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Seite: Fragen + Glauben
28.03.2017
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Statue des Apostels Petrus auf dem Petersplatz in Rom.

Statue des Apostels Petrus auf dem Petersplatz in Rom.

Bibelarbeit zu Apg 9, 36-43

"In jenen Tagen wurde sie krank und starb…"
- Tabita und das Charisma eines Apostels

1. Einführung

Lukas berichtet in seinem zweiten Buch, der Apostelgeschichte, im Zusammenhang einer Visitationsreise des Apostels Petrus von zwei Wunderheilungen, die eng miteinander verzahnt sind, weil sie sich beinahe am gleichen Ort, jedenfalls in der Scharon-Ebene, zutragen. Anfangs hält Petrus sich in Lydda auf, wo er einen Mann namens Äneas, der acht Jahre gelähmt und bettlägerig war, geheilt hatte (vgl. Apg 9, 32-35). Von dort wird der Apostel aber schon bald in die Nachbarschaft, nach Joppe, gerufen (Apg 9,38f.). Tabita, eine für die junge Kirche sehr bedeutsame Frau, war gestorben. Wenn es jetzt noch jemanden gab, der helfen konnte, dann Petrus. Offenbar hatte sich sein Ruf als Wunderheiler in der gesamten Gegend verbreitet.

Lukas fühlt sich, als er diese Begebenheit festhält, vermutlich an die alttestamentlichen Totenerweckungserzählungen von Elija und Elischa erinnert (1Kön 17, 17-24; 2Kön 4, 19-37). Übereinstimmungen reichen bis ins Wörtliche hinein. Markante strukturelle Parallelen gibt es insbesondere zu der Elischa-Erzählung, wo der Prophet auch eigens zur Rettung herbei geholt werden muss. In der Tendenz handelt es sich bei Apg 9, 32-43 aber um eine Überbietung: Petrus wirkt als Apostel des Kyrios Jesus Christus große Wunder, größere noch als die Propheten. Eine zweite inhaltliche Verwandtschaft sorgt aber dafür, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Denn die Ähnlichkeiten der Totenerweckungen in Apg 9 mit den Totenerweckungen Jesu markieren zugleich gewaltige Unähnlichkeiten. Die Vollmacht des Apostels, Tote zu erwecken, bleibt in der Apostelgeschichte der Vollmacht des Gottessohnes zur Gänze zu- und untergeordnet. Aus sich heraus kann Petrus nichts tun. So geht es Lukas in Apg 9, 32-43 also nicht um die machtvolle Demonstration übermenschlicher Fähigkeiten, sondern um den Nachweis, dass Gottes Geist den Weg der Kirche erfüllt und begleitet.

Die exegetische Zunft hat mitunter erwogen, ob in den Totenerweckungserzählungen Mk 5, 21-43 und Apg 9, 36-43 die sprachliche Übereinstimmung von "Talitha" (Mk 5,41) und "Tabita" (Apg 9,40) mehr als nur Zufall ist und dadurch zustande kam, dass der ursprünglich in Joppe verankerte Name einer von Petrus geheilten Frau die Erinnerung an die Totenerweckungsformel Jesu so sehr provozierte, dass die um Petrus kreisende Heilungsgeschichte schließlich auch zu einer Totenerweckungserzählung wurde. Das bleibt am Ende Spekulation. Man muss sich m.E. davor hüten, dem lukanischen Bericht den Stachel des vermeintlich Unvorstellbaren dadurch zu ziehen, dass man die Geschichte einfach traditionskritisch zu entschärfen versucht. Natürlich stellt die Erzählung für modernes Denken eine gewisse Zumutung dar. Klar ist auch, dass man bei der lukanischen Schilderung des Ereignisses mit einer gewissen Stereotypisierung zu rechnen hat. Umgekehrt sind die Wunderberichte der Apostelgeschichte immer auch Ausläufer des Pfingstereignisses. Wer also das eine dem theologischen Gehalt nach nivelliert, muss wissen, dass er es auch mit dem anderen tut.

2. Der Text: Apg 9, 36-43

36In Joppe gab es eine Jüngerin mit Namen Tabita, was übersetzt "Gazelle" heißt. Sie war reich an guten Werken und Almosen, die sie gab. 37In jenen Tagen geschah es aber, dass sie krank wurde und starb. Man wusch sie und bahrte sie in einem Obergemach auf. 38Weil aber Lydda nahe bei Joppe liegt und die Jünger hörten, dass Petrus dort war, sandten sie zwei Männer zu Petrus und baten ihn: "Zögere nicht, zu uns herüber zu kommen!". 39Da stand Petrus auf und ging mit ihnen. Als er ankam, führten sie ihn hinauf in das Obergemach; an ihn heran traten alle Witwen, sie weinten und zeigten ihm alle Röcke und Kleider, die "Gazelle" gemacht hatte, als sie noch bei ihnen war. 40Petrus aber schickte sie alle hinaus, beugte die Knie, betete, wandte sich zu dem Leichnam und sagte: "Tabita, steh auf!". Sie aber öffnete ihre Augen, sah Petrus und setzte sich auf. 41Er gab ihr die Hand und richtete sie auf; er rief die Heiligen und die Witwen und stellte sie lebend vor. 42Das wurde in ganz Joppe bekannt, und viele kamen zum Glauben an den Herrn. 43Petrus aber blieb viele Tage in Joppe, bei einem gewissen Simon, einem Gerber.

3. Zum Hintergrund

Das alte biblische Joppe heißt heute Jaffa. Es handelt sich um eine der ältesten Hafenstädte an der Küste des Heiligen Landes, südlich des heutigen Tel Aviv. Nach 2Chr 2,15; Esra 3,7 wurde hier das aus dem Libanon kommende Holz für den Bau des Jerusalemer Tempels verladen. Joppe begegnet uns darüber hinaus in der Jona-Erzählung: Von hier aus flieht der Prophet in Richtung Tarschisch (Jona 1,3). Die Stadt war überwiegend jüdisch geprägt, aber schon früh hatte sich hier eine christliche Gemeinde gebildet. Von der antiken Stadt sind heute nur ein paar Mauerreste übrig geblieben. Die Römer hatten Joppe 66-70 n. Chr. zerstört.

Die Erzählung verfügt über zwei Protagonisten. Neben dem Apostel Petrus spielt eine Frau namens Tabita eine zentrale Rolle. Ihr aramäischer Name "Tabita" macht deutlich, dass sie zum Volk Israel gehörte. Lukas hält es aber offenkundig für angebracht, ihren Namen auch in die damalige Weltsprache, ins Griechische, zu übersetzen: "Dorkás". Ins Deutsche übertragen bedeutet das "Gazelle", ein in der Antike geläufiger Mädchenname.

Tabita wird den Leserinnen und Lesern als "Jüngerin" vorgestellt (Apg 9,36). Nur dieses eine Mal wird der Ausdruck im Neuen Testament verwendet, obwohl auch an vielen anderen Stellen von Frauen die Rede ist, die zur Christusgemeinschaft gehören. Wodurch genau Tabita sich als Jüngerin qualifiziert hatte, wird nicht explizit gesagt. Das Zeugnis, das diejenigen, die um sie trauern, von ihr ablegen, legt aber eine Spur: Tabita tat viele gute Werke; sie hatte ein Herz für andere Menschen, insbesondere für die Armen und Bedürftigen ihrer Stadt (Apg 9,36.39). Eine Reihe armer Frauen kommt dankbar an ihr Totenbett, weil sie Tabita in ihrer Güte und Warmherzigkeit erlebt haben. Das ist das Entscheidende – und mehr erfahren wir nicht: weder ob sie verheiratet war noch ob sie eine Familie hatte. Die Erwähnung des Obergemachs, in dem die Verstorbene aufgebahrt wurde, lässt den Schluss zu, dass diese Frau zu den eher vermögenden Leuten zählte, weil die ärmere Schicht eigentlich nur Räume zu ebener Erde bewohnte.

Die Trauer und die Verzweiflung sind groß. Erschüttert vom Tod Tabitas lässt die christliche Gemeinde von Joppe den Apostel Petrus rufen. Es hatte sich offenbar herumgesprochen, dass er sich in der Region aufhält, weil er im 20 Kilometer entfernten Lydda einen Gelähmten geheilt hatte. Für Lukas ist das nicht unwichtig: Die Totenerweckungsepisode Apg 9, 36-43 scheint ihn an das Muster jener ihm bereits bekannten Gattung zu erinnern, bei der der Wundertäter ins Haus des Verstorbenen geholt wird (vgl. 1Kön 17, 17-24; 2Kön 4, 19-37; Lk 8,40-56).

Petrus wird ins Obergemach geführt, dorthin, wo man Tabita nach jüdischem Brauch nach der Totenwaschung aufgebahrt hatte. Die Notiz scheint aus dem alltäglichen Leben gegriffen zu sein. Sie unterstreicht aber auch die Tatsächlichkeit des Todes. Kein Schein-Tod, kein Beinahe-Tod, kein Pseudo-Tod hat die Jüngerin vorübergehend außer Gefecht gesetzt, sondern der eigentliche und wirkliche Tod hat sie hinweggerafft. Die weitere Erzählung folgt dieser Logik: Im Obergemach wurde der Leichnam aufgebahrt, weil ein ständiger Windzug den Raum mit frischer Meeresluft durchwehen konnte.

Was dann geschieht, ist voller Dramatik. Einige verarmte Witwen halten Petrus zunächst die Agape Tabitas in Form von gespendeten Kleidern buchstäblich vor Augen (Apg 9,39). So wird plastisch deutlich, dass sie wahrhaftig eine Jüngerin des Kyrios Jesus ist, reich an ehrlicher Güte, sanftmütiger Milde und warmherziger Großzügigkeit. Der herbe Verlust, der für die Kirche mit dem frühen Tod Tabitas verbunden ist, leuchtet dem Apostel darum unmittelbar ein.

Petrus fällt auf die Knie. Der Apostel bittet Gott um das Leben dieser Frau (vgl. 1Kön 17,20ff.; 2Kön 4,33), die ein Herz für die Armen hatte. Solche Leute brauchte die junge Kirche dringend. Gerade sie wirkten nach außen hin einladend und glaubwürdig. Sie sorgten dafür, dass sich das christliche Miteinander wohltuend abhob von anderer gesellschaftlicher Praxis. Mission erfolgte durch Faszination, und keineswegs unterschätzt wurde hierbei die Anziehungskraft der Diakonie, die man als eine Fackel lebendigen Glaubens begriff.

Petrus erbittet, was Menschen unmöglich ist. Er setzt auf die Kraft des Gebetes. Er bringt keine medizinische Hilfe, aber er bringt Gott ins Spiel. Beinahe wörtlich zitiert er einen Satz, den Jesus in Kapharnaum bei der Totenerweckung der Tochter des Jairus gesagt hatte: "Mädchen, steh auf" (Lk 8,54; Apg 9,40). Damals war Petrus nur Augenzeuge eines Wunders. Jetzt wird er kraft des Geistes, der auf ihm ruht, selbst zum Wundertäter im Namen des auferstandenen Kyrios Jesus Christus.

Tabita öffnet die Augen (vgl. 2Kön 4,35) und richtet sich auf (vgl. 1Kön 17,22). Sie lebt und Petrus präsentiert sie lebendig. So wird sie der Gemeinde zurückgegeben. Die Bibel erwähnt keine Reaktionen. Das ist auch nicht nötig. Petrus betreibt kein Varieté. Es geht ihm nicht um spektakuläre Gesten. Aber das Wunder dieser Totenerweckung ist gleichsam das beglaubigende und bestätigende Echtheitszertifikat Gottes unter die Agape einer Frau, die ihrem Leben durch ihr Dasein für andere und durch ihren Glauben Richtung und Sinn verliehen hat. Solcher Dienst hat Zeugnischarakter. Darum wird er gebraucht (vgl. übrigens  Phil 1,24). So verfügt diese kleine Episode der Apostelgeschichte über eine enorme Bildkraft. Sie ist am Ende nicht "nur" Wunderbericht, sie ist zugleich bleibende Einladung an alle, die zu Jesus gehören, sich ihrerseits in der Kraft des Heiligen Geistes zu einem neuen Leben in der Gemeinschaft der Kirche erwecken zu lassen, mit dem Ethos, materielle und seelische Not zu lindern, und damit viele zum Glauben an den Kyrios zu führen, der unverhoffte Neuanfänge ermöglicht und schafft.

4. Vorschlag für eine Bibelarbeit:

Sich Einfinden:
Gotteslob 980: "Herr, wir hören auf Dein Wort"
Gotteslob 505: "Du hast uns, Herr, gerufen" – singen oder sprechen.

Die Heilige Schrift lesen:
Apg 9, 36-43 langsam vorlesen, aufmerksam zuhören

In der Stille nachdenken:
- Was bedeutet es, eine Jüngerin und ein Jünger Jesu zu sein?
- Gebe ich Gott Gelegenheit, in mein Leben hineinzusprechen?
- Was traue ich ihm zu?
- Was bedeutet für mich: Mission durch Faszination?

Den Bibeltext wahrnehmen:
- Den Bibeltext verteilen und leise lesen,
- dann können alle nacheinander einen Vers oder einen Gedanken vorlesen, der besonders beeindruckt.

Den Bibeltext erklären:
- Die Hintergründe und Zusammenhänge beschreiben,
- die Hauptaussagen benennen, wie oben dargestellt,
- offene Fragen diskutieren:

Die Bibel ins Leben übersetzen:
- Im Blick auf Gott: Was bedeutet es, an einen Gott zu glauben, der Menschen in Dienst nimmt und für seine Sache einspannt?
- Im Blick auf Tabita: Inwiefern könnte Leben in mir geweckt werden, das der Gemeinschaft der Glaubenden zugute kommt und dem Aufbau der Herrschaft Gottes dient?
- Im Blick auf Petrus: Wo kann ich Menschen helfen, Gott zu entdecken? Woher rührt das schier unendliche Gottvertrauen dieses Mannes?

Um Berufung und Sendung beten:
Lied: Gotteslob 881 "Lass uns in Deinem Namen, Herr, die nötigen Schritte tun"

Literatur

R. Pesch, Die Apostelgeschichte (Apg 1-12), EKK V/1, Neukirchen-Vluyn 32005
E. Läufer, Kleine Leute im Neuen Testament, Kevelaer 2000

Zum Herunterladen:

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Mehr zum Thema im Internet:

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Text: Dr. Robert Vorholt, Privatdozent am Lehrstuhl Neues Testament der Ruhr-Universität Bochum, Katholisches Bibelwerk im Bistum Münster (Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.bibelwerk.de), in Kooperation mit kirchensite - online mit dem Bistum Münster (Öffnet externen Link in neuem Fensterkirchensite.de) | Foto: Michael Bönte, April 2012

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