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29.07.2016
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Professor Matthias Sellmann

Professor Matthias Sellmann

Interview mit Professor Matthias Sellmann

Pastoraltheologe: Gemeinden nicht experimentierfreudig

Bistum / Bochum. Welche Zukunft hat die Kirche in Deutschland? Welche Form braucht die Kirche "in dieser Welt"? Und kann sie das leisten – personell und strukturell, womöglich ohne die Pfarreien heutigen Typs? Selbst gestandenen Seelsorgern – zuletzt dem münsterschen Priesterrats-Moderator Thomas Frings – kommt die Perspektive abhanden. kirchensite.de hat einen Pastoraltheologen um seine Einschätzung gebeten: Professor Matthias Sellmann von der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bochum.

kirchensite.de: "Dienst" ist ein großes und wichtiges Wort im Selbstverständnis der Kirche. Sind unsere Seelsorger, sind unsere Gemeinden gute Dienstleister?

Professor Matthias Sellmann: Die Sache mit der christlich inspirierten Gemeinschaft ist zugleich einfach wie anspruchsvoll: Gott ist es ja, der für uns nützlich sein möchte. Er hat ein Lebensangebot, ein Kraftangebot, das es in sich hat und das unvergleichlich ist. Hier liegt die Power, die eigene kleine und die große Welt zu verwandeln.

Allerdings gibt es eine interessante Beobachtung: Gott bindet die Erfahrbarkeit und auch die Nutzbarkeit dieser Kraft sehr gern an die Tatsache, dass ich zusammen mit anderen den Resonanzraum für sein Wirken aufbaue. Gott will auf andere zugehen, indem er sich durch unsere Gemeinschaft bezeugt. Und das ist je glaubwürdiger, je weniger wir einander ausgesucht haben.

Darum hat eine christliche Gemeinde auch nur wenig mit Freundschaft, Heimat, Kameradschaft und Zuneigung zu tun. Wo Gemeinden ein "Club" werden, bleiben sie wertvoll – aber es sind sozusagen Autos, die in der Garage bleiben. Sie erbringen nicht mehr die Dienstleistung, für die sie gebaut wurden.

kirchensite.de: Die Gemeinde ist auch ein Ort der Zusammenkunft der Gläubigen, eine Gemeinschaft im Glauben. Ist das zu exklusiv gedacht? Entspricht das den Erwartungen und Anliegen der Menschen? Falls nicht – was wäre zu tun?

Sellmann: "Die" Gemeinde gibt es ja nicht. Das ist schon mal ganz wichtig. Der Begriff Gemeinde sollte vielfältiger verstanden werden als bisher. In letzter Zeit sprechen wir etwa von Kirch-Orten: Warum sollte man nicht auch Kindergärten, Sozialstationen, Pilger-Events oder auch Abende in Kneipen als Kirch-Orte, als Gemeinden verstehen? Das ist kein Gegenmodell zu den klassischen Formen der territorialen Gemeinde, sondern eine Ergänzung und Erweiterung.

Man muss aber sagen: Gäbe es die klassische Territorialgemeinde nicht – man müsste sie erfinden. Die Idee, sich als Christen im Wohnort-Nahraum zu versammeln und in diesem die Präsenz Gottes zu bezeugen (Stichwort "martyria"), zu feiern ("liturgia") und dreidimensional zu verwirklichen ("diakonia"), die ist unschlagbar.

Unsere Zivilgesellschaften benötigen solche Infrastrukturen der nahräumlichen und kleinteiligen Verantwortlichkeit. Die hohe Leistungskraft solcher Infrastrukturen sieht man ja in der Hilfe für die Geflüchteten sehr gut. Allerdings gilt immer: Gemeinde ist man für andere, nie für sich selbst.

kirchensite.de: Der Paderborner Pastoraltheologe Herbert Haslinger beklagt, die pastoralen Großstrukturen in ihrer derzeitigen Form "zerstören die Grundlage für das, was die genuine Aufgabe der Kirche ist, nämlich Seelsorge". Wie sehen Sie das?

Sellmann: Das sehe ich ganz anders als mein Kollege, den ich sehr schätze. Zwar stimme ich zu, dass Seelsorge eine genuine Aufgabe von Kirche ist, und auch, dass das sehr gut und professionell organisiert werden muss. Meine Kritik geht aber auf das Gemeindemodell klassisch-volkskirchlichen Typs, nicht auf die Reformen. Leider findet doch eine plurale, innovative und an das Leben möglichst aller Leute im Raum der Gemeinde angepasste Seelsorge gar nicht statt!

Ich stelle nüchtern fest, dass das überkommene Modell gemeindlichen Lebens gerade nicht davon geprägt ist, über sich hinaus zu gehen und für alle Menschen, welchen Milieus auch immer, die passgenaue Möglichkeit von Seelsorge bereitzuhalten. Wir vom Bochumer "Zentrum für angewandte Pastoralforschung" haben das in vielen Projekten in über zehn Diözesen analysiert: Viele Gemeinden kreisen um sich selbst, strotzen vor Anspruchshaltungen, sind nicht experimentierfreudig, sondern an Betriebsabläufen orientiert, sind sehr milieuverengt und transportieren ein Schema von pastoraler Versorgung, das immer mehr Menschen – auch Hauptamtlichen übrigens - nicht zusagt.

Übrigens stimmt mich auch sehr nachdenklich, dass in vielen Gemeinden "klassischen Typs" der Verlust von Priestern beklagt wird. Mir fehlt aber oft die Selbstreflexion, ob man eigentlich selbst alles dafür tut, für potenzielle Priester ein attraktiver und berufungsstützender Ort zu sein.

Ist man ein Ort, der die Lebensform des Zölibats stützt? Ist man ein Ort, an dem der Priester nicht mit gruppenegoistischen Ansprüchen überladen wird? Ist man ein Ort, an dem man das eigene Christsein nicht davon abhängig macht, wie der Priester sein Christsein lebt?

Die Strukturreformen waren aus vielen Gründen notwendig, nicht nur aus finanziellen. Es ist einfach Zeit für neue und erwachsene Formen des Christseins.

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