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Seite: Fragen + Glauben
23.07.2017
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Ohr.

Gottes Ruf will an das Ohr von Samuel, das heißt in sein Herz dringen.

Bibelarbeit zur Berufung des Samuel 3, 1-21

Gottes Ruf

1. Einführung

Es ist ein Grundmerkmal jüdischen und christlichen Glaubens, dass Gott, der Heilige Israels, kein Unnahbarer und Ferner ist. Im Gegenteil: Die Erzählungen der Heiligen Schrift weisen ihn als einen geschichtsmächtigen Gott aus, als einen, der die Nähe zu den Menschen sucht und dessen Freude es ist, unter ihnen zu wohnen (vgl. Sach 2,14f.; Jes 33,5). Das ist aller Rede wert. In einer Zeit, in der das Gottesbild der Menschen nicht selten der Vorstellung einer wie auch immer gearteten, jedenfalls nicht näher bestimmbaren numinosen Macht entspricht; in der nicht wenige, wenn sie Gott denken, einer rätselhaften Kraft nachspüren wollen oder ein esoterisches Energiefeld im Sinn haben, stellt die biblische Verkündigung eine handfeste Alternative dar. Gott hat einen Namen, sein Name ist Programm (Ex 3,14). Er ist der, der da ist, auf den sich die Menschen verlassen können, weil sie in ihren Menschengeschichten mit ihm rechnen dürfen. Ein Gott, der die Menschen liebt, und der will, dass sie das Leben in Fülle haben (vgl. Joh 10,10).

So sehr Jahwe aber einer ist, dessen Geschichtsimmanenz die Hoffnung auf seine Gegenwart und Nähe im Leben der Glaubenden Tag für Tag begründet, so wenig lässt er die Menschen einfachhin in Ruhe. Er kann stattdessen Herzen beunruhigen (vgl. Mk 6,20) und irritieren, er kann alles schenken, aber auch viel verlangen. Gott ruft Menschen, ihm zu folgen und legt den Glaubenden nicht selten einen Auftrag ins Herz. Er rückt ihnen regelrecht auf die Pelle, wenn er einzelne oder viele zu einem besonderen Dienst erwählt. Die Bibel ist voll von Beispielerzählungen, angefangen bei den Propheten Israels bis hin zu den Aposteln Jesu Christi.

Die biblischen Berufungsgeschichten sind keine Dokumente der Unfreiheit. Gott zwingt niemanden gegen den freien Willen. Auch das notiert die Bibel immer wieder. Erst wo ein von Gott berufener  Mensch sein frei antwortendes Ja gegenüber dem Anruf Gottes zu formulieren imstande ist, kann von einem Bund im Bunde gesprochen werden. Sendung setzt Berufung und Bejahung voraus. Maria wird zur Mutter Jesu, weil sie in den Willen Gottes einwilligt (Lk 1,38). Jeremia war von Gott betört, weil er sich hat betören lassen (Jer 20,7).

Freiheit und Offenheit bedingen sich, ohne innere Disponiertheit gibt es nichts zum Einwilligen, wie umgekehrt die freie Einwilligung eine Frucht innerer Offenheit ist. Die Geschichte Gottes mit den Menschen ist darum kein Epos der Gängelei, sondern der Freiheit. Gott wahrt sie. Aber die Menschen müssen auch frei sein für Gott. Er ist ja kein Gott der lauten, sondern der leisen Töne. Kein Gott der sich aufdrängt, sondern der wirbt.

In vielen Bildern und Geschichten versucht die Bibel zu entfalten, was es für einen Menschen bedeutet, von Gott gemeint zu sein. Mehr noch: Wie ein Mensch mit ihm in Kontakt treten kann? Was es braucht, um Gottes Wort im Herzen zu bedenken und zu verstehen?

Es gibt natürlich biblische Episoden, die wie selbstverständlich mit der Gegenwart und Vernehmbarkeit Gottes rechnen. Gott gibt sich zu erkennen und alles ist klar. Gott spricht und sein Wort wird unmittelbar vernommen. Das alles sind beindruckende Zeugnisse eines ungebrochenen Glaubens. Aber vielleicht stehen unserer Zeit, die sich oft so schwer damit zu tun scheint, Gottes Frequenz ins Ohr zu bekommen, gerade die anderen Erzählungen näher: Biblische Geschichten von Menschen, die um den Glauben und den Grund ihres Lebens ringen. Die nach Richtung und Sinn fragen. Die die Voraussetzungen bedenken, unter denen Gott in den Sinn dieser Menschen gelangen kann. Das alles ist mitgemeint, wenn die Bibel vom "Hören auf Gottes Wort" erzählt.

Sicher eine der unspektakulärsten, aber doch auch schönsten ist die vom jungen Samuel, der sich plötzlich in seinem Leben mit einer neuen Seltsamkeit konfrontiert sieht. Gottes Ruf will an sein Ohr, das heißt in sein Herz dringen. Aber Samuel hat keinen Schimmer. Mit allem scheint er zu rechnen, nur damit nicht. Sein Lehrer Eli ist es schließlich, der in ihm die Ahnung weckt. Man sollte nicht zu schnell darüber hinweg lesen. Hilfestellungen gibt es nicht nur beim Schulsport. Hilfestellungen gibt es auch im Glauben. Letzteres nimmt vor allem diejenigen in die Pflicht, deren Glauben mit den Jahren Standfestigkeit gewonnen hat in Hoffnung und Liebe.

In diese Erzählung vom jungen Samuel hinein ist übrigens noch eine zweite Glaubensgeschichte gewoben. Sie ist nicht weniger markant. Es scheint sogar so, als habe sie das Zeug, heutige Leserinnen und Leser zu provozieren. Samuel weiht Eli in den Inhalt der Botschaft ein, die Gott zu ihm gesprochen hat. Diese Botschaft betrifft Eli und sein ganzes Haus. Aber es ist eine schlechte Nachricht, die ihm übermittelt wird. Gott scheint hier gewillt zu sein, das offensichtliche Übermaß an Schuld, das Elis Söhne angehäuft haben, hart zu bestrafen. Das Zorngericht will nicht so recht passen zu der Art und Weise, mit der die Geschichte zuvor Gottes Wesen beschrieben hat: Ein leise werbender Gott, einer der Menschen ruft. Das ruft vielleicht Widerstand hervor. Aber nicht bei Eli. Er hätte weiß Gott Grund zu lauter Klage. Vielleicht auch zu Hader und zur Missmut. Stattdessen willigt er ein: "Er ist der Herr. Er tue, was ihm gefällt." (1Sam 3,18). Das ist Ausdruck unermesslichen Vertrauens in das Herrsein Gottes. Im Vaterunser wird diese Glaubens-Haltung aufgegriffen werden. "Dein Wille geschehe" lautet eine der ersten zentralen Bitten. Hier wie dort geht es nicht um Kadavergehorsam. Auch nicht um die lautlose Entgegennahme von Urteilen und Befehlen. Aber es geht um die Beschreibung eines Glaubens, der Gott – wo nötig gegen allen Anschein und ohne zu verstehen – zutrauen möchte, die Dinge des Lebens am Ende zum Guten und zum Besten zu fügen.

2. Der Text: 1Sam 3

V1: In der Zeit, als der junge Samuel am Heiligtum unter der Aufsicht Elis Dienst tat, waren Worte des Herrn selten, Visionen waren nicht häufig.
V2: Eines Tages geschah es: Eli schlief auf seinem Platz, seine Augen waren schwach geworden, so dass er nicht mehr sehen konnte.
V3: In der Nacht, kurz vor Tagesanbruch, die Lampe Gottes war noch nicht erloschen und Samuel schlief im Tempel bei der Lade,
V4: rief Gott den Samuel und Samuel antwortete: "Hier bin ich!"
V5: Dann lief er zu Eli und sagte: "Du hast mich gerufen!" "Nein", antwortete der, "Ich habe Dich nicht gerufen! Geh wieder und lege Dich schlafen." Und er ging und legte sich wieder schlafen.
V6: Abermals rief der Herr: "Samuel!" Samuel stand auf und ging zu Eli. "Hier bin ich! Du hast mich gerufen!" "Nein" antwortete der, "ich habe Dich nicht gerufen, mein Sohn, geh wieder und lege Dich schlafen."
V7: Aber Samuel kannte den Herrn noch nicht, und er wusste nicht, wie es zugeht, wenn einem ein Wort Gottes offenbart wird.
V8: Zum dritten Mal rief der Herr Samuel, und der stand auf und ging zu Eli. "Hier bin ich! Du hast mich doch gerufen!" Da merkte Eli, dass der Herr den Jungen rief,
V9: und sprach: "Leg Dich schlafen, und wenn Du wieder gerufen wirst, dann sprich: ’Rede, Herr, Dein Diener hört’" Samuel ging und legte sich an seinem Platz zum Schlafen nieder.
V10: Da kam der Herr, trat heran und rief wie die vorigen Male: "Samuel! Samuel!" Und Samuel antwortete: "Rede, Herr, Dein Diener hört".
V11: Da sprach der Herr: "Gib Acht! Ich werde etwas tun in Israel! Davon sollen jedem, der hört, beide Ohren gellen.
V12: An dem Tage will ich am Hause Elis geschehen lassen, was ihm angekündigt ist, von Anfang bis Ende.
V13: Für immer will ich ihn und die Seinen zu Grunde richten. Er hat um seiner Söhne Schuld gewusst, um ihren Frevel, und hat ihnen nicht gewehrt.
V14: Darum soll die Schuld des Hauses Eli weder durch Gabe noch Opfer in Ewigkeit zu sühnen sein."
V15: Danach lag Samuel bis zum Morgen, dann öffnete er die Türen des Heiligtums, er fürchtete sich aber, Eli seine Offenbarung mitzuteilen.
V16: Da rief Eli Samuel und fragte ihn: "Samuel, mein Sohn?" Er antwortete "Hier bin ich."
V17: Eli fragte: "Was war das für ein Wort, das ER zu Dir geredet hat? Verbirg mir nichts. Die Strafe Gottes komme über Dich, wenn Du mir auch nur eines von diesen Worten verschweigst, die er gesprochen hat!"
V18: Und Samuel sagte ihm alles und verschwieg nichts. Da sprach Eli: "Er ist der Herr. Er tue, was ihm gefällt."
V19: So wuchs Samuel auf. Gott war mit ihm und ließ keines seiner Worte über ihn unerfüllt.
V20: Ganz Israel von Dan bis Beerscheba merkte, dass Samuel berufen war, ein Prophet Gottes zu sein.
V21: Immer wieder erschien ihm Gott, der Herr, in Schilo und offenbarte sich ihm.

3. Beobachtungen am Text

Die Erzählung der Berufung Samuels liegt auf der Linie dessen, was die ersten beiden Kapitel des Samuelbuches zuvor berichtet haben: Die bis dato kinderlose und von ihren Nachbarinnen deshalb gedemütigte Hanna darf durch Gottes Fügung nun doch noch ihren Sohn Samuel glücklich zur Welt bringen. Seine besondere Geburt bestimmt ihn allerdings zu einer besonderen Aufgabe für Israel, seine Kindheit und Erziehung im Schatten des Tempels bereiten ihn darauf vor. Doch so sehr sich die Ereignisse hier zur Erzählung fügen, so wenig lassen sie übersehen, dass schon im dritten Kapitel ein Höhepunkt des Samuelbuches erreicht ist: Über die Schilderung des ersten Kapitels hinaus, in dem Hanna ihren Sohn im Tempel dem Herrn weiht, berichtet nun das dritte Kapitel, wie der Herr selbst Samuel in Dienst nimmt und für seine besondere Aufgabe weiht. Diese Audition stellt die eigentliche Mitte der Erzählung dar, die gerahmt wird durch eine knappe Schilderung der Situation vor ("In jenen Tagen war das Wort des Herrn selten, Visionen waren nicht häufig" 1Sam 3,1) und nach ("Der Herr erschien weiterhin in Schilo" 1Sam 3,21) dieser Theophanie.

Mit der Berufung Samuels scheint zunächst kein unmittelbarer Sendungsauftrag verknüpft zu sein. Er wird nicht einmal beauftragt, den Inhalt der ihm zuteil gewordenen Offenbarung seinem Lehrer und Erzieher Eli weiterzusagen. Die Besonderheit des Ereignisses besteht im Hören der Stimme Gottes selbst, die Samuel schließlich zum Propheten werden lässt. Das Wahrnehmen des göttlichen Anrufs markiert hier also im Sinne der positiven Aufnahme durch Samuel die Tatsache seiner Berufung. Anders als die Berufungsgeschichten der meisten alttestamentlichen Propheten, hebt 1 Sam 3 "nur" auf das Hören der Stimme des Herrn ab.

Dreimal glaubt Samuel die von ihm vernommene Stimme sei die des Eli. Und auch der tippt zunächst auf alle möglichen Einflüsterungen und Imaginationen, mit Gott selbst rechnet er zunächst nicht. So erzeugt die Erzählung eine gewisse Spannung, weil ja ihre Leserinnen und Leser längst wissen: Es ist der Herr, der ruft (vgl. 1 Sam 3,4.6.8). Die Geschichte taucht den jungen Samuel in das positive Licht eines ehrlichen, bescheidenen, fast ein wenig naiv anmutenden Charakters. Samuel wird als jemand beschrieben, der das Herz Gottes und der Menschen zu erobern versteht (1Sam 2,26), wohingegen die Söhne Elis in bewusster Kontrastierung solche sind, die weder Gott noch die Menschen achten (1Sam 2,12.24).

Eli leidet unter der Last seines Alters, aber noch mehr unter dem zweifelhaften Lebenswandel seiner Söhne. Samuel hingegen hat er an Sohnes statt angenommen (vgl. 1Sam 3,6.16). Dass der Junge Herz und Verstand wach und offen zu halten lernt für die Wirklichkeit und Weisung Gottes, ist Elis großes Anliegen. Damit freilich ist stillschweigend vorausgesetzt, dass Eli selbst einer ist, dessen Sinn die Präsenz des Herrn zu erspüren vermag und der in seinem Leben eine lange Schule des Hörens auf Gottes Wort absolviert hat. Diese innere Vertrautheit ist es, die Eli schließlich erkennen lässt, wessen Stimme den jungen Samuel da eigentlich ruft, und was nun zu tun ist (1Sam 3,8f.). Der Inhalt jener Offenbarung, die sodann an Samuel ergeht, kann bei Eli keine Freude auslösen. Immerhin geht es um den Niedergang seines Hauses. Der Zweck dieser Prophezeiung (1Sam 3, 11-14) mag darin bestehen, den künftigen Heimsuchungen des Volkes Israel Sinn zu verleihen: Sie entspringen keinem Zufall, sondern ereignen sich gemäß dem souveränen, je lohnenden oder strafenden Willen Gottes. Die nahezu stoische Gelassenheit, mit der Eli das Fatum aufnimmt, erklärt sich wiederum aus der Tiefe seiner spirituellen Verankerung und dem geradezu ungebrochenen Vertrauen auf die Treue und Verlässlichkeit Jahwes, des Heiligen Israels: "Er ist der Herr. Er tue, was ihm gefällt" (1Sam 3,18).

Die Erzählung ist im Blick auf Zeit und Ort der Handlung dicht komprimiert. Von der Einleitung und dem Schluss abgesehen, findet alles in der Nacht und am darauffolgenden Morgen statt. Biblisch betrachtet ist die Nacht ihrem Wesen nach ambivalent: Wenn Form und Farbe, im Schlaf sogar das Bewusstsein eines Menschen ins Dunkle sinken, eröffnet sich ein Feld für böse und gute Mächte. Schutz gewährt allein Gott (Ps 127,1f), der Wächter und Hüter seines Volkes, der weder schläft noch schlummert (Ps 121, 3-6). Der Morgen ragt als heilvolle Zeit schon in die Nacht hinein (Ps 88,14). Ein Vorschein davon ist es, wenn Gott in nächtlichen Offenbarungen epiphan wird.
Der Schauplatz der Erzählung ist das Heiligtum von Schilo, wo Israel die Bundeslade aufbewahrte (1 Sam 3,3).

V1: Beschrieben werden die Hintergründe jener Epoche, in der die Samuel-Erzählung spielt. Außerdem wird erwähnt, dass Samuel dem Eli dient. Damit wird zugleich ein Verstehenshorizont für das Verhalten Samuels geschaffen, der zu Eli läuft, weil er glaubt, von ihm gerufen worden zu sein (V4ff).

VV2-3: Während Eli auf "seinem Platz" schläft, nächtigt Samuel "im Tempel des Herrn". Weil die Lampe Gottes, jenes "ewige Licht", das nach Ex 27, 20f. rund um die Uhr im Heiligtum brennen soll, nicht erloschen ist, sieht Samuel, dass kein anderer Mensch außer Eli in Frage kommt, der ihn hätte rufen können. Das Schlafen Samuels "im Tempel des Herrn, wo die Lade Gottes war," erinnert an die Worte, die der Herr einst zu Mose sprach: "Dort werde ich Dir begegnen und mit Dir reden von dem Deckel aus, der sich zwischen den beiden Kerubim auf der Bundeslade befindet" (Ex 25,22); "Als Mose in das Begegnungszelt ging, um mit ihm zu reden, hörte er die Stimme vom Deckel aus, der sich über der Bundeslade zwischen den beiden Kerubim befindet, sprechen" (Num 7,89).

Die Verse konstruieren einen Gegensatz zwischen dem alten Eli, dessen Kräfte nachgelassen haben, und dem jungen Samuel, der seine Aufgaben erfüllt. Während Eli im Dunkeln liegt, ist der Platz Samuels vom Licht Gottes erleuchtet. Damit einher geht eine weitere Beobachtung: Fällt der Name Gottes im Vers 2, der sich dem Eli widmet, kein einziges Mal, wird er im folgenden auf Samuel konzentrierten Vers gleich dreimal erwähnt. 1Sam 3,3 ist also so konstruiert, dass Samuel, der vom Licht und der Lade Gottes umgeben im Tempel schläft, geradezu eingetaucht erscheint in eine Sphäre der Gegenwart Gottes.

VV4-5: Weil Samuel glaubt, Eli habe ihn gerufen, lautet seine Antwort "Hier bin ich", was soviel bedeutet wie "Ich habe Dein Rufen vernommen". Dann eilt er zu Eli und wiederholt dort sein "Hier bin ich", um anzuzeigen, dass er seinem Lehrer zur Verfügung steht. Aber Eli, der vermutlich glaubt, Samuel habe geträumt, schickt ihn wieder fort.

V6: Beim zweiten Ruf ist ein gewisses Zögern Samuels erkennbar: Er antwortet nicht ad hoc und beeilt sich auch nicht sehr. Das Zögern spiegelt sich im Erzählrhythmus, der jetzt einen - im Vergleich zur Reaktion nach dem ersten Ruf ("Samuel eilte zu Eli") - verlangsamten Prozess des Aufstehens andeutet. Auch in der Reaktion Elis zeichnet sich eine leichte Veränderung ab: Um Samuel zu beruhigen, dessen jugendliche Phantasie ihm anscheinend einen Streich spielt, fügt er seinen Worten jetzt die liebevolle Anrede "mein Sohn" hinzu.

V7: Die Erzählung wird unterbrochen, um in logischer Folge zu 1Sam 3,1 zu betonen, dass Samuel die Stimme des Herrn bislang noch nicht vernommen habe. Die eingeschobene Information erklärt – den Verdacht übermäßiger Phantasiebildung ausräumend – , weshalb Samuel nicht begreift, dass es Gott ist, der zu ihm spricht.

V8: Samuel vernimmt erneut die Stimme, steht ein drittes Mal auf und geht zu Eli – wieder ohne Eile, wieder ohne direkte Reaktion. Mangels geistlicher Erfahrung bleibt dem Schüler noch verborgen, was im Lehrer bereits als Ahnung Gestalt annimmt. Dem Rufen des Herrn liegt im hebräischen Text eine Partizipialkonstruktion zugrunde, die einen fortwährenden Zustand signalisiert: Der Herr ruft die ganze Zeit.

V9: In der Antwort des Eli bleibt das Subjekt zunächst unbestimmt und meint wohl: "Wenn Du ein weiteres Rufen hörst". Eli vermeidet es, den Namen Gottes auszusprechen, obgleich er längst ahnt, mit wem Samuel es zu tun bekommen hat. Darum weist er Samuel ausdrücklich an, in der Anrede des Herrn die Bereitschaft seines Hörens auf Gottes Wort zum Ausdruck zu bringen. Das Wort "hört", im Hebräischen ein Partizip, meint dann vor allem die Hörbereitschaft: "Dein Diener ist hörbereit". Die erneute Verlangsamung des Erzählrhythmus und die im Vergleich zu V5 geradezu umständlich erscheinende Reaktion Samuels lassen auf eine gewisse zögerliche Furcht im Umgang mit dem Heiligen schließen. Nichtsdestotrotz befolgt Samuel genau die Weisung seines Meisters.

V10: Was sich bislang als Audition andeutete, verdichtet sich nun zur eigentlichen Theophanie: Der Herr tritt zu Samuel heran. Vor seinem Auge vollzieht sich eine prophetische Vision (vgl. Ex 24,5; Num 22,22). Die Erzählung ist an dieser Stelle sehr zurückhaltend, es wird mehr angedeutet als ausgeführt. Doch genügt das Erzählte, um klar zu machen, dass sich nun ereignet, wofür alles Vorherige nur Vorsignal war. Was Samuel zu hören bekommen wird, ist eine Unheilsansage par exellence: Schuld und Strafe werden wie Ursache und Wirkung miteinander verknüpft. Die Verdoppelung des Namens Samuel im Anruf Gottes gilt der Bekräftigung desselben (vgl. Ex 3,4). Sie erfolgt im Unterschied zu den voranstehenden Auditionen nur hier, weil sich jetzt die eigentliche Theophanie ereignet.

VV11-14: Der Inhalt der Offenbarung ist zweigeteilt. Zunächst wird ein allgemeines Unheil über Israel und das Haus Elis angesagt (VV11.12), danach folgt die Begründung (VV13.14). Explizit ist hier von einer Schuld Elis die Rede, die bemerkenswerterweise darin besteht, vom gotteslästerlichen Tun seiner Söhne zwar gewusst, es jedoch unterlassen zu haben, ihnen – wenigstens versuchsweise – Einhalt zu gebieten. Die Ernsthaftigkeit von Schuld und Strafe wird durch einen göttlichen Schwur unterstrichen.

V15: Trotz der bewegenden Begebenheit läuft Samuel nicht erneut zu Eli, sondern legt sich hin und verrichtet am Morgen seinen Dienst nach Vorschrift. Um keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen, fügt der Erzähler eine Erklärung hinzu: Weil Samuel seinem Lehrer Furcht, Kummer und Gram ersparen will, setzt er darauf, dass Eli glauben wird, es habe keine weiteren besonderen Vorfälle gegeben – dann gäbe es ja schließlich auch nichts zu erzählen.

V16: Aber Eli ruft Samuel zu sich, tituliert ihn wiederum als seinen Sohn. Beinahe stereotyp (vgl. 1Sam 3,4.5.6.8) folgt die Antwort Samuels: "Hier bin ich" – bereit, alle Aufträge entgegenzunehmen.

V17: Eli, der längst geahnt hatte, dass Gott selbst sich dem Samuel mitteilen wollte, schließt aus der Zurückhaltung seines Zöglings auf den negativen Inhalt der Offenbarung. Umso massiver fällt sein Drängen aus, restlos alles zu erfahren.

V18: Auf die harte Ansage Gottes reagiert Eli mit einer die Leserinnen und Leser überraschenden und zugleich beeindruckenden Fügsamkeit.

VV19-21: Die letzten drei Verse bilden als Schlusswort ein Gegenstück zur Einleitung 1Sam 3, 1.2. Die Offenbarung an Samuel, von der die Erzählung berichtet, blieb nicht die einzige, sondern viele andere folgten. Samuel wurde ein anerkannter und beachteter Prophet des Herrn – in der Nachfolge Elis.

4. Anregungen für eine Bibelarbeit

Sich der Schrift zuwenden:
Gotteslob 980: "Herr, wir hören auf Dein Wort"
Gotteslob 505: "Du hast uns, Herr, gerufen"

Die Schrift lesen:
1 Sam 3 langsam vorlesen, aufmerksam zuhören

Die Schrift bedenken:
Wo kann ich Gottes Wort, Seine Stimme hören oder erfahren? Wann und wie?
Gebe ich Gott Gelegenheit, in mein Leben hineinzusprechen?
Wie könnte sein Wort für mich lauten?
Könnte ich wie Eli sagen: "Er ist der Herr. Er tue, was ihm gefällt."?

Die Schrift ins Leben übersetzen:
Im Blick auf Gott: Was bedeutet es, an einen Gott zu glauben, der Menschen in Dienst nimmt und für seine Sache einspannt?
Im Blick auf Samuel: Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, um Gottes Ruf hören zu können? Gibt es in meinem Leben einen Eli, der mir hilft, Gottes Spuren zu erkennen und zu deuten?
Im Blick auf Eli: Wo kann ich Menschen helfen, Gott zu entdecken? Woher rührt das schier unendliche Gottvertrauen dieses Mannes?

Aus der Schrift heraus beten:
Lied: Gotteslob 881 "Lass uns in Deinem Namen, Herr, die nötigen Schritte tun".

Literatur

H.W. Herberg, Die Samuelbücher (NTD 10), Göttingen 1965, 28-32
S. Bar Efrat, Das Erste Buch Samuel. Ein narratologisch-philologischer Kommentar (BWANT 176), Stuttgart 2007, 95-103

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Text: Professor Dr. Robert Vorholt, Universität Luzern, Katholisches Bibelwerk im Bistum Münster (Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.bibelwerk.de) in Kooperation mit kirchensite – online mit dem Bistum Münster (Öffnet externen Link in neuem Fensterkirchensite.de) | Foto: Rainer Sturm / Öffnet externen Link in neuem Fensterpixelio.de, März 2013

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