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27.03.2017
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Aus dem kirchensite.de-Archiv
"Das ist alles Windhauch und Luftgespinst."

Bibelarbeit im Juni 2007

"Alles ist haschen nach Wind!"

Oder: Die Frage nach dem Glück des Menschen
(Koh 1,2)

Einführung

"Zeig mir, wie das Leben geht".  Mit dieser Aufforderung ist das Anliegen der alttestamentlichen Weisheit treffend charakterisiert. Dies ist jedoch keine Weisheit vergangener Tage. Die Frage ist eine genuin anthropologische, zu allen Zeiten gestellt, zu allen Zeiten aktuell.

"Zeig mir, wie das Leben geht". Wir denken vielleicht zuerst an die Worte eines Kindes an Erwachsene, an Lebens-Erfahrene. Von Beginn unseres Lebens an machen wir eigene Erfahrungen mit dem Leben, mit unserer Umgebung, mit uns selbst. Wir lernen unsere Umwelt kennen und lernen, mit ihr umzugehen und auf sie einzuwirken. Vom Lernen durch Erfahrung ist kein Bereich menschlichen Lebens ausgeschlossen. Erfahrungswissen nennen wir das, was wir uns dabei an Kenntnis aneignen.

Wir Menschen können jedoch nicht alle lebensnotwendigen Erfahrungen selbst machen, sondern müssen zur eigenen Lebensgestaltung und Lebensbewältigung auf das Erfahrungswissen früherer Generationen zurückgreifen. An vielfältigen Beispielen ließe sich zeigen, wie Kinder das Erfahrungswissen ihrer Eltern brauchen und anwenden. Dieser Prozess lässt sich weiterführen in alle Bereiche menschlicher Beziehungen hinein, in denen Menschen voneinander lernen. Bewusst oder unbewusst übernehmen wir als Menschen so die Lernerfahrungen unserer Mitmenschen sowie derer, die vor uns gelebt haben.

"Zeig mir, wie das Leben geht", das ist die Bitte um Anteilgabe an Erfahrungen, die zeigen, welche Möglichkeiten der Mensch hat sein Leben zu gestalten, wenn es gelingen soll. Die Frage nach gelingendem, glücklichem Leben wird heute so stark gestellt wie in vergangenen Zeiten. Es ist eine der großen Menschheitsfragen und beinhaltet die Fragen nach Mühe und Anstrengung, Ungerechtigkeit und Leid, Armut und Krankheit in gleicher Weise wie die nach Besitz und Reichtum, Erfolg und Ansehen, Freude und Glück.

Unsere Vorstellungen von Glück unterscheiden sich in individuellen Fragen wohl nicht wesentlich von denen unserer Vorfahren, sind sie jedoch, wie die globalen Fragen, immer auch zeitbedingt. Glück kann punktuell erlebt werden, wenn man noch mal davon gekommen ist, Glück gehabt hat, sei es bei einem Unfall, sei es aber auch in einer Prüfung. Es sind Situationen, die man selbst nicht in der Hand hat. Glück kann erlebt werden als momentaner Zustand eines Hochgefühls, sei es bei großer Freude über Erfolg oder Gefühlen der Liebe. Glück kann aber auch als dauerhaft erlebt werden in der Arbeit, in einer Aufgabe, in der Dankbarkeit für einen Menschen oder im Geschenk neuen Lebens.

Die Suche nach Glück und Erfüllung ist nicht neu, auch nicht die Antwort auf die Frage, was Glück für uns persönlich, in unseren Beziehung und Gemeinschaften und für die Menschen in gegenseitiger Verantwortung ist, nicht. Neu ist vielleicht die Vielfältigkeit der Wege, die uns zu gehen empfohlen werden, auf der Suche nach dem, wozu der Mensch beitragen kann, dessen Erfüllung er aber nicht allein in der Hand hat.

Bibeltext: Koh 1,1-3.12 - 2,26

1 Worte Kohelets, des Davidsohnes, der König in Jerusalem war.
2 Windhauch, Windhauch, sagte Kohelet, Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch.
3 Welchen Vorteil hat der Mensch von all seinem Besitz, für den er sich anstrengt unter der Sonne?

12 Ich, Kohelet, war in Jerusalem König über Israel.
13 Ich hatte mir vorgenommen, das Wissen daraufhin zu untersuchen und zu erforschen, ob nicht alles, was unter dem Himmel getan wurde, ein schlechtes Geschäft war, für das die einzelnen Menschen durch Gottes Auftrag sich abgemüht haben.
14 Ich beobachtete alle Taten, die unter der Sonne getan wurden. Das Ergebnis: Das ist alles Windhauch und Luftgespinst.
15 Was krumm ist, kann man nicht gerade biegen; was nicht da ist, kann man nicht zählen.
16 Ich überlegte mir Folgendes: Ich habe mein Wissen immerzu vergrößert, sodass ich jetzt darin jeden übertreffe, der vor mir über Jerusalem geherrscht hat. Oft konnte ich Wissen und Können beobachten.
17 So habe ich mir vorgenommen zu erkennen, was Wissen wirklich ist, und zu erkennen, was Verblendung und Unwissen wirklich sind. Ich erkannte, dass auch dies ein Luftgespinst ist.
18 Denn: Viel Wissen, viel Ärger, wer das Können mehrt, der mehrt die Sorge.

2,1 Ich dachte mir: Auf, versuch es mit der Freude, genieß das Glück! Das Ergebnis: Auch das ist Windhauch.
2 Über das Lachen sagte ich: Wie verblendet!,   über die Freude: Was bringt sie schon ein?
3 Ich trieb meine Forschung an mir selbst, indem ich meinen Leib mit Wein lockte, während mein Verstand das Wissen auf die Weide führte, und indem ich das Unwissen gefangen nahm. Ich wollte dabei beobachten, wo es vielleicht für die einzelnen Menschen möglich ist, sich unter dem Himmel Glück zu verschaffen während der wenigen Tage ihres Lebens.
4 Ich vollbrachte meine großen Taten: Ich baute mir Häuser,   ich pflanzte Weinberge.
5 Ich legte mir Gärten und Parks an, darin pflanzte ich alle Arten von Bäumen.
6 Ich legte Wasserbecken an, um aus ihnen den sprossenden Baumbestand zu bewässern.
7 Ich kaufte Sklaven und Sklavinnen, obwohl ich schon hausgeborene Sklaven besaß. Auch Vieh besaß ich in großer Zahl, Rinder, Schafe, Ziegen, mehr als alle meine Vorgänger in Jerusalem.
8 Ich hortete auch Silber und Gold und, als meinen persönlichen Schatz, Könige und ihre Provinzen. Ich besorgte mir Sänger und Sängerinnen und die Lust jedes Menschen: einen großen Harem.
9 Ich war schon groß gewesen, doch ich gewann noch mehr hinzu, sodass ich alle meine Vorgänger in Jerusalem übertraf. Und noch mehr: Mein Wissen stand mir zur Verfügung
10 und was immer meine Augen sich wünschten, verwehrte ich ihnen nicht. Ich musste meinem Herzen keine einzige Freude versagen. Denn mein Herz konnte immer durch meinen ganzen Besitz Freude gewinnen. Und das war mein Anteil, den ich durch meinen ganzen Besitz gewinnen konnte.
11 Doch dann dachte ich nach über alle meine Taten, die meine Hände vollbracht hatten, und über den Besitz, für den ich mich bei diesem Tun angestrengt hatte. Das Ergebnis: Das ist alles Windhauch und Luftgespinst. Es gibt keinen Vorteil unter der Sonne.
12 Ich dachte nach, indem ich beobachtete, was Wissen wirklich ist und was Verblendung und Unwissen wirklich sind. Außerdem: Was für ein Mann wird auf den König folgen, den sie einst eingesetzt haben?
13 Ich beobachtete: Es gibt einen Vorteil, den das Wissen bietet, aber nicht das Unwissen, wie es einen Vorteil gibt, den das Licht bietet, aber nicht die Dunkelheit:
14 Der Gebildete hat Augen im Kopf, der Ungebildete tappt im Dunkeln. Aber ich erkannte auch: Beide trifft ein und dasselbe Geschick.
15 Da dachte ich mir: Was den Ungebildeten trifft, trifft also auch mich. Warum bin ich dann über die Maßen gebildet? Und ich überlegte mir, dass auch das Windhauch ist.
16 Denn an den Gebildeten gibt es ebenso wenig wie an den Ungebildeten eine Erinnerung, die ewig währt, weil man schon in den Tagen, die bald kommen, beide vergessen wird. Wie ist es möglich, dass der Gebildete ebenso sterben muss wie der Ungebildete?
17 Da verdross mich das Leben. Denn das Tun, das unter der Sonne getan wurde, lastete auf mir als etwas Schlimmes. Denn es ist alles Windhauch und Luftgespinst.
18 Mich verdross auch mein ganzer Besitz, für den ich mich unter der Sonne anstrenge und den ich dem Menschen lassen muss, der nach mir kommt.
19 Wer weiß, ob er ein Wissender ist oder ein Unwissender? Jedenfalls wird er über meinen ganzen Besitz verfügen, für den ich mich unter der Sonne angestrengt und mein Wissen eingesetzt habe. Auch das ist Windhauch.
20 Ich stellte mich um und überließ mich der Verzweiflung über meinen ganzen Besitz, für den ich mich unter der Sonne angestrengt hatte.
21 Denn es kommt vor, dass ein Mensch, dessen Besitz durch Wissen, Können und Erfolg erworben wurde, ihn einem andern, der sich nicht dafür angestrengt hat, als dessen Anteil überlassen muss. Auch das ist Windhauch und etwas Schlimmes, das häufig vorkommt.
22 Was erhält der Mensch dann durch seinen ganzen Besitz und durch das Gespinst seines Geistes, für die er sich unter der Sonne anstrengt?
23 Alle Tage besteht sein Geschäft nur aus Sorge und Ärger   und selbst in der Nacht kommt sein Geist nicht zur Ruhe. Auch das ist Windhauch.
24 Nicht im Menschen selbst gründet das Glück, dass er essen und trinken und durch seinen Besitz das Glück selbst kennen lernen kann. Ich habe vielmehr beobachtet, dass dies von Gottes Verfügung abhängt.
25 Denn wer hat zu essen, wer weiß zu genießen, wenn nicht ich?
26 Aber es gibt Menschen, denen Gott wohlwill. Es sind die, denen er Wissen, Können und Freude geschenkt hat. Und es gibt Menschen, deren Leben verfehlt ist. Es sind diejenigen, die er mit dem Geschäft beauftragt hat, zu sammeln und zu horten und dann alles denen zu geben, denen er wohl will. Auch das ist Windhauch und Luftgespinst. (Einheitsübersetzung)

Hintergrund

Menschen, die es in besonderem Maße vermögen Lehrer für gelingendes Leben zu sein, sei es aufgrund eigener Erfahrung oder aufgrund hoher Reflexion, nennt man weise. Sie wissen, wie menschliches Leben miteinander gelingen kann, und geben dieses Wissen weiter. Schon sehr früh im Laufe der Menschheitsgeschichte wurde dieses Wissen nicht nur mündlich von Generation zu Generation weitergegeben, sondern schriftlich festgehalten in so genannten Weisheitsbüchern, von denen wir einige im Alten Testament enthalten haben: Das Buch der Weisheit, das Buch der Sprichwörter, Das Buch Jesus Sirach, dann aber auch Hiob, die Psalmen, das Hohelied und das Buch Kohelet. Im Hebräischen bedeutet Weisheit, die hokma, ein Dreifaches: a) Es ist das Wissen um die Ordnungen und Gesetzmäßigkeiten der Natur und des menschlichen  Zusammenlebens b) Weisheit ist Sachverstand und Lebensklugheit, durch Beobachtungen und Erfahrungen erworben. c) Weisheit ist gerade aber auch Erfahrungswissen, das Menschen befähigen will, in der Welt zurechtzukommen und das Leben zu meistern.

Weisheit im Alten Orient und in Israel

Zu den ersten Sammlungen weisheitlichen Gedankenguts gehören die sumerischen Sprichwortsammlungen aus der Zeit Hammurabis (um 1700 v.Chr.) und Sprichwortsammlungen aus Ägypten (aus dem Alten Reich um 2350 v.Chr.). Diese Sprichwortsammlungen bilden jedoch nicht den Anfang, sondern schon eine weiterentwickelte Stufe der Weisheit. Am Anfang stand eine lange mündliche Tradition: Sprichwörter entstanden aus konkreten Situationen, in die sie hinein gesprochen wurden. Mit Sprichwörtern wurde versucht, die Erfahrungswirklichkeit für andere Menschen hilfreich zu beschreiben, darüber hinaus aber auch zu gestalten. Denn Sprichwörter bilden die Wirklichkeit nicht nur ab, sondern postulieren die Wirklichkeit so, wie sie sein sollte, vorausgesetzt die entsprechenden Lehren werden eingehalten.

Gemeinsam ist der ganzen altorientalischen Weisheitsliteratur ihr unbedingtes Vertrauen in eine göttliche Weltordnung, die der Weise erkennen kann. In Ägypten ist diese Weltordnung bekannt unter dem Begriff "Maat". Sie umfasst die Ordnung der Natur wie die Sozialordnung der Menschen untereinander. Alltag und Religion waren darin eingebunden. Weisheitliches Denken, Fragen und Lehren zielte daraufhin, diese Ur-Ordnung "Maat" zu erkennen und sich ihr gemäß zu verhalten.

Aus Israel ist diese Ur-Ordnung unter einem anderen Begriff überliefert. Es ist der "Shalom". Vorherrschend ist dabei ein ungebrochener Optimismus, die Gesetzlichkeiten menschlichen Zusammenlebens lernen und lehren zu können. Als Garant dieser Ordnung gilt die Gottheit. Meist wird dies fraglos vorausgesetzt, so dass in weisheitlichem Schrifttum meist recht wenig von der Gottheit selbst die Rede ist. Auf den ersten Blick scheint die altorientalische Weisheitsliteratur deshalb eine profane Literatur zu sein. Hier macht die Weisheitsliteratur des Alten Testaments keine Ausnahme. Von Jahwe ist nahezu nicht die Rede. Die Welt und ihre Ordnungen werden im Kern als gut begriffen, die auf Leben ausgerichtet sind. Die Vorstellung, dass derjenige, der das Gute will, letztlich nicht scheitern kann, ist im weisheitlichen Denken kein naiver Optimismus, sondern gründet in dem, was die israelitische Weisheit "Gottesfurcht" nennt.

Eng damit verbunden ist ein weiteres Spezifikum vor allem der älteren altorientalischen Weisheitsliteratur: die selbstverständliche Annahme eines Zusammenhangs von Tun und Ergehen: "Wer eine Grube gräbt, fällt selbst hinein, wer einen Stein hochwälzt, auf den rollt er zurück." (Spr 26,27) oder: "Das Licht der Gerechten strahlt auf, die Lampe der Frevler erlischt." (Spr 13,9) Demnach ist die Gerechtigkeit eines Menschen an seinem Ergehen ablesbar – nicht nur aus heutiger Sicht ein problematischer Gedanke. Ausgangspunkt ist bei diesem Denken die "Ur-Ordnung", die der Schöpfergott bei Erschaffung dieser Welt in alles hineingelegt hat, denn wo die Schöpfungsordnung intakt ist, realisiert sich Leben ermöglichende Ordnung. Diese Ordnung ist gerecht, insofern einer Tat das ihr entsprechende Ergehen folgt: Wer Gerechtigkeit tut, dem widerfährt Gerechtigkeit. Dabei gilt die Überzeugung: Unrecht kann, darf und wird als Unrecht nicht bestehen bleiben!

Die Krise der Weisheit

Wo die gerechte Ordnung gestört wird, sind Chaos-Mächte am Werk, die zurückgedrängt werden müssen. Diese Denkweise entspringt einem einfachen, engen Weltbild und trifft nur in einem eng umgrenzten Raum einfacher Sozialstrukturen zu. Entstanden ist es in der Familie und Sippe, wo jedes Vergehen umgehend Sanktionen hervorrief. Auch in späterer Zeit, als die gesellschaftlichen Strukturen weit komplizierter geworden waren, ist diese Art der Weisheit noch zu finden, zunehmend jedoch als Postulat. Denn sobald sich das soziale Milieu einschneidend veränderte, bei gesellschaftlichen Umwälzungen etwa, die dem Einzelnen keine Sicherheit mehr gaben, kam ein solches Denken massiv in die Krise. Solche Krisen der Weisheit sind im gesamten Vorderen Orient nachweisbar. Auch im Alten Testament hat sich die "Krise der Weisheit" niedergeschlagen. "Weisheit" zeigt sich stets als gefährdet, eben weil es um Erfahrungen geht. Maßgeblich Faktoren für die "Krise der Weisheit" waren nicht zuletzt geschichtliche Umwälzungen: Der Hellenismus war in die jüdische Lebenswelt eingedrungen. Nachdem Alexander der Große den ganzen Vorderen Orient unterworfen hatte, geriet Palästina unter seinen Nachfolgern zunehmend unter hellenistischen Einfluss. Es fiel unter die Oberhoheit Alexandriens und damit unter die Herrschaft des Ptolemäus. Die Ptolemäer-Herrschaft hatte radikale Veränderungen für das Judentum zur Folge:  a) wirtschaftlich: Alles Land wurde dem König unterstellt. So lastete ein großer Steuerdruck auf der Landbevölkerung. Der Landadel wurde seiner Macht beraubt. Er verhielt sich opportunistisch oder konnte nur machtlos zuschauen. b) religiös geistlich: Das Griechische gewann als Sprache der Besatzungsmacht und des Handels an Bedeutung. Der griechische Geist gewann immer mehr Einfluss auf das kulturelle und geistige Leben, v.a. aus der Oberschicht ist eine Übernahme griechischer Geschäftspraktiken, politischer Rituale und griechischer Lebensart bekannt.

Die traditionelle israelitische Weisheit war in einer tiefen Krise, die unmittelbar mit dem Wandel der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse in Judäa zusammenhing. Gingen die alte Weisheit und auch der Grundbestand der Tora von einer überschaubaren, bäuerlich-kleinstädtischen Gesellschaft mit Sippe und Ortsgemeinde als bergenden Größe aus, so kam es im 3. Jh. v. Chr. zu einer Bereicherung  weniger aufgestiegener Familien und der höheren Priesterschaft und zugleich zu häufiger Verknechtung, Enteignung und Versklavung ehemaliger Kleinbauern. Die kosmopolitische, kapitalgesteuerte Klassengesellschaft setzte sich immer stärker durch. Es war eine Zeit, die politisch schwierig war und viel Leiden und Entbehrung in der Bevölkerung verursachte. Zahlreiche überkommene Überzeugungen verloren ihre Geltung oder wurden zumindest in Frage gestellt. In dieser Situation zeigte sich die konkurrierende Sinnwelt des Hellenismus auch als Hilfsangebot. Die Erfahrungen politischer und ökonomischer Fremdbestimmung, der Infragestellung traditioneller sozialer Ordnungen und Werte und gesteigerter Leistungsdruck wurden von den Menschen unterschiedlich verarbeitet. Bei vielen führten sie jedoch zu einem Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins, das bewirkte, dass sie sich ängstlich an die überlieferten kulturellen Traditionen klammerten. Der jüdische Gottesglaube, die traditionelle jüdische Weisheit erschienen veraltet und unfähig auf die neuen Herausforderungen eine befriedigende Antwort zu geben. Einige konnten diese gesellschaftliche Umbruchsituation jedoch auch als Chance begreifen, durch Arbeit, Geschäfte und Risikofreude zu Reichtum und Wohlstand zu kommen, d.h. einen Gewinn zu erzielen, der unter stabileren Verhältnissen wohl unerreichbar geblieben wäre.

Kohelet

Auf diesem Hintergrund setzt sich Kohelet, ein jüdischer Weisheitslehrer, kritisch mit zentralen Themen der jüdischen Weisheit auseinander. Sein Buch entsteht zwischen 250 und 200 v.Chr. in Jerusalem, als die Stadt zur griechischen Provinz gehörte und die jüdische Oberschicht sich mit griechischem Denken beschäftigte.

Kohelet – das bedeutet soviel wie Versammler, Versammlungsleiter. Vermutlich war Kohelet Lehrer an der Tempelschule in Jerusalem, denn Bücher wie das Buch Kohelet entstanden damals meist im Zusammenhang mit einer Lehr- und Erziehungstätigkeit. Die Bezeichnung Kohelet stammt vermutlich von seinem Schülerkreis. Vermutet wird, Kohelet stamme aus einer priesterlichen Familie, die an der Tempelschule großen Einfluss hatte. Das Buch Kohelet galt als "modern". Es ist ein Buch, das zahlreiche Vorsaussetzungen macht. So wird von den Adressaten eine hohe Schriftkenntnis erwartet. Dies zeigt sich an einigen Querverbindungen zur Tora, den Propheten und der älteren Weisheit. In Auseinandersetzung mit traditionellen Weisheitslehren und den neuen griechischen Denkströmungen setzt sich der Weisheitslehrer Kohelet mit dem Sinn allen Lebens auseinander. Leitfrage seiner Schrift ist, wie Leben gelingen kann.

Die Frage nach dem Glück ist jedoch nicht singulär im Buch Kohelet, vielmehr war diese Frage Dreh- und Angelpunkt der Philosophien, die im 3. Jh. v. Chr. im Mittelmeerraum vorherrschend waren.

Die Lehre vom Glück in den antiken Philosophien

Vorsokratiker: Glücks begegnet dort, wo man sich von den äußeren Gütern und dem Walten des Schicksals abwendet und sich der Blick auf die innere Verfassung des Menschen und die daraus resultierenden Handlungen richtet. Glück ist demnach nicht Besitz und Reichtum, sondern liegt in der Seele und der seelischen Haltung des Menschen begründet.

Platon: Platon unterscheidet radikal zwischen dem, was die Menge als Glück begreift und dem, was die Philosophie als wahres Glück erkennt. Platon bestimmt das Glück ethisch: "Der Gerechte ist glücklich, der Ungerechte unglücklich" (Polit. 354a). Die Menschen halten Macht und Reichtum eines Königs für Glück, der in Wahrheit gebildete Philosoph erachtet dies jedoch für nichts. Dauerhaft lässt sich das Glück aber nur auf überindividueller Ebene verwirklichen. Diesem Ziel dient die Polis: "Bei der Gründung unseres Staates haben wir es nicht darauf abgesehen, dass ein Stand vorwiegend glücklich sei,  sondern der ganze Staat sollte es sein, soweit nur möglich." Für Platon ist das Glück des einzelnen nur im Rahmen des Glücks der Polis vorstellbar. Es besteht in der Verwirklichung der Idee der Gerechtigkeit.

Aristoteles: Auch für Aristoteles ist das Glück Ziel allen menschlichen Handelns. Aristoteles steht das Glück mit der Tugend in engem Zusammenhang, er schließt aber die äußeren Güter mit ein, "da es unmöglich sei das Gute und Schöne ohne Hilfsmittel zur Ausführung zu bringen" (Nikomachische Ethik 1099a.b (I 9)). Die Ausübung der Tugend und der Besitz der äußeren Güter sind die Säulen des Glücks, die ein ganzes Leben anhalten und sich auf das Lebensende selbst erstrecken müssen. So steht das Glück nicht gänzlich in der Verfügungsgewalt des Menschen. Glück wird auch als Geschenk der Götter begriffen..

Hellenistische Philosophenschulen (Stoa, Epikur, pyrrhonische Skepsis): Als höchstes Gut gilt das Glück des einzelnen. Das Glück wird negativ bestimmt in der Freiheit von innerer Regung, positiv in der vollkommenen Ruhe und Ausgeglichenheit des Gemüts, dem inneren Frieden. Dieser ist bedroht, wenn der Mensch sein Herz an Unverfügbares hängt, wenn er Bedürfnisse ausbildet, die er nicht aus eigener Kraft und jederzeit befriedigen kann. So darf er also nur das begehren, von dem er sicher sein kann, dass er es auch erreicht, weil es  von ihm selbst abhängt. Allem anderen gegenüber muss er sich gleichgültig verhalten. Das gemeinsame Programm der hellenistischen Philosophenschulen ist somit die Entwertung alles Unverfügbaren.

Das Besondere des Koheletbuches besteht nun darin, dass das Glück einerseits mit der Wirklichkeit Gottes in Verbindung gebracht wird, andererseits aber sehr diesseitig, gerade nicht jenseitig und zukünftig gedacht wird. Damit steht das Buch in einer Spannung zur antiken Eudämonologie und in Spannung zu einer bestimmten christlichen Tradition, die das Glück als eine Wirklichkeit versteht, die der Mensch erst nach seinem Tod in vollkommener Weise erreichen kann.

Dem deutschen Wort Glück entspricht das griechische Wort eudaimonia. Bezeichnenderweise begegnet es weder in der LXX noch im NT. In den unterschiedlichen Eudämonologien konnte aber das, was mit Glück gemeint war, mit unterschiedlichen Begriffen wiedergegeben werden: Ruhe, Unerschütterlichkeit, Lust, Tugend.

Ähnliches lässt sich im Koheletbuch beobachten. Das Thema wird mit Hilfe unterschiedlicher Begriffe bezeichnet und umschrieben: der umfassende, aber unpräzise Begriff ist "Gutes, Glück", sich freuen, Freude, essen und trinken, (sich) Gutes tun, Gutes sehen, seine Seele Gutes sehen lassen.

Neben den begrifflichen Umschreibungen finden sich aber auch narrative Entfaltungen der Glücksthematik. Es werden kleine Geschichten erzählt, Beobachtungen mitgeteilt, Sentenzen reflektiert, die deutlich machen, wie Menschen ihr Glück finden oder auch verfehlen.

In der Glücksthematik setzt das Buch Kohelet vier besondere Akzente: 1. Das Glück wird mit der Wirklichkeit Gottes in Verbindung gebracht. 2. Inhaltlich wird es als Erfahrung, als spezifischer Modus der Wahrnehmung bestimmt. 3. Es geht um ein Glück unter der Sonne. 4. Das Glück gilt als etwas Bleibendes.

Alle vier Akzentsetzungen artikulieren sich vor dem Hintergrund von Alternativen, die verworfen werden:

1. Glück als Gabe Gottes grenzt sich von der Vorstellung ab, Glück sei allein und auf Dauer vom Menschen machbar. Selbst dort, wo es dem Menschen vorübergehend gelingt, allein aus eigener Anstrengung Glück zu erlangen, hat dieses Glück keinen Bestand, insofern sich der Mensch der Wirklichkeit Gottes verschließt. 

2. Glück als Glückserfahrung widerspricht der Vorstellung, das menschliche Glück sei einfach mit dem Besitz von Gütern, materieller oder sozialer Art, zu identifizieren. Im Gegenteil: Das Kohelet-Buch betont, dass alles, was ein Mensch an materiellen oder sozialen Gütern besitzt, nur dann von Wert ist, wenn er auch in der Lage ist, sie zu genießen.

3. Glück als Glück der Gegenwart richtet sich gegen die Vorstellung, der Mensch könne sein Glück erst nach seinem Tod finden. Dieses Glück ist erst nach einem langen Prozess der Desillusionierung, des Abbaus von Täuschungen erfahrbar. Dieser Prozess ist in einem gewissen Sinne auch ein Sterben.

4. Glück als bleibendes Glück räumt das Missverständnis aus dem Weg, Glück sei identisch mit schönen Gefühlen, die kommen und gehen.

Glück gründet letztlich in der Wirklichkeit Gottes.

Entfaltungen:

(1) Glück als Gabe Gottes
Die Frage nach dem Glück wird im Buch Kohelet aus einem narrativen Kern heraus entwickelt. Ausgiebig diskutiert wird sie in der sog. Königstravestie (Koh 1,12-2,26.) Hier blickt Kohelet auf eine frühere Phase seines Lebens zurück, eine Phase, in der er "König war über Israel in Jerusalem" (Koh 1,12). Dieser Rückblick dürfte nicht historischer Natur sein, sondern stellt eine Form literarischer Anthropologie dar.

Eine Gliederung der sog. Königstravestie gibt in Kürze ihren Inhalt an:
1,12-2,26: beschreibt die Zeit, als Kohelet König war, und erzählt von den Absichten, die er damals verfolgte, von dem, was er erreichte, von den Krisen, die er durchmachte, von den Erkenntnissen, zu denen er gelangte.
2,3 –23: beschreibt Kohelets Aufstieg als König.
2, 4-10: zeichnet in zahlreichen Bildern den Bau einer königlichen Lebenswelt.
Auf dem Höhepunkt der Macht- und Prachtentfaltung kündigen sich erste Zweifel an (2,11).
2,12: umreißt den Abstieg des Königs mit der Erkenntnis, dass auch die Weisheit nicht vor dem Tod retten kann.
2,18-20: Der Versuch, sich und seinem Werk mittels der Bildung einer Dynastie Unvergänglichkeit zu verschaffen, ist mit Unsicherheiten behaftet.
Was Kohelet sucht, ist bleibendes Glück (Koh 2,3). Dem wird er nicht gerecht.

Das im Königsmodell durchgespielte Lebensmodell endet in Resignation und Verzweiflung (2,23). In der Königstravestie wird eine Anthropologie entfaltet, die letztlich zum Scheitern verurteilt ist. Den Leser trifft dies jedochd nicht ganz unvorbereitet: In 1,13-2,2 gab Kohelet bereits einen Überblick über das, was im Folgenden zu erwarten ist. Alle Versuche Kohelets enden im Windhauch. Selbst die Freude, das zweite große Thema im Buch Kohelet wird in 2,1-2 (wenn hier auch singulär) negativ gezeichnet:

"Windhauch, Windhauch, sagte Kohelet, Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch. Welchen Vorteil hat der Mensch von all seinem Besitz, für den er sich anstrengt unter der Sonne?" (Koh 1,2-3)

Windhauch-Aussagen

Hevel, Windhauch, gilt als Leitwort des Buches Kohelet. 37 Belege dieses zentralen Begriffs finden sich in dem nur 12 Kapitel umfassenden Buch. Daher gilt es die Windhauchaussagen genau in den Blick zu nehmen. Die hohe Bedeutung des Begriffs erschließt sich schon formal in der Rahmung des Buches. So werden die Windhauch-Aussagen in Koh 1,2 und 12,8 zitiert. Welche Funktion jedoch haben die Windhauch-Aussagen im Buch Kohelet? Eine häufige Formulierung ist "dies alles ist Windhauch". Bezeichnend ist vom Hebräischen her zunächst die Determination "dies", woraus sich die Frage ergibt, ob es sich um eine universale oder eine anthropologische Aussage handelt. Wird eine universale Aussage angenommen, wird z.B. übersetzt: "Alles ist absurd und Haschen nach Wind". Diese Frage kann nur geklärt werden, indem sämtliche Windhauchaussagen bei Kohelet untersucht werden. Zum ersten Mal begegnet "Windhauch" in Koh 1,14. Sie bezieht sich auf die von Kohelet beobachteten Taten, die unter der Sonne getan werden. Im zweiten Beleg in Koh 1,17 begegnet "Windhauch" im Zusammenhang mit der Suche nach einem Unterschied zwischen Weisheit und Torheit und im dritten Beleg Koh 2,1 im Zusammenhang mit dem Versuch Freude und Glück zu erlangen. In Koh 2,11 wird das Windhauchurteil in direktem Bezug zu Kohelets Taten und seinem Besitz erwähnt. Koh 2,15 bezieht sich wiederum auf die Suche nach einem Unterschied zwischen Weisheit und Torheit. Koh 2,17 unterstreicht einen negativen Blick auf das Leben als solches. Die Windhauchaussage in Koh 2,19 bezieht sich auf den Versuch Besitz zu vererben. Koh 2,21 thematisiert die Diskrepanz zwischen Tun und Ergehen. Windhauch ist nach Koh 2,23 auch ununterbrochenes menschliches Mühen und Arbeiten. Koh 2,26 beklagt die Diskrepanz zwischen dem Besitz des Besitzes und dem mangelnden Genuss des Besitzes. Es wird deutlich, dass gerade im 2. Kapitel die Windhauchaussage eine beliebte ist, während sie im Gedicht über den Kosmos (Koh 1,3-11), im Gedicht über die Zeit (Koh 3,1-8; vgl. die Bibelarbeit "Auf gutes Timing kommt es an" im Februar 2004) und den wichtigen theologischen Aussagen über das Handeln Gottes (Koh 3,10-15) nicht vorkommt. Der Begriff "Windhauch" begegnet also bei Aussagen, die mit Gewinnstreben (Koh 1,3) zu tun haben, geht es jedoch um Gott selbst oder die von Gott geschenkte Zeit, kommt die Windhauch-Aussage nicht vor. Ein zweites ist nicht von der Windhauch-Aussage betroffen: die Freude. Der Windhauch-Aussage kommt somit die Funktion zu, die Unverfügbarkeit von Gütern und Werten, die in Kapitel 1 + 2 mit Besitz, Weisheit und erfolgreicher Arbeit angegeben werden, in Frage zu stellen. Niemand, auch nicht ein König, kann über diese Dinge verfügen. Damit können die Windhauch-Aussagen keine universale Bedeutung haben. Sie sind funktional ausgerichtet auf die Frage nach einem Gewinn. Hängt die Windhauch-Aussage mit der Entwertung alles Unverfügbaren zusammen, stellt sich die Frage, wie Gott als der schlechthin Unverfügbare in diesem Zusammenhang gesehen wird. Koh 4,17-5,6 zeigen, wie Gott in seiner bis dahin angenommenen Funktion als Garant des Tun-Ergehen-Zusammenhangs, als für den Menschen sicher einzubeziehendes Glückskalkül in Frage gestellt und schließlich aufgehoben wird. Radikale Transzendenz entspricht in der Theologie Kohelets radikaler Immanenz: Ist Gott der Gott im Himmel, der für den Menschen Unverfügbare, so offenbart sich Gott andererseits dem Menschen in der Freude seines Herzens (Koh 5,19). Freude ist schlechthin Gabe Gottes. Das zeigt sich auch schon am Ende der sog. Königstravestie in Koh 2, 24-25: "Nicht im Menschen allein gründet das Glück, dass er essen und trinken und durch seinen Besitz das Glück selbst kennen lernen kann. Ich habe vielmehr beobachtet, dass dies von Gottes Verfügung abhängt." Am Ende der Königstravestie kommt Gott ins Spiel, während er in der königlichen Lebenswelt nicht vorkam.

Die königliche Welt beschreibt eine Anthropologie ohne Gott. Vielmehr übernimmt der Mensch die Rolle Gottes: Kohelet wird zum Schöpfer (s)einer Welt. Auch zeigt sich am Ende, dass auch der König nur ein Mensch ist. Auch er ist sterblich, wie jeder andere Mensch. Auch seine Welt ist nichts anderes als eine vergängliche Menschenwelt. Diese Anthropologie wird mit Koh 2,24 deutlich revidiert. In Koh 2,3 kündigt Kohelet an, er wolle sehen, wo es Glück gibt für die Menschen, das sie sich verschaffen könnten unter dem Himmel während der wenigen Tage ihres Lebens. Die Antwort ist in Koh 2, 24 in doppelter Weisegegeben: negativ gesprochen gründet das Glück nicht im Menschen (allein), positiv gesprochen stammt es aus der Hand Gottes.

Damit wird erstmals die Frage nach der Bedingung der Möglichkeit menschlichen Glücks beantwortet. Die inhaltliche Bestimmung des Glücks wird gleichsam beiläufig miteingeschoben: Essen, Trinken, seine Seele Gutes sehen lassen – das ist Glück. Am Ende seines "königlichen Lebens" gelangt Kohelet zu einer Einsicht, die er ab 3,1ff. als weisheitlicher Lehrer weiter durchdenkt und entfaltet.

(2) Glück als Erfahrung
Glück ist im eigentlichen und letzten Sinn nicht vom Menschen machbar. Selbst dort, wo es vom Menschen ergriffen wird, ist es Zeichen einer Annahme. Der Mensch nimmt etwas ihm Gegebenes an. Im Horizont biblischer Sprache heißt dies: Glück stammt aus der Hand Gottes (Koh 2,24), es ist Gabe Gottes (Koh 3,13). Da sich die Erfahrung von Glück in der leiblichen Konstitution des menschlichen Daseins meist in unterschiedlichen Gaben vollzieht, entsteht leicht der Eindruck, Glück sei der Besitz dieser Gaben, so sei der Reiche glücklich. Gegen dieses Missverständnis argumentiert Kohelet v.a. im zweiten Teil des Buches (Koh 4,1-6,9). Darin geht es um ein vertieftes Verständnis dessen, was Glück ist. Glück wird definiert als  ein spezifischer Modus der Erfahrung (Koh 2,26; 5,18; 6,1-6). Der innere Mensch kommt in den Blick. Gemeint ist eine spezifische Form der Wahrnehmung, die mit den Verben "sättigen" und "sehen" umschrieben wird. Von dieser Wahrnehmung her erhalten die Dinge des Lebens ihren Wert. Unabhängig davon gelten sie als wertlos und gefährlich, weil sie dem Menschen vortäuschen, er finde in ihnen etwas Bleibendes. Kohelet selbst ist als "König" diesen Weg der Täuschung gegangen und am Ende in Verzweiflung geraten. Die Wende wurde eingeleitet durch eine Erkenntnis, eine Erfahrung, die zum "Sehen" und zu Gott führte. So will Kohelet seinen Schülern und Lesern zu dieser neuen Sicht verhelfen und sie zur Umkehr bewegen. Glück ist nach Kohelet eine spezifische Form der Erfahrung.  Sie ist zunächst und vor allem mit dem Begriff der Freude zu umschreiben. In der Freude vermag der Mensch sogar eine Antwort Gottes zu vernehmen (Koh 5,18f.)

(3) Das Glück der Gegenwart
Glück wird und soll erfahren werden im Diesseits, hier und jetzt. Über  die Existenz eines Jenseits macht Kohelet keine Angaben. So gibt es weder Verlagerung noch Vertröstung von der Erfahrung des Glücks auf jenseitige Momente. Schon in diesem Leben kann und soll der Mensch glücklich werden. Das gegenwärtige Leben trägt seinen Wert in sich selbst.  Allerdings gilt das nur für ein Leben, das die Selbsttäuschung überwunden und sich für das "Tun Gottes" (7,13), der "alles schön gemacht hat zu seiner Zeit" (3,11), geöffnet hat. Als "König" hatte Kohelet versucht, der fliehenden Zeit zu entkommen und sich und seinem Werk Dauer zu verschaffen. Nachdem ihm die Unmöglichkeit dieses Vorhabens auf schmerzliche Weise bewusst geworden ist (2,12-23), nachdem er erkannte, dass das Glück des Menschen aus der Hand Gottes stammt (2,24), zeigt er mit dem Gedicht über die Zeit (3,1-8) einen Weg der Annahme der Gegenwart. Die Gegenwart anzunehmen, auch jenseits von "gut und schlecht" – dazu ruft Kohelet seine Schüler und Leser auf, "denn es gibt weder Tun noch Planen, weder Wissen noch Weisheit in der Unterwelt, zu der du unterwegs bist" (9,10).

(4) Bleibendes Glück
Im Koheletbuch gerät jedoch eine andere Art von Leid in den Blick als z.B. im Buch Hiob. Kohelet erleidet rein äußerlich keine Not. Er hat alles, was er zum Leben braucht. Und doch gerät er in Not, Verzweiflung, Lebenshass. Der Mensch ist nicht von Natur aus glücklich, er ist jedoch von Natur aus darauf angelegt. Kohelet bedenkt diese Tatsache und führt einige Beispiele dafür an. In der Königstravestie erzählt er einen Teil seiner eigenen Lebensgeschichte, die ihn in die Sackgasse der Verzweiflung führte. Von Gott her gesehen ist das Glück als Gabe stets da. Doch der Mensch ist von sich aus nicht immer in der Lage es anzunehmen. Dies liegt nicht an Gott, sondern am Menschen, an seinen eitlen Begierden, seinem getrübten Bewusstein und seinem Unwissen. Kohelet ist den Weg der Unwissenheit selbst gegangen , aber zum Wissenden geworden. Das verschleierte Bewusstsein, das den Menschen an der Wahrnehmung dessen, was von Gott her gesehen da ist, hindert, ist nicht immer Folge individueller Schuld, vielmehr beklagt Kohelet, dass der Mensch häufig in gesellschaftliche Unheilszusammenhänge verwickelt ist, die ihm vorgegeben sind und denen er zum Opfer fällt.

Vor diesem Hintergrund wird der im Buch angelegte Argumentationsgang verständlich, Freude als eine das ganze Leben des Menschen durchdringende Größe in den Blick zu nehmen. Glück ist mehr als ein Event: "Ich erkannte, dass es kein Glück bei ihnen gibt, außer sich zu freuen und sich Glück zu verschaffen in seinem Leben." (3,12) "Da sah ich ein, dass es kein Glück gibt, außer dass der Mensch sich freut bei seinem Tun". Die Freude ist eine Grundgestimmtheit, die alles Tun des Menschen durchdringen soll. Es ist kein äußerlich bleibendes Ereignis. Koh 8,5: "So preise ich die Freude, denn es gibt kein Glück für den Menschen unter der Sonne, als zu essen, zu trinken und sich zu freuen. Das soll ihn begleiten bei seiner Arbeit während der Tage seines Lebens, die Gott ihm gegeben hat unter der Sonne". Freude ist etwas Bleibendes: "Jeder Zeit seien deine Kleider weiß, und an Öl auf deinem Haupt fehle es nicht. Genieße das Leben mit einer Frau, die du liebst, alle Tage deines Lebens voll Windhauch, die er dir gegeben hat unter der Sonne, alle deine Tage voll Windhauch". (Koh 8,15)

Bibelarbeit

Sich einfinden

GL 844: Zeige uns den Weg

Wegen angeblich politischer Vergehen sind der Dozent für Philologie Lew Rubin und der ihm befreundete Mathematiker Gleb Nershin unter der stalinistischen Regierung im gleichen Monate verhaftet und zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt worden. In einem Spezialgefängnis in der Nähe von Moskau haben sie an einem neuen technischen Verfahren zu arbeiten, mit dessen Hilfe unbekannte Stimmen bei Telefongesprächen identifiziert werden sollen. Während sie auf diese Weise im ersten, das heißt im besten und vornehmsten Kreis der Hölle sitzen, kommt es zwischen den beiden zu einem Gespräch über das Glück im menschlichen Leben. Nach mancherlei Erörterungen erzählt Rubin, der sich als Materialisten bezeichnet, von einem kleinen Zwischenfall, den er während einer seiner letzten Vorlesungen vor dem Krieg erlebte: "Ich entwickelte die elegische Idee, dass es kein Glück gebe, dass es entweder unerreichbar oder illusorisch sei. Plötzlich übergab man mir eine Notiz. Der Zettel, auf dem sie stand, war aus einem Millimeterpapier herausgerissen: 'Aber ich liebe. Ich bin glücklich! Was sagen Sie dazu?'" "Und was hast du gesagt?", interessierte sich Nershin. Ratlos antwortete ihm Rubin: "Was kann man darauf sagen?"

(aus: Alexander Solschenizyn,
Der erste Kreis der Hölle, Frankfurt/M. 1968, 45)

GL 299: Manchmal kennen wir Gottes Willen

Den Bibeltext lesen: Koh 1,1-3.4-2,26

Über den Bibeltext sprechen:

Die Königstravestie enthält einige Beispiele für die bei Kohelet häufig vorkommende Windhauch-Aussage. In welchen Zusammenhängen wird sie genannt? In welcher Funktion kommt sie vor? Diskutieren Sie Kohelets Begriff von Flüchtigkeit und unsere heutigen Vorstellungen dazu.

Manchmal ist zu hören, Kohelet stelle den Genuss des Lebens in den Mittelpunkt seiner Lehre. Freude ist ein Leitwort seiner Philosophie. Was jedoch versteht er unter Freude, was unter Glück? Ein Vergleich mit antiken und heutigen Glücksvorstellungen die Diesseitigkeit der Philosophie Kohelets zu verstehen.

Den Bibeltext ins eigene Leben übersetzen:

"Windhauch, Windhauch, sagte Kohelet, Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch. Welchen Vorteil hat der Mensch von all seinem Besitz, für den er sich anstrengt unter der Sonne?" (Koh 1,2-3)
Skeptisch fragt Kohelet nach der Möglichkeit geglückten Lebens. Die Erfahrung, alles ist Windhauch lässt ihn zweifeln. Seine Frage ist eine offene Frage. Gibt es eine Antwort? Wenn wir die Formel für das Lebensglück "(a+b) c:d - e + x = Lebensglück" sehen: Was setzen wir ein, damit diese Formel aufgeht?

Anhand von Zeitungsmeldungen über Unglücksnachrichten lässt sich die Frage diskutieren, wie solche Nachrichten mit der "Gerechtigkeit Gottes" in Einklang gebracht werden können.

Tauschen Sie sich in einer Kleingruppe von 3-4 TN über die These aus: "Irgendwann einmal wird die menschliche Forschung so weit sein, dass wir unser Leben selbst in die Hand nehmen können". Was würde Kohelet dazu sagen? In der Großgruppe lassen sich anhand von 2-4 Vertretern zwei Gruppen bilden, die Kohelet mit unseren Vorstellungen zu dieser These in Dialog bringen.

Weiterführende Literatur:

  • Bühlmann, Walter u.a., Kohelet – der Prediger, Luzern 1998.
  • Krüger, Thomas, Kohelet, Biblischer Kommentar AT, XIX Sonderband, Neukirchen 2000.
  • Nouwen, Henri, Du schenkst mir Flügel, Gedanken der Hoffnung, Leipzig 2002.
  • Ortkemper, Franz-Josef, "Alles ist Windhauch". Kohelet: Ein Querdenker der Bibel. Hrsg. vom Katholischen Bibelwerk e. V., Stuttgart 1999.
  • Schwienhorst-Schönberger, Ludger, Kohelet, HThKAT, Freiburg 2004.
  • Schwienhorst-Schönberger, Gottes Antwort in der Freude. Zur Theologie göttlicher Gegenwart im Buch Kohelet, in: Bibel und Kirche 4 1999, 156-162.
  • Tamez, Elsa, "Da hasste ich das Leben". Eine Lektüre des Buches Kohelet, Luzern 2001.
  • entdecken: kohelet. Lese- und Arbeitsbuch zur Bibel. Hrsg. vom Katholischen Bibelwerk e.V., Stuttgart 2005.

Dipl.-Theol. Esther Brünenberg, Juni 2007
Katholisches Bibelwerk im Bistum Münster (www.bibelwerk.de)
in Kooperation mit
kirchensite - online mit dem Bistum Münster (kirchensite.de)
Foto: Michael Bönte

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