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22.07.2017
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Aus dem kirchensite.de-Archiv

Bibelarbeit im Mai 2006

Einer rief dem anderen zu und sprach:Heilig, heilig, heilig

(Jes 6)

1 Im Todesjahr des Königs Usija
sah ich den Herrn,
der da saß auf einem ragenden und erhobenen Thron.
Seine Schleppen erfüllten die Tempelhalle.
2 Seraphim standen von oben her zu ihm.
Sechs Flügelpaare hatte ein jeder:
Mit zweien verhüllte er sein Angesicht,
mit zweien, verhüllte er seine Füße,
mit zweien flog er.
3 Einer rief dem anderen zu und sprach:
"Heilig, heilig, heilig ist JHWH Zebaot.
Die Fülle der ganzen Erde ist seine Herrlichkeit."
4 Die Pfosten der Torschwellen erbebten vor der Stimme des Rufenden,
während sich das Haus mit Rauch füllte.
5 Da sprach ich:
"Weh mir!
Ja, ich bin verloren.
Ja, ein Mann unreiner Lippen bin ich
und inmitten eines Volkes unreiner Lippen wohne ich.
Ja, den König, JHWH Zebaot* (*Herr der Heere), haben meine Augen gesehen."
6 Da flog zu mir einer der Seraphim,
in seiner Hand eine Glühkohle,
die er mit einer Zange vom Altar genommen hatte.
7 Damit berührte er meinen Mund und sprach:
"Siehe, diese hat deine Lippen berührt.
So weicht deine Schuld
und wird deine Sünde gesühnt."
8 Da hörte ich die Stimme des Herrn, der da sprach:
"Wen soll ich senden,
wer wird für uns gehen?"
Ich sprach:
"Hier bin ich, sende mich!"
9 Er sprach:
"Geh,
sprich zu diesem Volke:
'Höret nur, höret,
aber kommt nicht zur Einsicht!
Sehet nur, sehet,
aber erkennt es nicht!'
10 Verfette das Herz dieses Volkes,
mache seine Ohren schwer
und verklebe seine Augen,
damit es nicht sehe mit seinen Augen,
mit seinen Ohren nicht höre
und sein Herz nicht zur Einsicht komme
und Heilung finde für sich."
11 Ich sprach:
"Bis wann, oh Herr?"
Er sprach:
"Bis die Städte verwüstet sind – ohne Einwohner,
die Häuser – ohne Menschen,
und das Ackerland verwüstet ist – eine Einöde.
12 Denn JHWH wird die Menschen entfernen
und groß wird sein die Verlassenheit inmitten des Landes.
13 Gibt es darin noch ein Zehntel,
so wird es erneut der Abweide anheim fallen,
gleich einer Terebinthe und einer Eiche,
von denen beim Fällen ein Wurzelstock bleibt.
Heiliger Same ist sein Wurzelstock."

Übersetzung nach: Beuken, W.A.M., Jesaja 1 – 12 (HThKAT), Freiburg 2003.

Zur Historie des Textes
Es ist denkbar, dass mit Jes 6 einer der ältesten Texte des in einem komplizierten Wachstumsprozess über mehrere Jahrhunderte gewachsenen Jesajabuches vor uns liegt. Ungeachtet seines tatsächlichen historischen Ursprungs, stellt der Text sich selbst in eine bestimmte historische Situation. Vielleicht ist sein historischer Kontext ja tatsächlich die Bedrohung der Bruderstaaten Israel und Juda durch die Assyrer im ausgehenden 8. Jh. Die Suche nach einer tragfähigen Beschreibung des Verhältnisses von Gott und Mensch, Gott und Israel stellt sich in jeder neuen Krisensituation jedoch je wieder von neuem.

'Sehen' Gottes – V. 1–7
Der erste Teil des zweigeteilten Textes malt das Bild des wie ein König im Jerusalemer Tempel thronenden Gottes. Ausgesagt wird etwas über den Thron Gottes und etwas über Gottes Gewand – damit über die Insignien seiner Königswürde. Der Thron Gottes ragt hoch auf. Er steht oberhalb des Standortes des Propheten. Das Gewand Gottes füllt die ganze Halle des Tempels. Die ausführliche Schilderung des Textes lässt den Leser vergessen, dass er über die Gestalt Gottes eigentlich nichts erfährt. Je weiter sich die Schilderung der Vision des Propheten von ihrem Gegenstand entfernt, desto detailreicher wird sie. Detailliert beschreiben V. 2–5 das Aussehen, Handeln und die Folgen dieses Handelns der Seraphim um Gottes Thron.

Seraphim – Brandwesen
Was unter der hebräischen Bezeichnung ‚Seraph (Sg.)/Seraphim (Pl.)’, ‚Seraphen’ (mit eingedeutschter Pluralendung), genau zu verstehen sei, ist umstritten. Num 21,8 und Jes 14,29 beschreiben feurige Schlangenwesen. Kleinfunde (Stempelsiegel) aus Israel/Palästina zeigen das weit verbreitete Motiv einfach oder zweifach geflügelter Schlangen (Diese sog. geflügelter Uräen üben eine Schutzfunktion aus). Nach Jes 6 tragen die Seraphim Flügel. Sie haben aber auch menschliche Züge. Ein Seraph nimmt die Kohle zur Reinigung der Zunge des Propheten in seine Hand. Deutlicher als die Gestalt der Seraphim nach Jes 6 ist ihre Funktion. Der göttlichen Sphäre zugehörig, etwas wie der Hofstaat des sich als König präsentierenden Gottes vermitteln sie zwischen ihm und dem Propheten. Dass sie stehen, während der Herrscher sitzt, unterstreicht ihre dienende Funktion.

Hilfreich ist die Wortbedeutung des hebräischen Seraph/Seraphim. Es ist verwandt mit dem hebräischen saraph (‚brennen’). Manche Übersetzungen geben Seraph/Seraphim entsprechend wieder. So übersetzen Buber und Rosenzweig ‚Brandwesen’, die Übersetzung nach Tur Sinai, die gleichfalls eng am Wortlaut des hebräischen Textes bleibt, hat ‚Branddrachen’. Der Name der Seraphim entspricht ihrem Tun. Mit glühenden Kohlen reinigen sie die Lippen des Propheten. Der hebräische Text benützt hier allerdings einen anderen als den mit ‚Seraphim’ verwandten Begriff.

Etwas wie ein Bild der göttlichen Präsenz spiegelt sich im beschriebenen Verhalten der Cherubim, des göttlichen Hofstaates. Mit den ersten ihrer drei Flügelpaare verhüllen sie ihr Angesicht, mit dem zweiten ihre Füße (vielfach euphemistisch für ‚Geschlecht’.) An anderer Stelle, in einer anderen biblischen Erzählung (Ex 33,18ff) gestattet Gott dem Mose auf dessen Bitte hin nur, seinen Rücken zu sehen, weil sterben müsse, wer Gottes Angesicht sieht. Der Prophet in Jes 6 scheint unmittelbar darauf nichts weniger zu fürchten. Auch für den Leser werden die Seraphim insofern zu Mittlern, als ihr Bild die fehlende bildhafte Beschreibung der Gestalt des thronenden Gottes, die Jesaja sieht, ihre Wirkung spiegelnd, ersetzt.

Räume
Der Jerusalemer Tempel, in dem der Text die Gottesbegegnung des Propheten verortet, ist nicht als tatsächlicher Wohn- oder Thronort Gottes vorzustellen. Der Tempel ist der Ort erfahrener göttlicher Präsenz. Als solcher ist er gefühltes Zentrum der – gesellschaftlichen und der Kult- – Ordnung und Bezugspunkt des sich in seinem Selbstverständnis auf seine besondere Beziehung zu diesem seinem Gott beziehenden Volkes. Die Präsenz Gottes ist die Bedingung der Möglichkeit eines guten Lebens im Land.

Der Prophet verortet die von ihm geschilderte Gottesbegegnung in den Räumen des Tempels. Füllt die Schleppe des Gewandes Gottes (nach einer anderen möglichen Übersetzung handelte es sich einfach um den Gewandsaum) die ganze Halle des Tempels, füllt Gottes Herrlichkeit die Erde. Das Raum füllende Gewand ist Ausdruck machtvoller göttlicher Gegenwart. Das mit ‚Herrlichkeit’ übersetzte hebräische Worte (Kabod) bezeichnet in vielen Kontexten die heilvolle göttliche Präsenz. Ist der Tempel Ort der in besonderer Weise erfahrenen und erfahrbaren Gegenwart Gottes ist sie auf den Ort des Tempels doch nicht beschränkt. Wenn gleich darauf die Stimme des von dieser die Welt ausfüllenden Herrlichkeit Gottes sprechenden Seraphen die Pfosten der Tempeltorschwellen, und also die Grundmauern des Tempels selbst erbeben lässt, ist das – wie auch der Rauch, mit dem das Haus sich füllt (vgl. Gen 15,17; Ex 19,18 u.a.) – ein häufig geschildertes Begleitmerkmal göttlichen Erscheinens. (Nach Ex 19,18; Ps 18,18; Ps 68,9 u.a. beben beim Kommen Gottes die Grundfesten der Welt.) Gleichzeitig wird der Raum der Vision des Propheten gesprengt – und die Vision des Raumes göttlicher Gegenwart entgrenzt.

Die Schilderung des erhobenen und ragenden Thrones, die Mittlertätigkeit der ihn umstehenden Seraphim, von denen einer die Entfernung zwischen Gott und Prophet fliegend erst überwindet, zeichnet räumliche Distanz. Die multiperspektivische Schilderung des Abstands des Propheten zu seinem Gott, die detailliertere Beschreibung des diesen Abstand überwindenden Mittlers als Gottes selbst unterstreicht den Eindruck der Distanz.

Heilig, heilig, heilig
Das dreimalige "heilig" der Seraphim aus Jes 6 hat als Trishagion seinen festen Platz in der christlichen Liturgie. Über den historischen Ablauf der Liturgien des Jerusalemer Tempel wissen wir so gut wie nichts. Im Kontext von Jes 6 erinnert das "heilig" der Seraphim jedoch weniger an die Szenerie eines Hofstaates als an den Gottesdienst. Die Ebene des Bildes des thronenden von seinem Hofstaat umgebenen Königs wird an dieser Stelle aufgesprengt, ohne sie gänzlich zu verlassen. Ist doch der auf einem aus Cheruben-, einem aus geflügelten – nicht mit den Seraphim aus Jes 6 zu verwechselnden – Wesen gebildeten Thron vorgestellte (nicht aber dargestellte!) Gott Israels fester Bestandteil des ikonographischen Programms des ersten Tempels (vgl. 1 Kön 6,23–28).

Im Abschnitt der Verse 1–5 bildet der Ruf der Seraphim das Zentrum wie den Schlüssel zum Verständnis des gesamten Abschnitts. Die Gegenwart Gottes erfüllt die Welt wie den Tempel als den Ort ihrer ‚Sichtbarkeit’ für den Propheten. Mit dieser machtvollen die Erde wie den Tempel erfüllenden Gegenwart wird die Heiligkeit Gottes identifiziert. Das "Sehen" Gottes ist dabei fern aller Harmlosigkeit. Zeichenhaft stehen dafür sowohl die das Angesicht und die Füße verdeckenden Flügel der Seraphim als auch das Entsetzen des Propheten vor den Folgen seiner Gottesschau.

Unreine Lippen
'Reinheit' und 'Unreinheit' beziehen sich ursprünglich auf einen kultischen Kontext. Sich in der liturgisch vermittelten Gegenwart Gottes aufhalten zu dürfen, setzt kultische Reinheit voraus. Kultische Unreinheit folgt aus der Berührung mit Bereichen, die zu der Leben stiftenden Gegenwart Gottes als im Widerspruch stehend gedacht worden sind. Kultische Unreinheit wird durch vorgeschriebene Reinigungsriten recht unproblematisch getilgt. Aber auch unmoralisches Verhalten macht unrein. In Jes 6 korrespondiert moralische Unreinheit auf der Sach- mit kultischer Unreinheit auf der Bildebene. Wie kultische Unreinheit, so wird auf der Bildebene auch die Unreinheit des Propheten rituell bereinigt. Auf der Sachebene steht die moralische Unreinheit des Propheten ("Ja, ein Mann unreiner Lippen bin ich"; V. 5) mit der Gegenwart des lebendigen Gottes in einem Widerspruch, den nun Gott selbst aufhebt.

Die unreinen Lippen des Propheten korrespondieren aber auch auf der Ebene des Begriffs mit der Möglichkeit oder der Unmöglichkeit des Hörens Gottes und des Sprechens mit ihm. Tatsächlich wird aus der Vision erst eine Audition und Gott spricht erst dann unvermittelt selbst mit seinem Propheten als er dessen Lippen gereinigt hat. Dabei besteht kein moralischer Unterschied zwischen dem Propheten und seinem Volk. Bezeichnet sich der Prophet doch selbst als einen Mann mit ‚unreinen Lippen’ inmitten eines Volkes mit ‚unreinen’ Lippen. Dass er sieht und hört, beruht auf dem sühnenden Handeln Gottes allein.

Als einer, mit dem Gott einen neuen Anfang bereits gesetzt hat, reagiert der Prophet auf die Frage Gottes "Wen soll ich senden". – "Hier bin ich. Sende mich."

'Hören' Gottes – V. 8–13
Wird im visuellen Bereich Distanz gewahrt und bleibt die Vision Gottes, anders als die seiner Seraphim – die, ohne Gott zu sein, allerdings in den Bereich Gottes gehören – statisch und unbewegt, scheint der Text die Distanz zwischen dem Propheten und seinem Gott in anderer Hinsicht Schritt für Schritt zu überwinden. Am Anfang bleibt die Erscheinung Gottes stumm, nach V. 5f spricht Gott vermittels der Seraphim, am Ende spricht er schließlich den Propheten in einem ausführlicheren Dialogteil unvermittelt an.

Sehen und doch nicht sehen
Der Inhalt der Botschaft Gottes kommt für den Leser überraschend. Sie wirkt paradox. Der Prophet hat Gott gesehen und gehört und er hat dies nur dank der gnadenhaft an ihm vorgenommenen Sühnehandlung Gottes überhaupt tun können. Seine Botschaft an das Volk Israel aber soll dessen Augen und Ohren verschließen. In einer mehrfach verschachtelten Redeaufforderung, in deren Verlauf Gott die Rede des Propheten an seine Zuhörerschaft vorwegnehmend bereits zitiert, werden dessen Zuhörer unverstellt und unverhohlen dazu aufgefordert, zu hören, ohne zu verstehen und zu sehen, ohne zu erkennen. Desavouiert die Botschaft sich damit nicht selbst?

Und wozu dient eine solche Botschaft? Wie passt sie zu dem sühnenden und versöhnenden Handeln Gottes an Jesaja, der von sich sagt, dass er ein Mann unreiner Lippen inmitten eines Volkes mit unreinen Lippen ist und also selbst zwischen sich und seinem Volk keinen Unterschied macht? Anders als der Leser stellt Jesaja solche Fragen nicht.

Bis wann?
Jesaja fragt nach dem Zeitpunkt des Endes des Zustandes der Blindheit und der Taubheit seines Volkes. Es folgt die Ankündigung einer Folge sich überbietender Katastrophen – an deren Ende jedoch Hoffnung steht.

Weil die Adressaten der Rede des Propheten nicht sehen und nicht hören, ist ihnen die Leben ermöglichende Präsenz Gottes verschlossen. Umgekehrt werden sie erst dann erkennen, verstehen und zur Einsicht kommen, wenn die Gegenwart Gottes sich ihnen nicht länger verschließt. Dabei steht eben das auf dem Spiel, wofür die Erfahrung der Präsenz des Gottes Israels – auch seine Erfahrbarkeit im Tempel nach der Art eines Realsymbols – ermöglichend steht: (gutes) Leben.

Stattdessen werden Städte und Häuser verwüstet. Gott selbst vertreibt ihre Bewohner. Der Ackerboden bleibt ohne Bebauung, für die es den Menschen braucht. Der Text schildert die Zerstörung der Lebensgrundlage Israels und er steigert seine Darstellung noch einmal: Wenn nur noch ein Zehntel der Bewohnerschaft übrig ist, wird auch ihnen noch alles genommen.

Hoffnung besteht nicht trotz, sondern durch alle Zerstörung hindurch. Der Wurzelstock des gefällten Baumes, auf den die zweite Gottesrede in perspektivischer Verengung den Blick Jesajas und auf den der Text den Blick des Lesers lenkt, und der pars pro toto für die Verwüstung alles Lebendigen wie für die Zerstörung auch noch des letzten Restes an Lebensermöglichendem steht, wird zur Grundlage neuen Lebens, eines 'heiligen Samen'.

Wortbilder
Der Text 'zeichnet' nicht nur, wo er die Vision des Jesaja für den Leser bildhaft sichtbar werden lässt. Mit Worten malt er auch gerade dort, wo er Gott mit Jesaja ins Zwiegespräch treten und den Propheten auf der Textebene von Gehörtem und nicht auch von Gesehenem berichten lässt. Leitworte der Wortfelder des Hörens und des Sehens durchziehen die erste der beiden Reden Gottes. Begriffe wie 'Herz' und Formulierungen wie '(nicht) zur Einsicht kommen' rahmen einen Textteil, in dessen Verlauf die Begriffe 'Auge' und 'Ohr' auf engstem Raum zweimal in wechselnder Reihenfolge begegnen (Chiasmus). Dabei ist das Herz – anders als nach unserem Wortverständnis – nicht Ort der Emotionalität, sondern Ort des Verstehens. Die beiden äußeren Glieder der drei im Übrigen in ganz analoger Weise formulierten Sätze über die Zerstörung von Städten, Häusern und Ackerland sind über den zentralen Begriff des Verwüstung miteinander verklammert. In perspektivischer Verengung führt die zweite Rede Gottes schließlich zum Ausgangspunkt der Hoffnung zukünftigen Heils.

Die wichtigsten Leitworte und Wortwiederholungen im Text sind in der hier abgedruckten Übersetzung graphisch hervorgehoben.

Der Leser/die Leserin
Der Leser vollzieht das Erlebnis des Propheten aus dessen Blickwinkel mit. Bis zu einem gewissen Grad identifiziert er sich mit ihm. Er ist aber auch Zeuge – eher Zeuge denn Adressat – der Botschaft Gottes an den Propheten, in der dieser die Erfolglosigkeit dessen scheinbar paradoxer Predigt antizipiert. Der Leser wird sich fragen müssen, welcher Gruppe er sich selbst zuzurechnen hat. Dabei ist der Leser oder die Leserin in jedem Fall auch selbst ein Mann oder eine Frau mit unreinen Lippen. Ein alternatives Rollenmuster bietet der Text ihm nicht an. Wie Volk und Prophet ist demnach auch der Leser auf die sühnende und einen Neuanfang setzende Handlung Gottes angewiesen. Vermittels der Schilderung der Vision des Jesajas ist er aber immer auch schon einer, der sieht und hört. Der Leser kennt nicht nur die Predigt, mit der Jesaja beauftragt und die zum Scheitern verurteilt ist. Er weiß auch um dessen durch Gottes gnadenvolles Entgegenkommen überhaupt erst ermöglichte Gottesschau und um die Verheißung eines neuen Anfangs nicht trotz allen Unheils, sondern durch alles Unheil hindurch. Auch wenn er sich zu den ursprünglichen Adressaten des Textes nicht rechnen kann, wird er zum Zeugen der Verheißung eines grundsätzlichen Neuanfangs, der über ‚hören’ und ‚sehen’ hinaus die Chance, Erkenntnis zu stiften jedenfalls dann besitzt, wenn der Bericht der Gottesbegegnung und der Berufung des Propheten – über seine Predigt hinaus – selbst Teil dieses versprochenen neuen Anfangs ist.

Bibelarbeit

  • Lied: "Suchen und fragen ..." (GL 883,1)
  • Lesen des Textes
  • Impulse für eine erste individuelle Auseinandersetzung mit dem Text:
    Einige dieser Fragen können anschließend oder alternativ in einem Schreibspiel aufgegriffen werden.
    • Was verstehe ich nicht? Was berührt mich positiv, was negativ? Was ist mir fremd? Was sagt der Text? Was sagt er nicht?
  • In der Kleingruppe
    • So weit möglich, Verständnisfragen zunächst aus dem Text heraus beantworten. Welche Funktion hat der Träger des Begriffs/der Akteur, über den Unklarheit besteht, im Text?
    • Welche Akteure spielen im Text – explizit oder implizit – eine Rolle? Wie verändert sich ihr Verhältnis zueinander? 
    • Welche Begriffe durchziehen den Text leitmotivisch? Haben sie eine Geschichte und verändert sich ihre Bedeutung?
    • Was ergibt sich daraus für das Bild, das der Text von Gott und Mensch entwirft?

Material:
Geflügelte Uräen: http://www.achemenet.com/ressources/souspresse/annonces/Rollinger-Abbildung.pdf

  • Impulse für ein Gespräch im Plenum:
    Unbeschadet solcher Verständnisschwierigkeiten, die sich aus der kulturellen und zeitlichen Distanz ergeben, laden (Sprach-)Bilder gerade in ihrer ‚Missverständlichkeit’ dazu ein, mit ihnen umzugehen und ihre Leerstellen zu füllen. Ein gutes Sprachbild erklärt und verdeutlicht nicht alles und bleibt gerade dadurch anschlussfähig.
    • Wo finden sich Leerstellen in der Darstellung von Jes 6? Wo wird etwas nicht gesagt, nicht bis ins Detail ausgemalt? Wo wird gerade dadurch, dass etwas ungesagt bleibt, eine Aussage gemacht? Inwieweit sind Leerstellen geeignet, eigenen Erfahrungen, Vermutungen, Bildern Raum zu geben? Inwieweit setzen sie solchen Erfahrungen, Vermutungen und Bildern aber auch Grenzen?
  • Lesen des Textes (Was hat sich an der Wahrnehmung des Textes verändert?)
  • Impuls: Auffallenderweise finden sich, anders als etwa zu Ex 3 (Mose vor dem brennenden Dornbusch) kaum künstlerische Darstellungen zur Vision des Jesaja.
    Vergleichen Sie beide Bibeltexte miteinander. Wie gehen beide Texte mit der (Nicht-)Darstellbarkeit Gottes um?
  • Lied: "Herr unser Herr, wie bist Du zugegen ..." (GL 298)

Literatur:
- Beuken, Willem .A.M., Jesaja 1 – 12 (HThKAT), Freiburg i.Br. u.a. 2003.

Johanna Erzberger, Kassel
Katholisches Bibelwerk im Bistum Münster
www.bibelwerk.de

in Kooperation mit
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(www.kirchensite.de)

Die Bibelarbeit zum Download...

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