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22.07.2017
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Elemente der Beichte: Bekenntnis der Sünden, Bitte um Vergebung und der gute Vorsatz.

Bibelarbeit im August 2007

Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz

Der Bußpsalm 51

1. Hinführung

Ehre und Schande – im Altertum hat dieser Gegensatz überragende Bedeutung für das Leben der Mensch. Nichts ist wichtiger, als Ehre einzulegen; nichts schlimmer, als in Schimpf und Schande zu geraten. Ist es heute viel anders? Wie heiß ist der Wunsch, zu den Siegern, den Gefeierten, den Respektierten und Beliebten zu gehören! Wie mies fühlt man sich, wenn man vergessen, verdrängt, vereinnahmt wird!

Und wie fühlt man sich, wenn man selbst andere vergessen, verdrängt, vereinnahmt hat? Meistens bekommen wir es ja gar nicht richtig mit. Aber wenn doch, schlägt das schlechte Gewissen. Die Scham brennt, wenn man eine Freundschaft verraten, ein Versprechen gebrochen, eine kleine Schweinerei begangen hat, um irgendetwas auf Kosten anderer zu erlangen. Sicher: Alle finden ganz schnell Rechtfertigungen und sehen mindestens mildernde Umstände. Aber hilft das weiter? Wo bleibt dann die Ehre? Was ist Schande?

Es wäre notwendig, sich auszusprechen. Es täte gut, der Wahrheit des eigenen Lebens ins Auge zu sehen. Es würde helfen, Schuld zu bekennen. Aber die Angst sitzt tief, gedemütigt zu werden. Zur eigenen Schande käme die Verachtung der anderen. Ist es nicht doch besser, sich durchzumogeln?

Einen Ausweg gäbe es nur, wenn er in einen geschützten Raum führte, in dem man der Wahrheit die Ehre geben könnte und doch nicht vor Scham im Boden versinken müsste.

Gibt es einen solchen geschützten Raum? Wer könnte ihn einrichten? Wer würde ihn schützen? Wem würde man darin begegnen?

Auf diese Frage gibt die Bibel Antworten. Sie gibt sie an unterschiedlichen Stellen; sie gibt sie im Alten und im Neuen Testament; sie gibt sie immer mit Verweis auf den lebendigen, den gerechten und lieben Gott; sie gibt sie immer aus lebendigen Erfahrungen der Ehre und Schande, der Schuld und Scham, des Glaubens und der Hoffnung.

Eine Antwort, die im Judentum wie im Christentum besondere Bedeutung gewonnen hat, gibt Ps 51. Er ist der klassische Bußpsalm. Es ist gut, ihn nicht nur in der Advents- und Fastenzeit, sondern durch das Jahr hindurch immer wieder zu lesen, zu beten, zu besprechen.

2. Der Text (Ps 51)

(Einleitung)
1Dem Chorleiter. Ein Psalm Davids,
2als zu ihm kam Nathan, der Prophet,
nachdem er zu Bathseba gegangen war.

(Bitte)
3Sei mir gnädig, Gott, nach deiner Güte,
nach der Fülle deines Erbarmens tilge meinen Frevel.
4Wasch meine Schuld von mir ab,
und reinige mich von meiner Sünde.

(Bekenntnis)
5Ja, meine Frevel kenne ich
und meine Sünde steht vor mir.
6An dir allein habe ich gesündigt
und Böses vor deinen Augen getan.
Du aber bist gerecht in deinem Wort
und rein in deinem Urteil.
7Siehe, in Schuld bin ich geboren,
in Sünde hat mich meine Mutter empfangen.
8Siehe du hast Gefallen an der Treue im Innern
und im Geheimen lässt du mich Weisheit erkennen.

(Bitte)
9Entsündige mich mit Ysop, so werde ich rein,
wasche mich, so werde ich weißer als Schnee.
10Lass mich hören Freude und Wonne,
dass die Knochen jauchzen, die du zerschlagen hast.
11Verbirg dein Angesicht vor meinen Sünden
und tilge alle meine Schulden.
12Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz,
und erwecke mir einen beständigen Geist,
13Verwirf mich nicht vor deinem Angesicht,
und deinen heiligen Geist nimm nicht von mir.
14Gib mir die Freude deines Heiles zurück,
und stütze mich mit einem willigen Geist.

(Vorsatz)
15Ich will die Frevler deine Wege lehren,
dass die Sünder zurückkehren zu dir.
16Errette mich von Blutschuld, Gott, du Gott meines Heiles,
so wird meine Zunge deine Gerechtigkeit preisen.
17Herr, öffne mein Lippen,
damit mein Mund dein Lob verkünde.
18Denn Schlachtopfer willst du nicht, ich gäbe sie dir,
und Brandopfer gefallen dir nicht.
19Opfer, die dir gefallen, sind ein zerbrochener Geist,
ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz verachtest du nicht.
20Tu Gutes für Zion nach deiner Gnade,
baue die Mauern Jerusalems.
21Dann wirst Du Gefallen finden an rechten Opfern, Brandopfern und Ganzopfer,
dann werden sie Stiere opfern auf deinem Altar.

3. Die Geschichte Davids

In der Einleitung wird der Psalm David zugeschrieben. Die Exegese ist sich zwar sicher, dass das nachträglich geschehen ist. Sie hat aber eine neue Sensibilität für die Bedeutung der Zuschreibung gewonnen: Der Psalm wird in die große Erzählung der Bibel eingeordnet, die bei Adam und Eva beginnt und die Geschichte der Mensch jenseits von Eden beschreibt. Das Gebet des Psalms wird in die Geschichte der Menschheit und die die Geschichte des Gottesvolkes eingeordnet. David ist der ideale Autor der Psalmen: ein Dichter-König, ein inspirierter Frommer, ein prophetischer Geist – auch ein schwacher Mensch.

In Ps 51 wird die Einbindung des Gebetes in die Geschichte Israels konkretisiert. Es wird an den dunkelsten Punkt in der Biographie Davids erinnert: den Mord an Urija, dem der Ehebruch mit Bathseba vorangeht. Die Bibel erzählt ihn ungeschminkt (2Sam 11-12). David ist ein Mann, der ganz von unten kommt, ein begnadeter Außenseiter, ein listiger Kämpfer, ein Krieger mit Herz. Er wird ein Mann, der mit höchsten Ehren überhäuft wird. Er gewinnt den Machtkampf mit Saul. Er nimmt Jerusalem ein. Er führt die zwölf Stämme zusammen. Er verbindet Nord und Süd. Er festigt sein Reich. Er führt erfolgreiche Kriege. Was will er mehr?

Sein Auge fällt auf eine schöne Frau: Bathseba. Dass sie verheiratet ist, kümmert ihn nicht; er nutzt schamlos seine Macht aus: Unzucht mit einer Abhängigen. Als sie schwanger wird, geht David noch weiter. Ihr Mann, der Hethiter Urija, ist einer seiner Hauptleute. David arrangiert es so, dass er in der Schlacht fällt: Mord auf Bestellung. Davids Ehre wird seine Schande.

Doch es gibt Gott und seinen Propheten. Nathan wird gesandt, um David mit seiner Schuld zu konfrontieren, Nathan ist weise, nicht mit der Tür ins Haus zu fallen, sondern eine kleine Gleichnisgeschichte zu erzählen, die an des Königs Gerechtigkeitssinn appelliert: die Geschichte des Reichen, der aus Habgier dem Armen sein einziges Lamm raubt, um es einem Gast vorzusetzen. "Du selbst bist der Mann", sagt Nathan, als David sich empört (2Sam 12,7). Und David ist einsichtig: "Ich habe gegen den Herrn gesündigt" (2Sam 12,13).

Das Kind, das Bathseba zur Welt bringt, stirbt. Aber später wird sie die Mutter des weisen Königs Salomo, des Nachfolgers Davids. So kommt "die Frau des Urija" ebenso wie David in den Stammbaum Jesu (Mt 1,1-17).

Auch wenn David nicht selbst den Psalm gedichtet hat: Er passt in die Mord- und Ehebruchgeschichte. Und diese Geschichte passt zum Psalm. Die Eingangsverse ordnen ja nicht nur das Gebet einem geschichtlichen Ereignis zu; sie nehmen ja David auch ins Gebet. Die Geschichte Gottes mit seinem Volk ist keine Geschichte, die frei von Schuld wäre. Aber sie ist eine Geschichte, in der gebetet wird: von den Opfern der Gewalt: um Gerechtigkeit – aber auch von reuigen Tätern: um Vergebung. Werden diese Gebete erhört? Oder verdoppeln sie nur das Unglück und verhallen ins Nichts?

4. Der Weg des Gebetes

Der Psalm zeichnet einen spirituellen Weg der Umkehr vor. Man kann viele Momente erkennen, die in die Beichte eingegangen sind: das Bekenntnis der Sünden, die Bitte um Vergebung, der gute Vorsatz. Aber in der Beichte gibt es diese Momente ehrlicher Frömmigkeit, weil sie in den großen Gebeten Israels vorgeprägt sind: im Ringen um eine Sprache für das Schuldbekenntnis; im Suchen nach dem Antlitz des gnädigen Gottes; in der Bitte um eine zweite Chance, einen echten Neuanfang – mit Gottes Hilfe.

Bitten
Ps 51 verbindet diese Momente zu einer inneren Einheit und vertieft sie in radikaler Weise. Von Anfang an ist er ein Bittgebet. Der Sünder, der Ps 51 betet, weiß, dass er beim besten Willen die begangene Schuld nicht wiedergutmachen kann. Bliebe er auf seine eigenen Möglichkeiten zurückgeworfen, gäbe es nur noch die pure Verzweiflung. Aber es gibt Gott. Und deshalb gibt es die Bitte um Vergebung. In den beiden ersten Gebetsversen klingt sie an (Ps 51,3f.) und bildet dann die Mitte des Gebetes (Ps 51,9-14): "Sei mir gnädig … tilge meinen Frevel, wasch meine Schuld von mir ab und reinige mich von meiner Sünde" (Ps 51,3f.) … "wasche mich, so werde ich weißer als Schnee" (Ps 51,9). Doch damit nicht genug. "Waschen" und "Reinigen" sind Bildworte, in denen die Sünde etwas äußerliches bleibt: Man hat sich die Hände schmutzig gemacht – und ist ehrlich genug, nicht die Hände in Unschuld zu waschen. Aber was haben die schmutzigen Hände mit dem Herz des Menschen zu tun?

Deshalb geht die Bitte um Vergebung im Mittelteil des Psalms einen entscheidenden Schritt weiter: "Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz, und erwecke in mir einen beständigen Geist" (Ps 51,12). Es reicht nicht, die Fehler der Vergangenheit zu bereuen und die Trümmer der Verfehlungen beseitezuräumen: Das Herz des Mensch muss erneuert werden. Es muss "rein" werden: so dass es das Organ der Gottes- und der Nächstenliebe werden kann. Der Geist des Menschen muss beständig werden: so dass die Gefahr des Rückfalls kleiner wird. Beides aber setzt Gottes Schöpferkraft voraus. "Erschaffe … erwecke" – es sind Worte der Genesis, die später ein pfingstliches Echo erhalten, zu denen der Beter des Psalms Zuflucht nimmt. Denn die Schuld, die Gott vergeben soll, ist so groß, dass sie dem Täter nicht nur äußerlich zusetzt, sondern innerlich wehtut. Die Bitte muss sein, ein neuer Mensch zu werden. Diese Bitte kann nur Gott erfüllen.

Der Psalm ist ein Gebet. Dass man mit Gott nicht ins Reine kommen kann im Rücken der Opfer, ist allerdings wahr. Doch spricht dies nicht gegen das Bitten und Beten. Die Reue ist nur echt, wenn sie nicht zu Lippenbekenntnissen führt. Ein erstes Echtheitskriterium besteht darin, dass die Schuld ungeschminkt eingestanden wird. So kommen die Opfer zwar noch nicht zu ihrem Recht; aber sie stehen dem Beter vor Augen.

Bekennen
Die Bitte wäre nicht echt ohne das Bekenntnis. In Ps 51 ist es ein doppeltes Bekenntnis: einerseits der eigenen Schuld, andererseits der Größe, der Gnade und Barmherzigkeit, auch der Gerechtigkeit Gottes.

Im Hebräischen, im Griechischen der ältesten Psalmenübersetzung (in der Septuaginta), im Lateinischen der Vulgata und auch im Deutschen tauchen viele verschiedene Worte für das auf, was der Beter getan hat und Gott vergeben möge: Frevel, Schuld, Sünde im Singular und Plural, Böses, Blutschuld. Das Vokabular des Psalms hat einen starken Einfluss auf die jüdische und christliche Theologie und Psychologie ausgeübt. Die Begriffe sind nicht exakt definiert wie in einem Handbuch der Moraltheologie, so dass sie einem klassischen Beichtspiegel Verwendung finden könnten. Aber sie haben ein starkes Gewicht.

Schon die Vielfalt und Variation der Worte zeigt das moralische Desaster des Beters. Unterscheidungen zwischen großen und kleinen, lässlichen und schweren Sünden helfen ihm nicht mehr weiter. Er hat durch seine Schuld sein Leben zerstört, weil er das Leben anderer kaputtgemacht hat. Eines aber wird immer wieder klar: Es ist echte Schuld; es gibt keine Ausrede; das Fehlverhalten hat Gewicht; es ist ein klarer Verstoß gegen das Grundgesetz Gottes, die elementare Ordnung des Lebens. Von "Gesetzlosigkeit" spricht die Septuaginta und meint den Widerspruch zur Tora.

Dem Sündenbekenntnis entspricht in Ps 51 aber ein Glaubensbekenntnis. Die Bitte hat eine Adresse; das Schuldbekenntnis wird vor Gott abgelegt. Wer aber ist Gott?

Der Beter stellt nicht die Theodizeefrage, wie Gott das Unrecht hat zulassen können. Das geschieht in den Klagepsalmen (z.B. in Ps 22: "Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"). In Ps 51 wäre es unehrlich, so zu fragen: Nicht das Opfer spricht, sondern der Täter. Gott die Schuld für das eigene Versagen in die Schuhe zu schieben, wäre das Letzte.

Zwei Attribute Gottes treten hervor: seine Güte und seine Gerechtigkeit. Beides gehört zusammen. Wäre Gott nur – nach menschlichen Maßstäben – "gerecht", könnte er nur verurteilen, zumal den Mörder. Wem wäre damit geholfen? Das Gerechtigkeitsempfinden fordert Sühne und Strafe; aber das Unrecht wird ja dadurch nicht ungeschehen gemacht.

Wäre Gott nur – nach menschlichen Maßstäben – gütig, könnte er die Schuld nur hinnehmen und müsste sie hingehen lassen. Aber wird das den Opfern gerecht? Wird dann die Gnade nicht billig?

Der Psalm lässt sich auf solche Einseitigkeiten nicht ein. Wer seine Schuld bekennt, kann nicht nur an Gottes Güte, sondern muss auch an Gottes Gerechtigkeit appellieren – sonst wäre das Gebet nur Selbstbetrug. Aber Gottes Gerechtigkeit ist himmlische Gerechtigkeit, ist reine Güte; und seine Güte ist unendliche Güte, ist vollkommene Gerechtigkeit. Gott so gütig, Gerechtigkeit walten zu lassen, und wird dem reuigen Sünder gerecht, wenn er vergibt.

Bessern
Der Psalm begnügt sich nicht mit der Bitte um Vergebung und dem Bekenntnis sowohl der eigenen Schuld als auch der Güte und Gerechtigkeit Gottes. Am Ende des Weges steht der gute Vorsatz, das Gelöbnis der Besserung.

Man sagt allerdings, der Weg zur Hölle sei mit guten Vorsätzen gepflastert. Doch ohne gute Vorsätze versinkt alles in der Depression, bestenfalls im Mittelmaß. Der Beter des Psalms hat aber klare Vorstellungen. Es geht ihm nicht nur um sich selbst, sondern um andere: "Ich will die Frevler deine Wege lehren, dass die Sünder zurückkehren zu dir" (Ps 51,15) – so wie er ja selbst ein solcher Frevler war, der sich gerade jetzt wieder Gott neu zukehrt. Das Gebet des Psalms ist der erste wichtige Schritt auf Gott und den Nächsten zu – auch wenn es die aktive menschliche Zuwendung nicht ersetzen kann.

Dem Beter geht es aber auch um den "ganz Anderen", um Gott: "Herr, öffne mein Lippen, damit mein Mund dein Lob verkünde" (Ps 51,17). Das lässt sich unmittelbar auf den Psalm selbst beziehen. Aber das Gotteslob strahlt aus: Das Leben, das der Beter, dessen Bitte um Vergebung erhört wird, neu führen kann, soll und muss ein Leben der Gottesliebe werden. Das Beten des Psalms ist der erste Schritt. Der spirituelle Weg, den er vorzeichnet, führt hinaus ins Weite – und auch vor neue Versuchungen. Dass sie bestanden werden, setzt Festigkeit im Glauben voraus. Glauben aber muss gelebt werden, sonst verkümmert er. Beten ist das Lebenselixier des Glaubens.

Der gute Vorsatz zielt auf angewandte, konsequente Gottes- und Nächstenliebe. Er stützt sich aber nicht nur auf hehre Ziele und beste Absichten, sondern mehr noch auf Gottes Stärke. Gott könnte gar nicht gelobt werden, ohne dass er die Lippen der Beter öffnet – so wie er nach dem Wunsch des Beters ein reines Herz erschafft und einen beständigen Geist verleiht. Der Frevler könnte gar nicht zurechtgewiesen werden, wenn Gott nicht vertraulich, im Geheimen, im stillen Kämmerlein, im Raum des Herzens, dem Beter Weisheit verleihen würde (Ps 51,8).

Dass der Vorsitz richtig gefasst ist und auch verwirklicht werden kann, liegt daran, dass der Beter sich keinen Illusionen über Gott und die Welt hingibt, sondern in der Aufarbeitung seiner Schuld Gott so erfährt, wie er wirklich ist: "Denn Schlachtopfer willst du nicht, ich gäbe sie dir, und Brandopfer gefallen dir nicht. Opfer, die dir gefallen, sind ein zerbrochener Geist, ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz verachtest du nicht" (Ps 51,18f.). Hier ist der Psalm ganz nahe bei der Kultkritik der Propheten, die immer wieder die Heuchelei gebrandmarkt haben, die daran liegt, hinter heiligen Zeremonien die Niedertracht der eigenen Handelns zu verstecken. Gott ist auf die Opfer der Menschen nicht angewiesen. Gott will aber das Heil der Mensch. Deshalb muss es den Sündern das Herz brechen, was sie anderen angetan haben – und deshalb heilt er, die zerbrochenen Herzens sind.

5. Das Bild des Menschen

Ps 51 zeichnet ein tiefgründiges Bild des Menschen. Das Gebet ist ein anthropologischer Schlüsseltext. Er blickt in menschliche Abgründe, baut aber Brücken über tiefe Gräben. Er ist total ehrlich – und deshalb hoffnungsvoll.

Der Mensch ist Gottes Kind. Er hat eine Ader für Gott. Er kann beten – auch als Sünder. Das Gebet ist keine Pflicht, die er Gott schuldet, weil der es brauchte, sondern ein Geschenk Gottes selbst. Wer nicht beten kann ist arm dran. Wer beten kann, muss es auch andere im Sinn haben und stellvertretend für sie mitbeten. Wer betet, soll nicht nur bitten, sondern auch bekennen. Sonst fehlen ganze Oktaven auf der Klaviatur der Spiritualität.

Der Mensch ist ein Sünder. David ist dafür ein Beispiel. Sünde ist aber nicht nur eine einzelne Verfehlung. Sünde ist auch ein selbstverschuldetes Verhängnis. "In Schuld bin ich geboren, in Sünde hat mich meine Mutter empfangen" – dieser Schlüsselvers (Ps 51,7) wird häufig missverstanden: dass Sexualität etwas Schlechtes sei und speziell die Frauen, das schwache Geschlecht, eine Neigung zum Sündigen hätten. Aber "Sünde" meint in diesem Fall nicht ein Fehlverhalten, sondern ein Unheil. Der Vers öffnet den Blick dafür, dass die Menschen Adamskinder sind: hineingeboren in ein Leben, das mit dem Tode endet, überschattet von Leid, gezeichnet von Ungerechtigkeit. (Darum geht es der missverständlich so genannten Lehre von der "Erbsünde".) Zur Stärke des Psalms gehört, dass der Beter dies nicht als mildernden Umstand reklamiert, sondern nüchtern konstatiert, dass es so ist – und dass jeder, der Schuld auf sich lädt, die Unheilslasten, die Menschen tragen müssen, noch vergrößert. Die ganze Dimension des Schrecklichen kommt erst in der Perspektive Gottes zu Gesicht. Deshalb gilt: "An dir allein habe ich gesündigt und Böses vor deinen Augen getan" (Ps 51,6). Denn jede Sünde besteht nicht nur darin, dass dem Nächsten Schaden zugefügt, sondern auch, dass seine Gottesebenbildlichkeit verletzt und damit Gott selbst angegriffen wird. Das aber ist die Kehrseite dessen, dass es auch echte Vergebung geben kann – die nur von Gott kommen kann, dem Schöpfer und Neuschöpfer.

Der Mensch ist ein Wesen als Fleisch und Blut; er ist Mensch mit Leib und Seele. Geht es ihm schlecht, sind seine Knochen zerschlagen. Und am schlechtesten geht es ihm, wenn er anderen Schlechtes getan hat. Sünde macht krank. Aber nicht jede Krankheit ist Sünde. Im Gegenteil: Weil Menschen so sind, wie der Psalm sie zeichnet, scheinen oft die Ehrlichen die Dummen – und wären es, wenn Gott nicht wäre. Aber die Menschen haben auch Geist. Sie sind nicht die Sklaven ihrer Bedürfnisse. Sie haben ein Sensorium für recht und Unrecht, für Gott und den Nächsten. Deshalb braucht die Schuld sie nicht in die Verzweiflung zu führen. Sie dürfen hoffen. Sie können beten.

Und sie sind darin nicht allein. Am Ende weitet sich der Blick des Beters noch einmal: auf den Zion, den Ort des Tempels und seines Gottesdienstes, und auf das ganze Volk Israel.

6. Neutestamentliche Resonanzen

Der Apostel Paulus hat Ps 51 nicht nur gebetet, sondern genau studiert - wahrscheinlich schon als frommer, wenn auch eifernder Pharisäer. Sein Bild des Menschen ist von diesem Psalm beeinflusst: sein Blick für die Sünde der Menschen ebenso wie für die Hoffnung auf die Rechtfertigung der Glaubenden. Paulus hat Ps 51 in seinem wichtigsten Schreiben, dem Römerbrief, ausdrücklich zitiert. Zu Beginn dieses Textes führt er den Beweis, dass kein Mensch sich von Schuld freisprechen, sondern jeder sich als Sünder bekennen muss, angewiesen auf Gottes Gnade und Barmherzigkeit. Als Argumente führt er die menschliche Erfahrung an: Überall wird Gottes Gerechtigkeit durch menschliche Ungerechtigkeit unterdrückt (Röm 1,18). Als Beleg dient ihm aber auch als Zeugnis der Heiligen Schrift. Einen wichtiges Zitat stammt aus Ps 51,6: "So behältst du recht mit deinen Worten und siegst, wenn man mit dir rechtet". Paulus hat stärker als der Psalmist die Theodizeefrage im Blick: Wie kann Gott die Sünde zulassen? Aber er antwortet mit der Einsicht des reuigen Sünders: Der Mensch kann seine eigene Schuld nicht Gott in die Schuhe schieben. Er muss zu ihr stehen.

Paulus kennt aber auch die Kehrseite der Medaille. Etwas später zitiert er David, den reuigen Sünder, allerdings nicht Worten des 51., sondern des 32. Psalms: "Selig, deren Frevel vergeben und Sünden bedeckt sind" (Röm 4,7 – Ps 32,1f.).

Doch nicht nur Paulus hat Ps 51 im Kopf. Als Jesus das Gleichnis vom verlorenen Sohn erzählt, lässt er ihn bekennen: "Vater, ich habe gesündigt, gegen den Himmel und vor dir" (Lk 15,21) – ähnlich wie "David" bekannt hatte: "An dir allein habe ich gesündigt und Böses vor deinen Augen getan" (Ps 51,6). Und auch die jesuanische Brücke zur paulinischen Rechtfertigungslehre wird mit Hilfe von Ps 51 gebaut: "Gott sei mit Sünder gnädig" – das Gebet des Zöllners im Tempel, der wider Erwarten "gerechtfertigt" nach Hause geht, ist eine Zusammenfassung von Ps 51 (Lk 18,9-14).

Am tiefsten führt eine kleine, oft übersehene Notiz der johanneischen Passionsgeschichte: "Sie legten ein Schwamm voll mit Essig um einen Ysop und führten ihn an seinen Mund" (Joh 19,29). Jesus hatte gesagt, ihn dürste, und der Essig soll ihn weiter quälen. Aber das letzte Folterwerkzeug wird zum Heilszeichen. Ysop – nicht unbedingt mit der heute so bezeichneten Pflanze identisch – scheint ein kleiner Busch mit staksigen Zweigen gewesen zu sein, der auf steinigen Grund gedeiht. Nur Johannes berichtet von ihr. Seine symbolische Bedeutung gewinnt er vor dem Hintergrund des alttestamentlichen Kultes: Ysop ist ein Werkzeug der Reinigung. Mit einem Ysopzweig soll das Blut des Paschalammes an die Türpfosten Israels gestrichen werden (Ex 12,22). "Entsündige mit Ysop, dass ich rein werde", bittet der Psalmist (Ps 51,9) – und Johannes erzählt, dass Gott diese Bitte durch den erfüllt, der auf einem Ysopzweig den Essig des Todes gereicht bekommen hat.

7. Vorschlag für eine Bibelstunde

Es gibt schwere Schuld – wohin damit? Es gibt schwere Sünder – wohin mit ihnen? Muss ihre Schuld verdrängt, verbrämt, verschwiegen werden? Gibt es einen Ausweg aus schwerster Schuld? Oder nur die ewige Verdammung? Wenn es einen Ausweg gibt – wer kann ihn bahnen, ohne die Schuld zu verharmlosen?

Das können Leitfragen für ein Glaubensgespräch sein, das die Bibel in einen Dialog mit den eigenen Erfahrungen bringt.

Ankommen

Singen oder Beten von GL 164 "Erbarme dich, erbarm dich mein"

Lesen

  • Ps 51 wird langsam laut gelesen, am besten reihum Vers für Vers oder im Wechsel.
  • Alle lesen den Psalm für sich selbst und markieren den Satz, der sie am meisten anspricht.
  • Danach lesen alle, die es wollen, nacheinander ihren Satz. Wiederholungen schaden nicht.

Klären

  • Welche Verständnisfragen tauchen auf?
  • Ist die Bathseba-Geschichte bekannt? Muss sie nacherzählt, nachgelesen werden?
  • Wo gibt es spontane Zustimmung, wo herrscht Skepsis bei den Aussagen des Psalms?
  • Was ist problematisch? Was muss inhaltlich geklärt werden?

Reden

  • Erkennen wir uns in den Worten des Psalms wieder?
  • Erkennen wir Gott wieder, wie wir ihn bislang erfahren haben?
  • Wo sollten wir unser Selbstbild/unser Gottesbild ändern?

Besinnen

  • Alle fragen sich im Stillen selbst, was sie zu bereuen haben.
  • Wenn die Situation es zulässt, kann das Besinnen zu einem Bekenntnis vor anderen werden.

Beten

Am Schluss wird das Vaterunser gebetet.

Literatur:

  • Erich Zenger, Psalm 51, in: Frank-Lothar Hossfeld – Erich Zenger, Psalmen 51-100 (HThKAT), Freiburg - Basel - Wien 2000, 38-59

Thomas Söding, August 2007
Katholisches Bibelwerk im Bistum Münster (www.bibelwerk.de)
in Kooperation mit
kirchensite - online mit dem Bistum Münster (kirchensite.de)

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