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27.05.2016
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100.000 Aktenbündel

Netzwerk erforscht Vatikanpolitik in der Zwischenkriegszeit

Münster. Mit einer Fachtagung in Münster hat ein europäisches Netzwerk zur Erforschung der Vatikanpolitik in der Zwischenkriegszeit seine Arbeit aufgenommen. Zum Auftakt am Mittwochabend (24.03.2010) betonten der ehemalige Präsident der EU-Kommission, Romano Prodi, und der Botschafter Israels beim Heiligen Stuhl, Mordechay Lewy, die Wichtigkeit internationaler Studien zu Papst Pius XI. und seinem Nachfolger Pius XII.

Etwa 30 Professoren aus ganz Europa planen, gemeinsam mit Nachwuchswissenschaftlern die 100.000 Aktenbündel aus der Amtszeit von Pius XI. (1922-1939) im Vatikanischen Geheimarchiv auszuwerten. Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII., übte in dieser Zeit als Nuntius in Deutschland und später als Kardinalstaatssekretär bereits entscheidenden Einfluss aus.

Nicht "Hitlers Papst"

Der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Matthias Kleiner, sagte dem geplanten Forschungsnetzwerk seine Unterstützung zu, auch bei der weiteren Gestaltung geeigneter Förderinitiativen. Der Staatssekretär im NRW-Innovationsministerium, Michael Stückradt, und der Prorektor für strategische Planung der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU), Jörg Becker, begrüßten das Projekt als einen Beitrag zur geisteswissenschaftlichen Spitzenforschung in der Region. Sie äußerten sich zum Auftakt der Tagung an der Universität Münster über Pius XI. und Eugenio Pacelli, die der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf mit dem Forschungsverbund "Religion und Politik" veranstaltet.

Nach den Worten Lewys war Pius XII., der von 1939 bis 1958 amtierte, nicht "Hitlers Papst". Es verdichte sich der Eindruck, dass sein "Schweigen" zur Judenverfolgung zu seiner "diplomatischen Überlebenstaktik" gehört habe. Er biete "kein Schwarz-Weiß-Bild, sondern ein schmerzhaft nuanciertes Grau". In der Nachkriegszeit habe er sich "kaum beeindruckt vom jüdischen Schicksal" gezeigt.

Kurie "stark antisemitisch behaftet"

Laut Lewy war der geistige Boden in der Kurie "stark antisemitisch und nicht nur antijüdisch behaftet" gewesen. Die Gründung Israels habe der Vatikan abgelehnt: "Die theologische Haltung war, dass die Juden als Volk der Gottesmörder die Gnade Gottes verloren haben - und damit auch ihr Anrecht auf das Heilige Land." Die Staatsgründung Israels sei im Vatikan zudem als eine kommunistisch-atheistische Gefahr gesehen worden. Weitere Forschungen zu diesen Fragen seien unbedingt notwendig.

Prodi hob hervor, das Europa der Zwischenkriegszeit könne als abschreckendes Beispiel für die Gegenwart dienen. Damals habe die "Einigkeit in den Zielen" gefehlt. Der katholischen Kirche kommt nach den Worten Prodis eine besondere Verantwortung für die Zukunft Europas zu. Das universal ausgerichtete Christentum relativiere Nationalismen. Angesichts der Ängste vor dem Terrorismus und der globalen Migrationen könne es das Streben nach Frieden unterstützen und Europa einen "einenden ethischen Schub bringen".

Veröffentlichung im Internet

Am Seminar für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte der Uni Münster untersuchen Mitarbeiter eines DFG-Langzeitvorhabens bereits die Politik des Vatikan in der Zeit zwischen den Weltkriegen. Sie bereiten rund 6.500 Berichte für die Veröffentlichung im Internet vor, die Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII., als päpstlicher Gesandter in Deutschland schrieb. Die Dokumente aus dem Jahr 1917 sind seit 24. März unter www.pacelli-edition.de online zugänglich.

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  1. Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.pacelli-edition.de

Text: Öffnet externen Link in neuem FensterKNA Katholische Nachrichtenagentur GmbH
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