
- Der Andachtsraum im Bundestag.
Der Andachtsraum im Bundestag
Überkonfessionell gestaltet
Berlin. Unter der Kuppel des Reichstages wird nicht nur geredet - es wird auch gebetet. Und das nicht nur in Form von kleinen Stoßgebeten mancher Regierungsvertreter bei knappen Abstimmungen im Parlament. Verfügt doch der Bundestag über einen eigenen kleinen Andachtsraum. Direkt gegenüber dem großen Plenarsaal. Schon in Bonn gab es seit 1949 christliche Morgenandachten im Bundestagsgebäude. Seit 1999 wird diese Tradition in Berlin fortgesetzt.
In jeder Sitzungswoche ertönen hier donnerstags und freitags die Glocken des Kölner Doms durch die Gänge des Reichstagsgebäudes. Das Geläut vom Band lädt Gläubige um 8:40 Uhr zu einer kurzen Andacht. Nur eine Viertelstunde - beginnt doch pünktlich um 9 Uhr die Plenarsitzung. "Das Schöne ist, dass hier alle, die im Bundestag arbeiten, zusammenfinden. Jeder ist willkommen - ob Abgeordneter, Saaldiener oder Putzfrau", sagt Achim Glomb, Chef der Saaldiener. Es sind freilich keine Massen, die kommen - also ganz ähnlich wie in vielen "normalen" Gemeinden. Prälat Karl Jüsten, Leiter des Katholischen Büros, der Verbindungsstelle zwischen Kirche und Politik, bereitet im Wechsel mit seinem evangelischen Kollegen Prälat Stephan Reimers die Andachten vor.
Meditation und innere Einkehr
Gestaltet hat den schlichten Andachtsraum der Düsseldorfer Künstler Günther Uecker. Auf 20 modern-schlichten Holzstühlen mit hoher Rückenlehne können die Gläubigen Platz finden. Sieben Holzbildtafeln, fast bis zur Decke reichend, lehnen in leichter Schräge an den Wänden. Darauf sind lange Nägel, Farbe, Sand, Asche und Steine miteinander zu Bildern verbunden. Frei im Raum steht ein sandgestrahlter Quader aus Granit - der Altar. Auch ein Weihwasserbecken gibt es. Ebenso kann eine kleine Orgel, noch aus Bonner Zeiten, hervorgerollt werden. Auf dem Boden markiert eine Kante die Richtung gen Mekka.
Doch wiewohl der Raum vorwiegende für christliche Zwecke genutzt wird, ist er keineswegs eine bundestagseigene kleine Kirche oder Kapelle. Wie schon die neutrale Bezeichnung "Andachtsraum" verdeutlichen will, handelt es sich um einen überkonfessionell gestalteten Ort, der zur Meditation und inneren Einkehr anregen will. Jeder soll ihn nutzen und sich dort heimisch fühlen können. Und so gibt es denn auch kein fest installiertes Kruzifix. Ein schlichtes Holzkreuz muss eigens vor christlichen Gottesdiensten aus einer Vitrine hervorgeholt werden.
Für den stellvertretenden Vorsitzenden der Unionsfraktion, Peter Ramsauer (CSU), ist das ein Unding. "Im Parlamentsgebäude eines Landes, das sich der christlich-abendländischen Kultur verpflichtet fühlt, muss das Kreuz einen festen Platz haben", fordert der Katholik. Doch Erfolg wird er mit seinem Plädoyer für ein fest installiertes Kreuz auf dem Altar des Andachtsraumes wohl nicht haben.
Text und Foto: Karin Wollschläger, 10.01.2007
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