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20.12.2014
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Aus dem kirchensite.de-Archiv

Das Hungertuch von 1619 in der Stiftskirche in Vreden

Zu Ehren des Leidens Christi angefertigt

Vreden. Hungertücher haben vor allem im Münsterland eine Tradition, die in das Mittelalter zurückreicht. Die bekanntesten Hungertücher des 17. Jahrhunderts befinden sich im Heimathaus Münsterland in Telgte, in Vreden und Freckenhorst. In den vergangenen Jahrzehnten sind in einigen Gemeinden neue Hungertücher entstanden. In einer Serie stellt Kirche+Leben einige von ihnen vor.

Zu den kostbarsten historischen Hungertüchern zählt das Vredener Hungertuch von 1619, das sich in der Stiftskirche befindet und dort ganzjährig ausgestellt ist.

Über viele Jahrhunderte war es Brauch, zu Beginn der vierzigtägigen Fastenzeit ein "velum quadragesimale", wie ein Hungertuch in der lateinischen Kirchensprache genannt wird, im Triumphbogen zwischen Schiff und Chor aufzuhängen, um den Hochaltar den Blicken der Gläubigen zu entziehen und so an die Pflicht der Buße und des Fastens zu mahnen.

Ein "velum" ist ein Tuch der Verhüllung, die "quadragesima" ist die vierzigtägige Fastenzeit. Für das "Fasten mit den Augen" wurden immer drei Gründe genannt:

  • die Unwürdigkeit der Gläubigen, während der Zeit der Buße das Heiligtum des Altars zu schauen;
  • der Hinweis, dass die Gottheit Christi sich während seines Leidens "verhüllte";
  • der Vergleich mit dem Vorhang im Tempel, der beim Opfertod Christi zerriss.

Als sich in der gotischen Zeit das "Sehenwollen" des Geheimnisses durchsetzte, wurden die Hungertücher hoch im Chorbogen der Kirchen aufgehängt, so dass der Blick zum Altar freiblieb. Die bis dahin schlichten Leinentücher wurden nun Sinnbilder der Fastenzeit. Man schmückte sie mit Bildern und Symbolen des Leidens Christi, um die Gläubigen eindringlich an die Passion heranzuführen und sie zur Buße aufzurufen.

Unter den Motiven, auf die sich der Christ in der Fastenzeit konzentrieren sollte, stehen das Leiden Christi und die Kreuzigung im Vordergrund.

Das Vredener Hungertuch entstand im Stift Vreden und ist ein Geschenk der Äbtissin Agnes von Limburg-Stirum (1563 bis 1645). Im Hungertuch eingearbeitet ist eine lateinische Inschrift, deren Übersetzung lautet: "Agnes, von Gottes Gnaden Äbtissin zu Elten, Vreden, Freckenhorst und Borghorst, Gräfin von Limburg und Bronck-horst, hat dieses Ornament zu Ehren des Leidens Christi angefertigt und der Kirche der heiligen Felicitas gestiftet im Jahr des Herrn 1619."

Das Tuch zeigt elf figürliche Passionsbilder in so genannter Filetarbeit, die durch feine Leinenstreifen voneinander getrennt sind. Das Bild der Kreuzigung im Hochformat bildet die betonte Mitte des gesamten Kunstwerks.

In den Schnittpunkten der Längsstreifen und am Rand finden sich oben zunächst die Evangelisten-Symbole, darunter in vier Querreihen die 16 Adelswappen der Vorfahren der Äbtissin. Für die Abtei in Freckenhorst stiftete die Äbtissin Agnes von Limburg-Stirum 1628 ebenfalls ein Hungertuch. "Beide Hungertücher gehören zu den größten Kostbarkeiten textiler Handwerkskunst in Westfalen", sagt der Vredener Heimathistoriker Hermann Terhalle.

Vitrine schützt vor Alterung

Bis in die 1960er Jahre wurde das Vredener Hungertuch jeweils in der Fastenzeit vor dem Altar der Kirche aufgehängt. Dabei wurde es stark strapaziert und musste mehrfach restauriert werden. Nach der jüngsten Wiederherstellung ist das Kunstwerk in einer Vitrine untergebracht.

Für die Vredener St.-Georg-Kirche stickten Frauen der Stickgruppe von 1992 bis 1994 ein neues Hungertuch nach einem Entwurf der bekannten Textilkünstlerin Lotte Bach (1908 bis 1995) aus Nottuln-Schapdetten. Es wurde ein Kunstwerk geschaffen, das an die westfälische Tradition der Hungertücher anknüpft und Bezüge zu Leiden heutiger Zeit herstellt. 

Text und Fotos: Johannes Bernard in "Kirche+Leben", 03.03.2006

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