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27.03.2017
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Aus dem kirchensite.de-Archiv
Der Prophet Jesaja.

Bibelarbeit im Dezember 2005

"Tröstet mein Volk"

(Jes 40,1-11)
Gott ist stark im Kommen

1. Hinführung

Am Anfang des Kirchenjahres steht der Ausblick auf das Ende der Welt. Es ist ein Ausblick nicht voller Angst und Schrecken, sondern voller Hoffnung und Freude. Denn jenseits des Endes wartet weder das Nichts noch das blanke Entsetzen, sondern das ewige Leben, das Gott denen bereitet, die ihn lieben (1Kor 2,9). Der Grund dieser Hoffnung über alle Hoffnung hinaus ist das Leben der Menschen, die hoffen, solange sie atmen (lateinisch: Dum spiro spero – Solange ich atme, hoffe ich"). Gewiss kann eine Hoffnung trügen; sie kann eine Illusion sein, ein Wunschtraum, der wie eine Seifenblase zerplatzt. Und noch ist niemand zurückgekommen. Aber die Hoffnung auf ein gutes Ende ist anders, sie ist tiefer als alle anderen Hoffnungen auf Glück, Gesundheit, Anerkennung, Erfolg, Sicherheit. Sie ist eine Hoffnung auf den lebendigen Gott. Es ist derselbe Gott, der den Menschen das Leben geschenkt hat. Deshalb ist die Tatsache, dass Menschen leben (und hoffen) eine Verheißung, dass es das ewige Leben gibt (und dass die große Hoffnung, die in den vielen Erwartungen aufbricht, nicht enttäuscht wird).

Der Zusammenhang zwischen Schöpfung und Erlösung ist im Bekenntnis des einen Gottes begründet. Wenn es in diesem Leben Grund zur Freude gibt – wie groß muss dann die Freude der Vollendung sein? Weil es in diesem Leben Not und Unglück gibt – um wie viel größer muss dann das Glück der Vollendung sein, das alles menschliche Elend hinter sich lässt? Menschen, die an Gott glauben, können die Geschichten der kleinen Hoffnungen erzählen, um der großen Hoffnung Nahrung geben. Denn in jedem kleinen Gelingen, in jeder gemeisterten Krise leuchtet auf, dass ganz am Ende – wenn nämlich alles Menschenmögliche getan ist und nichts mehr weiterhilft – alles gut wird. Wer solche Hoffnung hat, braucht das Unheil nicht zu verdrängen, sondern kann ihm ins Auge sehen. Nicht die skeptische Einschätzung, dass alles noch viel schlimmer hätte kommen können, verleiht die Kraft, das Leid zu ertragen, sondern der Glaube, dass die erfahrene Liebe nicht vergeblich ist, weil Gott die Liebenden schützt.

Vor Unglück wird niemand bewahrt; auch ein Glaubensmensch nicht. Dauerndes Glück vom Glauben zu erwarten, wäre wirklich eine Illusion. Aber wer hofft, verzweifelt nicht. Die Hoffnung kann im Unglück trösten; sie ist der einzig wahre Trost. Einen Menschen zu vertrösten, hieße, ihm sein Unglück auszureden oder falsche Versprechungen zu machen, Einen Menschen zu trösten, heißt, sein Unglück ernstzunehmen, an ihm Anteil zu nehmen und zu zeigen, dass im Unglück nicht die ganze Welt zusammenbricht, weil es den Einen gibt, der sie in seinen Händen hält.

2. Der Bibeltext (Jes 40,1-11)

1 "Tröstet, tröstet mein Volk", spricht euer Gott:
2 "Redet Jerusalem zu Herzen
und verkündet ihr:
Zu Ende ist ihr Elend,
ihre Schuld bezahlt,
empfangen hat sie aus der Hand des Herrn das Doppelte für all ihre Sünden."

3 Eine Stimme ruft:
"In der Wüste bereitet den Weg des Herrn!
durch die Steppe baut  eine Bahn unserem Gott!
4 Jedes Tal wird sich erhöhen,
jeder Berg und Hügel sich erniedrigen.
Was krumm ist, wird gerade werden,
und was zerklüftet ist,  eben.
5 Dann wird die Herrlichkeit des Herrn erscheinen,
alles Fleisch wird sehen Gottes Heil,
ja, der Mund des Herrn hat gesprochen."

6 Eine Stimme sagte:
"Rufe!"

Ich fragte:
"Was soll ich verkünden?"

"Alles Fleisch ist wie Gras,
und all seine Schönheit wie die Blume des Feldes.
7 Das Gras verdorrt,
die Blume verwelkt,
der Geist des Herrn weht über sie hin."

"Wahrlich, Gras ist das Volk.
8 Das Gras verdorrt,
die Blume verwelkt,
das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit."

9 "Auf einen hohen Berg steige, verkündige, Zion!
erhebe mit Macht deine Stimme, verkündige, Jerusalem!
Erhebe die Stimme,
fürchte dich nicht!
Sage den Städten in Juda:
‚Seht, euer Gott.
10 Seht, Gott der Herr kommt mit Macht,
sein Arm wird herrschen.
Seht, seine Gabe bringt er mit
und sein Werk zieht vor ihm her.
11 Wie ein Hirt führt er seine Herde zur Weide,
er sammelt sie mit starker Hand.
Die Lämmer trägt er auf dem Arm,
die Mutterschafe leitet er.’"

3. Hinweise zur Auslegung des Textes

Jes 40 ist ein Leittext christlicher Adventshoffnung, weil die Verse 3-5 im Neuen Testament zitiert werden, um das Auftreten des Täufers Johannes, des Vorläufers Jesu, theologisch zu charakterisieren (Mk 1,3f parr.). Jes 40 ist aber zuerst ein Leittext alttestamentlicher Hoffnung in tiefster Not. Nur deshalb konnte er ein Text werden, der einen Zugang zu Jesus und seiner Reich-Gottes-Botschaft öffnet.

a) Die Situation
Jes 40 eröffnet einen neuen Hauptteil des Jesajabuches. Der erste Teil ist im 8. Jh. vor Chr. datiert (Jes 1,1). Der zweite Teil nimmt Ereignisse zweihundert Jahre später in den Blick. Israel ist im Exil; das Gottesvolk ist in die Gefangenschaft nach Babylon geführt; seine staatliche Existenz hat aufgehört; die Führungsschicht, das Königshaus, die Priesterschaft, die Spitzenbeamten sind verschleppt. Der Tempel in Jerusalem ist zerstört; die Stadtmauern sind eingeebnet; Palästina liegt danieder. Die Klagelieder, die – als "Jeremiaden" – an das Buch des Propheten Jeremia angehängt worden sind, geben ein erschütternden Eindruck von der tiefen Depression, die im Heiligen Land herrscht. Rechtlich ist Jerusalem mit Judäa zu einer unbedeutenden babylonischen Provinz herabgesunken. "An den Flüssen von Babylon" (Ps 137) ist es nicht besser: Von Gott vergessen zu sein, ist die Befürchtung; Heimweh mischt sich mit Rachegelüsten. Am härtesten ist die Einsicht, am eigenen Unglück selber Schuld zu sein. Denn – so stellt sich im Rückblick heraus: Hätte man auf die Worte der Propheten gehört, des Jesaja, des Jeremia, des Nahum, Habakuk und Zephanja, wäre es so schlimm  nicht gekommnen. Sie alle hatten prophezeit, was gekommen ist: dass Israel seine Freiheit verliert, wenn es nicht eine Politik des radikalen Gottvertrauens macht. Das Exil ist die gerechte Strafe für den Bruch des Bundes.

Ist damit aber das Gottesvolk am Ende? Nach menschlichem Ermessen muss es so scheinen. Die Eroberungspolitik der Babylonier unter Nebukadnezar und seinen Nachfolgern ist weniger mörderisch als die seiner Vorgänger, der Assyrer, denen – wie Amos, Hosea, Micha und Jesaja prophezeit haben – das Nordreich zum Opfer gefallen ist. Aber sie ist weniger effektiv. Für Israel haben sie keine politische Zukunft vorgesehen. Wird seine religiöse Identität Bestand haben? Hat Israel seine Chance gehabt und verspielt? Wird sich von seinem Volk abwenden, um auf ganz neuen Wegen sich als der Herr und Erlöser erweisen?

An genau dieser Stelle kommt es zum großen Umbruch in der Prophetie Israels. Die vorexilischen Propheten haben allesamt in erster Linie das Gericht Gottes über die Sünde Israels prophezeit – und vom Heil, viel weniger betont, nur im Blick auf das Jenseits dieses Gerichtes gesprochen. (Nach der Mehrheitsmeinung der Exegese handelt es sich meist sogar um redaktionelle Hinzufügungen.) So ist auch Jes 1-39 – trotz der großartigen Bilder des messianischen Friedensreiches, die in den Lesungen der Weihnachtsgottesdienste angeschaut werden (Jes 9-11) – auf den Grundton des Gerichtes gestimmt. Von Jes 40 an aber verändert sich der Ton gründlich. Zwar fehlt es an ernsten Mahnungen und Warnungen nicht. Aber der Grundton ist die Freudenbotschaft der Rettung Israels aus der babylonischen Gefangenschaft.

Die großen Teile des Jesajabuches sind theologisch, sprachlich, gedanklich eng miteinander verbunden. Aber sie sind im Anlass und der Situation so verschieden, dass die Exegese nicht nur mit einen Ersten Jesaja rechnet, auf dessen Prophetie Jes 1-39 zurückgeht, sondern auch mit einem Zweiten Jesaja (lateinisch: Deuterojesaja), der zur Zeit des Exils gelebt hat. Hat er sich von  der Botschaft des älteren Jesaja inspirieren lassen? Fast will es so scheinen, auch wenn er eine eigene Inspiration, eine eigene Stimme, eine eigene Botschaft hat. Die heutige Exegese rechnet mit kurzen oder langen Phasen der "Fortschreibungen" prophetischer Worte in die prophetischen Bücher hinein. Das Jesajabuch ist ein  Paradebeispiel. Aber der Zweite Jesaja schreibt nicht einfach die Prophetie des Ersten fort, sondern setzt einen neuen Akzent. Es waren seine Schüler, die den Zusammenklang der Botschaften beider Propheten erkannt und sie in einem einzigen Buch überliefert haben.

Die Botschaft des Ersten Jesaja hat die Kraft, nicht nur den Untergang zu prophezeien, sondern in der Katastrophe einen neuen Anfang; die Botschaft des Zweiten Jesaja hat die Kraft, nicht nur Mut zur Hoffnung zu machen, sondern auch die Lehren aus der Geschichte zu ziehen, dem Leid ins Auge zu sehen und in der Verheißung der Rettung nicht die Opfer zu vergessen.

Als Heilsprophet steht Jesaja im Exil nicht allein. Auch Ezechiel nährt die Hoffnung auf Rückkehr, vor allem auf einen neuen Tempel als Mittelpunkt des Heiligen Landes. Deuterojesaja ist politischer.

b) Der Kontext
Der Zweite Jesaja ist kein Träumer, der Glück gehabt hat, dass seine kühnen Voraussagen in Erfüllung gegangen sind. Sein prophetisches Charisma bestand darin, dass er die Situation klarer als alle anderen gesehen und deshalb besser als alle anderen vorausgesagt hat, wie sie sich entwickeln würde. Er sitzt in Babylon und schöpft Hoffnung, weil er an Jerusalem denkt, aber seinen Blick nicht auf den Süden fixiert, sondern nach Norden richtet. Von dort kommt eine neue Großmacht ins Spiel: die Perser mit ihrem König Kyros. Deuterojesaja prophezeit, dass Kyros an der Spitze des persischen Heeres die Babylonier niederwerfen und – mehr noch – die Gefangenschaft aufheben, das Volk nach Israel heimführen und den Wiederaufbau Jerusalems mitsamt seinem Tempel gestatten wird (Jes 44,24 – 48,22). Er geht so weit, Kyros – den babylonischen Staatsfeind Nr. 1 – den "Gesalbten" Gottes zu nennen (Jes 45,1). Er sagt nicht, dass Kyros der Messias Israels sei (das heißt: der Gesalbte), wohl aber, dass Gott seine Hand im Spiel hat, wenn die Perser die Juden, die Feinde ihrer Feinde, als ihre Freunde betrachten, und dass Kyros nicht nur ein Werkzeug in der Hand Gottes ist, sondern von ihm für eine weltgeschichtliche Mission, die Befreiung des Gottesvolkes ausgerüstet und begabt worden ist – ob Kyros selbst dies realisiert hat oder nicht. Tatsächlich ist es so gekommen, wie Deuterojesaja es angekündet hat (vgl. 2 Chron 36,22f; Esr 1-6). Sein Trostwort hat diesen politischen Kontext einer prophetischen Theologie Israel im universalgeschichtlichen Rahmen.

Der Zweite Jesaja ist aber nicht ur der große Hoffnungsträger Israels im Exil. Er ist es auch, dem Israel einen entscheidenden Durchbruch seines Glaubens verdankt Immer schon haben sich den kanonisierten Texten des Alten Testaments die Überzeugungen derjenigen eingeschrieben, die – wie Abraham., Isaak und Jakob, Mose und Elija, Amos und Hosea – darauf gesetzt und dafür gekämpft haben, dass Israel nur einen einzigen Gott verehrt: den Gott der Väter, der seinen JHWH-Namen offenbart (Ex 3. 34). Der Zweite Jesaja aber dringt in der Kritik der babylonischen Göttern, die anscheinend den Sieg der Weltgeschichte davongetragen haben, nun aber vor ihrem definitiven Ende stehen, zu dem Urteil durch, dass die Götter der Völker Götzen sind, "Nichtse". Es ist nicht nur unpassend, gefährlich und treulos für die Israeliten, fremde Götter zu verehren; es gibt sie schlichtweg nicht. Sie sind reine Einbildungen, Projektionen. Der eine Gott, den Israel erfahren hat, ist der einzige Gott überhaupt, der Schöpfer und der Herr der Geschichte. Das Trostwort des Jesaja hat diesen theologischen Kontext des prophetischen Monotheismus im universalkosmischen Rahmen.

c) Der Gedankengang
Der Abschnitt wirkt auf den ersten Blick etwas unübersichtlich. (Die Analysen der Exegeten sind widersprüchlich.) Der Gedankengang wird klarer, wenn die verschiedenen Sprecherrollen die Stimmen des Textes, identifiziert werden. (Die Anordnung des Textes und die Anführungszeichen der Übersetzung – im Urtext gibt es allerdings keine – sollen eine mögliche Lösung des Problems anzeigen.)

Ausgangspunkt – Das Wort Gottes für Jerusalem: Die Verse 1-2 lassen Gott selbst sprechen. Sie enthalten in dreifacher Wendung die wesentliche Aussage des ganzen Buches. Trost kann Israel zugesprochen werden, weil das Exil beendet wird, da es genug für seine Schuld bezahlt hat. Das Exil, die Gefangenschaft in Babylon, wird als gerechte Strafe gesehen, die abgebüßt werden muss (wie man es aus dem Rechtswesen kennt); in besonders schweren Fällen von Unrecht fordert das Rechtsempfinden eine doppelte Wiedergutmachung (Ex 22,3.6.8); auch dies ist nach 40 Jahren Sklaverei und Frondienst in der Fremde geleistet. Jetzt beginnt eine neue Zeit. Adressat des Trostes ist das Volk Israel, zentriert in der Stadt Jerusalem. Das babylonische Exil ist auch für sie ein Elend. Trostbedürftig ist auch sie. Trösten kann sie Gott allein. Durch wen? Die Aufforderung, Trost zu spenden, ist im Plural gehalten. Der Prophet tut sie, als Sprachrohr Gottes, kund. Wem? Die Exegese hat an Engel gedacht; aber die bedürfen des Propheten nicht. Sie hat auch an Anhänger des Propheten gedacht; aber das hätte irgendwie angezeigt werden müssen. Es fällt auf, dass in Jes 40 eine geographische Bewegung eingezeichnet ist. Der Weg führt durch die Wüste (Jes 40,3ff) und endet in Jerusalem auf dem Zion (Jes 40,9ff). Deshalb liegt es nahe, den Anfang am Euphrat und Tigris zu suchen, in Babylon, bei den Exilanten, wo der Prophet selbst lebt. Sie hören – durch den Zweiten Jesaja – als erste von der Wende der Geschichte; sie sollen den Zurückgebliebenen die frohe Kunde der Befreiung geben, bei ihnen, im Elend, beginnt die neue Zeit.

Bibelarbeiten

In der Wüste bereitet den Weg des Herrn! durch die Steppe baut eine Bahn unserem Gott!

Aufbruch – Das Wort des Propheten in Wüste: Die Verse 3-5 gehen einen Schritt weiter. Zwischen Babylon und Jerusalem liegt die Wüste – wie zwischen Ägypten und dem Gelobten Land. Derselbe, der in den beiden Eröffnungsversen die Exilanten aufgemuntert hat, Jerusalem Trost zu spenden, erhebt jetzt seine Stimme in der Wüste. Es ist der Prophet selbst. Er redet wiederum die nach Babylon Verschleppten an. Sie sollen Wegbereiter sein. In englischen Lexika steht für das hebräische Wort des Urtextes (das oben mit "Bahn" wiedergegeben wurde) u.a. die Bedeutung "highway". Wer Bilder von Autobahnen gesehen hat, die durch die arabische Wüste führen, hat einen schwachen Eindruck dessen, was vor zweieinhalbtausend Jahren Deuterojesaja fordert. Gott soll der Weg gebahnt werden; dafür ist kein Aufwand zu hoch. Die Natur spielt mit. Es ereignet sich ein Schöpfungswunder: Täler füllen sich auf, Berge tragen sich ab, Krummes glättet, Zerklüftetes ebnet sich. Was in der Natur Jahrmillionen geschieht, ereignet sich in einem Augenblick. Landschaft soll vollkommen ungestaltet werden (für ökologische Bedenken ist kein Platz). Es kommt nur auf eines an: eine möglichst schnelle Direktverbindung zwischen Exil und Heimat, Babylon und Jerusalem. Gott wird erscheinen und das Heil wirken, das alle Hoffnungen weit übertrifft. Schaut man auf die Verse 10 und 11, wird man an den Triumphzug eines Imperators denken – nur ins Kosmische gesteigert. "Alles Fleisch" wird Gottes Heil sehen, d.h. die Menschen in ihrer Not und ihrem Elend, ihrer Schönheit und Schwäche, ihrem Hunger nach Liebe und ihrer Versuchung des Egoismus. Es ist Gottes Wort, das seine Herrlichkeit ankündigt (und durch den Propheten gesagt wird.) Im Moment, da der Prophet redet, gibt es nur dieses Wort. Sein Wort muss reichen. Es genügt. Wo es ertönt, wird alles neu.

Hintergrund – Das Wort Gottes für den Propheten: Die Verse 6-8 schildern einen Dialog. Er bildet das Herzstück des Textes. Durch Qumran-Funde ist gesichert, dass (wie in der griechischen Fassung, der Septuaginta) das "Ich" des Propheten ins Spiel kommt. Die Stimme vom Vers 6, die zum Rufen auffordert, ist die Stimme Gottes, die der Prophet gehört hat, sodass er in der Wüste den Weg des Herrn zu bereiten aufrufen kann. Die Verse 6-8 schildern die Berufungsvision. Sie treten einen Schritt zurück und sagen, was den Propheten zum Propheten gemacht hat. Er weiß sich berufen, aber er weiß nicht, was er sagen kann. Gott muss s ihm vorsagen. Dann kann er es nachsprechen. (An dieser Stelle gehen die wissenschaftlichen Kommentare jedoch weit auseinander.) Wenn man so deutet, enthalten die beiden letzten Zeilen von Vers 6 und die drei ersten von Vers 7 den Inhalt der Botschaft, die Deuterojesaja verkünden soll. Kurzgefasst: Das Fleisch des Menschen ist vergänglich, der Geist Gottes ewig. Obgleich aller Menschenglanz vergeht, bleibt Gottes Geist bestehen. Wie der Wind über ein Grasfeld geht, das (im Orient) doch verdorrt, und über ein Blumenmeer, das doch welkt, so wirkt Gottes Geist im Leben der Menschen, auch wenn sie sterben müssen. (Oft wird allerdings die Aussage über Gottes Geist nicht – wie hier – radikal positiv, sondern eher negativ gedeutet: dass Gottes Geist die Blumen welken lassen; aber das passt weder zum Bild noch zur Parallele in Vers 8 noch zur Anspielung auf den Schöpfungsbericht). Deutet man so, dann beginnt mit der letzten Zeile von Vers 7 eine Rekapitulation des Propheten, der sich Gottes Wort zu eigen macht und nur ganz zu Anfang einen Akzent setzt, der seinen Lernerfolg konstatiert: Wenn "alles Fleisch wie Gras" ist, dann auch das Volk Gottes. Aber dann ist Babylon nicht das Ende der Erwählung. Es bleibt Gottes Geist. Die zweite Variante des Propheten besteht darin, dass er Gott Wort zuschreibt, was ihm von Gottes Geist zugesagt war: Es "bleibt in Ewigkeit". (Lateinisch: Verbum Dei manet in aeternum.)

Zielpunkt – Das Wort des Propheten für Jerusalem: Die Verse 9-11 fassen das Ziel der prophetischen Predigt ins Auge. Wie ein Lauffeuer breitet sich die Botschaft aus. Ist nach Vers 2 Jerusalem Adressatin der Trostbotschaft, die von den Exilanten durch den Propheten ausgerichtet werden soll so sieht sie sich nun durch den Propheten selbst aufgefordert, ihrerseits zur Freudenbotin zu werden und den Städten Judäas die frohe Kunde zu verkünden: Gott ist im Kommen. Er wendet das Blatt der Geschichte. Er bringt als Geschenk nasch Jerusalkem – mit dem Zion, dem Tempelberg – und nach Judäa die Exilanten mit, sie sind sein Werk, das vor ihm herzieht auf der Straße, die nach des Propheten Wort Gott bereitet worden ist. Jeder Flüchtling kann ein Lied davon singen, wie schwer es ist, in der neuen Umgebung angenommen zu werden. Jeder Heimkehrer macht die Erfahrung, dass bei alle Freude es gar nicht so leicht ist, wieder Fuß zu fassen, weil längs ein anderer den angestammten Platz eingenommen hat und nicht so einfach wieder aufgeben will. Deshalb ist es konsequent, dass Deuterojesaja seine Freudenbotschaft nicht nur an die Exilanten in Babylon richtet, sondern anfangs besonderen Wert darauf legen muss, die Jerusalemer und Judäer nicht nur aus ihrer Depression zu befreien, sondern auch zur Freude auf die Heimkehr der Verbannten zu führen.

d) Das Bild Gottes
Der Auftakt des zweiten Jesajabuches hat programmatische Bedeutung. Sie besteht vor allem darin, dass er Gott zeigt, wie der Prophet ihn erfahren und verkündet hat.

(1) Gott ist der einzige Trost Israels. Dass er, nach dem er sich lange verborgen hat, Israel nicht vergessen hat, sondern sich einer annimmt, ist die Frohe Botschaft, dien unglaublich ist, aber wahr. Nur Gott kann den Trost spenden, weil nur ein ganz neuer Anfang, eine neue Schöpfung das Desaster beenden kann, das Israels verschuldet hat.
(2) Gott vergisst das Unrecht nicht. Er tut nicht so, als sei nichts gewesen. Israels Schuld hat er nicht aus dem Gedächtnis gelöscht. Weil er gerecht ist, bestraft er das Unrecht. Wäre es anders, wäre er unmenschlich: Er würde zwischen Gute und Böse nicht unterscheiden. Die Opfer würden vergessen, deren  Angehörige hätten keine Genugtuung. Die Übeltäter kämen nicht zur Einsicht. Deuterojesaja hat begriffen, dass die Strafe gerecht war. Er hat sie akzeptiert. Das hat ihm Kraft gegeben.
(3) Gott vergibt die Schuld und lässt den Sünder neu anfangen. Ginge es nur nach menschlichem Recht, gäbe es keine Zukunft mehr für Israel. Aber Gott ist größer als das menschliche Herz. Nur Gott kann einen Menschen, ein Volk ganz neu anfangen lassen. Denn ein neuer Anfang ist der Anfang einer neuen Welt, einer neuen Zeit; er ist neue Schöpfung.
(4) Gott hat die Macht, seinen Heilswillen zu verwirklichen. Guter Wille allein hilft anderen nicht. Gott hat nicht nur die Absicht, sondern auch die Möglichkeit, anderen zu helfen. Deuterojesaja weckt die Erinnerung an den Exodus. Auch dort ist es der "Arm" Gott, der Israels Befreiung wirkt (Ex 6,6; Dtn 4,34; 5,15; 7,19: 9,29; 26,8; Jer 32,21).
(5) Gott ist der Hirt, der sein Volk schützt und nährt. Im Angesicht der Wüste wird dieses Bild besonders farbig. Hirt und Herde gehören zusammen. Das Volk Israel, Jerusalem, den Zion, Judäa gibt es nicht ohne Gott, aber auch Gott gibt es nicht ohne sein Volk. Denn Gott hat es erwählt; er lässt es nicht im Stich; er schenkt ihm eine neue Zukunft.
(6) Gott ist Schöpfer und Erlöser. Die Erlösung ist eine neue Schöpfung. Gott selbst ergreift die Initiative, Die Menschen sollen ihm den Weg bereiten. Aber er selbst bereitet sie, sein Wort zu hören und seinen Willen zu tun. Die Erlösung ist Neuschöpfung – nicht nur, weil die Not so tief ist, aus der Israel errettet wird, sondern mehr noch, weil das Geschenk der Freiheit so groß ist, das Gott seinem Volk macht.
(7) Gott ist im Kommen. Er geht auf die zu, die gar mehr noch zu hoffen wagen, dass sie ihm etwas bedeuten; die glauben, verraten und verkauft zu sein. Gott kommt auf sie zu. Und er kommt nicht allein, Er bringt die Menschen mit, die er liebt und auf die sie gewartet haben, obwohl sie gar nicht mehr wussten wie sehr sie jene vermisst haben. Gott kommt – und manchmal kommen Menschen, die, ob sie es wissen oder nicht, Gott mitbringen. Das sind die Prophetinnen und Propheten heute, gestern und morgen.

4. Hinweise für eine Bibelarbeit (nicht nur im Advent)

Ankommen

  • Gemeinsames Lied: GL 106 Kündet allen in der Not
    und/oder Gebet: Ps 85 (GL 123)

Lesen

  • Jemand liest den langsam ganzen Text in der Übersetzung oben.
  • Zwei lesen mit verteilten Rollen:
    Die Stimme Gottes: Jes 40,1-2
    Die Stimme des Propheten: Jes 40,3-5
    Die Stimme Gottes: Jes 40,6a (Zeilen 1 und 2)
    Die Stimme des Propheten: Jes 40,6b (Zeilen 3 und 4)
    Die Stimme Gottes: Jes 40,6c (Zeile 5) – 40,7a (Zeilen 1-3)
    Die Stimme des Propheten: Jes 40,7b (Zeile 4) – 40,8
    Vereinte Stimmen: Jes 40,9-11

Sprechen

  • Welche Fragen stellt der Text? Was ist schwer zu verstehen? Was ist besonders wichtig? 
  • Welche Facetten des Gottesbildes sind mir/uns besonders wichtig? Welche stoßen mich ab? Warum? Müssten sie in ein gereiftes Gottesbild integriert werden?
  • Wo haben ich im Leben echten Trost erfahren? Wann? Und wer hat ihn gespendet? Wie? Wo hätte ich echten Trost gebraucht? Wer hätte ihn mir geben können? Welche Rolle spielt Gott, spielt der Glaube beim Trost?

Beten

  • Gemeinsames Lied: GL 104 Tauet, Himmel, aus den Höhn
    und/oder Jes 35 (GL 24)

5. Literaturhinweis

Als kurze Auslegung:
Peter Höffken, Das Buch Jesaja. Kapitel 40-66 (Neuer Stuttgarter Kommentar. Altes Testament), Stuttgart 1998

Als wissenschaftliche Exegese
Karl Elliger, Deuterojesaja I: Jesaja 40,1-45,7 (BK XI/1), Neukirchen-Vluyn 1989

Als Grundinformation (Einheitsübersetzung mit Erklärungen):
Stuttgarter Altes Testament, hg. v. Erich Zenger, Stuttgart 2004

Thomas Söding, Dezember 2005
Katholisches Bibelwerk im Bistum Münster (www.bibelwerk.de)

in Kooperation mit
kirchensite - online mit dem Bistum Münster (www.kirchensite.de)

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