott als Herrn nicht dienen können. Die verborgene Wohltat ihnen gegenüber ermöglicht es ihnen, nur einem Herrn zu dienen und dankbar zu sein, eben Gott – und nicht den reichen Pseudo-Herren dieser Welt. Mt schwebt also eine Art Ausgleich zwischen Arm und Reich vor. Allerdings ist er Realist genug, um zu wissen, dass die Menschen selten aus reiner Menschenliebe handeln. Deshalb baut er für die Reichen eine zusätzliche Motivation in das Kalkül ein. Er bricht – wie gezeigt – den Zusammenhang von Gabe und Gegengabe, also den Reziprozitätsmechanismus, auf, indem er für die heimlichen Wohltaten der Wohlhabenden und den damit verbundenen Verzicht auf innerweltliche Vergeltung eine göttliche Gegengabe ankündigt: Der auch das Verborgene sehende Gott wird die guten Taten auf seine Weise vergelten – so Mt.

Beide Seiten profitieren also, so die Pointe von Mt 6, von der für die Antike ungewöhnlichen Beziehung zwischen Arm und Reich. Die Armen werden durch die Reichen versorgt, müssen dafür aber nicht vor ihnen buckeln. Die Reichen erweisen sich ihrerseits als Wohltäter und ernten zwar keine menschliche, dafür aber eine göttliche Gegengabe. Was könnte schöner sein …

5. Eine Predigt mit Folgen und Happy End – Zu schön, um wahr zu sein?!

"Amen!" – laut hallt das Schlusswort der Predigt durch die andächtig stille Kirche. Der Großindustrielle und sein Sitznachbar, der Hartz-IV-Empfänger, schrecken beide gleichermaßen aus ihren Gedanken auf. Während der Erste vom Verhandlungstisch in die aktuelle Gottesdienstsituation zurückkehrt, vergisst der Zweite für die nächsten Momente seine bedrückenden Existenzsorgen. Beide feiern gemeinsam mit der ganzen Gemeinde Eucharistie, Danksagung. Und beim Friedensgruß schütteln sie sich selbstverständlich bereitwillig die Hände und wünschen einander den Frieden Gottes. Nur von der mühevoll erarbeiteten Predigt des Pfarrers haben sie – leider – so gut wie nichts mitbekommen.

Nur gut, dass es nicht bei Worten alleine bleibt. Bereits in der folgenden Woche richtet der Pfarrer, wie in der Predigt angekündigt, seinen Hilfsfonds für in Not geratene Gemeindemitglieder ein. Von vielen Seiten wird diese Initiative begrüßt. Besonders die Idee, Anonymität sowohl mit Blick auf die Spender als auch die Empfänger zu wahren, kommt bei den Gemeindemitgliedern gut an – der Rückbezug auf Mt 6 hat auch die letzten Nörgler überzeugt.

Und so kommt es, dass wenige Wochen später – wie das Schicksal so spielt – der Großindustrielle und der Hartz-IV-Empfänger wieder einmal nebeneinander zu Sitzen kommen. Doch diesmal können beide ungestört und unabgelenkt der Predigt lauschen und Gottesdienst feiern. Und beide haben keine Ahnung davon, dass der jeweils Andere einen nicht unerheblichen Anteil an der neu errungenen Sorglosigkeit hat, die Freiheit für Gott als den Herrn ermöglicht.

6. Vorschlag für eine Bibelarbeit

Die Rahmenteile dieser Bibelarbeit sind als Anregungen gedacht und gruppenspezifisch orientiert. Sie sind nicht darauf angelegt, zu glatten Lösungen zu führen.

1. Ankommen

Modell A:
In Form eines Blitzlichts kann in einer Gruppe, die sich gut kennt, jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer davon berichten, worum sie/er sich heute Sorgen gemacht hat. Im Bewusstsein um diese Sorgen wird der Text Mt 6,1–34 bearbeitet.

Modell B:
Der Einstieg erfolgt in Auseinandersetzung mit der 2. Strophe des Gotteslobliedes Nr. 261 "Den Herren will ich loben" (Text nach dem Magnificat, vgl. Lk 1,46–55): Lesen Sie die Strophe zunächst vor und diskutieren Sie im Anschluss über den Text. Empfinden Sie den Liedtext als gerecht? Welchen Abschnitt würden Sie sofort bejahen, mit welchem haben Sie Schwierigkeiten? Halten Sie Ihre Eindrücke fest, beispielsweise auf einem großen Plakat.

2. Dem Text begegnen

  • Lesen Sie den Text Mt 6,1–34 zunächst laut in Ihrer Gruppe vor und nehmen Sie sich im Anschluss daran Zeit, ihn nochmals in Stille zu lesen.
  • Versuchen Sie anschließend, die Themen zu bestimmen, mit denen der Text sich beschäftigt. Wo beginnt jeweils ein neues Thema und wo endet es?
  • Sehen Sie übergreifende thematische Leitlinien?
  • Wie würden Sie den Text gliedern?
  • Notieren Sie für sich: Was gefällt mir beim ersten Umgang mit dem Text besonders gut. Was finde ich eher schwierig.

(Wenn Sie beim Lesen über die V. 22f. stolpern und einfach kein rechtes Verständnis für die beiden Verse entwickeln können, dann grämen Sie sich nicht: Der Abschnitt gehört zu den schwierigsten und rätselhaftesten Texten innerhalb der Evangelien, an dem sich viele Exegetinnen und Exegeten bereits die Zähne ausgebissen haben. Wir wünschen daher viel Spaß beim Rätseln.
Literaturtipp: H. D. Betz, Matthäus 6, 22–23 und die antiken griechischen Sehtheorien, in: Ders., Studien zur Bergpredigt, Tübingen 1985, 62–77.)

3. Mit dem Text arbeiten

Um mit diesem langen Text gut umgehen zu können, bietet es sich an, ihn sich in zwei Kleingruppen zu erarbeiten. Gruppe 1 beschäftigt sich mit den V. 1–24; Gruppe 2 mit V. 24–34. Die Arbeitsaufträge sind für beide Gruppen gleich.

  • Überlegen Sie: An welche Menschen richtet sich Ihr Abschnitt? Welche Personen können sich von ihm in der Zeit seiner Entstehung (1. Jh. n. Chr.) angesprochen fühlen? Und wer heute?
  • Wofür wirbt der Text in Ihrem jeweiligen Abschnitt und in welchen Punkten ist er eher kritisch eingestellt und warnt vor falschen Verhaltensweisen? Achten Sie insbesondere auf Gegensatzpaare, die einander gegenübergestellt werden.
  • Der mt Jesus warnt ganz offensichtlich vor bestimmten Verhaltensweisen: Wie begründet er seine Ermahnungen, wie seine positiven Ratschläge? Wie lebenspraktisch empfinden Sie diese Warnungen und die favorisierten Handlungsoptionen?
  • Sehen Sie auf der Basis des Textes eine Möglichkeit, wie sich die mt Ratschläge realisieren lassen? Wie könnte so etwas heute aussehen?

Nach dieser Kleingruppenarbeitsphase können die jeweils erarbeiteten Ergebnisse im Plenum kurz wechselseitig vorgestellt werden.

  • Sehen Sie Anknüpfungspunkte?
  • Was sagen Sie zu V. 24, der in beiden Gruppen diskutiert worden ist? Inwiefern könnte sich hier ein entscheidendes Scharnier des Textes finden?
  • Wieso brauchen sich die zwei Kleingruppen gewissermaßen gegenseitig, wenn das jeweils vorgeschlagene Konzept funktionieren soll?

4. Mit dem Text weitergehen/den Text in Leben umsetzen

Modell A:
Wie betrachten Sie Ihre Sorgen des heutigen Tages im Licht von Mt 6,1–34? Haben sie sich verändert bzw. hat sich Ihre Einstellung zu Ihren Sorgen verändert? Ist Mt 6 für Sie lebenspraktisch?

Modell B:
Formulieren Sie für sich alternative Strophen für GL 261, die sich auf Ihre Lektüre von Mt 6,1–34 beziehen.

Zum Abschluss bietet sich als Gebet das Vaterunser an. Gut geeignet sind auch die Lieder "Meine engen Grenzen" und "Wer nur den lieben Gott lässt walten" (GL 295 oder 296).

7. Zum Weiterlesen

  • R. Feldmeier (Hrsg.), Salz der Erde. Zugänge zur Bergpredigt (Biblisch-theologische Schwerpunkte 14), Göttingen 1998.
  • Katholisches Bibelwerk (Hrsg.), Die Bergpredigt entdecken. Lese- und Arbeitsbuch, Stuttgart 2000.
  • M. Köhnlein, Die Bergpredigt, Stuttgart 2005.
  • W. Zager, Bergpredigt und Reich Gottes, Neukirchen-Vluyn 2002.
  • F. Zeilinger, Zwischen Himmel und Erde. Ein Kommentar zur "Bergpredigt" Matthäus 5–7, Stuttgart 2002.

Markus Lau/Christian Schramm, Oktober 2007
Katholisches Bibelwerk im Bistum Münster (www.bibelwerk.de)
in Kooperation mit
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