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22.07.2017
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Aus dem kirchensite.de-Archiv

Bibelarbeit im Juli 2006

Die Bindung Isaaks - von der abgründigen Liebe Gottes

1. Einführung

"Bei einem Nachbarn des Rabbi Mosche Löb waren mehrere Kinder nacheinander im zarten Alter gestorben. Die Mutter vertraute eines Tages ihren Kummer der Frau des Zaddik an: Was für ein Gott ist denn der Gott Israels? Er ist grausam und nicht barmherzig. Er nimmt, was ER gegeben hat." "Du darfst so nicht reden", sagte die Frau des Zaddik, "so darfst du nicht reden. Die Wege des Himmels sind unergründlich. Man muss lernen, sein Schicksal anzunehmen." In diesem Augenblick erschien Rabbi Mosche Löb auf der Türschwelle und sagte der unglücklichen Mutter. "Und ich sage dir, Frau, man muss es nicht annehmen! Man muss sich nicht unterwerfen. Ich rate dir, zu rufen, zu schreien, zu protestieren, Gerechtigkeit zu fordern, verstehst du mich, Frau? Man darf es nicht annehmen!" (Aus: Elie Wiesel, Gezeiten des Schweigens, Freiburg 1992).

Was für ein Gott ist denn der Gott Israels? Das ist die entscheidende theologische Frage. Vielfältig sind die Gottesbilder, die die Bibel zeichnet, gegensätzlich und widersprüchlich. Immer sind es Erfahrungen der Menschen mit ihrem Gott, die nie ohne ihren gesellschaftlichen, politisch-historischen, sozialen wie individuellen Kontext reflektiert werden. Nicht nur von Bildern des liebenden, barmherzigen, gerechten Gottes lesen wir, sondern auch von allem Unverständnis des Menschen über das Leben, das eigene Schicksal, das ohne Erklärung bleibt, wird in der Gott-Mensch-Beziehung wahrgenommen. Gerade dann hadert der Mensch mit seinem Schicksal, er ringt mit Gott, seinem Schöpfer. Was für ein Gott ist der Gott Israels? Rabbi Löb ermutigt zur Klage, zum Protest, zur Herausforderung Gottes. Der Mensch wird hier zum Dialogpartner Gottes. Und doch bleibt eine Ambivalenz, eine letzte Unerklärlichkeit der Geschehnisse. Die Gerechtigkeitsvorstellung des Menschen muss nicht der Gerechtigkeit Gottes entsprechen. Der Zweifel bleibt, der Widerstand bleibt, die Fragen an das Leben und seinen Schöpfer bleiben. Solange diese bleiben, bleibt der Schöpfer selbst und ein letztes Vertrauen auf Vollendung und Erfüllung der Verheißungen.

"Wer sich auf Gen 22 einlässt, muss darauf gefasst sein, dass er immer wieder wie vor einem Abgrund zurückschaudert". Mit diesen Worten hat Gerhard von Rad einmal die Wirkung dieser Erzählung beschrieben. Es ist Entsetzen, das sich vorrangig breit macht. Aus dieser Erschütterung heraus fragt der Mensch: Was für ein Gott ist der Gott Israels? Was für ein Gott ist unser Gott?

2. Bibeltext: Die Bindung Isaaks (Gen 22,1-19)

Im Anfang (22,1-19)

Nach diesen Begebnissen geschahs, Gott prüfte Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Er sprach: Da bin ich.
Er aber sprach: Nimm doch deinen Sohn, deinen Einzigen, den du liebst, Jizchak, und geh vor dich hin in das Land von Morija, und höhe ihn dort zur Darhöhung auf einem der Berge, den ich dir zusprechen werde.
Abraham stand frühmorgens auf, er sattelte seinen Esel, er nahm seine beiden Knaben mit sich und Jizchak seinen Sohn, er spaltete Hölzer für die Darhöhung und macht sich auf und ging nach dem Ort, von dem Gott ihm gesprochen hatte.
Am dritten Tag erhob Abraham seine Augen und sah den Ort von fern. Abraham sprach zu seinen Knaben: Bleibt ihr hier mit dem Esel, ich aber und der Knabe wollen bis drüben hin gehen, niederwerfen wollen wir uns und dann zu euch kehren.
Abraham nahm die Hölzer zur Darhöhung, er legte sie Jizchak seinem Sohn auf, in seine Hand nahm er das Feuer und das Messer. So gingen die beiden mitsammen.
Jizchak sprach zu Abraham seinem Vater, er sprach: Vater! Er sprach: Da bin ich, mein Sohn. Er sprach: Da ist nun das Feuer und die Hölzer, aber wo ist das Lamm zur Darhöhung?
Abraham sprach: Gott ersieht sich das Lamm zur Darhöhung, mein Sohn. So gingen die beiden mitsammen.
Sie kamen an den Ort, den Gott ihm zugesprochen hatte. Dort baute Abraham die Schlachtstatt und schichtete die Hölzer und fesselte Jizchak seinen Sohn und legte ihn auf die Schlachtstatt zuoberst der Hölzer.
Abraham schickte seine Hand aus, er nahm das Messer, seinen Sohn hinzumetzen.
Aber SEIN Bote rief ihm vom Himmel her zu und sprach: Abraham, Abraham! Er sprach: Da bin ich.
Er sprach: Schicke nimmer deine Hand nach dem Knaben aus, tu ihm nimmer irgendwas! Denn jetzt habe ich erkannt, dass du Gottes fürchtig bist, - nicht vorenthalten hast du mir deinen Sohn, deinen Einzigen.
Abraham hob seine Augen und sah: da, ein Widder hatte sich dahinter im Gestrüpp mit den Hörnern verfangen. Abraham ging hin, er nahm den Widder und höhte ihn zur Darhöhung anstatt seines Sohns.
Abraham rief den Namen jenes Ortes: ER sieht. Wie man noch heute spricht: Auf SEINEM Berg wird ersehn.
SEIN Bote aber rief Abraham ein zweites Mal vom Himmel her zu und sprach: Bei mir schwöre ich – SEIN Erlauten – ja, dieweil du dieses getan hast, hast deinen Sohn, deinen Einzigen, nicht vorenthalten, segne, ja segne ich dich, mehren will ich, mehren deinen Samen wie die Sterne des Himmels und wie den Sand, der am Ufer des Meeres ist, ererben soll dein Same das Hochtor seiner Feinde, segnen sollen einander mit deinem Samen alle Stämme der Erde, dem zu Folge, dass du auf meine Stimme gehört hast.

Abraham kehrte zu seinen Knaben zurück, sie machten sich auf und gingen mitsammen nach Ber-Scheba. Und Abraham blieb in Ber-Scheba.

(Buber-Rosenzweig-Übersetzung)

3. Auslegung

Eine Überschrift gibt den Inhalt eines Textes an und leitet den Leser in seiner Wahrnehmung des Textes. Für die Textstelle Gen 22 finden sich vornehmlich drei Überschriften: "Opferung Isaaks", "Bindung Isaaks", "Prüfung Abrahams". Welche dieser drei Überschriften für das Verständnis des Textes herangezogen wird, ist ganz entscheidend. Die ersten beiden nehmen Isaak in den Blick, erheben ihn so zum Protagonisten des Textes, die dritte Überschrift stellt Abraham in den Mittelpunkt. Geht die erste Überschrift von der vollzogenen Opferung Isaaks aus, so gipfelt die zweite im dramatischen Moment der Bindung Isaaks, die dritte Überschrift stellt besonders die Frage nach dem Glauben und Vertrauen Abrahams und stellt so die Gottesbeziehung Abrahams ins Zentrum der Interpretation. "Dennoch, jedes Mal, wenn die Geschichte der Opferung Isaaks gelesen wird, erschüttert sie die Gemüter der Zuhörer unwillkürlich so, als ob sie sich erst ereignen würde". Diese Worte gehen auf Augustinus zurück und schildern die außerordentliche Wirkmächtigkeit dieser alttestamentlichen Erzählung. Gen 22 zählt zu den sperrigsten, schwierigsten Texten des Alten Testaments, aber auch zu den bekanntesten und theologisch zu den bedeutendsten. Ganz massiv stellt er die Gottesfrage. Welches Gottesbild wird hier gezeichnet? Auf den ersten Blick schiebt sich ein Gottesbild in den Vordergrund, das uns fremd erscheint. Ein Gott, der ein Menschenopfer fordert? Es ist kein beliebiges, handelt es sich doch um Isaak, den in der Erbfolge einzigen Sohn Abrahams. Der Text beginnt mit den Worten "Nach diesen Begebnissen...". Wird Gen 22 als dramatischer Höhepunkt der Abrahamerzählung gelesen, so ist mit diesen einleitenden Worten nicht das unmittelbar vorangehende Geschehen gemeint, sondern die Erzählfolge der Abrahamerzählung von Gen 11,10 bis 25,11, wo man von wiederholten Prüfungen liest und immer wieder erneuten Verheißungen von Nachkommenschaft, Land und Segen. Am Anfang steht der Aufbruch Abrahams aus seiner Heimat Ur in Chaldäa. Mit seiner Frau Sara und seinem Neffen Lot zieht er in ein unbekanntes Land, ein Land, das Gott ihm zeigen wird. In Kanaan angelangt, muss er vorübergehend nach Ägypten ausweichen, um einer Hungersnot zu entgehen, bevor er sich in Mamre/Hebron niederlassen kann. Trotz wiederholter göttlicher Verheißungen bleibt die Kinderlosigkeit Abrahams und Saras eine große Belastung und Herausforderung. Die Not und der Konflikt spitzen sich zu, als Sara Abraham die Sklavin Hagar zuführt, woraus Ismael hervorgeht. Beim Besuch der drei Männer bei Abraham wird erneut die Sohnesverheißung ausgesprochen, die sich mit der Geburt Isaaks erfüllt. Auf ihm ruht die Nachkommensverheißung Gottes an Israel. So ist die Forderung Gottes an Abraham seinen einzigen Sohn Isaak, den geliebten, zu opfern, die größte denkbare Herausforderung Abrahams in seinem Gottesverhältnis. Opfert er Isaak, opfert er nicht nur seinen Sohn, sondern sich selbst, sein Leben und seine Zukunft. Ist ein solcher Gott denkbar, der ein Menschenopfer, ein Sohnesopfer fordert? Ist aber auf der anderen Seite auch ein Mensch denkbar, der auf eine solche Forderung widerstandslos eingeht?

Der Text nähert sich diesen Fragen durch ein bemerkenswertes Nähe-Distanz-Verhältnis in der Erzählweise. Eine erste Spannung tut sich auf zwischen den allgemein gehaltenen Ereignissen, die der Erzählung vorangehen, und dem Einzelereignis, das ausführlich geschildert wird. Indem von vorneherein gesagt wird, dass Gott Abraham prüft, wird der Leser für das Problematische, das diese Erzählung enthält, sensibilisiert. "Prüfen" ist ein bedeutendes, theologisch geprägtes Deutewort. Die Prüfung eines Menschen stellt ihn in eine lebensentscheidende Situation, indem Gott den Menschen in eine kritische Situation führt, die ihn zu einer Entscheidung herausfordert. Das Ziel der Entscheidung bleibt am Anfang der Erzählung ungesagt. Erst indem Gott Abraham einen Gottesfürchtigen nennt, ist mit der Erprobung des Gottesverhältnisses Abrahams das Thema der Erzählung vorgegeben.

Es folgt ein kurzes Gespräch zwischen Gott, der im Hebräischen bezeichnenderweise mit der Gottesbezeichnung Elohim wiedergegeben wird, und Abraham. Dieses Gespräch verläuft recht einseitig. Abraham antwortet knapp, seine prompte widerstandslose Reaktion dürfte beim Leser Erschrecken auslösen. Die Gefühle Abrahams bleiben im Dunkeln. Die Erzählung hat hier protokollartige Züge. Dies zeigt sich auch an der Stelle, als Abraham ansetzt seinen Sohn zu töten. Die zu beobachtende Detailgenauigkeit erzeugt eine erhöhte Spannung. Dies wird unterstützt durch weitgehende Sprachlosigkeit. Lediglich kurze, jedoch bedeutende Dialoge unterbrechen die Handlung, so der starke Dialog zwischen Vater und Sohn, der einerseits das Vater-Sohn-Verhältnis thematisiert, andererseits aber die Frage nach dem Opferlamm: "Jizchak sprach zu Abraham seinem Vater, er sprach: Vater! Er sprach: Da bin ich, mein Sohn. Er sprach: Da ist nun das Feuer und die Hölzer, aber wo ist das Lamm zur Darhöhung? Abraham sprach: Gott ersieht sich das Lamm zur Darhöhung, mein Sohn." Die Antwort bleibt offen, ist die Wendung "mein Sohn" nur als Anrede oder auch als Apposition zu lesen? Jürgen Ebach kennzeichnet als Besonderheit der Erzählweise von Gen 22, dass "Entscheidendes im Nicht-Gesagten" liegt. Folgen wir jedoch weiter dem Kompositionsschema des Textes. Auffallend ist, dass der Text mit Gen 22,19 nicht zu Ende sein dürfte. Lesen wir weiter, so folgt die Geburt von zwölf Nahorsöhnen. Damit stehen sich die Forderung nach der Opferung des einen Sohnes durch Abraham und die an Abraham gerichtete Mitteilung von der Geburt von zwölf Söhnen für seinen Bruder Nahor gegenüber. So wird der zu Beginn der Erzählung aufgezeigte Konflikt perspektivisch auf eine neue Verheißung zugeführt, gelöst wird er damit jedoch nicht. Die Gottesfrage bleibt, der fordernde Gott bleibt ein Rätsel, es bleibt jedoch auch das Verhalten Abrahams, der hier große Parallelen zur Hiobgestalt aufwirft. Abraham steht im Konflikt zwischen Gottesgehorsam und Vaterliebe. Wenn er den Knechten gegenüber von der gemeinsamen Rückkehr spricht, dann steht hier nicht die Frage nach Wahrheit oder Unwahrheit im Zentrum. Wird die Erzählung von ihrem Ende her gelesen und als ganze wahrgenommen, so lässt sich diese Stelle als Vertrauensäußerung lesen, als letzte Hoffnung auf eine Wendung des Geschicks. Die Spannung bleibt jedoch. Der Text bietet keine einfachen Lösungen an. Von einer gemeinsamen Rückkehr von Vater und Sohn wird trotz Erwähnung des Widderopfers nicht gesprochen. Der Dialog zwischen Vater und Sohn endet auf dem Weg zur Opferstätte. Isaaks Verhalten überrascht, seine widerstandslose Einwilligung wird durch den Boten Jahwes durchbrochen. Dass er jedoch nicht mehr erwähnt wird, dürfte ein bewusstes literarisches Element sein. Möglicherweise ist hier die Kluft zwischen Vater und Sohn angedeutet. Zwar wird Abraham gegenüber die Nachkommensverheißung durch den Boten Jahwes erneuert, doch tritt Isaak dabei in den Hintergrund. Die theologischen Spannungen des Textes werden nicht gelöst. Antworte werden nicht gegeben, allenfalls Lesehilfen, vielmehr aber werden Fragen angestoßen, erscheint der Gott Israels einerseits in zugewandter Weise, andererseits als grausam fordernd. Ein besonderes Gewicht erhält die Ambivalenz des Gottesbildes, die wiederum auf einer Ambivalenz der Gotteserfahrung beruht, dadurch, dass mit dieser Erzählung die Abrahamerzählungen abgeschlossen werden. Es wird ein klarer Kontrast zu dem großen Verheißungskapitel Gen 15 gesetzt. Auffallend ist jedoch das zweimalige Eingreifens des Boten Jahwes. Bezeichnenderweise begegnet hier der Gottesname Jahwe. Am Ende ist Jahwe seinen Verheißungen gegenüber treu. Die Nachkommensverheißung wird in sprechenden Bildern erneuert. Und doch müssen wir uns gerade aufgrund der beiden unterschiedlichen Gottesbezeichnungen fragen, ob der fordernde und der rettende Gott ein und derselbe ist? Die Gottesbezeichnungen zeigen den Wachstum und die Bearbeitung des Textes an. Beide Aspekte sind zusammenzulesen. So handelt der Text von der widersprüchlichen Wirklichkeit des einen Gottes, der dem Menschen als lebensfordernder wie lebensrettender Gott gegenübertritt. Damit wird das Wesen des einen Gottes in seinem Spannungsreichtum umrissen und eine Verharmlosung der Gottesfrage verhindert.

Bleibt der Text in seinem Gottesverständnis rätselhaft, so lassen sich doch nicht die Parallelen zur Passion Christi übersehen. Gen 22 ist liturgisch als Lesung in der Ostervigil verankert. Gerade in diesem zentralen theologischen Zusammenhang darf Gen 22 in seiner Dramatik und theologischen Bedeutung des Sohnesopfers nicht entschärft werden, beispielsweise lediglich als Glaubensprobe Abrahams. Im Letzten steht Gott zu seinen Verheißungen. Unter diesem Aspekt lässt sich die gewählte Überschrift "von der Liebe Gottes" begründen.

4. Rezeption in der Kunst

Die "Bindung Isaaks" ist durch die Kunstgeschichte immer wieder Gegenstand der Auseinandersetzung gewesen. Viele Künstler reizte die Darstellung des dramatischen Momentes der Darbringung Isaaks. Unter zahlreichen Darstellungen aus der Kunst seien zwei besonders herausgegriffen. Sie eignen sich zur vergleichenden Bildbetrachtung, darüber hinaus auch zu einem Bild-Text-Vergleich, setzt das Bild noch einmal je eigene theologische Impulse.

a) Die St. Petersburger "Opferung Isaaks" (1635), Rembrandt, Bild zum Downloaden s. www.rpi-virtuell.de

Das Bild vermittelt einen gewaltigen Eindruck: Rembrandt gibt den dramatischen Höhepunkt der alttestamentlichen Erzählung als einen Dreiakter mit lebensgroßen Figuren wieder. Isaak liegt auf der bewaldeten Höhe des zur Opferung bestimmten Berges auf dem Rücken. Links schweift der Blick hinab in eine weite Landschaft. Sie deutet die Länge des zurückgelegten Weges von Vater und Sohn an. Die Schutzlosigkeit des auf seinen Gewändern liegenden Isaak wird durch den entblößten Oberkörper und die auf dem Rücken gebundenen Hände sinnfällig zum Ausdruck gebracht. Zudem fällt der Lichtschein direkt auf den Oberkörper. Die Kehle Isaaks bietet sich dem unmittelbar bevorstehenden tödlichen Stoß dar – Schmerz und Angst des Opfers entziehen sich jedoch dem Blick des Betrachters. Dieses Motiv der das Antlitz verdeckenden Hand wurde in verschiedener Weise zu erklären versucht: nicht nur die entschlossene Brutalität stand dabei im Mittelpunkt, sondern auch der "fürsorgliche" Aspekt des Motivs, dem Sohn den Anblick des Messers unmittelbar vor der Opfertat zu ersparen. Eine Vielzahl von "Opferung Isaaks"- Darstellungen zeigt das Motiv der auf den Kopf des Sohnes gelegten Hand: Hier wird eine in der Tora häufiger beschriebene Gebärde des jüdischen Opferrituals aufgegriffen und von Rembrandt dramatisch zugespitzt und umgedeutet, vgl. Ex 29,10: "Lass den Jungstier vor das Offenbarungszelt bringen und Aaron und seine Söhne sollen ihre Hände auf den Kopf des Jungstiers legen." Ex 20,15: "Dann hol den einen Widder und Aaron und seine Söhne sollen ihre Hände auf den Kopf des Widders legen" und Lev 1,4: "Er lege seine Hand auf den Kopf des Opfertieres, damit es für ihn angenommen werde, um ihn zu entsühnen." Rechts am Bildrand ist bereits das Opferfeuer angedeutet. Die Opferung jedoch wird unvermittelt durch einen aus den Wolken auftauchenden Engel verhindert. Der Engel scheint mit seiner Linken Abraham Einhalt zu gebieten, während er mit der Rechten sein Handgelenk umfasst. Das Entscheidende des dargestellten Moments ist der Moment, in dem Abraham das Messer fallen lässt. Die Bedrohung des wehrlosen Isaak ist aber noch spürbar. Von dem plötzlichen Erscheinen des Engels überrascht, wendet Abraham den Kopf plötzlich herum. Sein Blick, der von Entsetzen wie von  Überraschung geprägt ist, trifft auf den Blick des Engels. Der Engel – so deutet der geöffnete Mund an – spricht gerade die erlösenden Worte, der Vater möge dem Sohn nichts antun.

Rembrandt vermag es dem Betrachter das Geschehen nahezubringen, indem er die lebensgroßen Figuren, die miteinander nahezu die gesamte Bildfläche füllen, auf einer schmalen, durch das dichte Unterholz hinterfangenen Bühne, im Vordergrund des Bildraumes agieren lässt. Der Eindruck großer Nähe wird durch den unmittelbar kontrastierten weiten Landschaftsausblick zusätzlich gesteigert. Rembrandt folgt nicht dem biblischen Text, in welchem der Engel vom Himmel herabruft, sondern führt den Engel unmittelbar an das Geschehen heran, lässt ihn in das Geschehen eingreifen. Der Protagonist der biblischen Erzählung ist der geprüfte Patriarch Abraham. Als solchen setzt ihn Rembrandt ins Bild: Die gewaltige Patriarchenfigur beherrscht das Zentrum der Komposition und verspannt mit der weit ausgreifenden Haltung ihrer Arme die beiden zentralen Handlungsmomente, die auf die Hauptfigur hinführen: a) das bevorstehende Opfer des Sohnes: der Körper Isaaks führt von links unten diagonal herauf zum Vater, b) die Verhinderung der Opferung des Sohnes: durch den von links mit wehendem Ärmel auf Abraham andrängenden Engel. Rembrandt verknüpft die Trias der Figuren eng durch das Zupacken der Hände sowie die Beziehung der Blicke.

Das Bild lässt sich von unten nach oben lesen: Zunächst fällt der Blick des Betrachters auf den herausgeleuchteten Körper des gebundenen Isaak. Dann wird er über das Motiv der linken Hand Abrahams zunächst zu dem ausdrucksvollen Haupt Abrahams und dem weiten Bogen der Arme folgend schließlich zur rettenden Tat des Engels geführt. Die Geste der linken Hand dürfte nicht nur Einhalt gebietend sein, sondern auch auf den zugleich fordernden und erlösenden Gott in der Höhe verweisen. Die Bilderzählung wird durch zwei Aspekte verdeutlicht: a) Hände, Gesichtsausdruck und Blicke, b) die Führung des Lichts, dessen scharfer Einfall von links deutliche Licht-Schatten-Kontraste hervorruft. Das Licht hebt die handlungstragenden Partien hervor: Hände, Antlitz Abrahams, Rumpf Isaaks.

b) Die Münchner "Opferung Isaaks" (1636) im Vergleich, Bild zum Downloaden s. www.rpi-virtuell.de

Zwischen beiden Werken besteht eine große Verwandtschaft. Der Bildaufbau ist ähnlich. Die Anordnung und Körperhaltung von Vater und Sohn ist nahezu identisch. Dichtes Unterholz bietet der Szene beide Male einen kontrastierend-dunklen Hintergrund. Beide Male schweift der Blick in eine weite Landschaft. Wieder ist jener entscheidende Moment der alttestamentlichen Erzählung gegeben, als der Engel Abraham in den Arm fällt, um die Opferung des Sohnes zu verhindern.

Doch liegen hier auch deutliche Unterschiede zum St. Petersburger Bild:
Der Engel schwebt nicht majestätisch auf einem Strahl göttlichen Lichtes von der linken Seite heran – sondern er taucht plötzlich und unerwartet hinter Abraham auf, sich gleichsam um den mächtigen Baumstamm windend.
Abraham duckt sich, und darüber hinweg ergreift der Engel kraftvoll das Gelenk Abrahams und zwingt ihn so geradezu mit physischer Gewalt, das Opfermesser zu Boden fallen zu lassen.
Die Dynamik des Engelfluges scheint überzeugender dargestellt, so wird auch das Eingreifen Gottes in anderer Weise verbildlicht.

Weitere motivische Unterschiede:
Der Feuerkessel wird durch kleinteiliges Blattwerk ersetzt. Ein Widder erscheint im Bild, der sich mit seinen Hörnern im Gesträuch verfängt. Auch in der Gegenüberstellung der Greisenhäupter zeigen sich deutliche Unterschiede: Der Münchner Kopf scheint kühner und gröber, leidenschaftlicher im Ausdruck.
Das Barthaar ist struppiger, die Augenbrauen sind buschiger, die Furchen der gerunzelten Stirn sind tiefer. Die weit aufgerissenen Augen sind akzentuierter, große Tränen rinnen über die Wangen.  Die schwarze Höhle des Mundes ist "sprechender". Insgesamt wirkt das Münchner Haupt ausdrucksvoller. Das Unvorstellbar-Grausame des Erzählmomentes scheint effektvoll ins Bild gesetzt: Entsetzen, maßloses Erstaunen und Nicht-Begreifen sind Abraham ins Gesicht geschrieben.
Das Petersburger Haupt wirkt zurückhaltender, verinnerlichter, zeigt dabei eine stärkere Durcharbeitung im Farbauftrag.
Das Münchner Bild ist lockerer, freier, breiter gemalt – zuweilen auch nachlässiger und flüchtiger, vgl. auch Hand Abrahams auf Isaaks Gesicht und zupackende Hand des Engels, Fältungen des Isaakschurzes, Scheiterhaufen unter Isaak, Landschaftsausblick.

Nachteile des Münchner Bildes: Die schnelle Malweise gereicht dem Widder, aber auch dem Antlitz des Engels nicht zum Vorteil.
Die erste Fassung ist der zweiten in der malerischen Durchführung überlegen – die Münchner Fassung erscheint rauer und in Partien erheblich weniger qualitätsvoll ausgeführt.

5. Bibelarbeit

Sich einfinden

  • GL 294: Was Gott tut, das ist wohlgetan
  • "Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen." (Dietrich Bonhoeffer)
  • "Nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen erfüllt Gott". (Dietrich Bonhoeffer)

Die Heilige Schrift lesen

  • Gen 22,1-19: Die Bindung Isaaks

Über den Bibeltext sprechen:

Die Ersteindrücke nach dem ersten Lesen werden gesammelt. Der Text wird ein zweites Mal gelesen, diesmal unter der Frage nach dem geschilderten Gottesbild. Welche Widersprüche und Spannungsbögen sind auszumachen? Wie lassen sich die Dialoge zwischen Gott und Abraham beschreiben? Welche Rolle spielt Isaak? Welche Bedeutung ist dem Text innerhalb der Geschichte Gottes mit seinem Volk beizumessen? Wie lässt sich mit der Spannung und der Widersprüchlichkeit des Gottesbildes umgehen? Wer ist der Gott Israels, wer ist unser Gott? Mit welchem Gott rechnen wir? Welchen haben wir schon erfahren?

Den Bibeltext ins eigene Leben übersetzen:

Rose Fitzgerald Kennedy lässt in ihrem Buch "Alles hat seine Stunde" die achtzig Jahre ihres ereignisreichen Lebens noch einmal an sich vorüberziehen. Die Wahl des Titels ist Programm. Er verweist auf das Buch Kohelet (Koh 3,1-8). Dort fand Mrs. Kennedy, was auch für ihr Leben galt: sie hat schönste, aber auch schrecklichste Stunden erlebt. Von ihren neun Kindern kam der älteste Sohn als Aufklärungspilot um Leben; ihre Tochter Kathleen verunglückte bei einem Flugzeugabsturz tödlich; ihr Sohn John Fitzgerald fiel als Präsident der USA einem Attentat zum Opfer; ihr Sohn Robert wurde ermordet. Darüber hinaus trägt sie das Schicksal ihrer geistig behinderten Tochter Rosemary. Auf den letzten Seiten ihrer Lebenserinnerungen stellt sie sich die Frage, was ihr Leben trotz mancher schmerzlichen Erfahrungen so glücklich gemacht hat:

"Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass das wichtigste Element im menschlichen Leben der Glaube ist. Wenn Gott mir alle seine Segnungen, Gesundheit, körperliche Kräfte, Reichtum und Verstand nähme und mir nur eine Gabe ließe, so würde ich um den Glauben bitten, denn mit dem Glauben an ihn, an seine Güte, Gnade und Liebe und mit dem Glauben an das ewige Leben könnte ich den Verlust seiner anderen Gaben wohl verschmerzen und trotzdem glücklich sein. Ich könnte ihm vertrauen und alles seiner unfehlbaren Vorsehung überlassen. Wenn ich meinen Tag mit einem Gebet beginne, in dem ich mich ihm weihe und ihm mein ganzes Vertrauen schenke, dann bin ich vollkommen ruhig und glücklich, gleichgültig, welche Schicksalsschläge mich erwarten, weil ich weiß, sie sind Teil seines göttlichen Plans, und er wird für mich und die Menschen sorgen, die ich liebe. Für mich bedeutet Glaube das unaufhörliche Bewusstsein der Existenz Gottes; nicht als einer fernen und von mir getrennten Wirklichkeit, sondern als eines Gegenstandes der spirituellen Erfahrung, mit dem mich eine ganz persönliche Beziehung verbindet. Damit will ich nur sagen, dass die Existenz Gottes für mich ebenso wirklich ist wie meine eigene....Was ist sagen will, ist, dass wir aus dem Glauben und durch den Glauben zu einem neuen Verständnis unserer selbst und der Welt kommen, die uns umgibt. Er stellt alles in eine geistige Perspektive, so dass Liebe, Freude und Glück ebenso wie Kummer, Sorgen und Verlust zu Teilen eines großen Bildes werden, das weit über Zeit und Raum hinausreicht."

Aus: Rose Fitzgerald Kennedy,
Alles hat seine Stunde, Meine Lebenserinnerungen,
Frankfurt/M. 1974, S.444f.

Meditation:

Abraham und Isaak

Abraham baute in der Landschaft Eden
sich eine Stadt aus Erde und aus Blatt
und übte sich mit Gott zu reden.

Die Engel ruhten gern vor seiner frommen Hütte
und Abraham erkannte jeden;
himmlische Zeichen ließen ihre Flügelschritte.

Bis sie dann einmal bang in ihrem Träumen
meckern hörten die gequälten Böcke,
mit denen Isaak Opfern spielte hinter Süßholzbäumen.

Und Gott ermahnte: Abraham!!
Er brach vom Kamm des Meeres Muscheln ab und Schwamm
hoch auf den Blöcken den Altar zu schmücken.

Und trug den einzigen Sohn gebunden auf den Rücken
zu werden seinem großen Herrn gerecht –
der aber liebte seinen Knecht.

(Else Lasker-Schüler)

Else Lasker-Schüler (1869-1945), Tochter eines jüdischen Bankiers in Wuppertal, ist eine der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen im Blick auf die literarische Rezeption der Bibel. In ihren "Hebräischen Balladen" (1913) sind Gedichte zu fast allen wichtigen alttestamentlichen Gestalten gesammelt. Hier spiegelt sich die eigene Suche nach jüdischer Identität heute mit den biblischen Erzählungen von damals, eine Mischung aus Selbstdeutung, Volkdeutung und Bibeldeutung. Die Einschätzung der Bibelgedichte von Lasker-Schüler reichen von "biblisch getönten Privatgedichten" bis zu "beeindruckendem Zeugnis von der großen Einfühlung in die biblischen Gestalten". Man muss sich also ein eigenes Bild verschaffen. Das gilt auch für das Gedicht "Abraham und Isaak". Der Leser ist zunächst mit der Eigenwilligkeit der Form konfrontiert. Der Text wirkt auf den ersten Blick spröde, eigenwillig, unklar in der Aussage. Die fünf Dreizeiler sind mit einem ungewöhnlichen Reimschema verbunden. Der unregelmäßige Rhythmus fließt ruhig auf den durch den Gedankenstrich vom ganzen Text abgesetzten Schlussvers zu. Der Satzbau ist durch Umstellungen verschlungen, entzieht den komplex verdichteten Text der Alltagssprache.

Zudem gestaltet sich auch der Inhalt des Gedichts als eigenwillig. Der Text wird nicht aktualisiert. Die Perspektive wird nicht verfremdet. Zunächst scheint es sich um eine komprimierte Nacherzählung oder Zusammenfassung der Abrahamgeschichte zu handeln. Tatsächlich ist es jedoch eine rätselhafte verfremdete Abraham-Vision: Biblische Erzählung und phantasiereiche visionäre Deutung mischen sich. Es ist keine Aktualisierung, eher eine Synchronisierung: Vergangenheit und Gegenwart, Vorgegebenes und Eigenes bilden eine in sich selbst ruhende Gleichzeitigkeit: Siedelt der biblische Abraham  in Palästina, damit jenseits, östlich von Eden, so ist er im Gedicht in Eden selbst verwurzelt. Abraham wird so zu einer Gestalt vor der Zeitrechnung, vor der Vertreibung aus dem Paradies.

Die Engel im zweiten Dreizeiler spielen nicht nur auf Gen 18, die Verkündigung der Geburt Isaaks an, sondern bilden auch einen paradiesischen Urzustand.

In der dritten Strophe wird der Fall aus diesem Urzustand angedeutet: Isaak spielt in seinem Versteck mit Schafböcken und quält sie als Opfertiere. Doch die Engel hörten deren Schmerzenslaute im Traum. Jetzt erst befielt Gott dem Abraham den Altar zu rüsten und mit "Muscheln und Schwamm" zu schmücken. Abraham gehorcht ohne zu zögern, um seinem Herrn gerecht zu werden.

Was dann am Opferalter passiert: die Verschonung Isaaks, das Ersatzopfer des Schafbockes, die belohnende Erneuerung des Segens – diese Schlusselemente der biblischen Erzählung werden hier ausgespart. Der Herr "liebte seinen Knecht" – dieser Hinweis reicht, um das gute Ende anzudeuten.

GL 291: Wer unterm Schutz des Höchsten steht

6. Weiterführende Literatur:

- Dekiert, Markus, Rembrandt. Die Opferung Isaaks, München 2004.
- Greiner, Bernhard u.a., Opfere deinen Sohn! – Das "Isaak-Opfer" in Judentum, Christentum und Islam, Tübingen 2005.
- Lenzen, Verena, Das Opfer von Abraham, Isaak und Sara. Genesis 22 im rabbinischen Judentum, in: Kath. Bibelwerk Stuttgart, Abraham, WuB 30 (4/2003), 13-27.
- Neef, H.-D., Die Prüfung Abrahams – eine exegetisch-theologische Studie zu Gen 22, 1-19, Stuttgart 1998.
- Österreichisches Kath. Bibelwerk, Abrahams Opfer I/II, BiLi 72 (3/4/1999).
- Seebass, Horst, Genesis II/I, Vätergeschichte (11,27-22,24), Neukirchen-Vluyn 1997.
- Steins, G., Die "Bindung Isaaks" im Kanon (Gen 22), Münster 1999.

Dipl.-Theol. Esther Brünenberg, Juli 2006
Katholisches Bibelwerk im Bistum Münster
www.bibelwerk.de

in Kooperation mit
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(www.kirchensite.de)

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