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Seite: Fragen + Glauben
16.01.2017
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Vorholt und Söding.

Die Professoren Robert Vorholt (l.) und Thomas Söding.

Bibelarbeiten in kirchensite.de zum "Jahr des Glaubens"

Söding: Bibel-Lesen als "legales Doping" für den Glauben

Bistum. Die katholische Kirche begeht 2013 als "Jahr des Glaubens". Glauben – wie geht denn das? Wer das nicht wisse, der treffe "in der Bibel auf viele Menschen, die es auch nicht gewusst, aber dann Gott kennen gelernt haben", sagt Professor Thomas Söding, Leiter des Bibelwerkes im Bistum Münster. Deshalb erzählen die Bibelarbeiten 2013 in kirchensite.de Geschichten vom Glauben. Söding und Professor Robert Vorholt, Priester des Bistums Münster, stellen die Reihe vor.

kirchensite.de: In sieben Tagen hat Gott die Erde erschaffen. So beginnt die Bibel. Und für viele Zeitgenossen ist genau das der erste Grund, warum sie nicht glauben: Wie soll das denn gehen – in sieben Tagen! Wie kann man nur daran glauben! - Gute Frage: Wie kann man denn daran glauben?

Robert Vorholt: Nicht alles, was in der Bibel steht, darf in einem streng wörtlichen Sinn verstanden werden. Es gibt sicher noch das ein oder andere Neandertal auf dieser Welt, in dem man das anders sieht. Aber die übergroße Mehrheit der Bibelleserinnen und Bibelleser verfügt zum Glück über die Gabe der Unterscheidung: Die Geschichtsbücher des Alten Testaments sind zum Beispiel über weite Strecken keine historischen Tatsachenberichte, und die Evangelien des Neuen Testaments wollen keine 24-Stunden-Reportagen über das Alltagsleben Jesu sein. Das darf aber umgekehrt nicht verkennen lassen, dass sich die biblischen Schriften sehr wohl auf konkrete Geschichte beziehen und geschichtliche Geschehnisse einholen: indem sie die Geschichte Gottes mit den Menschen erzählen, indem sie diese Geschichte deuten und interpretieren, erinnern und vergegenwärtigen. Die Bibel erzählt Geschichten, die um Geschichte kreisen. Aber sie will uns nicht unsere Physik- und Biobücher ersetzen.

kirchensite.de: "Glaubt Ihr nicht, so bleibt Ihr nicht" (Jes 7,9) ist einer der zentralen Sätze im Alten Testament, die für das Selbstverständnis des Volkes Israel fundamental sind. Was sagt die Bibel hier grundsätzlich über den Glauben aus?

Thomas Söding: Das Wort ist für das Selbstverständnis Israels zentral, aber auf für jeden Einzelnen. Es ist vielleicht weniger eine Vorhersage als eine Feststellung des Apostels. Wer glaubt, ist nicht allein. Denn alle, die glauben, setzen auf Gott. Das Leben vergeht – aber Gott bleibt. Wer auf Gott vertraut, wird die Grenze des Todes durchbrechen – immer wieder im jetzigen Leben und dann am Ende aller Tage. Das ist die positive Botschaft des Propheten.

kirchensite.de: Im Neuen Testament begegnet in Heilungsgeschichten um Jesus immer wieder der Zuspruch "Dein Glaube hat dir geholfen", während ausgerechnet Petrus, der "erste Papst" sich von Jesus "Kleingläubiger" nennen lassen muss. Was kann der Glaube bewirken?

Vorholt: Ich finde es zunächst einmal tröstlich und dann vor allem ermutigend, dass sich in den Erzählungen der Bibel eigentlich keine Kraftprotze des Glaubens versammeln. Nicht einmal dem ersten Papst bleiben Zweifel und Skepsis erspart. Das taucht die Anfänge des Glaubens doch in ein wohltuend unideologisches Licht. Der Glaube ist nichts Statisches. Er ist auch nicht ein für allemal gewonnen. Umgekehrt ermöglicht er Orientierung. Zu glauben heißt für mich, dem Gott zu vertrauen, der die Menschen liebt. Dessen Liebe stärker ist als der Tod. So gesehen ist der Glaube für mich eine Zündschnur der Hoffnung und vor allem die Quelle echter Freude.

kirchensite.de: In den Ostererzählungen heißt es von den Jüngern: "Sie sahen – und glaubten." Und doch muss sich Thomas, der ja angeblich der große Zweifler, der "Ungläubige" ist, von Jesus anhören: "Selig, die nicht sehen und doch glauben." Ist der christliche Glaube ein "blinder" Glaube?

Söding: Im Gegenteil: Er ist ein heller, wacher, aufmerksamer, aufgeweckter Glaube. Aber er braucht nicht so zu tun, als ob es keine Zweifel gäbe. Dafür steht Thomas ein. Er kann nicht glauben, wenn er nicht sieht. Aber wer kann schon Jesus sehen? Wer die Thomasgeschichte liest, kann erkennen, wie das gehen kann: zu glauben, ohne dass man mit Jesus im direktem Kontakt ist. Der heilige Geist schafft die Verbindung. Wer im Evangelium liest, dass Jesus bereit ist, sich an seinen empfindlichsten Stellen berühren zu lassen, braucht keine Angst zu haben, nicht auch heute mit ihm in Kontakt zu kommen. Von Jesus zu lesen, im Neuen Testament und mit ihm in der ganzen Bibel, ist eine riesige Chance.

kirchensite.de: Die Bibel ist voll von Menschen, die sich mit dem Glauben schwer tun. Wen und wessen Geschichte würden Sie denen als Patron an die Seite stellen, denen es heute ähnlich geht?

Vorholt: Es kann ja ganz unterschiedliche Gründe geben, weshalb ein Mensch sich mit dem Glauben schwer tut. Die Bibel weiß darum. Alle Traurigen und Enttäuschten würde ich vielleicht mit den Jüngern von Emmaus ins Gespräch bringen wollen; allen Skeptikern und Zweiflern die Geschichte vom Ostermorgen mit Maria Magdalena erzählen; den Leidgequälten und Verbitterten vorsichtig das Bild Hiobs zeigen. Wem das Christentum zu wenig intellektuell durchdrungen erscheint, der sollte unbedingt Paulus lesen; wem der Glaube zu verstaubt und festgefahren vorkommt, der müsste eigentlich die Abrahamsgeschichte neu hören.

kirchensite.de: Wie kann die Bibel eine Anleitung zum Glauben sein?

Söding: Wer noch gar nicht weiß, was Glaube ist, trifft in der Bibel auf viele Menschen, die es auch nicht gewusst, aber dann Gott kennen gelernt haben, Abraham und Sara zum Beispiel. Wer den Glauben näher kennenlernen will, findet in der Bibel die originale Geschichte des Glaubens – und in dieser Serie ein paar Highlights, die Lust auf mehr machen. Wer mit dem Glauben neu anfangen will, bekommt durch eine neue Lektüre der Bibel eine Blutzufuhr – spirituelles Doping, und alles voll legal. Wer im Glauben allzu routiniert, vielleicht abgestumpft oder hart geworden ist, kann sich selbst auf den Prüfstand stellen und auf eine neue Entdeckungsreise gehen. Und wer seinen Glauben verloren hat, kann ihn in diesem Buch wiederfinden, hat kein anderer als der Dichter Heinrich Heine gesagt. Das Buch der Bücher ist unerschöpflich.

kirchensite.de: Was empfehlen Sie gläubigen Menschen, wie sie die Bibel zur Stärkung ihres Glaubens nutzen können?

Vorholt: Heinz Zahrnt, ein Theologe, hat mal geschrieben, dass die Bibel zwar das Licht des Glaubens sei – aber die Gegenwart liefere den Sauerstoff, der dieses Licht zum Brennen bringe. Ich finde, das ist ein brauchbares Wort. Es gibt eigentlich kein Bibellesen im luftleeren Raum, kein steriles Bibelteilen. Nur die lebensnahe und lebensbejahende Erschließung der biblischen Texte im Wechsel der Zeiten und im Rhythmus des Lebens kann heute den Geist aus dem Buchstaben wieder hervortreten lassen, der in der Vergangenheit in ihn eingegangen ist. Es geht beim Hören auf Gottes Wort ja nicht um die immer selbe Wiederholung des ewig Gestrigen, es geht um je neue Vergegenwärtigung und dann eben auch um Aktualisierung.
Für einen guten Umgang mit der Heiligen Schrift finde ich in ihr selbst ein eingängiges Bild, das nur auf den ersten Blick skurril erscheint: Der Prophet Ezechiel und Johannes, der Seher von Patmos müssen die ihnen von Gott übergebene Schriftrolle verschlingen, um ihren Inhalt erahnen und danach weitersagen zu können (vgl. Ez 3,1ff.; Offb 10,9). Gottes Wort will also vom Kopf ins Herz und dann gewissermaßen in die Füße sacken. Ganz am Ende des Bibellesens steht das Gebet, weil das Gebet die adäquateste Form ist, auf den Anruf Gottes, der im Wort der Schrift ergeht, zu antworten. Wo die Bibellektüre bei der historischen Situationsanalyse stehen bleiben würde, liefe sie Gefahr, in intellektuellen Staus steckenzubleiben, ohne ihr eigentliches Potenzial zu entfalten. Wo sie umgekehrt die Chancen nutzt, den persönlichen Glauben im Hier und Heute und sogar im Morgen zu stärken, wird sie zum Geheimtipp. Der heilige Ambrosius hat das irgendwann mal so auf den Punkt gebracht: "Warum sich nicht an Christus wenden, mit Christus sprechen, auf Christus hören? Zu ihm sprichst Du, wenn Du betest, ihn hörst Du, wenn Du die Heilige Schrift liest."

kirchensite.de: Worum geht es Ihnen und Ihren Kolleginnen und Kollegen bei den diesjährigen Bibelarbeiten in kirchensite.de? Was erwartet sie?

Vorholt: Ich habe ein Team von Exegetinnen und Exegeten gewinnen können, die vor allem die Leidenschaft für die Heilige Schrift verbindet. Zu dieser Leidenschaft gehört ja der Wunsch, Schätze, die man in der Bibel gehoben hat, weiter zu verschenken. Jetzt haben wir gerade das "Jahr des Glaubens." Papst Benedikt hat es ausgerufen. Ich finde, dass das eine gute Idee ist, um im größeren und vor allem im weiteren Rahmen mal wieder über das ins Gespräch zu kommen, was Glaube eigentlich sein kann. Wie das geht – glauben. Was das bedeutet – glauben. Welche Risiken und Nebenwirkungen es gibt. Das soll an Hand von zwölf biblischen Glaubensgeschichten gezeigt werden, sicher nicht erschöpfend, aber doch so, dass es am Ende vielleicht Lust gibt auf mehr.

Zur Person:

Thomas Söding wurde 1956 in Hannover geboren. 1985 promovierte er bei Professor Wilhelm Thüsing in Münster, Thema seiner Dissertation war das Glaubensverständnis von Markus. 1991 schloss er bei Professor Karl Kertelge seine Habilitation zum Thema "Das Liebesgebot bei Paulus" ab. Von 1991 bis 1993 war Söding Privatdozent an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster; 1993 wurde er Professor für Biblische Theologie an der Bergischen Universität Wuppertal. Seit 2008 hat er den Lehrstuhl für Neutestamentliche Exegese an der Ruhr-Universität Bochum inne.
Seit 2002 ist Söding Diözesanleiter des Katholischen Bibelwerks im Bistum Münster, überdies engagiert er sich seit vielen Jahren in verschiedenen ökumenischen Arbeitskreisen. Der Vatikan hat den Bibelwissenschaftler in die Internationale Theologenkommission, in den Päpstlichen Rat zur Förderung der Neuevangelisierung sowie als Experten zu den Weltbischofssynoden 2005, 2008 und 2012 berufen. – Thomas Söding ist verheiratet und Vater von drei Kindern.

Robert Vorholt, geboren 1970 in Münster, Studium der Katholischen Theologie in Münster und Paris, Priesterweihe 1999, Seelsorge im Bistum Münster. 2002 Freistellung und Beauftragung zum Promotionsstudium, 2006 Promotion im Fach Exegese des Neuen Testaments an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum mit einer Arbeit über die Apostolatstheologie des Paulus. 2007 Lehrauftrag an der Bergischen Universität Wuppertal, 2008 Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Assistent von Professor Thomas Söding am Lehrstuhl Neues Testament an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität. Habilitation im Dezember 2011 mit einer Habilitationsschrift zum Osterevangelium. Privatdozent im Sommersemester 2012 an der Ruhr-Universität, im Herbstsemester 2012 Lehrstuhlvertreter für neutestamentliche Exegese in Luzern. Seit 2013 Ordentlicher Professor für die Exegese des Neuen Testaments an der Universität Luzern.

Mehr zum Thema in kirchensite.de:

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Interview: Markus Nolte | Fotos: Archiv
05.02.2013

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