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24.11.2017
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Kevelaerer Festprozession zum 250-jährigen Wallfahrtsjubiläum 1892

Zeichnung von Arthur Kampf: Dargestellt ist die Kevelaerer Festprozession zum 250-jährigen Wallfahrtsjubiläum 1892.

Vor 100 Jahren schrieb Joseph Lauff den Roman "Kevelaer"

Literarischer Spiegel der Konflikte

Kevelaer. Als vor 100 Jahren der Roman "Kevelaer" erschien, löste Joseph Lauff mit seinem Werk bei den Lesern Zustimmung wie auch Entrüstung aus. Durchaus kennzeichnend für Lauff: Während Kaiser Wilhelm II. die preußisch-nationalen Tendenzen seiner Dramen schätzte, war Lauff bei zeitgenössischen Schriftstellerkollegen als trivialer "Hofdramatiker" verschrieen. Markus Trautmann, Pfarrer in Dülmen, stellt den Roman vor.

In diesem Jahr ist es 100 Jahre her, dass der Roman "Kevelaer" das katholische Deutschland bewegte – "ein Kulturkampfroman schlimmster Sorte", wie die "Calcarer Volkszeitung" schimpfte, ein "kirchenfeindliches und zudem noch von Geschmacklosigkeit strotzendes Machwerk". Das so kritisierte Buch, veröffentlich in der renommierten Groteschen Verlagsbuchhandlung in Berlin, löste bei seiner Leserschaft gleichermaßen Entrüstung und Beifall aus, und noch heute ist "Kevelaer" ein literarischer Spiegel der Konflikte und Spannungen, in denen sich die katholische Kirche zu Beginn des 20. Jahrhunderts befand.

Eine der Hauptfiguren des Romans ist der begabte Dr. Heinrich Vohwinkel, angestellt als Privatlehrer auf einem Gutshof in der Kevelaerer Heide. Aber nicht mehr lange: "Bald aber gab’s für ihn Arbeit, harte Arbeit, Geistesarbeit, Seelenarbeit – eine Arbeit, die ihm Hass und Lästerung einbringen konnte, wenn auch keinen Konflikt zwischen Pflicht und Gewissen." Er ist von höherer Stelle zum Schulrat für den Niederrhein berufen worden, "er sollte Leben erziehen, vaterländisches Leben, frei von Vorurteilen und von widersinniger Frömmelei ... Eine Generation sollte erwachsen, die den heimischen Boden mehr liebte als das gelobte Land, von dem gedungene Priester und Propheten erzählten. Deutsch fühlen, deutsch denken und Gott ansehen mit klaren, fröhlichen, deutschen Augen – auch das können und müssen katholische Menschen."

Zur selben Zeit wird Lene Isermann, Tochter eines Schäfers auf jenem erwähnten Gutshof, zur Leiterin der Kevelaerer Mädchenschule ernannt. Auch sie träumt von der Erziehung der ihr anvertrauten Kinder zu selbstbewussten Patrioten.

Die beiden jungen idealistischen Menschen stoßen auf eine größtenteils engstirnige und frömmelnde Kevelaerer Bevölkerung – die von den vielen Pilgergruppen gut zu leben weiß, welche jährlich den Ort aufsuchen. "Unter dem spitzen Glockengebimmel, das von dem Gnadenorte herwehte, wurde der Glaube geboren ... Und wenn die Muttergottes ihn sah, wenn dieser Glaube sich an sie warf, dann fielen Tränen aus ihren lieben Augen. Sie wollte den milden, christlichen Glauben, den Glauben, der die Herzen erhebt und sich dem Wunder fügt ohne marktschreierisches Gepränge ... – aber sie musste alles über sich ergehen lassen, denn fanatisches Menschenwerk und die Dogmen der Priester sind stärker auf Erden als göttliche Satzung."

Repräsentant dieses so skizzierten Milieus ist der unsympathische und herrschsüchtige Wallfahrtsrektor Kleversaat. Er stört sich nicht am Geschäftsinn der Kevelaerer Kaufleute, solange sie stramm auf Linie bleiben – der vermeintlich papsthörigen Zentrumspartei. Um so größer ist die Missstimmung, als der Pfarrer bei der Besetzung jenes Schulpostens übergangen wird,  den die preußische Behörde an Lene Isermann überträgt.

In ihrer Antrittsrede, schon bald vom erbosten Pfarrer unterbrochen, lässt die neu installierte Junglehrerin keinen Zweifel an ihrer pädagogischen Mission. Sie wolle keine "Weltanschauung der Pharisäer" lehren, welche "die Konfessionen hindert, friedlich miteinander zu gemeinsamen nationalen Zielen zu streben. Wer den Frieden will in unserm schönen Vaterlande, auf niederrheinischer Erde, wer nicht das Deutsche Reich und das deutsche Volk zerstören und zersetzen lassen will, der lege das Saatkorn der versöhnenden Weltanschauung in die Herzen der Kinder. Der sehe nicht über die Alpen fort, der suche nicht das Heil jenseits der Berge."

Postkartenmotiv von Kevelaer um 1900.

Postkartenmotiv von Kevelaer um 1900.

Jenseits der Berge – damit ist der "Ultramontanismus" als bedeutsame Strömung im politischen Katholizismus jener Jahre gemeint. Zugleich wird der innere Konflikt angedeutet, in dem sich die Katholiken zwischen Staat und Kirche befanden. Von daher wird auch deutlich, dass der Roman "Kevelaer" weniger religiös als vielmehr national motiviert mit der Kirche ins Gericht geht. Es ist eine vergiftete gesellschaftliche Atmosphäre, welche die Handlung des Romans "Kevelaer" von Joseph Lauff atmet.

Wer war Joseph Lauff? 1855 in Köln geboren, wuchs er in Kalkar auf. Nach dem Abitur diente er im preußischen Heer. Er veröffentlichte in den 1880er Jahren erste literarische Werke und wurde 1898 von Kaiser Wilhelm II. zum Dramaturgen des Königlichen Theaters in Wiesbaden berufen. Ab 1903 war Lauff freier Schriftsteller. Er genoss die Protektion des Kaisers, der ihn 1913 adelte. Am Ersten Weltkrieg nahm Joseph von Lauff als Artillerieoffizier und Kriegsberichterstatter teil. Er starb 1933 in Cochem.

Vor einigen Jahren hat sich der in Kevelaer lebende Kirchenhistoriker und frühere Verlagsgeschäftsführer Dr. Gerhard Hartmann mit dem Werk Lauffs eingehend beschäftigt – auch in der Absicht, möglicherweise "Kevelaer" noch einmal neu herauszubringen. Seine Einschätzung fiel ernüchternd aus: Zwar biete der Roman "ansprechende Landschafts- und Detailschilderungen, die einem Kevelaerer durchaus nahe gehen. Eine besondere literarische Qualität erreichen sie aber keineswegs, dazu war Lauff ein viel zu sehr produzierender Erfolgsautor der damaligen Zeit, der fast jährlich einen Roman herausgebracht hat, von denen heute niemand mehr einen kennt – mit Ausnahme des spezifischen Kevelaer-Romans."

Damit zurück zu diesem Buch. "Für einen Künstler sollte man meinen, dass es keine dankenswertere Aufgabe geben könne, als die Weihe und den reichen Stimmungsgehalt tiefer Religiosität und frommen Vertrauens auszuschöpfen", schrieb die "Calcarer Zeitung" vor 100 Jahren. "Lauff aber hat die Dichtung der Politik untertänig gemacht, und das ist ein verderbliches Unterfangen."

Der Roman "Kevelaer" thematisiert nicht nur die Spannungen zwischen preußischem Staat und katholischer Kirche, sondern beschreibt zugleich die damals virulenten innerkirchlichen Auseinandersetzungen zwischen "Reformkatholizismus" und "Integralismus". Letzterer wollte alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, zumindest unter Katholiken, den Weisungen der Kirche unterordnen, während der Reformkatholizismus (fälschlich als "Modernismus" bezeichnet) die Öffnung zur Gesellschaft anstrebte. Auch der Held im Roman wird als Sympathisant des Reformkatholizismus geschildert. "Lauff tut dies nicht aus seiner inneren Überzeugung heraus", urteilt Gerhard Hartmann, "sondern ganz und gar aus spät-kulturkämpferischer preußischer Staatsverehrung heraus, was ja als Günstling Wilhelms II. nahe liegend ist. Somit erfährt dieser innerkatholische Diskurs bewusst eine politische Note."

Dieser Diskurs erhält im Roman eine Bühne, als der frischgebackene Schulrat die Kevelaerer Bevölkerung in einen örtlichen Festsaal lädt. Die programmatische Rede des Dr. Vohwinkel gehört zu den sprachgewaltigsten Passagen in "Kevelaer" und fasst letztlich die Leidenschaft seines literarischen Schöpfers zusammen: "Ich will Raum für den christlichen Glauben in seiner ursprünglichen Reinheit, … damit endlich die Spaltung im Reich aufhört und die Gegensätze in unserem Volkstum verschwinden, an denen sich die unsere besten Kräfte zerreiben ... Wir müssen den Heerruf des ultramontanen Hornes überhören. Das Vaterland über jede Partei und Konfession! Der wahre Katholizismus über das Zentrum!"

Die Kevelaerer haben verstanden, und "dann setzte ein Brausen ein, wie Sturm im Frühlingswald ... Die seit langen Jahren geknebelten Kräfte des niederrheinischen Volkes machten sich in diesem Augenblick frei von ihren seelischen Bedrückern und zogen eine Bahn, wie das eingeengte Wasser sie zieht, wenn es seine Schleusen aufstößt und über die Dämme fort will."

Der heutige Leser kann ein derartiges Pathos kaum nachvollziehen; der von Josef Lauff 1910 in "Kevelaer" skizzierte Problemaufriss ist nicht mehr geläufig. "Der normale gläubige Katholik wird als Leser dieses Romans in dieser Frage mehr als irritiert sein", meint Gerhard Hartmann. Dies dürfte zum einen auf eine heute veränderte Sichtweise auf die damalige kirchenpolitische Situation zurückzuführen sein. Zum anderen sind die Protagonisten der beiden Lager äußerst klischeehaft angelegt, wobei das papsttreue katholische Milieu eben als durchweg borniert und verlogen auftritt. "Die Eigenart dieses zeitbezogenen Kevelaer-Romans", so Hartmann, "macht es nahezu unmöglich, ihn nochmals neu herauszubringen, wenn man nicht eine umfangreiche Kommentierung hinzufügt."

Josef von Lauff.

Josef von Lauff.

Weiter. Die Handlung nimmt einen unerwarteten Verlauf. Denn der Triumph des vom Romanhelden machtvoll formulierten deutschnationalen Idealismus währt nur wenige Augenblicke. Kein geringerer als der Münsteraner Generalvikar ist nach Kevelaer gekommen und tritt vor die Versammlung. Der Würdenträger wartet mit einer perfiden Enthüllung auf: Jemand hat in den Tagen zuvor Heinrich Vohwinkel und Lene Isermann nachgestellt und sie bei einem amourösen Abenteuer auf der Kevelaerer Heide in eindeutiger Situation ertappt.

"Nur reine Lippen können die Reinheit verkünden", ruft der Generalvikar in eine erstarrte Menge. "Sie sind weit davon entfernt. Der Hauch ihres Wortes ist giftig. Sie vergiften die Seelen ...  Sie sind ein Baalspriester, ein Vertreter der freien Liebe und des Unglaubens! … Sie haben Ärgernis gegeben vor Gott und den Menschen!" Die Stimmung kippt. Nationaler Begeisterungstaumel schlägt um in bigotte Empörung und gehässige Häme. "Er hatte Wort gehalten – der Mann aus Münster, der Verkünder des Heiles in Tonsur und Soutane."

Was den klerikalen Widersachern nicht gelungen war, zieht der moralische Fehltritt nach sich: Lene Isermann muss umgehend den Schuldienst quittieren. Vohwinkel flieht nach Berlin, will abwarten, um für die nationale Idee weiter zu streiten. Auch Lene Isermann stellt einmal mehr ihr junges Leben in den Dienst der deutschen Ehre; sie begibt sich nach Afrika, um der dort bedrängten Kolonialarmee als Krankenschwester zu dienen.

Am Ende ist es die Vermittlung guter Freunde, die nach Jahren einen Neuanfang zweier Geläuterter ermöglicht: "Meine Kraft war nicht stark genug, mein Wille nicht lauter genug", gesteht Vohwinkel seine Feigheit sowohl im Bekenntnis zu seiner Geliebten wie auch im konsequenten Kampf gegen seine niederrheinischen Widersacher. "Aber andere werden kommen. Und einer muss darunter sein, groß und mächtig ... So nur kann Deutschland gesunden. Und dieser Führer muss kommen, rein und stolz und lauter wie auf seiner Heerfahrt ein nordischer König." – Wenngleich der Roman dann endet, wird hier offenbar bereits ein nicht allzu fernes Kapitel deutscher Geschichte aufgeschlagen. Aber das steht auf einem anderen Blatt ...

Ein Resümee zum Buch nach 100 Jahren, zumal in Kenntnis der nachfolgenden Geschichte? Der dort pathetisch beschworene Loyalitätskonflikt zwischen Papst und Kaiser erledigte sich mit dem Untergang des Kaiserreichs.

Nach dem Ersten Weltkrieg gab es nicht nur das oft zitierte "Erwachen der Kirche in den Seelen", sondern auch eine hohe Attraktivität des Katholizismus gerade unter deutschen Literaten, bis hin zu viel beachteten Konversionen.

Die gescholtene Zentrumspartei war in der Weimarer Zeit an den meisten Reichsregierungen beteiligt und eine Säule der Republik.

Die Resistenz vieler Katholiken gegenüber NS-Diktatur oder SED-Regime belegt wohltuend eine eigenständige geistige Verankerung und damit tragfähige Unabhängigkeit der Gläubigen vor staatlicher Umarmung und Vereinnahmung. Denn spätestens da sollte sich erweisen, von wo die Zersetzung des Gemeinwesens ausging, nämlich von einem übersteigerten Machtanspruch des Staates, der sich auf den Rückhalt der Massen berief. Und nicht – wie es das Weltbild eines Josef Lauff in "Kevelaer" suggeriert – von geknechteten katholischen Sklavenseelen.

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Text: Markus Trautmann in Kirche+Leben | Zeichnung/Fotos: Arthur Kampf, Markus Trautmann, Verlag Eckstein in Öffnet internen Link im aktuellen FensterKirche+Leben

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