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24.05.2017
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Aus dem kirchensite.de-Archiv

Bibelarbeit im Februar 2006

Im Anfang war das Wort

Der Johannesprolog (Joh 1,1-18)

1. Schöpfung und Erlösung
Die alttestamentliche Schöpfungserzählung Gen 1,1 – 2,4a sagt: In Gottes Augen ist es "gut", dass es die Welt und die Menschen gibt. Aber die Paradieserzählung (Gen 2-.3) verschweigt nicht, dass der Mensch nicht gut findet, was Gott bereitet hat. Adam will sein eigener Herr und Gott sein. Das Ergebnis ist ein einziges Unglück: Wer vom Baum der Erkenntnis isst, erkennt die eigene Nacktheit, Sterblichkeit, Schwäche. Das zeigt sich in der Vertreibung aus dem Paradies: Wer Gott nicht als Schöpfer anerkennt, leugnet, Mensch zu sein, und findet sich jenseits von Eden wieder, in einer Welt von Schweiß und Tränen, Unterdrückung und Gewalt, Mord und Totschlag. Das liegt nicht an Gott, weil er die Welt besser doch nicht (oder viel besser) hätte erschaffen sollen; die Menschen sind an ihrem Elend selber schuld. Aber es ist doch nicht nur ein Jammertal, in dem die Menschen leben. Es gibt doch auch Glück auf Erden. Die Bibel leugnet es nicht: Kinder werden geboren, Liebe entsteht, Hilfe wird geleistet, Freiheit wird geschenkt oder erkämpft. Nur bleibt dies, solange die Zeit währt, untrennbar verbunden mit allem Elend dieser Welt. Kein Glück währt ewig; deshalb wird die Freude nicht vergällt, aber es werden auch Tränen fließen. Jeder Mensch hat gute Vorsätze, aber keiner kann sich freisprechen, Gutes unterlassen und Böses getan zu haben. Realismus ist angesagt – jenseits depressiver Anwandlungen und euphorischer Höhenflüge, die nur in Enttäuschungen enden. Aber die Realitäten sind hart. Die Widersprüche des Lebens – sie lassen sich von Menschen kaumeinmal überwinden.

Gibt es aus dem Dilemma einen Ausweg? Gibt es Jenseits menschlicher Mittelmäßigkeit, das mehr ist als nur ein Ideal? Gibt einen Ausweg aus dem Elend, der mehr ist als der Notausstieg? Gibt es einen Jubel, der mehr ist als das Echo des eigenen Narzissmus?

Israel erschließt sich durch die Stimme der Propheten die Einsicht, dass es in dieser Welt nie das vollendete Reich des Friedens, der Liebe, der Gerechtigkeit geben wird, dass aber Gottes Möglichkeiten nicht zu Ende sind, wenn der Mensch am Ende  ist. Die Kirche setzt ihre ganze Hoffnung auf Jesus, den Sohn Gottes: dass er der Heiland ist, der Retter der Welt – und zwar dadurch, dass er sich ganz und gar, rückhaltlos, auf das Leben der Menschen eingelassen hat, dass er selbst den Tod nicht gescheut hat, um ihnen die Erlösung nicht nur zuzusagen, sondern zuzueignen. Niemandem wird sie aufgezwungen; sie ist eine Glaubenssache. Aber die Verheißung der Rettung geht nicht auf Kosten des Glückes in dieser Welt. Die Schöpfung wird in der Erlösung nicht vernichtet, sondern verwandelt. Der tiefe Grund für die Zusammengehörigkeit von Schöpfung und Erlösung ist die Einheit und Einzigkeit Gottes, seine Identität mit sich selbst, die Treue zu seinen Verheißungen.

An keiner Stelle werden diese Zusammenhänge deutlicher als im Prolog zum Johannesevangelium. Er wird als Evangelium am Weihnachtstag gelesen. Er eröffnet einen Zukunft zum tiefsten Geheimnis des Glaubens.

2. Der Text Joh 1,1-18

1Im Anfang war der Logos,
und der Logos war bei Gott,
und Gott war der Logos,
2dieser war im Anfang bei Gott.

3Alles ist durch ihn geworden
und ohne ihn ist nichts geworden, was geworden ist.
 
4In ihm war das Leben,
und das Leben war das Licht der Menschen.
5Und das Licht scheint in der Finsternis,
und die Finsternis hat’s nicht erfasst.

6Ein Mensch trat auf, von Gott gesandt, sein Name war Johannes.7Er kam zum Zeugnis, um für das Licht Zeugnis abzulegen, damit alle durch ihn glauben sollten. 8Er war nicht selbst das Licht, sondern um für das Licht Zeugnis abzulegen.

9Er war das wahre Licht,
das jedem Menschen scheint, der in die Welt gekommen ist.

10In der Welt war er,
und die Welt ist durch ihn geworden,
und die Welt erkannte ihn nicht.
11In sein Eigentum kam er
und die Seinen nahmen ihn nicht auf.

12Die ihn aber aufnahmen,
ihnen gab er Vollmacht, Kinder Gottes zu werden,
die an seinen Namen glauben,
13die nicht aus Blut,
weder aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen des Mannes,
sondern aus Gott geboren sind.

14Und das Wort ist Fleisch geworden
und hat unter uns gewohnt,
und wir haben seine Herrlichkeit geschaut,
die Herrlichkeit des Eingeborenen vom Vater,
voll Gnade und Wahrheit.

15Johannes legt über ihn Zeugnis ab und hat gerufen: Dieser war, von dem ich gesagt habe: Der nach mir kommt, ist mir voraus, denn er war eher als ich.

16Denn aus seiner Fülle haben wir alle empfangen,
nur Gnade über Gnade.
17Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben,
die Gnade und die Wahrheit sind durch Jesus Christus geworden.

18Keiner hat Gott je gesehen.
Der Eingeborene, Gott,
der im Schoß des Vaters ruht,
er hat Kunde gebracht.

Bibelarbeit
Johannes der Evangelist

3. Die Theologie des Prologes

Einmaliges Lesen reicht nicht, den Text zu verstehen. Er arbeitet mit Vor- und Rückverweisen. Er ist einerseits die Einführung in das Johannesevangelium, das "geistliche Evangelium" (Clemens Alexandrinus), andererseits ist es ein Zeugnis frühchristlicher Theologie, das auch unabhängig vom Johannesevangelium gelesen werden kann. Johannes, der Evangelist, wird es nicht selbst komponiert, sondern zu großen teil im Schatz der Tradition vorgefunden und für seinen neuen Ort im Evangelium etwas bearbeitet haben (Besonders die oben eingerückten Verse, die Johannes den Täufer zum Gegenstand haben, sicher redaktionellen Ursprungs. Sie sind nicht poetisch, sondern prosaisch gestaltet.) In der Bibelwissenschaft sind freilich alle Fragen zur Entstehung und zur Struktur des Liedes sehr umstritten. Der Streit kann in dieser Bibelarbeit nicht ausgetragen werden. Es wird im folgenden eine Lektüre vorgeschlagen, die nicht mit dem Anspruch auftritt, alle anderen müssten ausgeschlossen werden, aber doch einen begründeten Neuansatz vorstellt.

a) Die Schöpfung
Die erste Strophe des Liedes bilden die Verse 1-5. Sie sind eine christologische Rekapitulation der Genesis. Zwei Vierzeiler rahmen einen zentralen Zweizeiler Die erste Teilstrophe (1,1f) erhellt die theologischen Voraussetzungen der Schöpfung: Gott ist der eine und einzige, der Vater; er ist es von Ewigkeit her. Vor aller Zeit, immer schon hat der Logos (wie es auf Griechisch heißt: das Wort) Anteil am Gottsein des Vaters. Die zweite Teilstrophe (1,3) klärt im Horizont der johanneischen Christologie, dass die Welt Gottes gute Schöpfung ist. Die dritte Teilstrophe (1,4) bringt den Menschen und mit ihm die Dramatik von Licht und Finsternis ins Spiel: Es gibt die Finsternis. Aber das Licht ist stärker.

Die theologische Leistung dieser Strophe besteht darin, dass in der Perspektive Gottes die untrennbare Zusammengehörigkeit von Schöpfung und Erlösung festgehalten wird. Da Gott die Welt durch sein Wort, den Logos, geschaffen hat und "in" ihm alles Leben ist, ist bereits die Erschaffung der Welt die Verheißung der Vollendung. Die Vollendung besteht in der Anteilgabe aller Geschöpfe an der Liebe zwischen Gott, dem Vater, und dem göttlichen Logos. (Die Forschung beurteilt z.T. die retardierenden Elemente in 1,1f als redaktionell, also als nachträgliche Akzentuierungen; sie können aber ebenso gut ursprüngliche, vorjohanneische Meditationen sein, die den Lesefluss verlangsamen.) Der Logos ist der Mittler der Schöpfung. Die Welt ist nicht die Fortsetzung des Chaos. Sie hat eine Ordnung, die den Menschen nicht restlos verborgen bleibt, sondern sichtbar wird, wenn sie die Welt als Schöpfung betrachten. Tun sie es, dann zeigt sich, dass in der Welt letztlich nicht der Zufall herrscht, sondern Gottes Weisheit. Das hat sich Israel in der Genesis und in den Weisheitsschriften aus immer neuen Perspektiven angesichts der Irritationen alltäglicher Erfahrungen klargemacht und in den Psalmen als Grund des Gotteslobes ausgerochen (Ps 8; 104).

"Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde", steht in Gen 1,1. Im Deutschen kann man besser als im Griechischen und Hebräischen unterscheiden: "Im Anfang war das Wort" (Joh 1,1). Zwischen "am" und "im" liegt ein qualitativer Sprung. Himmel und Erde sind Teil der Schöpfung. Der Logos, das Wort, gehört nicht auf die Seite der Schöpfung, sondern des Schöpfers. Der Anfang von dem Joh 1,1 spricht, liegt vor dem Anfang, von dem Gen 1,1 handelt. Bevor Gott die Welt erschaffen hat: immer schon ist er der Vater Jesu Christi. Als Vater ist er der Schöpfer – so wie der der Sohn der Mittler der Schöpfung ist. Dazu gibt es recht früh viele Parallelen im Neuen Testament (z.B. 1Kor 8,6; Kol 1,15-.20). Keine ist so breit ausgezogen wie der Johannesprolog. "Gott sprach" und es "wurde" – so erzählt die Genesis. Daraus folgert Joh 1: Die Welt ist durch Gottes "Wort" entstanden, und Gottes Wort ist nicht nur eine Äußerung Gottes, sondern entspricht seinem Innersten.

b) Die Offenbarung
Die zweite Strophe des Liedes (1,6-13) bezieht sich auf die Offenbarung Gottes in der Welt und in der Geschichte Israels. Die Offenbarung geschieht durch den Lógos ásarkos (den noch nicht Fleisch (sarx) gewordenen). Unumstritten ist, dass der Evangelist die Prosa von 1,6ff eingetragen hat. Er führt bereits jetzt den Täufer ein, weil dieser in der Geschichte Israels der Zeuge des Logos vor dem Kommen Jesu Christi ist, der die Summe der gesamten Offenbarung Gottes vor der Fleischwerdung Jesu Christi zieht. (Meistens wird auch 1,12f als redaktionell erachtet.) Betrachtet man die Verse 6-8 zeigt sich Wort-Gottes Lied, das Johannes bearbeitet, wiederum eine Dreierstruktur in der zweiten Strophe. Die erste Teilstrophe (1,9) verbindet die Schöpfung mit der Offenbarung, die ihrerseits nicht nur über das wahre Leben informiert, sondern dieses Leben vermittelt. Sie nennt das Thema. Das Wort Gottes ist das Licht Gottes, das jedem Menschen aufleuchtet. Die zweite Teilstrophe (1,10f) thematisiert die Ablehnung der Offenbarung Gottes durch die (Mehrheit der) Mitglieder des Gottesvolkes Israel. Obwohl sie zu Gott gehören, lehnen sie das Wort Gottes ab. Das ist ein Topos alttestamentlicher Weisheitstheologie. Die dritte Teilstrophe (1,12f) thematisiert die positive Alternative und die ihr innewohnende Verheißung: Wer dem Logos asarkos – dem Licht der Vernunft, dem Wort der Tora – zustimmt, wird sich als jemand erweisen, der Kind Gottes ist. Viele Johannesforscher beziehen demgegenüber – vor allem wegen 1,12f (sowie 1,6ff) – diesen Abschnitt des Prologes bereits auf den Logos énsarkos, also den Fleischgewordenen, und sehen in 1,5-13 dann eine Kurzfassung des Evangeliums. Das hat dann erhebliche Konsequenzen: Der Radius der Offenbarungstheologie verengt sich sogleich auf Jesus Christus. Die Geschichte Israels, das Leuchten des Gotteslichtes in der ganzen Welt werden ausgeblendet. In der Alten Kirche aber hat man davon nichts wissen wollen, sondern weiter gedacht, als der neueren Exegese es oft richtig scheint. Deutet man so, dann erklärt sich Joh 1,16ff als Vorwegnahme: Ganz an den Anfang Des heilsgeschichtlichen Rückblicks stellt der Evangelist, der den Prolog mit dem Evangelium verklammert, die Gestalt des Täufers, der die Summe aus der Offenbarungsgeschichte vor Christus zieht: Er legt Zeugnis ab "für das Licht", d.h. für den Gott des Lebens, den Schöpfer und Erlöser. Er tut es, indem er für Jesus Zeugnis ablegt: "Er war eher als ich" (V. 16); denn Johannes ist selbst offenbart worden, dass der, den er zunächst nicht erkannte, der Sohn Gottes ist (Joh 1,29-34).

c) Die Erlösung
Die dritte Strophe handelt von der Inkarnation des Logos und der Wirkung dieses Offenbarungsgeschehens bei den Glaubenden. Die Strophe besteht aus drei Vierzeilern. Sie bringt – erstmalig – das "Wir" derer zur Sprache, die das Lied singen. Diejenigen, die durch Jesus Christus und die Verkündigung des Evangeliums zum Glauben gelangt sind, wissen sich als Teil des Heilsplanes Gottes. Auf sie läuft die Geschichte zu. Sie sind privilegiert, Gottes Gnade und Wahrheit jetzt schon zu genießen. Sie stehen in Verbindung mit den Kindern Gottes, von denen bereits in 1,12f die Rede war. Sie haben den Standpunkt, von dem aus sie das Ganze des Heilsplanes Gottes überblicken können – jedenfalls in seiner Grundstruktur.

Die erste Teilstrophe (1,14f) beschreibt das Geschehen der Inkarnation und die Gegenwart des Präexistenten als Basis für den Glauben, der in Jesus Gottes Herrlichkeit. "Das Wort ist Fleisch geworden" – härter kann ein Gegensatz kaum gedacht, positiver kann von der Schöpfung kaum geredet werden. "Fleisch" steht für die volle geschichtliche Realität alles geschaffenen, besonders der Menschen: Sinnlichkeit und Endlichkeit, Schönheit und Hässlichkeit, Geburt und Tod. Gottes Wort ist voll und ganz in diese Geschöpflichkeit eingegangen – bis zum Tod, wird sich herausstellen. Das "Fleisch" ist nicht die äußere Hülle des Gottessohnes, sie ist Teil seiner Identität. Fleisch zu sein, verbindet den Sohn Gottes mit allen Adamskindern. Die Menschwerdung ist ein definitives Ereignis. Ein für allemal ist der Gottessohn Mensch geworden, ohne dass er dadurch seine Gottessohnschaft aufgegeben hätte; ein für allemal ist Gottes Gottheit durch die Menschwerdung seines Sohnes bestimmt. Ganz neu kann dadurch von der Schöpfung und der Erlösung geredet werden: nicht dadurch, dass die Genesis vergessen oder überholt, sondern dadurch, dass sie vertieft wird.

Die zweite Teilstrophe (1,16f) macht die Größe dieser Gnade am Vergleich mit Mose und dem Gesetz sichtbar und bindet die Offenbarung, die Jesus bringt, so an die Offenbarung in der Geschichte Israels zurück. Häufig hat die Exegese einen Gegensatz zwischen Mose und Christus aufgebaut. Darin hat sie aber – missverstandene – Paulustheologie auf Johannes projiziert. Im ganzen Johannesevangelium redet Jesus in den höchsten Tönen von Moses. Er ist der wichtigste Zeuge für Jesus, weil er Gottes Herrlichkeit auf dem Gipfel des Sinai geschaut hat. Die Gnade, die durch Jesus Christus "geworden" ist, ist die Vergebung der Sünden, die Zusage der unbedingten Liebe Gottes, die Verwandlung des Todes ins ewige Leben. Diese Gnade ist Wahrheit – und die Wahrheit ist Gnade. Denn die Wahrheit meint nicht nur die Richtigkeit der Worte Jesu, sondern das Wesen Gottes, der treu ist, indem er Gerechtigkeit und Liebe erweist.

Unumstritten ist die redaktionelle Herkunft von 1,15 (in Parallele zu 1,6-8). Der Vers verweist auf 1,30 voraus und verklammert den Prolog mit dem ersten Teil der johanneischen Jesusgeschichte.

Meist wird gesagt, dass der Evangelist Vers 18 als Brücke zum Evangelium gestaltet hat. Tatsächlich erfüllt der Vers diese Funktion. Er setzt einen Doppelpunkt, hinter dem das ganze Evangelium Platz hat. Vers 18 lässt sich aber auch der vorjohanneischen Tradition  zuordnen. Die Gnade und Wahrheit, die durch Jesus Wirklichkeit werden, sind an die Verkündigung des Wortes Gottes durch den Sohn Gottes gebunden. Er ist Gottes "eingeborener" Sohn: der eine und einzige Sohn des einen und einzigen Vaters, der geliebte Sohn, der selbst göttlich ist und nur deshalb Gottes Gnade und Wahrheit in Person ist.

d) Das Heilsdrama
Der Johannesprolog erzählt die Welt-Geschichte. Sie geht von Gott aus, sie führt zu Gott hin, aber sie ist durch die Spannung zwischen Gott und der Welt gekennzeichnet. Die Geschöpfe sind nicht Gott. Deshalb sind sie nicht reines Licht. Sie sind aber auch nicht nur düsterste Finsternis. Es gibt Licht und Schatten.

Die Erschaffung der Welt ist durch und durch gut. Sie ist hellstes Licht. Das Licht, das im Kosmos und durch die Sonne auf der Erde strahlt, ist der schwache Abglanz jenes Lichtes, in dem Gott die Welt erschafft und Leben entstehen lässt. Aber es gibt nicht nur Gottes Licht, das – wie gebrochen auch immer – in der lebendigen Schöpfung erstrahlt; es gibt auch Finsternis. Den Menschen wird sie bewusst; durch Menschen wird sie gesteigert.

Wie reagiert Gott darauf? Die zweite Strophe gibt die Antwort. Gott knipst nicht das Licht aus, er lässt es desto heller strahlen. Seine Reaktion darauf, dass es in der Welt Licht und Finsternis gibt, besteht darin, dass er durch Menschen sein Wort sagt. Der größte unter ihnen ist der Vorläufer Jesu, Johannes der Täufer. Jedem Menschen, der in die Welt gekommen ist, leuchtet das Licht Gottes, das Licht des Logos, des Wortes, der Vernunft, der Klarheit. Aber so deutlich auch das Wort Gottes in der Welt ertönt – die Welt will es nicht hören. So wie Adam nicht auf Gott hören wollte und sich verführen ließ, das Gebot zu übertreten. Nicht anders in Israel: "In sein Eigentum kann er, und die Seinen nahmen ihn nicht auf". Das spiegelt nicht nur die Verwerfung Jesu voraus, es spiegelt auch die Taubheit Israels gegenüber der Botschaft der Propheten wider, das Murren in der Wüste, den Tanz ums Goldene Kalb, den Götzenkult der Könige, die Heuchelei der Priester. Allerdings ist der Prolog auch an dieser Stelle nicht einseitig. So sehr es die Ablehnung des Wortes Gottes in Israel gibt, so sehr auch Zustimmung. Davon sprechen die Verse 12 und 13. Die gläubigen Israeliten sind Kinder Gottes, sie leben als Kinder Gottes – auch wenn erst durch Christus ihre ganze Realität geoffenbart werden wird.

Wiederum stellt sich unausgesprochen die Frage: Wie reagiert Gott? Wie antwortet er auf die Verweigerung des Glaubens Wie antwortet er auf das Vertrauen, das ihm geschenkt wird? Die Antwort gibt die dritte Strophe. Diese Antwort ist unüberbietbar: Gottes Wort wird Fleisch. Ohne dass der Name fällt, ist klar: in Jesus von Nazareth. Erst durch ihn wird die Gotteskindschaft in vollen Dimensionen fassbar: nicht "nur", dass die Menschen geliebt werden von Gott, sondern so, dass an Gottes Liebe Anteil bekommen, in sie hineingelangen.

Der Prolog erzählt nach, wie Gott sich in der Welt-Geschichte zeigt, wie er sich offenbart: durch die Erschaffung der Welt, durch die Verkündigung des Mose und der Propheten in Israel, zuletzt, und alles aufnehmend, überbietend, durch Jesus Christus. Gott folgt seinem Plan. Er bleibt sich selbst treu. Aber dazu gehört., dass er auf die Menschen eingeht, mit ihnen kommuniziert. Er stößt, die ihn verwerfen, nicht in den Sub, sondern intensiviert seine Zuwendung bis zum Äußersten; er speist diejenigen, die sich ihm öffnen, nicht mit Vorläufigem ab, sondern öffnet ihnen den unendlichen Horizont seiner Liebe.

So ist Gott, sagt der Johannesprolog. Dass er so ist, hat Jesus gesagt. Jesus aber konnte nur deshalb so sein, wie er war, weil Gott so ist, wie er sagt.

4. Impulse für eine Bibelarbeit

Ankommen/Sich Einstimmen

Gebet: "Du bist heilig, Herr unser Gott" von Franziskus (GL 3,4)
und/oder Lied: "Wir glauben Gott im höchsten Thron" (GL 276)

Lesen

Jemand liest den Johannesprolog langsam vor.
Alle schweigen eine Zeit und suchen nach dem Wort, das in ihnen nachklingt.
Wer mag, liest den anderen dieses Wort vor.

Sprechen

über den Text:
Welche Aussage über Gott werden in Joh 1,1-18 gemacht? Welche sind mir besonders wichtig? Welche verstehe ich nicht? Welche fehlen?
Wie wird die Welt, wie werden die Menschen, wie die Christen gesehen?
Welche Aussagen entsprechen, welche widersprechen unseren Erfahrungen?
Welche Frohe Botschaft ist im Johannesprolog enthalten?

über das Wort in den vielen Worten
Wem vertraue ich aufs Wort? Weshalb?
Wer hat mir sein Wort gegeben und es gebrochen? Wie habe ich davor, danach mit ihm gesprochen?
Wie gehe ich selbst mit meinen Worten um?
Wo glaube ich, Gottes Wort gehört zu haben? Wie gehe ich in meinem eigenen Hören und Reden damit um?

Ausklang

Gebet: Ps 119 A (GL 750)
und/oder Lied: "Herr, unser Herr, wie bist du zugegen" (GL 298)

Eine Geschichte zum Weiterlesen und Weiterdenken
Eine "Geschichte" formt sich in meinem Kopf. Die Geschichte heißt: Das Wort Gottes kommt in die Stadt. Ich sehe Gestalten, Szenen schweben mir vor.
Plötzlich war das Gerücht da, lief durch die Stadt, wollte nicht mehr verstummen. Die Kirchenblätter warnten: Niemand lasse sich täuschen! Das Wort Gottes kann gar nicht "kommen", es ist gekommen, vorzeiten ist es gekommen. Wir besitzen es in den heiligen Büchern, und wir haben "Experten", die es für die "Laien" auslegen, zurechtlegen, mundgerecht machen.

Aber das Wort Gottes kam doch in die Stadt.(...)

Es war Sonntag. Das Wort Gottes kam in die Kirche der Stadt. Die Geistlichkeit bereitete ihm einen feierlichen Empfang. Ein Thron war bereitgestellt, und das Wort Gottes nahm Platz. Man brannte ihm Weihrauch. Und dann hob der Prediger an, das Wort Gottes zu preisen, und sagte, das Wort Gottes rede in einer alten Sprache und habe sich die Zunge der Prediger geliehen, um sich allen verständlich zu machen. Und so sprach er darüber, aber das Wort Gottes selbst kam nicht zu Worte. Die Leute merkten es. Sie fanden die Rede des Predigers schal und fingen an, nach dem Wort zu rufen. Das Wort, schrieen sie, das Wort!

Aber das Wort Gottes war nicht mehr in der Kirche. Es war weitergegangen. Auf dem Thron lag ein altes Buch. (...)

Und dann kam das Wort Gottes zu einem namhaften Bibelgelehrten, dessen Buch vom Wesen und Wirken des Wortes Gottes demnächst erscheinen sollte. "Sie kommen mir höchst gelegen", sagte der Professor, "von meinem Buch haben sie wohl gehört? Ich läse ihnen gern einiges vor." Das Wort Gottes nickte: "Lesen, sie, Herr Professor, ich bin ganz Ohr." Er las, es schwieg. Als er zu Ende gelesen, das Manuskript weggelegt hatte, sah er auf, und da sah er den Blick ... Er wagte nicht zu fragen. Endlich sprach das Wort Gottes: "Meisterhaft, Herr Professor, mein Kompliment! Aber - ob sie es wohl verstehen? Wissen Sie, als Objekt betrachtet, besprochen, beschrieben, wird mir seltsam zumute, grad, als ob ich meine eigene Leiche sähe. ... Einmal schreiben Sie, und das finde ich sehr treffend, ich wollte primär nicht Wahrheiten offenbaren (für wahr zu haltende Wahrheiten, sagten Sie), ich wolle vielmehr den Menschen selbst. Das wär's, Herr Professor, das!" Und da war wieder dieser Blick. Das Wort Gottes erhob sich und schritt zur Tür. "Was wollen Sie von mir?", schrie der Professor ihm nach. "Sie will ich", sagte das Wort Gottes, "Sie!" Die Tür schloß sich leise.

Fridolin Stier, Vielleicht ist irgendwo Tag (Herder Spektrum 4234), Freiburg - Basel - Wien 1993 (1981), 26f

5. Literaturhinweise

als exegetische Auslegung des Johannesevangeliums
Ulrich Wilckens, Das Evangelium nach Johannes (NTD 4), Göttingen 1998
als Sammlung von Aufsätzen zum Thema "Wort Gottes" von Papst Benedikt:
Joseph Ratzinger – Benedikt XVI., Wort Gottes. Schrift – Tradition – Amt, Freiburg - Basel - Wien 2005
für eine (evangelische) Theologie des Wortes Gottes heute
Ulrich H.J. Körtner, Wort Gottes, Kerygma, Religion, Neukirchen-Vluyn 2003
vom Verfasser:
Thomas Söding, Gottes Sohn aus  Nazareth. Das Menschsein Jesu im Neuen Testament, Freiburg - Basel - Wien 2006

Thomas Söding, Februar 2006
Katholisches Bibelwerk im Bistum Münster
www.bibelwerk.de

in Kooperation mit
kirchensite – online mit dem Bistum Münster
(www.kirchensite.de)

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