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22.07.2017
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Aus dem kirchensite.de-Archiv
Sein eigener Gott sein und sich von anderen einreden lassen, es sei schon nicht so schlimm, einen kleinen Verrat zu begehen: Wer dieser Grundversuchung Adams nachgibt, verbreitet Tod und Verderben um sich – im großen und im Kleinen. Wer um diese Versuchung weiß – kann nur bitten und beten. Genau das lehrt Jesus seine Jünger. (Im Bild: Darstellung des Sündenfalls am Nordeingang des Domes zu Münster.)

Bibelarbeit für den Monat September 2007

"Selig, wer in der Versuchung standhält"

Jakobus 1,12

1. Hinführung

"Führe uns nicht in Versuchung" – wer das Vaterunser nicht gedankenlos herunterleiert, kann schon mal ins Stolpern kommen. Dass Menschen in Versuchung geführt werden und manchmal auch andere in Versuchung führen – das ist leider Gottes wahr. Aber das Vaterunser richtet sich ja an Gott. Will Gott uns etwa in Versuchung führen? Müssen wir tatsächlich Angst haben, dass Gott unsere Schwäche aufdeckt und ausnutzt, um uns vom richtigen Weg abzubringen? Will er uns auf Distanz halten und erniedrigen? Müssen wir beten, um Gott vom Äußersten zurückzuhalten?

Sich mit menschlichen Versuchungen zu befassen, ist ein Beitrag zur Ehrlichkeit. Manche wollen ein spekulatives Interesse befriedigen, indem sie den wohligen Schauer bei der bloßen Vorstellung sündiger Verfehlungen genießen. Anderer trainiieren, um hart zu werden, so dass die Versuchungen an ihnen abprallen. Das eine wie das andere ist ein Irrweg. Wer sich mit der Realität menschlichen Lebens befasst, muss sich auch mit Versuchungen auseinandersetzen.

Im Neuen Testament liest sich der Jakobusbrief streckenweise wie ein Kommentar zur Bergpredigt und zum Vaterunser, dem Herzstück der Bergpredigt. Der Jakobusbrief reflektiert eingehend über die Versuchungen, denen Menschen ausgesetzt sind, über Strategien, die Versuchung zu bestehen, und über Gott, der nicht in Versuchung führt, sondern in der Versuchung Kraft verleiht, sie zu bestehen.

2. Der Text Jak 1,2-15

2 Als reine Freude erachtet es, meine Brüder,
wenn ihr in mancherlei Versuchungen geratet,
3 wisst ihr doch, dass die Echtheit eures Glaubens Geduld bewirkt,
4 die Geduld aber soll zu einem vollkommenen Werk führen,
damit ihr vollkommen und ganz seid und keinen Mangel leidet.
5 Wem es unter euch an Weisheit mangelt,
bitte Gott, der allen gerne gibt und keine Vorwürfe macht,
und sie wird euch gegeben werden.
6 Es soll aber voll Glauben gebeten werden, ohne Zweifel.
Denn wer zweifelt, gleicht einer Meereswoge,
die vom Wind getrieben und gepeitscht wird;
7 ein solcher Mensch meine nicht, von Gott etwas zu empfangen,
8 ein zwiespältiger Mensch, unstet auf allen seinen Wegen.
9 Es rühme sich aber ein demütiger Bruder seiner Hoheit,
10 und wer reich ist, der Demut,
wird er doch vergehen wie die Blume im Gras.
11 Denn die Sonne geht auf voll Hitze
und das Gras verdorrt
und die Blume verwelkt,
und die Schönheit des Aussehens vergeht,
so wird auch der Reiche auf seinen Wegen verschwinden.
12 Selig, wer die Versuchung erduldet;
denn wer als echt erfunden wird, empfängt den Kranz des Lebens,
der denen verheißen ist, die ihn lieben.
13 Wer versucht wird, sage nicht: "Von Gott werde ich versucht."
Denn Gott kann nicht vom Bösen versucht werden,
Gott versucht aber auch niemanden.
14 Wer versucht wird,
wird von den eigenen Begierden gereizt und verlockt;
15 dann, wenn die Begierde empfangen hat, gebiert sie Sünde,
die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, bringt Tod hervor.

3. Zur Auslegung

Der Jakobusbrief gehört nicht gerade zu den neutestamentlichen Texten, die Begeisterungsstürme auslösen. Luther hat ihn die "stroherne Epistel" genannt, weil sie zu wenig Christusglaube, zu wenig Rechtfertigungsgnade, zu wenig Esprit habe. Manche Katholiken wollten Jakobus als Kontrahenten des Apostels Paulus ins Feld führen; weil er die guten Werke betont; aber das ist vergebliche Liebesmüh’. Der kürzlich verstorbene baptistische Neutestamentler Wiard Popkes hat den Brief einen "Strohbesen" genannt, mit dem man wunderbar das Haus fegen könne, auch das der Kirche. Das trifft die Sache wohl eher.

Der Brief ist nicht geschrieben worden, um schwerwiegende Probleme der Christologie zu lösen. Es ist vielmehr geschrieben worden, um den Christen in der Diaspora (Jak 1,1) wahres Christsein nahe zu bringen. Der Autor hat ein waches Auge für die Gefahren, denen die Frommen ausgesetzt sind: die Not der Armen zu vergessen, Heuchler zu werden, irgendwie religiöse Spinner, die keinen Blick für die Realitäten des Lebens haben.

Christsein ist aber eine Lebenskunst. Der Jakobusbrief steht in der Tradition der Bergpredigt. Er steht auch in der Tradition jüdischer Weisheit, und zwar besonders jener handfesten Variante, die kluge Lebensregeln, geprägten Erfahrungswerte, gute Ratschläge sammelt und weitergibt. In der Diaspora, der Zerstreuung, ist vor allem eines wichtig: Standhaftigkeit, Ausdauer, Sensibilität für die Not der Armen, festes Vertrauen auf Gott.

Der Passus über die Versuchung steht ganz am Anfang des Briefes. Er ist eine Provokation: Wer findet es wirklich gut, auf Herz und Nieren geprüft zu werden? Prüfungsangst ist weit verbreitet. Wer freut sich schon, getestet zu werden? Sind die allzu selbstsicheren nicht eher unsympathisch? Verdecken sie nicht ihre Schwächen?

Andererseits: Wer kann sich den Prüfungen des Lebens entziehen? Wer immer nur den Weg des geringsten Widerstandes geht, sitzt am schnellsten in der Patsche. Wer einen Horror vor den Anforderungen der anderen, des eigenen Ichs, gar Gottes hat, ist gelähmt, ohne dass die Schwierigkeiten geringer würden und die Probleme gelöst wären.

Der Jakobusbrief spricht von solchen Prüfungen. Er macht Mut, sie zu bestehen. Aber er macht keine leeren Versprechungen. Der Autor weiß: Die Christen leben in der "Diaspora", der Zerstreuung. Mit dem Leben in der Diaspora – als kleine Minderheit – sind Schwierigkeiten, Anfechtungen, Widerstände verbunden. Sie werden zu großen und kleinen Versuchungen: hart zu werden oder nachgiebig, frömmelnd oder opportunistisch, heuchlerisch oder selbstgerecht. Diese Versuchungen werden keinem Christenmenschen erspart bleiben, der es ernst mit dem Glauben nimmt. Es geht zur Zeit des Neuen Testaments nicht immer gleich ums Martyrium, um den ganz großen Glaubensabfall, um den totalen Verrat an Jesus, sondern meist um die kleinen Mogeleien, die das Leben vergiften, um die Gemeinheiten des Alltags, um die Zurückzusetzungen, Verleumdungen, Benachteiligungen durch andere (vgl. Jak 5,10f.), aber auch um die eigenen Fehler und Schwächen der Christen, die allzu gerne mit dem Mäntelchen des Glaubens bedeckt werden sollen (vgl. Jak 4,1). Hier zu bestehen, ist nicht leicht. Aber es ist möglich.

Der Brief spricht die Christen auf ihre Stärke an. Diese Stärke ist eine, die Gott verleiht. Der Brief spricht groß und gut von Gott. Gott gibt "allen gerne und macht keine Vorwürfe" (Jak 1,5), weil die Menschen in ihrer Schwäche auf seine Hilfe angewiesen sind. Gottes Gabe ist eine Hilfe in der Not. Der Jakobusbrief weiß dass die Menschen ohne diese Hilfe nicht bestehen könnten – so wie Jesus seine Jünger beten lehrt, weil sie weder sich und anderen das täglich Brot garantieren noch mit ihrer und anderer Schuld alleine fertig werden noch sich selbst erlösen können.

Gottes Hilfe aber überwältigt den Menschen nicht. Die Menschen müssen sich auch helfen lassen. Dafür wirbt der Brief: die Scheu zu überwinden, sich helfen zu lassen. Wer in einem inneren Zwiespalt lebt, hin und her gerissen zwischen Egoismus und Heuchelei, wer mit sich selbst, mit Gott und dem Nächsten zerfallen ist – wie kann einem solchen Menschen geholfen werden, ohne dass er ein ganz neuer Mensch würde? Im gegenwärtigen Zustand hilft ihm das christliche Wissen um Gottes Güte wenig: Sie kommt ja bei ihm nicht ab; er wehrt sie ja ab.

Wer sich aber vor Gott verschließt und dadurch ins Elend gerät (und andere ins Elend zieht), soll die Schuld dafür nicht Gott in die Schuhe schieben. Gott bekämpft das Böse und befördert es nicht. Gott verführt nicht zum Bösen. Wer in Versuchung gerät, soll zuerst vor der eigenen Türe kehren und dann Gott um Hilfe bitten. Der Jakobusbrief berührt sich mit Paulus, wenn er als Quelle der Sünde das Begehren ansieht, das im 9. und 10. Gebot angesprochen wird. Es ist die Gier, besitzen zu wollen – koste es, was es wolle. Es ist, tiefer noch, der Drang, gegen Gott groß sein und dem Nächsten das Gesetz des Handelns aufdrücken zu wollen. Die eigentliche Versuchung geht also nicht von anderen aus, die einem mit irgendwelchen Verlockungen oder Drohungen zu Leibe rücken, sondern von einem selbst, der man sein eigener Gott sein will und sich von anderen allzu gerne einreden lässt, es sei schon nicht so schlimm, einen kleinen Verrat zu begehen.

Wer dieser Versuchung, der Grundversuchung Adams nachgibt, verbreitet Tod und Verderben um sich – im großen und im Kleinen. Wer um diese Versuchung weiß – kann nur bitten und beten. Genau das lehrt Jesus seine Jünger.

Der Jakobusbrief ist in dem Vertrauen geschrieben, dass Gott nicht das Scheitern des Menschen will. Die Bergpredigt nennt den Grund dieses Vertrauens: den Heilswillen Gottes, den Jesus verkündet und verkörpert. Das Vaterunser beten Jünger, die wissen, dass Gott sie nicht in eine Situation führen wird, in der sie an sich selbst, am Nächsten und an ihrem Herrn scheitern müssen. Der Jakobusbrief ist in dem Vertrauen geschrieben, dass die Vater-unser-Bitte erfüllt wird – und dass daraus die Konsequenzen gezogen werden müssen: Demütig selbstbewusst zu werden und in aller Armut um die Herrlichkeit zu wissen, die Gott verleiht.

Was zeichnet einen echten Gläubigen aus? Das Bekenntnis zu Gott und Jesus Christus setzt der Jakobusbrief voraus. Er konzentriert sich auf das Verhalten, die Praxis, die Übereinstimmung von Reden und Tun. Hier stellen sich die wahren Bewährungsproben des Glaubens. Hier zählt es. Leicht ist es nicht, dem Anspruch des Glaubens zu genügen. Aber möglich ist es: allen, die Gott vertrauen, weil sie ihn lieben, und die Welt nicht vergessen, in der sie leben.

Wer so glaubt und lebt, braucht Prüfungen nicht zu scheuen, sondern kann an den Aufgaben, die das Leben stellt, wachsen. Deshalb die Seligpreisung in Vers 12. Wer eine Versuchung "erduldet", hat sie gemeistert (wie im Extremfall Hiob). Denn Erdulden heißt in der Sprache der Bibel nicht: resignatives Hinnehmen, stoisches Aushallten, beharrliches Verdrängen, sondern Annehmen – nicht in dem Sinn, dass das Schlechte schöngeredet würde, sondern in dem Sinn, dass seine Realität nicht geleugnet und die Herausforderung, die es stellt, angenommen wird.

Wie diese Geduld des Glaubens eingeübt werden kann, deutet der Brief mit wichtigen Beispielen an:

  • durch Gebet, das aber ein richtiges Ziel haben soll: Weisheit (Jak 1,5),
  • durch Vertiefung des Glaubens (Jak 1,6),
  • durch Stärkung des Selbstbewusstseins, gerade wenn man eher zurückgesetzt ist (Jak 1,9),
  • durch Demut, wenn man reich, stark und mächtig ist (Jak 1,10),
  • durch selbstkritische Suche nach eigenen Fehlern (Jak 1,13),
  • durch die Kultivierung des Begehrens (Jak 1,14).

4. Vorschlag zur Gestaltung einer Bibelstunde

Ankommen
Gemeinsam singen oder beten: GL 160,1-4

Lesen
Jemand liest den Text vor.

Klären
Inhaltliche Fragen werden besprochen.
Welche Aussagen sprechen mich an?
Bei welchen setze ich ein Fragezeichen?
Wo lässt der Text jesuanische Themen erkennen?

Persönliche Vertiefung
Welches sind die Versuchungen der heutigen Zeit?
Wo geben wir selbst ihnen nach?
Was bewundern wir bei anderen, die Versuchungen widerstehen?
Wo haben wir selbst einer Versuchung widerstanden?
Wer oder was hat uns die Kraft dazu gegeben?
Wo und wie haben wir es mit Gott in den Versuchungen unserer Zeit und unseres Lebens zu tun?

Gebet
Gemeinsam wird das Vaterunser gebetet.

Ausklang
Gemeinsam singen oder beten: GL 160,5-7

Weiterführende Literatur:
Wiard Popkes, Der Brief des Jakobus, Leipzig 2001
Christoph Burchard, Der Jakobusbrief, Tübingen 2000

Prof. Dr. Thomas Söding
Katholisches Bibelwerk im Bistum Münster (www.bibelwerk.de)

in Kooperation mit
"kirchensite.de" - online mit dem Bistum Münster (kirchensite.de)
Foto: Michael Bönte

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