
- Ein Gebot der Menschlichkeit.
Gleichnis vom barmherzigen Samariter
Wer ist mein Nächster?
Die vielleicht bekannteste Geschichte Jesu ist das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Der Papst hat es kürzlich in seinem Jesusbuch ausgelegt. Große Zeitungen haben diese Auslegung nachgedruckt und damit ein starkes Echo ausgelöst. Das Gleichnis Jesu spricht uns immer neu an. Wir reden von Samariterdiensten, wenn wir von spontanen, aufopferungsvollen Hilfeleistungen hören. Es gibt den Samariterbund, der sich die aktive Nächstenliebe auf die Fahnen geschrieben hat.
Der Samariter, der auf der Straße von Jerusalem nach Jericho dem wie tot daliegenden Menschen hilft, weil er Mitleid mit ihm hat – wer würde leugnen, dass er das einzig richtige macht? Und wer wüsste nicht, dass zuvor ein Priester und ein Levit vorbeigegangen sind, die wegen unterlassener Hilfeleistung hätten angezeigt werden müssen? Wir kennen solche Szenen aus dem Straßenverkehr; es kann unendlich lange dauern, bis endlich ein Autofahrer anhält und sich um einen Verunglückten kümmert. Und wer selbst auf Hilfe angewiesen ist – wie froh ist man dann, wenn jemand ohne viele Worte einfach zupackt und das Notwendige tut.
Ist also das Samaritergleichnis sonnenklar? Verkündet Jesus nur ein Gebot der puren Menschlichkeit? Das wäre nicht wenig; es wäre sehr viel. Aber Jesu Gleichnis sagt unendlich mehr. Wenn uns der Samariterdienst selbstverständlich erscheint, dann weil Jesus uns mit seinem Gleichnis die Augen geöffnet hat und weil wir Menschen, die Not leiden, mit den Augen Jesu ansehen, ob wir ausdrücklich Christen sind oder nicht. Das Ethos des Mitleids hat unsere Kultur zutiefst geprägt, wie mitleidslos wir auch oft genug miteinander umgehen. Aber dass es Krankenhäuser und Hospize gibt, Pflegedienste und Sanatorien – das ist ein Erbe des Christentums. Es geht auf Jesus von Nazareth zurück.
Jesus erzählt das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Er erzählt es in einer kritischen Situation. Von einem Schriftgelehrten, der ihn aufs Glatteis führen will, wird er gefragt, was er tun müsse, um das ewige Leben zu erlangen. Und Jesus gibt die Frage zurück.
"Im Gesetz, was steht dort? Wie liest du?"
"Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzem Herzen und deiner ganzen Seele und deinem ganzen Verstand und deiner ganzen Kraft,
und deinen Nächsten wie dich selbst.
Der jüdische Schriftgelehrte findet selbst in seiner Bibel das Doppelgebot der Gottes- und der Nächstenliebe. Dieses Gebot weist den Weg zum ewigen Leben. Es spricht für den Schriftgelehrten, dass er so klar und entschieden das Doppelgebot zitiert. Er steht auf der Höhe des Gesetzes; er weist einen Königsweg jüdisch-christlicher Verständigung.
Die Gottesliebe ist das Hauptgebot Israels. Unter den vielen Völkern der Erde ist dieses eine Volk zur Einsicht gelangt , das es nur einen, den wahren und lebendigen Gott gibt und dass ihm die ganze menschliche Liebe gebührt, weil dieser Gott der Schöpfer ist, dem sich das ganze Leben verdankt, und weil dieser Gott die Menschen liebt, die ohne seine Liebe gar nicht wären.
Die Nächstenliebe aber gehört mit der Gottesliebe zusammen – wie die zwei Seiten einer Medaille, wie die beiden Tafeln der Zehn Gebote. Denn Gottesliebe ohne Nächstenliebe ist Heuchelei oder Hartherzigkeit. Und Nächstenliebe ohne Gottesliebe bleibt an der Oberfläche. Für Jesus ist wie für Mose klar: Einen anderen Menschen sehe ich nicht richtig, wenn ich ihn nicht mit den Augen Gottes sehe: als Gottes Ebenbild. Die Liebe zu Gott ist der Motor der Nächstenliebe. In seiner Enzyklika "Gott ist Liebe" hat Benedikt XVI. den Zusammenhang zwischen Gottes- und Nächstenliebe so erklärt: "Wenn die Berührung mit Gott in meinem Leben ganz fehlt, dann kann ich im anderen immer nur den anderen sehen und kann das göttliche Bild in ihm nicht erkennen. Wenn ich aber die Zuwendung zum Nächsten aus meinem Leben ganz weglasse und nur ‚fromm’ sein möchte, nur meine ‚religiösen Pflichten’ tun, dann verdorrt auch meine Gottesbeziehung … Nur der Dienst am Nächsten öffnet mir die Augen dafür, was Gott für mich tut und wie er mich liebt" (DCE 18).
Jesus und der Schriftgelehrte stimmen in einem wesentlichen Punkt überein: Gottes- und Nächstenliebe führen auf den Weg des Lebens. Was für diese Welt am besten ist, das öffnet auch die Tür zum Reich Gottes.
Doch soweit die Theorie. Die Probleme beginnen in der Praxis. Der Schriftgelehrte, der seinen Vorstoß rechtfertigen will, stellt die entscheidende Frage:
"Und wer ist mein Nächster?"
Viele verstehen die Frage so, als wolle der Schriftgelehrte sich vor der Verantwortung drücken. Aber das täuscht. Die Frage, wer der Nächste sei, den man lieben soll, ist eine echte Frage. Über die "Fernstenliebe" kann man sich schnell einigen. Meist geht es ja nur um gute Vorsätze, hehre Ziele, allgemeine Absichten.
Aber die Nächsten gehen einem wirklich nahe. Sie laufen einem über den Weg. Sie sind sichtbar, hörbar, fühlbar. Sie zu lieben, ist viel wichtiger, ernster, schwieriger. Nächstenliebe ist konkret. Sie erfordert, Prioritäten zu setzen. Es ist also keineswegs nur ein Trick, dass der Schriftgekehrt die Frage stellt: Wer ist mein Nächster?
Mose gibt allerdings im Heiligkeitsgesetz, wo sich das Gebot der Nächstenliebe findet (Lev 19,18), eine klare Antwort. Die Nächsten sind diejenigen, die ebenfalls zum Volk Israel gehören. Die Nächstenliebe ist auch und gerade dann gefordert, wenn die "Nächsten" mir böse wollen, wenn sie sich als meine Feinde erweisen, wenn ich ihnen vergeben und verzeihen muss. Ich soll sie gerade deshalb lieben, weil auch sie zum Volk Gottes gehören, das heilig sein soll, wie Gott heilig ist.
Freilich hat Mose die anderen nicht vergessen. Im selben Heiligkeitsgesetz heißt es etwas später: Du sollst den Fremden lieben wie dich selbst, denn du bist selbst fremd gewesen in Ägypten (Lev 19,34). Die Theologie des Volkes Gottes mauert Israel nicht ein, sondern erinnert es an seine eigene Geschichte der Unterdrückung und Befreiung.
Aber die Frage bleibt: Wer ist mein Nächster? Wer gehört zum Volk Gottes?
Jesus nimmt die Frage des Schriftgelehrten ernst. Er beantwortet sie seinem Gleichnis:
Ein Mensch ging hinab von Jerusalem nach Jericho und fiel unter die Räuber. Die plünderten ihn aus und schlugen ihn zusammen und machten sich davon und ließen ihn halbtot liegen.
Die Fortsetzung ist bekannt. Ein Priester kommt des Weges: "Er sah ihn und ging vorüber". Ein Levit kommt, ein Helfer der Priester beim Tempeldienst: "Er sah ihn und ging vorüber". Jesu Gleichnis ist ganz klar: Das Verhalten des Priesters und des Leviten ist unentschuldbar. Diejenigen, die am besten wissen sollten, was zu tun ist, sind elende Versager, moralische Krüppel.
Aber es gibt den dritten Mann. Man würde nach der Logik der Erzählung einen einfachen Juden erwarten. Aber Jesus lässt einen Samariter kommen. Das war eine Provokation.
Denn zwischen Juden und Samaritern herrscht Feindschaft – vielleicht nicht ganz so stark wie heute zwischen Israelis und Palästinensern, von denen die Christen sich auf die Samariter zurückführen. Juden und Samariter haben zwar gemeinsame Wurzeln in der Heilsgeschichte. Aber die Wege haben sich getrennt. Die einen verehren Gott im Jerusalemer Tempel, die anderen auf dem Berg Garizim, wo die Juden Götzendienst wittern.
Doch ausgerechnet der Samariter tut, was getan werden muss:
Er sah ihn und hatte Mitleid und ging zu ihm, verband seine Wunden, träufelte Öl und Wein auf sie, hob ihn auf seinen Packesel und führte ihn in eine Herberge und pflegte ihn.
Jesus hat die Geschichte vom barmherzigen Samariter so gut erzählt, dass auch der Schriftgelehrte, gewiss kein Freund der Samariter, nicht umhinkann, anzuerkennen, kein anderer als dieser Ketzer habe vorbildlich gehandelt.
Aber damit hat Jesus ihn bereits über die Grenze von der Theorie zur Praxis der Nächstenliebe geführt. Wer als Jude erkennt, dass der Samariter das Vorbild abgibt, das es nachzuahmen gilt, ist auch schon auf dem Wege, Jesus zu folgen, wenn er den Horizont des Gottesvolkes weitet: von den Juden zu den Samaritern, und am Ende auch zu uns.
Das kann uns nicht kalt lassen. Es fordert uns heraus. In seinem Jesusbuch schließt der Papst die Auslegung des Gleichnisses folgendermaßen: "Jeden einzelnen Menschen gehen die beiden Figuren an. Jeder ist ‚entfremdet’, gerade auch der Liebe entfremdet … Aber jeder sollte dann auch Samariter werden – Christus nachfolgen und werden wie er. Dann leben wir richtig. Dann lieben wir richtig, wenn wir ihm ähnlich werden, der uns zuerst geliebt hat (1Joh 4,19)" (Jesus von Nazareth. Freiburg - Basel - Wien 2007, 241).
Text: Thomas Söding (Geistliches Wort in WDR 5 am 15. Juli 2007)/
Foto: Michael Bönte, 26.07.2007
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