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26.05.2016
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Der Jesuit Hans Zollner.

Der Jesuit Hans Zollner.

Zollner ruft zur aktiven Auseinandersetzung mit Missbrauch auf

"Die Grundlage des Vertrauens in Gott zerstört"

Bistum. Der Jesuit Hans Zollner, Mitglied der Päpstlichen Kinderschutzkommission in Rom, hat beim letzten Geistlichen Themenabend im St.-Paulus-Dom dazu aufgerufen, die Herzen, Türen und Ohren für die Missbrauchsopfer zu öffnen. "Kinder sind das kostbarste Gut, das wir haben", sagte Zollner in seiner Fastenpredigt zum Thema "Kinder schützen" am Mittwoch (16.03.2016). "Wir sollten uns auf alle erdenkliche Weise dafür einsetzen, dass sie geschützt aufwachen können."

In seiner eindringlichen Ansprache in einem nur spärlich besetzten Dom warnte der Experte mit großem Nachdruck davor, das Thema Missbrauch und sexuelle Gewalt in der Kirche abzuhaken. "Die Vertuschung hat die Verbreitung des Bösen begünstigt", unterstrich Zollner. "Die Frage ist jetzt, ob wir eine Kirche sein wollen, in der die vom Missbrauch Betroffenen einen Platz haben."

"Hört das nicht endlich auf?"

Zollner, der Professor am Institut für Psychologie der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom sowie seit 2010 akademischer Vizerektor der Gregoriana und Vorstand des Instituts für Psychologie ist, verwies in seiner Ansprache darauf, dass sich in letzter Zeit vermehrt Stimmen zu Wort meldeten mit Fragen wie: "Hört das nicht endlich auf? Wann ist es genug damit? Warum müssen Menschen heute noch darüber reden? Können wir nicht endlich wieder zur Tagesordnung übergehen?"

Bei den Reaktionen auf Missbrauchs-Enthüllungen mischten sich oft tiefes Entsetzen, große Verwunderung, abgrundtiefe Scham und Schockstarre. "Das ist auch nicht verwunderlich, denn das ist ein zutiefst schmerzliches, ärgerliches, beschämendes Thema", räumte Zollner ein.

Verantwortung für die Opfer übernehmen

"Aber die zentrale Frage, die noch niemand beantwortet hat, bleibt: "Was will uns Gott mit diesem Skandal sagen? Warum sagt er uns das heute und nicht vor 30 oder 50 Jahren?" In offiziellen Reaktionen werde stark auf die rechtlichen oder psychologischen Aspekte eingegangen, eine Antwort auf diese zentrale Frage aber vermieden. "In der Mitte unseres Glaubens empfinde ich das als eine Leere, so als ob wir vermeiden wollten, das vor Gott zu bringen, was uns bei diesem Thema umtreibt", mahnte der Prediger. Ausgerechnet jene, die beauftragt gewesen seien, Kinder zu schützen, hätten ja Leben im frühen und frühesten Alter zerstört.

"Gott will uns dazu hinführen, ehrlich zu sein und unsere Schuld einzugestehen", betonte der Präsident des "Centre for Child Protection" der Gregoriana. Es könne durchaus sein, dass er eine wichtige Botschaft vermitteln wolle, was das Evangelium eigentlich bedeute, und alle in die Pflicht nehmen wolle, Verantwortung für die Opfer von Missbrauch und sexueller Gewalt zu übernehmen.

Es geht um Macht, Geld und das Verständnis von Kirche-Sein

"Bei diesem Thema bündelt sich sehr viel von dem, was zum Himmel stinkt in der Kirche", hob Zollner mit großem Nachdruck hervor. Es gehe dabei um Macht, Geld und das Verständnis von Kirche-Sein. "Eine Haltung funktioniert heute nicht mehr und ist nicht mehr akzeptabel, nämlich die, die sagt: Das regeln wir alles unter uns, machen wir alles unter uns aus",  kritisierte der Jesuit. Jetzt stelle sich deshalb verschärft die Frage, ob man in der Kirche behaglich und abgeschlossen unter sich bleiben wolle oder ob Gott durch die Krise dazu aufrufen wolle, die sicheren Häuser zu verlassen und bei Wind und Wetter gleichsam auf die Straße zu gehen.

Das aber bedeute zugleich, dass die Kirche zu einer Art "Feldlazarett" oder Provisorium werde, wie Papst Franziskus es formuliert habe. "Was will uns Gott damit sagen, wenn wir von sexuellem Missbrauch sprechen, der von kirchlichen Mitarbeitern verübt wurde? Was sagt das über das Amt und das Priester-Sein heute aus?", fragte der Redner bohrend nach. Die Priester heute, die eigentlich für die Menschen da sein und Seelsorge betreiben wollten, müssten vieles machen, wofür sie nicht ausgebildet seien. "Ist das nicht ein Anruf Gottes, darüber nachzudenken, was Priester-Sein heute ist und sein sollte?", fragte Zollner.

Journalisten in Schutz genommen

Ausdrücklich nahm er Journalisten gegen Vorwürfe im Zusammenhang mit der Missbrauchs-Affäre in Schutz. "Sie haben die Skandale nicht erfunden", so Zollner. Es fehle in der Kirche im Hinblick auf das Wahrnehmen öffentlicher Verantwortung unter anderem daran, darüber zu reden, was die Kirche Gutes tue und dafür unternehme, um Kinder zu schützen.

Bei der Aufklärung und Aufarbeitung aber seien Laien, insbesondere Frauen wichtig. "Sie sind der Stachel im Fleisch und halten uns in Bewegung", lobte der Jesuit. "Es geht darum, dass wir in der Wirklichkeit ankommen. Solange wir aber in der Defensive bleiben und das Thema abhaken wollen, ist unsere Energie gebunden." Um Kinder in den Räumen der Kirche und der gesamten Gesellschaft schützen zu können, brauchten die Christen aber jede Menge Kraft.

"Die Reinheit des Herzens"

Zollner berichtete von einer Frau, die vor 50 Jahren im Alter von neun Jahren missbraucht worden sei und danach keine Partnerschaft habe eingehen und keinen Beruf ergreifen können. Dem Alkoholismus verfallen, sei sie schließlich in eine Sekte geraten. Irgendwann aber habe ein Therapeut, der ihr Herz habe öffnen können, bei ihr einen Heilungsprozess und eine menschliche und geistliche Suchbewegung ausgelöst. Schließlich sei sie sogar wieder in die Kirche eingetreten und habe im Rückblick betont: "Das Schlimmste am Missbrauch durch einen Priester ist, dass er die Grundlage des Vertrauens in Gott zerstört."

Dieses psychische Trauma habe die Opfer am meisten verletzt, mehr noch als der rein physische Akt sexueller Gewalt, ergänzte Zollner. Viele brauchten deshalb jemanden, der ihnen ganz einfach zuhöre. "Gott will uns darauf hinweisen, dass es nicht darauf ankommt, Leitlinien abzuhaken und zum Alltag zurückzukehren, denn das reicht nicht", mahnte der Prediger. "Worauf es wirklich ankommt, ist die Reinheit des Herzens." Ein Hoffnungszeichen sei, dass die Kirche in vielen Ländern dieser Erde inzwischen die führende Verteidigerin der Kinderrechte sei.

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