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Seite: Fragen + Glauben
10.12.2016
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Bibel.

Die Bibel.

Bibelarbeit zu "Glaubensbekenntnisse" im Urchristentum

"Auf den Punkt gebracht"

1. Wer’s glaubt, wird selig, …

... und wer’s nicht glaubt, kommt auch in den Himmel! Diese etwas flapsige Redensart begegnet im Alltag gerne dann, wenn der eigene vehemente Unglaube einer Aussage oder Behauptung gegenüber zum Ausdruck gebracht werden soll. Quintessenz: Das nehme ich dir auf keinen Fall ab – und das hat für mein "Seelenheil" im weitesten Sinne auch gar keine Relevanz. Alltägliche Anwendungsbeispiele: die Wettervorhersage oder der Tipp unter Freunden mit Blick auf das Lokalderby, wenn die Freunde Anhänger der beiden konkurrierenden Mannschaften sind.

Für die frühen Christen wäre mit Blick auf die entscheidenden Glaubensinhalte die erste Hälfte der Redensart fraglos klar, die zweite Hälfte würde vermutlich auf ebenso viel Unverständnis stoßen. Wenn der johanneische Jesus Marta nach ihrem Glauben fragt (Joh 11,25f.), so ist es eben nicht einerlei, ob sie mit Ja oder mit Nein antwortet (Joh 11,27). Und von der Antwort hängt ihr "Seelenheil" (jetzt in einem engeren Sinne verstanden) ab. Auch Paulus sieht es so: "Denn wenn du bekennst in deinem Mund als Herrn Jesus und glaubst in deinem Herzen, dass Gott ihn erweckte aus Toten, wirst du gerettet werden" (Röm 10,9).

Der Glaube, und zwar der "richtige", ist entscheidend für das Geschick des Menschen und sein Heil/seine Rettung und von daher ist Flapsigkeit in diesem Punkte völlig fehl am Platz. Wenn es um urchristliche "Glaubensbekenntnisse" geht, wie sie uns in den neutestamentlichen Schriften an einzelnen Stellen begegnen, dann heißt es sich zu entscheiden und in der Folge zu glauben – hoffentlich "richtig". Diese Kurzformeln des Glaubens bringen aber nicht nur auf den Punkt, was "richtigerweise" zu glauben ist, sondern sie erfüllen auch in sozialer Hinsicht wichtige Funktionen, was uns heutzutage vermutlich auf einen ersten Blick gar nicht mehr so bewusst ist.

2. Mehr als "nur" Bekenntnis: Zur Funktionalität eines Credos

Wenn wir heute das Credo sprechen, dann ist das für uns in aller Regel zunächst ein Teil der Eucharistiefeier, der sich zwischen Predigt und Fürbitten in den Ritus einordnet. Etwas, das einfach dazugehört. Etwas, in dem wir, zumindest wenn wir es bewusst tun, den Glauben der Kirche zum Ausdruck bringen und damit – wenn wir ehrlich sind – auch etwas, aber möglicherweise nicht alles von unserem eigenen Glauben bekennen.

Den Glauben der Kirche und damit einer Gruppe von Menschen ins Wort zu bringen – das ist die Grundfunktion des Credos. Es ist wie eine knappe, in einem längeren historischen Prozess des Ringens um den rechten Glauben entstandene Zusammenfassung dessen, von dem die Gruppe inhaltlich überzeugt ist, was sie glaubt und für wahr erachtet, woran sie ihr Herz hängt und worauf sie hoffend baut. Im Credo werden normative Glaubensinhalte, die für alle Gruppenmitglieder letztlich verpflichtend sind, fixiert. Das Credo definiert also ein Element von dem, was die Gruppe im Inneren zusammenhält.

Als Bekenntnis normativer Glaubensinhalte wirkt ein Credo zugleich gemeinschaftsstiftend. Es führt die zusammen, die einen gemeinsamen Glauben teilen. Beim gemeinsamen Bekenntnis erlebt sich die Gruppe als Gruppe. Das Credo – auch das ist eine seiner Funktionen, nämlich seine soziale – schafft also eine Wir-Identität. Dazu gehört freilich auch ein abgrenzendes Moment. Denn das Credo grenzt auch aus, und zwar all diejenigen, die den Inhalt des Credos eben nicht teilen oder sich zu einem anderen Credo bekennen. Es produziert also Gruppenidentität durch Inklusion und Exklusion.

Schließlich bietet ein Credo auch Orientierung auf dem Markt des religiösen Angebots. Das kann durchaus als Einladung verstanden werden. Zugleich kann das Credo zur Differenzierung und Positionierung im Diskurs über und im Streit zwischen religiösen Wahrheits- und Geltungsansprüchen und den sie tragenden Gruppen dienen.

3. Urchristliche / biblische Glaubensbekenntnisse – Exemplarische Einblicke

Die vorstehend angeführten Funktionen erfüllen auch die ins NT an der ein oder anderen Stelle eingegangenen "Glaubensbekenntnisse", von denen im Folgenden vier exemplarisch herausgegriffen und genauer betrachtet werden sollen. Am Anfang steht ein Tauflied (Gal 3/1 Kor 12) im Fokus, das auf den Punkt bringt, was Taufe bedeutet bzw. bedeuten kann. Als Zweites wird der Christos-Titel im Kontext des sog. Petrusbekenntnisses unter die Lupe genommen. Mit dem Christos-Titel kann ein grundlegendes Bekenntnis in einer Kürzestformel ausgedrückt werden, doch wird dies urchristlich mit einem "Warnhinweis" versehen: Missverständnisse sind nämlich nicht ausgeschlossen. Den zentralen Glaubensinhalt der Auferweckung Jesu von den Toten brachten die ersten Christen oft formelhaft ins Wort, entsprechend wird als drittes Beispiel der Blick auf die traditionsgeschichtlich alte Auferweckungs-/Auferstehungsformel geworfen. Und schlussendlich wird mit 1 Tim 3,16 ein längerer Christus-Hymnus mit Bekenntnischarakter beleuchtet.

3.1. Das Tauflied von Gal 3 und 1 Kor 12: Vision einer neuen Lebenswirklichkeit

In die urchristliche Taufliturgie und in eine Frühphase des Urchristentums führt uns ein für das Verständnis vor allem paulinischer Theologie zentrales Tauflied. Es findet sich mindestens an zwei Stellen im NT: Gal 3,28 und 1 Kor 12,13 (ähnlich auch Kol 3,11). In beiden Fällen handelt es sich um Briefe des Paulus, die er um 55 n. Chr. verfasst hat. Die Formel selbst dürfte älter sein. Inhaltlich drückt sie etwas Ungeheuerliches aus. Sie gehört mit zu den radikalsten Aussagen des ganzen NT. Schauen wir zunächst auf die Texte, die an entscheidender Stelle deutliche Parallelen aufweisen, aber nicht einfach identisch sind (in der Übersetzung des Münchener Neuen Testaments).

Gal 3,26–28
Begründende Eröffnung: 26 Denn alle seid ihr Söhne Gottes durch den Glauben in Christos Jesus;
Taufkontext: 27 denn wie viele ihr auf Christos getauft wurdet, Christos zogt ihr an.
Formel: 28 Nicht ist Judaier und nicht Hellene, nicht ist Sklave und nicht Freier, nicht ist männlichund weiblich;
Abschließende Aussage im Blick auf "alle": denn alle seid ihr einer in Christos Jesus.

1 Kor 12,12f.
Begründende Eröffnung: 12 Denn gleichwie der Leib einer ist und viele Glieder hat, alle Glieder aber des Leibes, obwohl viele, ein Leib sind, so auch der Christos;
Taufkontext: 13 denn auch in einem Geist wurden wir alle in einen Leib getauft,
Formel: seien es Judaier, seien es Hellenen, seien es Sklaven, seien es Freie,
Abschließende Aussage im Blick auf "alle": und alle wurden wir mit einem Geist getränkt.

Typisch ist die parallele Struktur, die den formelhaften Charakter ausmacht und den Text leicht eingängig macht. Besonders gut lässt sich das an Gal 3,26–28 zeigen. Der Text wird zunächst durch "alle seid ihr" in V. 26 und V. 28 gerahmt. Im Zentrum steht dadurch die Taufaussage, die durch eine dreigliedrige, sehr parallel gestaltete Formel komplettiert wird. In dieser Formel werden jeweils paarweise zwei Subjekte miteinander verbunden (zum Fehlen des dritten Gliedes der Formel in 1 Kor 12 siehe unten). Aus dem unmittelbaren literarischen Kontext, in dem die Formel in beiden Fällen steht, wird auch klar, dass sie ihren Sitz im Leben (= typische Verwendungssituation) in der urchristlichen Taufliturgie hat. In beiden Briefen wird das unmittelbar vor der Zitation der Formel ausgedrückt. Vermutlich wird sie dem Täufling im Rahmen des Ritus zugesagt oder von ihm gesprochen. Sie bezeichnet – und damit kommen wir zur inhaltlichen Bedeutung des Taufliedes – eine Wirkung der Taufe, die so Gal 3,27 ja bereits geschehen ist (ihr wurdet auf Christus getauft). Diese Wirkung wird zunächst spezifisch in den drei Gliedern der Formel ausgedrückt und zu dieser Wirkung wird sich bei der Taufe bekannt. Durch die Taufe werden die normalen religiösen, sozialen wie geschlechtsrollentypischen Unterschiede ausgehebelt. Die Differenz zwischen beschnittenen Juden und unbeschnittenen Heiden (Hellenen) wird genauso nivelliert wie der Statusunterschied zwischen Sklaven und Freien bzw. zwischen Frauen und Männern. Das ist in einer antiken Gesellschaft eine höchst radikale Aussage. Denn auf der Differenz zwischen Nationen und Religionen, Männern und Frauen, Armen und Reichen, Abhängigen und Mächtigen ist das ganze Gesellschaftssystem gegründet. Und all das soll durch die Taufe keine Rolle mehr spielen. Denn, so die abschließende christologisch-ekklesiologisch verallgemeinernde Aussage, "alle seid ihr einer in Christus Jesus." Diese neue Einheit durchkreuzt das normale gesellschaftliche Koordinatensystem.

Und das ist nicht nur fromme Theorie. Denn was in der Formel bekannt und damit geglaubt wird, eben die konkreten Auswirkungen der Taufe, das wird in der paulinischen Welt mit konkretem Leben gefüllt und verändert die Lebenspraxis in der Christengemeinde und damit (hoffentlich) auch im sonstigen Alltag. An drei Beispielen lässt sich das kurz aufzeigen.

Nicht Jude und nicht Hellene

An die Auswirkungen des "nicht Jude und nicht Hellene" haben wir uns schon so sehr gewöhnt, dass uns die Radikalität dieser Formel heutzutage gar nicht mehr bewusst ist. Dabei geht es um etwas ganz Zentrales. Denn die Jesusbewegung hat ihre Wurzeln im Judentum. Jesus und seine ersten Schülerinnen und Schüler stammen aus dem Judentum. Und auch Paulus ist Jude. Die urchristliche Bewegung war am Anfang eine religiöse Gruppe innerhalb des Judentums. Und wer Mitglied dieser Gruppe werden wollte, der musste zum Judentum übertreten – mit allen Konsequenzen. Namentlich galt das für die Beschneidung der männlichen Vorhaut, die Speisegebote und auch für alle anderen Anweisungen der Tora. Genau das wurde aber schon in der Anfangsphase der Ausbreitung des Christentums zum Problem. Denn diese Hürde war vielen am Christentum Interessierten, die aus der heidnischen Welt stammten, zu hoch. Die Speisegebote und vor allem auch die Beschneidung hätten diese christgläubigen Heiden aus ihren gewohnten Lebenszusammenhängen herausgerissen. Deshalb schreckten sie vor einem Eintritt in die christliche Bewegung und damit in das jüdische Gottesvolk zurück. Es ist eine der ersten großen theologischen Leistungen des Urchristentums, dieses Problem erkannt und einer Lösung zugeführt zu haben. Man nennt sie "beschneidungsfreie Heidenmission". Vermutlich im Umfeld der syrischen Stadt Antiochia entscheiden sich Christen dazu, Heiden in das Gottesvolk ohne Beschneidung aufzunehmen. Sie ändern also die Zugangsbedingungen. Paulus wird im NT zu einem der Vorreiter dieser neuen Missionspraxis. Und genau diese neue Praxis drückt sich im ersten Teil des Taufliedes aus: Durch die Taufe wird der Unterschied zwischen Juden und Heiden aufgehoben. Getaufte, unbeschnittene Heiden sind genauso Teil des Gottesvolkes wie beschnittene Juden. Die Taufe wird damit zum Initiationsritual und ersetzt für Heiden das Beschneidungsritual. Entscheidend für die Gruppenzugehörigkeit ist der gemeinsame Glaube. Das war im Urchristentum eine radikale Entscheidung, die hoch umstritten war, leidenschaftlich bekämpft und mit Herzblut verteidigt wurde und schließlich auf dem Aposteltreffen von Jerusalem (um 49 n. Chr.) offiziell verhandelt wurde. Von diesem Streit und der sich durchsetzenden Lösung erzählen (mit deutlichen Unterschieden) Lukas in Apg 15 und Paulus in Gal 2. Durchgesetzt hat sich die Option für die beschneidungsfreie Heidenmission. Und diese Option, die das Tauflied mit "nicht Jude und nicht Hellene" ausdrückt, wirkt bis heute fort.

Nicht Sklave und nicht Freier

Um das Verhältnis von Sklaven und Freien in der christlichen Gemeinde geht es exemplarisch im Philemonbrief des Paulus, der um 55 oder 60 n. Chr. verfasst worden ist (vgl. zu den genaueren Hintergründen unsere Bibelarbeit unter: kirchensite.de/fragen-glauben/news/datum/2010/08/31/paulus-und-onesimus-freundschaft-die-grenzen-sprengt/). Die Quintessenz dieses Briefes besteht in der Lösung eines Problems zwischen einem Sklaven namens Onesimus und seinem Besitzer Philemon. An Letzteren richtet sich der Brief. Philemon ist ein offensichtlich reicher Hausbesitzer (V. 2), der über mindestens einen Sklaven verfügt. Und: Philemon ist Christ und mit Paulus bekannt. Diesem Philemon ist aus uns unbekannten Gründen sein Sklave Onesimus abhanden gekommen. Er ist geflohen – und zwar zu Paulus, bei dem er sich aktuell befindet. Und auch Onesimus wird Christ und getauft. Paulus sendet nun Onesimus an Philemon zurück und lässt ihn dabei einen Brief überbringen, eben jenen Philemonbrief des NT. Dieser Brief enthält für Philemon eine radikale Aufforderung, die einer Umsetzung des "nicht Sklave und nicht Freier" entspricht. Denn Philemon soll seinen Sklaven nicht mehr wie einen Sklaven behandeln und betrachten, "sondern, über einen Sklaven (hinaus), als geliebten Bruder" (V. 16). Aus Herren und Sklaven werden durch die Taufe also gleichrangige Brüder. Ob Philemon dieser deutlichen Aufforderung des Paulus nachgekommen ist, wissen wir nicht. Wenn er Onesimus als Bruder brüderlich in sein Haus aufgenommen hat, dann hat das Tauflied tatsächlich die Lebensrealität der beiden radikal verändert.

Nicht männlich und weiblich

Die Taufe soll schließlich auch den Unterschied zwischen den Geschlechtern aufheben. Dabei denkt Paulus ganz sicher nicht an den biologischen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Der bleibt für ihn bestehen. Ihm geht es vielmehr um die soziologischen und damit den Alltag strukturierenden Unterschiede, die aus dem Mann-Sein und dem Frau-Sein erwachsen. Sehr verallgemeinert gesprochen herrschte in der griechisch-römischen Antike ein Patriarchat, das Frauen latent bis ausgeprägt Männern unterordnete und ihnen eine Rolle im Haus und nicht in der Öffentlichkeit zuwies. Durchforstet man die echten Paulusbriefe nun auf die Beteiligung von Frauen am öffentlichen Gemeindealltag, so findet man einige überraschende Textdetails, die auf in der Öffentlichkeit aktive Frauen hinweisen. Drei seien genannt:

  • In Röm 16,1f. wird mit Phöbe eine Diakonin genannt, die offenbar als weiblicher Gemeindevorstand in Kenchreä bei Korinth agiert und die in eigener Autorität auf dem Weg nach Rom zu sein scheint.
  • In Röm 16,3f.7 treffen wir auf missionierende Ehepaare, Priska und Aquila sowie Andronikus und Junia, die als Zweierteams die urchristliche Welt durcheilen. Dabei werden Andronikus und Junia beide mit dem Aposteltitel ausgezeichnet. Und bei Priska und Aquila wird die Frau überraschenderweise als erste genannt. Gibt sie in diesem Team den Ton an?
  • In 1 Kor 11,4f. erfahren wir, dass Männer und Frauen unterschiedslos in der Öffentlichkeit des Gemeindegottesdienstes von Korinth beten und prophezeien, also laut sprechen können und dürfen.

Das ist in der Antike, in der die Geschlechtsrollen (mit allen Randunschärfen, die generalisierende Aussagen immer mit sich bringen) doch relativ klar normiert waren, überraschend. Auch hier verändert die Taufe tatsächlich die gelebte Wirklichkeit.Summa: Das Tauflied aus der vorpaulinischen Tradition verändert tatsächlich die Lebensrealitäten innerhalb urchristlicher Gemeinden: Juden und unbeschnittene Heiden können gemeinsam Teil des Gottesvolkes sein, aus Sklaven und Herren werden Brüder und aus Männern und Frauen werden gleichberechtigte Partner. Das Bekenntnis des Taufliedes bleibt keine hohle Phrase, sondern wird mit Leben gefüllt.Bleibt abschließend noch die Frage, warum Paulus in 1 Kor 12,13 die Formel verkürzt zitiert und hier die Unterschiedslosigkeit der Geschlechter nicht ausdrücklich ins Wort bringt. Auch das lässt sich erklären. Denn in der korinthischen Gemeinde wittert Paulus ein Missverständnis der Taufformel, dessen Auswirkungen er in 1 Kor 11,2–16 scharf bekämpft. Offensichtlich haben die Mitglieder der korinthischen Gemeinde, die die Formel sicherlich in ihrer Langform kannten, die Aufhebung der Kategorie "männlich/weiblich" höchst eigenwillig in eine neue Lebenspraxis umgesetzt. Ein Indiz dafür liefert eben 1 Kor 11,2–16 In diesem letztlich schwer zu interpretierenden und in der Exegese umstrittenen Abschnitt des Briefes geht es unseres Erachtens um ein im Wortsinne "haariges" Problem: "Haartrachtsanomalien". Die Frisur war in der griechisch-römischen Antike nämlich streng gesellschaftlich kodiert. Männer trugen kurzes Haar und Frauen langes, ordentlich drapiertes. Abweichungen von diesen Vorgaben galten als gesellschaftlich anrüchig und weckten den Verdacht von sexueller Ausschweifung, Homosexualität oder Transsexualität. Eine solch provokante Verletzung der Haartrachtskonventionen scheint es in Korinth gegeben zu haben, die Paulus mit einem ganzen Bündel von Argumenten in 1 Kor 11,2–16 bekämpft. Offensichtlich haben einige Frauen der korinthischen Gemeinde nämlich beschlossen, ihre Haare nach Männerart kurz zu tragen, während manche Männer das Haupthaar wohl lang wachsen ließen. Denkbar ist dabei, dass es sich um eine Anwendung der Taufformel mit ihrer Aufhebung der Kategorien "männlich/weiblich" handelt. Durch die Taufe sahen sich manche Glieder der korinthischen Gemeinde zu einer solchen Praxis ermächtigt. Dem will Paulus keinerlei Vorschub leisten und verzichtet angesichts der Fehlinterpretation der Taufformel in 1 Kor 12,13 auf besagten Teil der Formel. Die Sache ist ihm zu heikel, will er doch die Christengemeinde von jedem Verdacht allzu freizügiger Lebensformen frei halten.

3.2. "Du bist der Christos!" – Ja, aber ...: Ein Bekenntnis mit Tücken

Das zweite unserer Beispiele aus der Welt der urchristlichen "Glaubensbekenntnisse" mag überraschen, wird es doch heutzutage vielfach auf einen ersten Blick gar nicht mehr als "Glaubensbekenntnis" erkannt: Jesus Christus (Christos) wird oft als eine Art "Doppelname" verstanden. Dass Jesus der Eigenname ist und mit "Christos" ein tituläres Kürzestbekenntnis abgelegt wird, steht oft nicht vor Augen. Diese Entwicklung, das "Abschleifen" der titularen Bedeutung von Christos, beginnt bereits in der Antike und zeitigt auch im NT Spuren. Hinzukommt, dass heidnische Schriftsteller, die über Jesus schreiben, die bedeutsame Differenz zwischen Jesus und Christos überhaupt nicht nachvollziehen können, da sie nicht über den zum Verständnis erforderlichen jüdischen Hintergrund verfügen. So erklärt sich, dass die römischen Historiker Tacitus (Ann XV 44,3) und Sueton (Claud 25,4) Christos wie einen Eigennamen verwenden, wohingegen der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus genau zu unterscheiden weiß (Ant 18,63f.): Er spricht einerseits von "Jesus" (Eigenname) und andererseits davon, dass dieser "Christos war" (Titel).

Doch welches Glaubensbekenntnis drückt sich hierin aus? Der Titel "Christos", der übersetzt "der Gesalbte" bedeutet, geht auf den hebräischen Titel "Messias" zurück. Während im hellenistischen Raum bei "Salben" u. a. recht profan an Körperpflege und an Ringerschulen gedacht werden kann, ist "Salben" im jüdisch-alttestamentlichen Verständnis oft ein höchst bedeutsamer Vorgang: Gesalbt werden in erster Linie Könige, allen voran Saul (1 Sam 10,1), David (1 Sam 16,13; 2 Sam 2,4; 2 Sam 5,3) und Salomo (1 Kön 1,39). Daneben finden sich auch Zeugnisse für die Salbung von Propheten und (Hohe-)Priestern, doch zentral ist die Salbung des neuen Herrschers. Durch die Salbung wird der Herrscher gewissermaßen dem profanen Bereich enthoben, gleichzeitig ist dabei vermutlich auch an eine Stärkung gedacht. Auf alle Fälle zeichnet die Salbung den König aus und hebt ihn vor den anderen Menschen hervor (vgl. z. B. Ps 45,8). "Gesalbter des Herrn" verweist somit – jüdisch-alttestamentlich informiert – eindeutig auf den König, und wer den Herrscher entsprechend anspricht, bekennt sich zu ihm als Herrscher, anerkennt ihn als solchen und ordnet sich selbst gleichzeitig dessen Macht unter. Das markiert gerade bei konkurrierenden Machtansprüchen die entscheidende eigene Positionierung: Auf wessen Seite stehe ich?

Ausgehend von 2 Sam 7,12–16, der Verheißung des ewigen Bestandes des davidischen Königtums, entwickelte sich jüdischerseits gerade in der Zeit des babylonischen Exils (586–538 v. Chr.) und danach – u. a. angesichts dessen, dass das Land sowie der Königsthron verloren gegangen waren, – die Vorstellung, dass am Ende der Zeiten ein König als Nachfolger Davids machtvoll die Herrschaft über das Volk Israel übernehmen und es von allen Bedrängern und Feinden befreien werde (vgl. z. B. PsSal 17) – es wird ein eschatologisch-endzeitlicher "Gesalbter" (Messias/Christos) erwartet, erhofft, erfleht. Dabei sind die damit verbundenen Vorstellungen im Einzelnen unterschiedlich, verbindend ist die Wiederherstellung des davidischen Königsthrons.

Die jüdischen Zeitgenossen Jesu kannten diese Vorstellungen, sie warteten auf diesen Messias/Christos, von dem im 1. Jh. n. Chr. v. a. die Beseitigung der lästigen Besatzung und Unterdrückung durch die Römer erhofft wurde. Diese Hoffnung wurde ab und an ganz stark mit einzelnen Persönlichkeiten verbunden, so z. B. 132–135 n. Chr. mit Bar Kochba ("Sternensohn"), dessen Aufstand gegen die Römer jedoch schlussendlich erfolglos blieb, was ihm in manchen Traditionen den Spottnamen "Bar Koseba" ("Lügensohn") einbrachte.

Ob Jesus sich selbst als "Gesalbter" verstanden oder gar bezeichnet oder inszeniert (vgl. z. B. Mk 11,1¬–10) hat, ist umstritten – insgesamt aber doch eher unwahrscheinlich. Für Jesu jüdische Anhänger jedoch konnte ihr Grundbekenntnis zu Jesus als Gottessohn und Retter und Heilsbringer grundsätzlich treffend mit dem Christos-Titel auf den Punkt gebracht werden – mit einem großen Haken: Dieser Jesus war so ganz und gar nicht als der machtvolle König aufgetreten, der politisch das Königreich Davids wiederherstellte. Dieser Jesus war vielmehr zwar als "König" gestorben, aber eben als "König" am Kreuz (Mk 15). Das war ein entscheidend anderer Akzent als in der "klassischen" Messiasvorstellung vorgesehen. Vielleicht ist dies auch der Grund, warum dem Christos-Titel in den neutestamentlichen Schriften z. T. mit größeren Vorbehalten begegnet wird.

Bestes Beispiel dafür: das sog. Petrusbekenntnis in Mk 8,27–33. Am Wendepunkt in der Gesamtkomposition des MkEv (siehe Infokasten unter 3.2.), bei Caesarea Philippi, einem der nördlichsten Punkte, den Jesus aufsucht, wird Petrus eines der zentralen Bekenntnisse des MkEv in den Mund gelegt: "Du bist der Christos!" (Mk 8,29). Damit positionieren sich Petrus und die Jüngerschar, und wir mit ihnen, wenn wir in das Bekenntnis einstimmen. Wir anerkennen Jesus als Herrscher! Und damit geraten die frühen Christen in eine Opposition, die ihnen den Kopf kosten kann: nämlich zum Kaiser in Rom, dem nach eigenem Selbstverständnis einen und einzigen Oberherrscher im 1. Jh. n. Chr. Wohl nicht ohne Grund und wohl auch nicht ohne Hintergedanken verortet das MkEv dieses Bekenntnis bei Caesarea Philippi, einem Ort, der den Kaiser bereits im Ortsnamen führt. Damit wird die politische Brisanz dieses lapidaren Satzes "Du bist der Christos!" einmal mehr unterstrichen. Zudem soll es in/bei Caesarea Philippi einen wichtigen Kaiserkulttempel gegeben haben, d. h. hier wird ausdrücklich der Kult des Kaisers als Heilsbringer der ganzen Nation, ja des gesamten Erdkreises gepflegt. Ein eindeutigerer, in Marmor gemeißelter Herrschaftsanspruch ist kaum vorstellbar. In der Nähe dieses Ortes ein Bekenntnis zu Jesus als Christos auszusprechen, bedeutet gleichzeitig auf Konfrontation mit dem (vor-)herrschenden Machtsystem des Kaisers zu gehen und eine steile Gegenbehauptung zu wagen: Jesus ist der wahre Herr der Welt!

Doch folgt in Mk 8 der "Warnhinweis" auf dem Fuß: Nicht nur, dass dieses Bekenntnis nicht weiterverbreitet werden soll (Mk 8,30: Jesus fährt seine Jünger – ruppig – an), sondern unmittelbar danach wird auch Petrus kräftig über den Mund gefahren (erneut "anfahren"). Gerade noch glänzte er mit dem 1A-Bekenntnis zu Jesus als Christos, schon wird er als "Satan" zurechtgewiesen (Mk 8,33). Und das alles nur, weil Petrus die von Jesus angekündigten Leiden, die ihm selbst in Jerusalem bevorstehen, nicht hinnehmen will (Mk 8,32: auch hier findet sich die Vokabel "anfahren", bereits das dritte Vorkommen in unserem kurzen Stück). In der Person des Petrus dürften sich all diejenigen wiedererkennen – damals wie heute –, die im Messias/Christos einen machtvollen politischen Herrscher erwarten und diese Vorstellung auf Jesus anwenden, die somit der triumphalistischen Versuchung erliegen. Demgegenüber betont das MkEv, dass dieser Jesus zwar durchaus als Christos bekannt werden kann und darf, aber eben als "anders" akzentuiert. Das Christos-Bekenntnis wird nur dann "richtig" ausgesprochen, wenn dieser Christos als der Gekreuzigte verstanden und anerkannt ist, wenn das Leiden und das Sterben am Kreuz nicht ausgeklammert werden, sondern wenn dies als zentraler Aspekt integriert ist. Das ist keine einfache Herausforderung, aber dies mutet das MkEv seinen Leserinnen und Lesern zu – bis heute. Und vor diesem Hintergrund dürfte es nu nicht überraschen, dass das zweite zentrale Bekenntnis im MkEv, das Gottessohn-Bekenntnis des Hauptmanns (Mk 15,39), genau dort erfolgt, wo ein triumphalistisches Missverständnis unmöglich ist: am und unter dem Kreuz, angesichts dessen, der mit einem lauten Schrei seinen Geist ausgehaucht hat.

Gesamtkomposition des MkEv
1,1–13: Wüste
1,14–8,21: Galiläa
8,22–26: Blindenheilung
8,27–10,45: Weg nach Jerusalem
10,46–52: Blindenheilung
11,1–15,41: Jerusalem
15,42–16,8: (leeres) Grab

3.3. Formelhaft zentrale Glaubensinhalte ins Wort gebracht – Ein- und mehrgliedrige Bekenntnisformeln

Der Christos-Titel, angewandt auf Jesus als Heilsbringer, ist urchristlich nicht denkbar ohne die Ostererfahrung im Hintergrund. Dieser Jesus von Nazaret ist eben nicht nur am Kreuz einen brutalen und schmachvollen Tod gestorben, sondern er ist von Gott aus dem Tod auferweckt worden. Gott hat ihn nicht im Tod gelassen. Schlussendlich triumphiert das Leben, die Chaosmacht "Tod" und das Grab haben nicht das letzte Wort. Dies stellt neben dem Bekenntnis zur Göttlichkeit Jesu (Jesus als Sohn Gottes) das zentrale und grundlegende Bekenntnis der frühen Christen dar. Die biblischen Quellen für diesen Osterglauben liegen in zwei grundsätzlich unterschiedlichen Formen vor: Da wäre zum einen die Erzähltradition (leeres Grab, Erscheinungen), zum anderen die Formeltradition.

Erstere ist die vermutlich heutzutage bekanntere Gattung. Die Erzähltraditionen begegnen in erster Linie in den Evangelien. Verbindend zwischen allen vier Evangelien: Frauen gehen zum Grab, finden aber den Leichnam Jesu nicht. Das Grab ist leer und es wird in allen Erzähltraditionen deutlich gemacht, dass das Grab deswegen leer ist, weil Jesus von den Toten auferstanden ist bzw. erweckt wurde – und nicht etwa, weil seine Jünger den Leichnam gestohlen haben. In Mt, Lk und Joh folgen noch Erscheinungserzählungen (bei Mk nur im sog. "sekundären Markusschluss" Mk 16,9–20, der nachträglich angefügt wurde), die dieses Bekenntnis untermauern. Rezeptionsgeschichtlich sind diese Erzählungen sehr wirksam geworden und u. a. auch ins christlich-kirchliche Liedgut eingegangen, vgl. z. B. "Das Grab ist leer, der Held erwacht …"

Die zweite Quelle des Osterglaubens, die Formeltradition, ist die vermutlich unbekanntere Gattung, doch haben wir es hier mit der traditionsgeschichtlich älteren Fassung zu tun. Bevor Erzählungen vom leeren Grab und von Erscheinungen des Auferstandenen im Urchristentum die Runde machten, wurde der zentrale Osterglaube kurz und prägnant mit Formeln zum Ausdruck gebracht. Zeugnisse hierfür finden sich vorrangig in den neutestamentlichen Briefen, v. a. bei Paulus. Diese summarischen Formeln dienen nicht etwa als Beweise, sondern sie bringen in äußerster Prägnanz auf den Punkt, dass an das erweckende und damit legitimierende Handeln Gottes in und an Jesus (Christos) geglaubt wird. Sie fokussieren auf das Geschehen. Hierbei begegnen unterschiedliche Akzentsetzungen, was sich in der Übersicht wie folgt darstellt:

  • Die eingliedrige Auferweckungsformel hat Gott zum Subjekt; Gott handelt an Jesus. Dies kann in einem Aussagesatz (z. B. 1 Kor 6,14; 15,15) oder in einem Relativsatz bzgl. Gott "Gott, der …" (z. B. Röm 4,24; Gal 1,1) oder in einem Relativsatz bzgl. Jesus "Jesus, den Gott …" (z. B. 1 Thess 1,10) ausgedrückt werden.
  • Bei der mehrgliedrigen Auferstehungs-/Auferweckungsformel (mit anderen Formeln kombiniert) begegnet meist Jesus als Subjekt: "Jesus ist gestorben (= Sterbensformel) und auferstanden" (z. B. 1 Thess 4,14); "[Jesus], der übergeben wurde wegen unserer Übertretungen (= Dahingabeformel) und erweckt wurde wegen unserer Gerechtsprechung" (z. B. Röm 4,25).

Diese Formeln bringen den basalen christlichen Glauben auf den Punkt.

An dieser Stelle ist zumindest kurz auf 1 Kor 15 einzugehen. Denn hier liegt in 1 Kor 15,3–5.(6–8) nach weitgehend übereinstimmender exegetischer Ansicht ein sehr altes Stück Glaubenstradition vor (das Ende des Traditionsmaterials ist umstritten). Es begegnet eine Kombination von Sterbeformel und Auferweckungsformel, wobei beide in den Schriften verankert und gewissermaßen mit einem "Bestätigungselement", das die Tatsächlichkeit des Geschehens betont, versehen werden:

1 Kor 15,3–5
V. 3: ...dass Christos starb (Sterbeformel) für unsere Sünden (Sinndeutung) nach den Schriften (Verankerung in Schriften)    V. 4: und dass er begraben wurde ("Bestätigung" (für Tod))
und dass er erweckt worden ist (Erweckungsformel) am dritten Tag (Zeitbestimmung) nach den Schriften (Verankerung in Schriften)
V. 5: und dass er erschien Kephas ... ("Bestätigung" (für Auferstehung))

Mit diesen formelhaften Glaubensbekenntnissen kommen wir zeitlich so nahe an die gründenden Ursprungsereignisse des Christentums heran, wie mit keinem anderen Traditionsgut. Und diese Bekenntnisformeln bringen sowohl die Bedeutung der zentralen Heilsereignisse als auch ihre Faktizität auf den Punkt. Dass die gläubige Haltung diesen Formeln gegenüber alles andere als eine Nebensächlichkeit ist, ist in der Einleitung (s. o. 1.) unter Bezugnahme auf Röm 10,9 bereits en passant eingeflossen: Hieran entscheidet sich mein Heil, die eigene Haltung zu den Formeln ist heilsrelevant!

3.4. Das "Mysterium der Frömmigkeit" von 1 Tim 3,16: Ein Christushymnus mit Bekenntnischarakter

Unser letztes Beispiel führt in die Welt der Pastoralbriefe des NT. Gemeint ist im konkreten Fall der 1. Timotheusbrief und hier speziell 1 Tim 3,16. Gemeinsam mit dem 2. Timotheus- und dem Titusbrief bildet 1 Tim die Gruppe der Tritopaulinen oder Pastoralbriefe. Obwohl Paulus als Absender und damit Verfasser der Briefe genannt wird, handelt es sich doch nicht im eigentlichen Sinne um Paulusbriefe. Die drei Briefe stammen, so eine gut begründete exegetische These, vom Ende des 1. Jh. n. Chr. Sie datieren also in eine Zeit, in der Paulus bereits verstorben ist. Und doch lassen urchristliche Autoren Paulus literarisch wieder auftreten und als äußerst umtriebigen Briefautor agieren. Pseudepigraphie nennt man das auch.

Pseudepigraphie ist der Fachbegriff für ein literarisches Phänomen, das sich leicht erklären lässt: Wenn etwa die beiden Autoren dieser Bibelarbeit ihren Text verfasst hätten und ihn dann unter dem Namen Felix Genn bei der Kirchensite veröffentlicht hätten, dann wäre das ein Beispiel für eine (fraglos anmaßende) Pseudepigraphie, die der Redaktion der Kirchensite gewiss aufgefallen wäre. Bei der Pseudepigraphie wird also ein eigener Text unter einem fremden Namen veröffentlicht. Und – das ist entscheidend – dieser fremde Name ist der Name einer bekannten Größe. Es handelt sich also nicht einfach um ein Pseudonym etwa im Sinne eines Künstlernamens. Bei der Pseudepigraphie legt man vielmehr einer bekannten, möglichst bereits verstorbenen Persönlichkeit die eigenen Worte in den Mund. Das ist bei einer Reihe der "Paulusbriefe" des NT der Fall. Uns namentlich unbekannte Autoren verfassen Briefe und geben Paulus (und weitere urchristliche Autoritäten) als Absender der Briefe an. Das gilt nach exegetischer Mehrheitsmeinung für 2 Thess, Eph, Kol, 1+2 Tim und Tit. Der Nutzen solcher Pseudepigraphie – zumindest derjenigen, die täuschen will und nicht als erkennbare literarische Fiktion geschrieben ist (auch solche Fälle gibt es in der Antike), – liegt auf der Hand: Eigene Überzeugungen und inhaltliche Optionen lassen sich unter dem Namen einer anerkannten Autorität einfach besser vermitteln. Mit ihr im Rücken gewinnen sie an Gewicht und haben größere Chancen, sich durchzusetzen. Das alles funktioniert freilich nur, wenn die Pseudepigraphie nicht enttarnt wird. Das Gegenstück zur Pseudepigraphie stellt im Übrigen das Plagiat dar, von dem in den letzten Jahren im Zuge mancher echter oder vermeintlicher Politikskandale häufiger die Rede war. Denn beim Plagiat werden fremde Gedanken als eigene ausgegeben, wird sich also Autor- und Urheberschaft für fremdes Gut angemaßt. Das passiert bei der Pseudepigraphie gerade nicht.

Auch der erste Brief an Timotheus ist ein solch pseudepigraphes Schreiben. Er wird auf etwa 100 n. Chr., von manchen Exegeten sogar auf um 140 n. Chr. datiert. In ihm richtet sich "Pseudo-Paulus" an Timotheus und gibt ihm eine Fülle von Ratschlägen und Anweisungen an die Hand. Sie dienen u. a. dazu, das Leben in der christlichen Gemeinde zu ordnen und beinahe amtlich zu strukturieren. Am Ende eines längeren Abschnittes von Anweisungen, die sich auf die Ordnung in der Gemeinde beziehen (2,1–3,16), findet sich nun der uns interessierende Text. Es handelt sich um eine kleine Glaubensformel, die Etappen aus dem Leben Jesu, der frühen Christen und der Bedeutung Jesu für die Menschen auf den Punkt bringt und offensichtlich als christologische Basis für das Vorausgehende gedacht ist, auch wenn der Zusammenhang mit dem vorhergehenden Text nicht immer leicht zu verstehen ist. Schauen wir zunächst auf den Text von 1 Tim 3,16 (in eigener Übersetzung):

Und anerkanntermaßen groß ist das Mysterium der Frömmigkeit: der sichtbar gemacht wurde im Fleisch, er wurde gerecht gemacht im Geist, er erschien Engeln, er wurde verkündet unter / bei Völkern, er wurde geglaubt im Kosmos, er wurde emporgehoben in Herrlichkeit.

Zur Gliederung: Der Text ist planvoll strukturiert und durch seine von Parallelen durchzogene Strophengliederung leicht memorierbar. Das merkt man allerdings mehr dem griechischen Text als jeder deutschen Übersetzung an. In ihm folgen auf das wie eine Überschrift wirkende "und anerkanntermaßen groß ist das Mysterium der Frömmigkeit" nach einem eröffnenden Relativpronomen, das das ganze Gebilde zu einem relativischen Nebensatz macht, sechs Versteile, die jeweils von einem Prädikat eröffnet werden, auf das ein Dativobjekt folgt. Fünf dieser Objekte werden mit der Präposition en (in/im/bei/mit/durch) eingeleitet. Alle Prädikate haben die gleiche grammatische Form. Schematisiert ergibt sich dadurch folgende Struktur (den griechischen Text fügen wir in Umschrift bei):

kai homologoumenōs mega estin to tēs eusebeias mustērion
Und anerkanntermaßen groß ist das Mysterium der Frömmigkeit:

hos
der

1 ephanerōthē en sarki
sichtbar gemacht wurde im Fleisch

2 edikaiōthē en pneumati
er wurde gerecht gemacht im Geist

3 ōphthē angelois
er erschien Engeln

4 ekēruchthē en ethnesin
er wurde verkündet unter/bei Völkern

5 episteuthē en kosmō
er wurde geglaubt im Kosmos

6 anelēmphthē en doxē
er wurde emporgehoben in Herrlichkeit.

Ob die sechs Zeilen als drei Strophen zu je zwei Zeilen gedacht sind, so das wohl plausibelste Gliederungsmodell, es sich um zwei Strophen zu je drei Zeilen handelt oder eine Ringstruktur vorhanden ist, bei der die Zeilen 1+6.2+5.3+4 zueinander in Beziehung stehen, ist in der Exegese nicht abschließend geklärt, weil die Gliederungsschlüssel, die zu solchen Kompositionsschemata führen, jeweils nicht ganz aufzugehen scheinen. Ansatzpunkte für die Gliederung könnten zum einen die Prädikate, dann die Präpositionen und schließlich die Dativobjekte bilden. Dabei entziehen sich die sechs Prädikate in ihrer Anordnung einer ganz überzeugenden Gliederung. Denkt man mit Blick auf den Anfang und das Ende des Textes zunächst, dass sich die Aussagen der Formel entlang des Lebensverlaufes Jesu bewegen – er wurde sichtbar gemacht im Fleisch verweist gewiss auf die Geburt Jesu so wie das "emporgehoben" auf die Himmelfahrt am Ende des irdischen Weges Jesu verweisen könnte – so lassen sich die übrigen vier Prädikate nicht einfach in einen solchen Lebensverlauf einordnen. Die Präpositionen tragen in ihrer Gleichförmigkeit (nur die Engel werden ohne Präposition eingebunden) zwar erheblich zur Parallelisierung und Gliederung in sechs Einheiten bei, aber auch sie lassen kein übergreifendes Kompositionsschema erkennen. Am ehesten lässt sich daher noch eine Gliederung über die Dativobjekte begründen. Sie legen letztlich eine Einteilung in drei Strophen zu je zwei Zeilen nahe, weil Fleisch und Geist eine ausgesprochen passende Einheit bilden. Auch bei Engeln und Völkern lässt sich eine Einheit erkennen, insofern es sich jeweils um Gruppen von personalen Wesen handelt. Schwieriger hingegen ist ein solcher Zusammenhang bei der dritten Strophe, also bei Kosmos und Herrlichkeit, zu begründen. Für eine solche kompositionelle Feingliederung spricht andererseits der Wechsel von Singularobjekten in den Zeilen 1+2 hin zu Pluralobjekten in den Zeilen 3+4 bzw. wieder zu Singularobjekten in den Zeilen 5+6. In seiner ausführlichen Kommentierung des 1 Tim vertritt Jürgen Roloff eine solche Gliederung in drei Strophen und sieht zusätzlich ein alternierendes Muster bei den Dativobjekten am Werk, das jeweils ein irdisches Geschehen einem himmlischen gegenüberstellt und insgesamt eine A-B-A-Struktur realisiert. Dabei wird in Zeile 1 ein irdisches, in Zeile 2 ein himmlisches Geschehen angesprochen; in Zeile 3 hingegen ein himmlisches und entsprechend in Zeile 4 ein irdisches; die Zeilen 5 und 6 wiederholen das Muster der Zeilen 1 und 2. Fraglich bleibt bei einer solchen Strukturierung, die für die Strophen 2 und 3 natürlich überzeugt, allerdings, warum das Geschehen der Zeile 2 eigentlich ein himmlisches sein soll? Auf den ersten Blick sicher ist das nämlich nicht, weil der Geist/Pneuma ja durchaus auch auf der Erde wirken kann. Von solchen Detailfragen abgesehen haben wir es bei 1 Tim 3,16 mit einem klar gegliederten und durch die starke Parallelisierung der sechs Zeilen gut ins Gedächtnis gehenden Text zu tun.

Fraglos ist diese Formel älter als der ganze Brief, in dem sie uns überliefert worden ist. Sie ist keine Erfindung des Autors des 1 Tim. Er dürfte sie vielmehr aus der Tradition seiner christlichen Gemeinde kennen und von dort übernommen haben. Vielleicht hat er sie selbst im Gottesdienst gesprochen. In jedem Falle ist sie ihm so wichtig, dass er sie in seinen Brief an markanter Stelle einbaut und damit auch Paulus in den Mund legt. Es handelt sich also um ein Zitat. Und das merkt man dem Text auch an. Denn er beginnt mit einer "grammatischen Härte" (Stenger): Das eröffnende männliche Relativpronomen "der" hat im vorausgehenden Text nämlich gar keinen Bezugspunkt. Es hängt gleichsam in der Luft. Denn es kann nicht auf das grammatisch sächliche "Mysterium der Frömmigkeit" bezogen werden. Inhaltlich ist freilich klar, dass mit "der" Jesus Christus gemeint ist. Offensichtlich fehlt also die eigentliche Einleitung, der Hauptsatz, der dem formelhaften Bekenntnis im Relativsatz vorausgehen müsste. Das Zitat ist also stilistisch schlecht in seinen neuen Kontext eingebunden und erweist sich gerade dadurch als Zitat. Findige Exegeten haben versucht, diesen eröffnenden Hauptsatz zu rekonstruieren und vermuten, dass zu Beginn ein Lobpreis stand, etwa folgender Form: "Preis und Ehre sei ihm, der sichtbar gemacht wurde im Fleisch …" Seinen Sitz im Leben, also seine typische Verwendungssituation, hat ein solcher Text, den man wohl am besten als Christushymnus verstehen kann, im Gemeindegottesdienst.

Was bekennen nun der Verfasser des 1 Tim und seine Gemeinde mit diesem formelhaften Hymnus? Der Text will ja nicht nur ein Loblied auf den Christus singen; ihm ist auch bekenntnishafter Charakter zu eigen. Nähern wir uns daher der Bedeutung und Funktion des Textes und gehen die drei Strophen kurz durch.

Strophe 1: der sichtbar gemacht wurde im Fleisch – er wurde gerecht gemacht im Geist

Der griechische Begriff ephanerōthē (er wurde sichtbar gemacht) bezeichnet ein Offenbarungsgeschehen. Mit der ersten Zeile bekennen sich die Beter dazu, dass Gott selbst – er ist das Subjekt, das durch die Passivkonstruktion nur verhüllt angedeutet wird (passivum divinum) – Jesus in dieser Welt offenbart hat. Dabei liegt es zunächst nahe, "im Fleisch" auf die Geburt Jesu als Mensch zu beziehen. Sollte hingegen "Fleisch" und "Geist" als Gegensatzpaar einfach den irdischen und den himmlischen Bereich bezeichnen, dann wäre eher an das Gesamt des irdischen Lebens Jesu zu denken. Theologisch entscheidender: Es ist der eine Gott selbst, der Jesus in der irdischen Welt sichtbar gemacht hat. Hinter dem Leben Jesu steht also eine Art Sendung Gottes; hinter Jesus steht Gott selbst.

Diesem ersten Handeln Gottes an Jesus entspricht ein zweiter Vorgang. Wenn "im Geist" die himmlische Sphäre bezeichnen soll, dann geht es nun um ein Geschehen im Himmel. Wieder ist Gott das durch die Passivform maskierte Subjekt der Handlung. Er macht Jesus gerecht. Eine solche Aussage macht im Blick auf Jesus nur Sinn, wenn man an dieser Stelle nicht das typisch paulinische Verständnis von Rechtfertigung als Rechtfertigung trotz und wegen der Sünde einträgt. "Er wurde gerecht gemacht" kann nämlich auch einfach bedeuten, dass jemandem, hier Jesus, Recht gegeben und sein Rechtsanspruch auch durchgesetzt wurde. Ja, es schwingt sogar das Moment des Siegens mit – ein Gedanke, der sich schon in den Psalmen (Ps 51,6) und dann auch im NT (Röm 3,4) findet, wenn "gerecht gemacht" und "siegen" quasi synonym verwendet werden. Die Zeile besagt dann, dass der auf Erden sichtbar gemachte Jesus, dessen irdisches Leben am Kreuz zunächst endete und der wie ein Verlierer starb, von Gott endgültig ins Recht gesetzt worden ist. Gott hat ihn nach dem Tod am Kreuz aus dem Tod auferweckt und ihn dadurch als Gerechten erwiesen. Gott hat sich damit endgültig und sogar im Bereich des Himmels zu Jesus bekannt. Nimmt man hinzu, dass im Judentum ein Gekreuzigter als ein von Gott Verfluchter galt, von dem sich Gott letztgültig distanzierend abgewendet hatte (vgl. Dtn 21,23), dann besagt die Zeile gerade das Gegenteil. Der gekreuzigte Jesus ist als Auferweckter gerade nicht ein von Gott Verfluchter, sondern ein von Gott gerecht Gemachter.

Strophe 2: er erschien Engeln – er wurde verkündet unter / bei Völkern

Nachdem die erste Strophe letztlich ganz theozentrisch das Wirken Gottes an Jesus im Blick hatte, wechselt nun das Subjekt. Jesus wird in Zeile 3 aktiv. Dabei geht es in der zweiten Strophe grundsätzlich um die Proklamation Jesu im Himmel und auf Erden. Es wird also formelhaft ausgedrückt, wie der von Gott geoffenbarte/gesandte und von ihm ins Recht gesetzte Jesus kundgetan wird: im Himmel und auf Erden. In Zeile 3 geht es zunächst um eine Erscheinung Jesu vor Engeln, also wieder im himmlischen Bereich, zu dem die Engel als Boten Gottes und als Teile des himmlischen Hofstaates sicherlich gehören. In den kanonischen Evangelien, unseren grundlegenden Jesuserzählungen, ist von einer solchen Erscheinung nicht die Rede. Sie haben in aller Regel nur das irdische Geschehen rund um Jesus erzählend im Blick. Entsprechend kennen sie durchaus den umgekehrten Fall einer Engelerscheinung vor Jesus (implizit etwa Mk 1,13; explizit Lk 22,43). Die Zeile 3 bekennt hingegen, dass Jesus vor dem himmlischen Personal erscheint und damit sich selbst verkündet – und zwar als von Gott ins Recht Gesetzter.

Die Verkündigung auf der Erde, für die wohl stellvertretend die paganen Völker stehen, erfolgt hingegen durch andere Subjekte. Die betende Gemeinde des 1 Tim wird hier an gegenwärtige Missionare, vielleicht auch an Paulus als den großen Heidenmissionar und im Idealfall auch an sich selbst als gesellschaftlich und religiös attraktive und damit implizit missionarische Gemeinde denken. Durch das Vergangenheitstempus (er wurde verkündet) ordnet sich freilich jedes gegenwärtige Verkündigungsgeschehen in den Prozess der bereits in der Vergangenheit begonnenen Verkündigung Jesu ein, die – mit Blick auf die 1. Zeile – letztlich bei Gott selbst ihren Ausgangspunkt hat. Die Verkündigung Jesu ist insofern Fortsetzung eines göttlichen Urimpulses. Dazu bekennt sich die betende Gemeinde und wird die 2. Strophe sicherlich auch als Selbstaufforderung zur Verkündigung Jesu verstehen.

Strophe 3: er wurde geglaubt im Kosmos – er wurde emporgehoben in Herrlichkeit

Aus der Verkündigung erwächst, das ist der wahnsinnig optimistische Grundton der 5. Zeile der Glaube an Jesus. Die Verkündigung trägt also Früchte – im ganzen Kosmos. Faktisch dürfte auch für die Beter dieser Strophe klar sein, dass nicht der ganze Kosmos an Jesus glaubt oder gar geglaubt hat. Aber die Analyse der faktischen Gegenwart ist auch nicht das Ziel der Gattung Hymnus. Im Vergangenheitstempus nimmt der Hymnus vielmehr vorweg, was noch aussteht, aber ganz sicher kommen wird. Für die Beter ist dies so sichere Zukunft, dass sie es schon im Vergangenheitstempus bekennen können, sehen sie doch hinter allem letztlich Gott selbst am Werk.
Mit einem typischen Begriff aus der Vorstellungswelt von Entrückung und Himmelfahrt wird schließlich auch der Aufnahme Jesu in die Herrlichkeit Gottes gedacht. Wie zu Beginn des Hymnus ist wieder Gott selbst am Werk, der Jesus in seine Herrlichkeit emporhebt und ihn dadurch in letztlich einmaliger Weise auszeichnet und als Herrscherfigur ausweist. Mit diesem optimistischen Abschluss und dem Bekenntnis zum von Gott in die Welt gesandten und von Gott endgültig legitimierten Jesus endet der Christushymnus von 1 Tim 3,16.

4. "Quadratisch, praktisch, gut" – aber als bloßes Lippenbekenntnis nicht genug!

Wir sind am Ende unseres Durchgangs durch "Glaubensbekenntnisse" des Urchristentums angelangt. Vier exemplarische Elemente haben wir unter die Lupe genommen. Was in allen vier Fällen deutlich wurde: Hier werden zentrale Glaubensinhalte sagbar und bekennbar gemacht, sie werden auf den Punkt gebracht. Und diese kurzen und prägnanten Aussagen eignen sich hervorragend dazu, zum ent- und unterscheidenden Maßstab zu werden: Spreche ich sie gläubig aus, bekenne ich sie, dann gehöre ich dazu, verweigere ich das Bekenntnis, dann schließe ich mich selbst aus. Von daher sichern diese Bekenntnisformeln den Glauben in materialer Hinsicht und sie sind auch für die Herausbildung einer Gruppenidentität von tragender Bedeutung.

Gleichzeitig ist aber abschließend festzuhalten, dass es auch nichts nützt, diese "Glaubensbekenntnisse" gewissermaßen ohne Sinn und Verstand und v. a. ohne folgende Taten nachzuplappern. Wenn das, was bekannt wird, nicht im Leben bezeugt und mit Leben erfüllt wird, dann bleiben die Bekenntnisse hohl und leer. Wenn die Aufhebung aller gesellschaftlich konventioneller Grenzen durch die Taufe (Gal 3/1 Kor 12) nicht die Praxis des innergemeindlichen Miteinanders bestimmt und prägt, dann ist das Bekenntnis vergeblich. Wenn das gläubige Bekenntnis zu Jesus als Christos nicht den "leidenden Messias" vor Augen hat und wenn dies nicht zur Kreuzesnachfolge führt, dann scheint der Christos nicht wirklich auf in meinem Leben. Wenn der Glaube an den auferweckenden Gott nicht dazu führt, dass wir selbst den Tod nicht mehr fürchten und als neue Menschen leben, dann wird das formelhafte Gerede unauthentisch und unglaubwürdig. Wenn das hymnische Christusbekenntnis (1 Tim 3) nicht zur eigenen Verkündigung führt, dann bleibt mein Christusbekenntnis fruchtlos.

Langer Rede kurzer Sinn: Das, was in den Glaubensbekenntnissen auf den Punkt gebracht wird, muss Wirkungen im konkreten Leben, im Umgang miteinander haben. So ist der eingangs (s. o. 1.) genannte Satz etwas zu erweitern: "Wer’s glaubt und aus diesem Glauben lebt und handelt, wird selig!" Oder wie es Mt 7,21 im Munde Jesu überliefert: "Nicht jeder Sagende zu mir: Herr, Herr, wird hineingehen ins Königtum der Himmel, sondern der Tuende den Willen meines Vaters in den Himmeln."

5. Anregungen für eine Bibelarbeit

5.1. Einstieg

Nach einer für die Gruppe passenden Eröffnung (Lied, Gebet, Blitzlicht, Vorstellungsrunde und jeweils Einführung in das Thema "Glaubensbekenntnisse im Urchristentum") werden alle Teilnehmenden eingeladen, kurze eigene Credoformeln zu verfassen, die knapp und präzise eigene Glaubensüberzeugungen ins Wort bringen. Ein Austausch in Kleingruppen oder im Plenum über die eigenen Glaubensformeln kann sich anschließen.

5.2. Textarbeit

Ein oder mehrere Glaubensbekenntnisse aus den neutestamentlichen Schriften werden nach einer passenden Überleitung vorgelesen und in einem gelenkten Gruppengespräch analysiert. Hilfreich kann es sein, die Texte zunächst zu gliedern und sie dann in ihrer Struktur nochmals gemeinsam zu lesen (vielleicht sogar zu beten), um den Effekt der formelhaften Sprache nachzuvollziehen. In einem zweiten Schritt kann die Gruppe der inhaltlichen Bedeutung der Texte nachspüren. Es kann dabei auch verglichen werden, ob sich in unseren eigenen Glaubensbekenntnissen noch Spuren dieser alten Texte finden lassen.

5.3. Arbeit mit dem Credo

Der Text des Credos aus der Liturgie wird ausgeteilt. Die Gruppe ist eingeladen, auf der Basis des Textes ein neues Credo in einer für sie verständlichen Sprache zu verfassen und die einzelnen Elemente des Credos gewissermaßen zu "übersetzen".

5.4. Abschluss

Abschließend betet die Gruppe das klassische oder das eigene Credo. Ein Segenslied kann die Bibelarbeit beschließen.

Literatur

H. D. Betz, Der Galaterbrief. Ein Kommentar zum Brief des Apostels Paulus an die Gemeinden in Galatien, München 1988.
N. Brox, Die Pastoralbriefe (RNT VII/2), Regensburg 1969.
M. Ebner, Wenn alle "ein einziger" sein sollen … Von schönen theologischen Konzepten und ihren praktischen Problemen: Gal 3,28 und 1 Kor 11,2–16, in: E. Klinger u. a. (Hrsg.), Der Körper und die Religion. Das Problem der Konstruktion von Geschlechterrollen, Würzburg 2000, 159–183.
M. Gielen, Beten und Prophezeien mit unverhülltem Kopf? Die Kontroverse zwischen Paulus und der korinthischen Gemeinde um die Wahrung der Geschlechtsrollensymbolik in 1 Kor 11,2–16, in: ZNW 90 (1999) 220–249.
J. Gnilka, Das Evangelium nach Markus. 2. Teilband Mk 8,27–16,20 (EKK II/2), Zürich/Neukirchen-Vluyn 51999.
F. Hahn, Christologische Hoheitstitel. Ihre Geschichte im frühen Christentum (UTB 1873), Göttingen 51995.
G. Häfner, Die Pastoralbriefe (1 Tim/2 Tim/Tit), in: M. Ebner/S. Schreiber (Hrsg.), Einleitung in das Neue Testament (KStTh 6), Stuttgart 2008, 450–473.
H.-J. Klauck, 1. Korintherbrief (NEB.NT 7), Würzburg 1984.
H.-J. Klauck, Die antike Briefliteratur und das Neue Testament. Ein Lehr- und Arbeitsbuch (UTB 2022), Paderborn 1998, 243–246.
J. Roloff, Der erste Brief an Timotheus (EKK XV), Zürich/Neukirchen-Vluyn 1988.
W. Stenger, Der Christushymnus in 1 Tim 3,16. Aufbau – Christologie – Sitz im Leben, in: TThZ 78 (1969) 33–48.
K. Wengst, Christologische Formeln und Lieder des Urchristentums (StNT 7), Gütersloh 1972.
G. Theissen/A. Merz, Der historische Jesus. Ein Lehrbuch, Göttingen 32001.

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Mehr zum Thema im Internet:

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Text: Dipl.-Theol. Markus Lau, Universität Freiburg (Schweiz) und Dr. Christian Schramm, Arbeitsstelle für pastorale Fortbildung und Beratung/Bibelschule Hildesheim, Katholisches Bibelwerk im Bistum Münster (Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.bibelwerk.de) in Kooperation mit kirchensite – online mit dem Bistum Münster (Öffnet externen Link in neuem Fensterkirchensite.de) | Foto: Michael Bönte, März 2014

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