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Seite: Fragen + Glauben
23.08.2017
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Es gibt versschiedene Anlässe, die zu einem Konflikt führen können.

Es gibt versschiedene Anlässe, die zu einem Konflikt führen können.

Bibelarbeit zu Apg 19, 21-40

Groß ist Artemis von Ephesus:
Demetrius und das Wutbürgertum

1. Einführung

Unüberhörbar erschallt der Ruf von der großen Artemis von Ephesus in Apg 19, einmal durch die Zunft der Kunsthandwerker und Silberschmiede (Apg 19,28) unter Anführung eines gewissen Demetrius, ein zweites Mal noch lauter und durchdringender durch die Menge im Theater von Ephesus (Apg 19,34): "Groß ist die Artemis von Ephesus!" Ein Konflikt bahnt sich an. Wer sind die Konfliktpartner? Worin besteht der Konflikt? Welcher Anlass führt zum Konflikt? Wie entwickelt er sich? Und welche Lösungen finden sich schließlich? Vom Theater-Skandal wird gerne gesprochen. Inwiefern ist das, was sich nach Apg 19,23-40 im Theater von Ephesus abspielt, ein Skandal? Vielleicht ist es eher ein Prozess? Wer aber sind die Angeklagten und wer die Ankläger? Wer wird zum Verteidiger? Wer gewinnt und wer verliert letztlich? Welche Rückschlüsse lassen sich auf die Präsenz, die Bedeutung und den Erfolg des Christentums ziehen? Es geht um einen Konflikt, der für das städtische Milieu einer antiken Metropole beispielhaft ist, weil hier der in der Antike oft gegebene Zusammenhang von Religion und Ökonomie, der den Handel und Wohlstand erst florieren lässt, besonders prägend ist und seine mögliche Gefährdung existenzbedrohende Auswirkungen hätte. Es geht aber auch, möglicherweise sogar tiefgründiger als ersterer um einen Konflikt zwischen unterschiedlichen religiösen Wahrheitsansprüchen, einen Konflikt zwischen Monotheismus und Polytheismus mit den jeweilig unterschiedlichen, ja konträren Vorstellungen der Gottes-/Götterverehrung und dem Stellenwert des Gottes-Bildes im Sinne der Götterstatue.

2. Der Text: Apg 19, 21-40
(Bibelübersetzung: Zürcher Übersetzung 2007)

23 Zu jener Zeit nun kam es wegen des neuen Weges zu heftigen Unruhen.
24 Da war nämlich ein gewisser Demetrius, ein Silberschmied, der Artemistempel aus Silber herstellte und damit den Kunsthandwerkern beträchtliche Einkünfte verschaffte.
25 Die rief er zusammen und mit ihnen die Arbeiter, die sie beschäftigten, und sagte:
Männer, ihr wisst, dass von diesem Gewerbe unser Wohlstand kommt,
26 und ihr seht und hört, dass nicht nur in Ephesus, sondern in fast der ganzen Provinz Asia dieser Paulus viele Leute überredet und aufhetzt mit der Behauptung, was von Menschenhand gemacht sei, das seien keine Götter.
27 Es besteht nun nicht nur die Gefahr, dass unser Handwerk in Verruf kommt, sondern auch, dass das Heiligtum der großen Göttin Artemis seine Bedeutung verliert, ja, dass sie selbst ihre Hoheit einbüßen wird, sie, die man doch in der ganzen Asia, ja in der ganzen Welt verehrt!
28 Als sie das hörten, schrien sie voller Zorn: Groß ist die Artemis der Epheser!
29 Und die Stadt geriet in Aufruhr, und einmütig stürmte man ins Theater und schleppte Gaius und Aristarchus mit, Reisegefährten des Paulus aus Makedonien.
30 Paulus wollte sich auch in die Versammlung begeben, doch die Jünger hielten ihn zurück;
31 auch einige der Asiarchen, die ihm wohlgesinnt waren, schickten zu ihm und rieten ihm ab, sich ins Theater zu begeben.
32 Dort schrien die einen dies, die anderen das, denn die Versammlung war völlig durcheinander, und die meisten wussten gar nicht, weshalb man zusammengekommen war.
33 Aus der Menge gab man dem Alexander, den die Juden vorschickten, Hinweise und Ratschläge. Alexander nun gebot mit einer Handbewegung Schweigen und wollte vor dem Volk eine Verteidigungsrede halten.
34 Doch als sie merkten, dass er Jude war, schrien alle wie aus einem Mund fast zwei Stunden lang: Groß ist die Artemis der Epheser!
35 Als der Stadtschreiber schließlich die Menge beruhigt hatte, sprach er: Epheser! Wer in aller Welt wüsste nicht, dass die Stadt der Epheser Schutzherrin des Tempels der großen Artemis und des vom Himmel gefallenen Bildes ist?
36 Da dies nicht zu bestreiten ist, gilt es, Ruhe zu bewahren und nichts Unüberlegtes zu tun.
37 Die Männer, die ihr hierher gebracht habt, haben ja weder Heiligtümer ausgeraubt noch unsere Göttin gelästert.
38 Sollten also Demetrius und seine Handwerker gegen irgendjemanden etwas vorzubringen haben, so gibt es dafür Gerichte und Statthalter. Da mögen sie einander verklagen!
39 Falls ihr sonst noch ein Begehren habt, wird es in einer ordentlichen Volksversammlung geregelt werden.
40 Wir laufen nämlich Gefahr, dass man uns aufgrund der heutigen Vorfälle beschuldigt, einen Aufstand gemacht zu haben, und es gäbe nichts, womit wir diesen Volksauflauf rechtfertigen könnten. Nachdem er dies gesagt hatte, löste er die Versammlung auf.

3. Hintergrund

I. Der Konflikt zwischen den Silberschmieden und den Anhängern des "neuen Weges" in Ephesus nach Apg 19

Einige Bibelausgaben geben der Perikope treffsicher die Überschrift "Der Aufruhr des Demetrius in Ephesus". Sie benennen so denjenigen, der zum Initiator des Konflikts wird, denjenigen, der Einfluss und Wohlstand der reichen Stadt Ephesus und besonders die Einnahmen der erfolgreichen Silberschmiede in Gefahr sieht und dafür eine Gruppe in besonderer Weise verantwortlich macht: die Anhänger des "neuen Weges" (Apg 19,23), die den Worten des Apostels Paulus Gehör schenken, keine anderen als die, die zum Glauben an Jesus als den Christus gekommen waren. Als Sprecher der Zunft der Silberschmiede – so müssen wir annehmen –, versammelt Demetrius die Kunsthandwerker und ihre Arbeiter wegen einer – aus seiner Sicht – existenzbedrohenden Situation seiner Zunft, die ihren Wohlstand und Reichtum vor allem mit dem Verkauf silberner Artemis-Devotionalien erreicht haben. Eine Reibungs- und Angriffsfläche sieht Demetrius in der Götter- und Götterbilderkritik des Apostels Paulus, "was von Menschenhand gemacht sei, seien keine Götter" (Apg 19,26). Mit dieser Aussage hetze der Apostel Menschen in der ganzen Provinz Asia auf und überrede sie. Eine dreifache Gefahr droht aus seiner Sicht: 1. Der Verruf des Handwerks der Silberschmiede 2. Der Bedeutungsverlust des Heiligtums der Artemis 3. Der Hoheitsverlust der Göttin Artemis selbst. Die Reaktion der versammelte Silberschmiede ist der bekannte Ruf: "Groß ist die Artemis von Ephesus!" Ein Doppeltes dürfte hierin zum Ausdruck kommen: 1. Angst wegen einer vermeintlichen Bedrohung und eines möglichen Verrufs des Handwerks, vor allem aber wegen der Bedrohung des Wohlstands 2. Angst vor dem möglichen Zorn der Göttin Artemis, die als Schutzgöttin der Stadt Ephesus fungiert; der Text aber spricht noch deutlicher vom Zorn (Apg 19,28). Der Zornesruf der Masse aber ist kein Bekenntnisruf, sondern entspringt der Aufstachelung, unreflektiert, dramatisiert. Schon hier beginnt die Demaskierung des Demetrius und die auf Überzeugung gründende Erfolgskraft des Christentums.

Die Flammen der aufgebrachten Menge aber schlagen über und stecken die Stadt in Brand. Die Epheser geraten in Aufruhr und versammeln sich im Theater, einem der größten der Antike mit über 20.000 Sitzplätzen. Im Schlepptau sind Gaius und Aristarchus (vgl. Phlm 24; Kol 4,10), Reisegefährten des Apostels Paulus (Apg 29,29) – stellvertretend für die angeklagten Anhänger des "neuen Weges". Paulus selbst will seine Gefährten unterstützen und stärken, wird aber von Jüngern, wohl Gläubigen aus der ephesinischen Gemeinde, und einigen Asiarchen, hochrangigen und angesehenen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die offensichtlich mit dem Christentum sympathisieren, zurückgehalten. Die Gefahr scheint zu groß. Im Theater nämlich herrschen tumultartige Szenen. Die Menge ist aufgebracht und schreit durcheinander. Viele kennen gar den Grund der Versammlung nicht mehr (Apg 19,32). Vor der Menge stehen Gaius und Aristarchus als Vertreter der Anhänger des "neuen Weges". Eine Anklage aber gibt es nicht. Demetrius und seine Kunsthandwerkerzunft, die eigentlichen Initiatoren des Aufstands, bleiben unerwähnt. In Erscheinung tritt vielmehr ein Mann namens Alexander, ein Sprecher der Juden (Apg 19,33), der selbst auch als Jude erkannt wird (Apg 19,34). Unvermittelt tritt er auf, vermutlich ein bekannter Mann. Sein Ziel ist es, eine Verteidigungsrede zu halten. Für wen, bleibt zunächst unklar. Will er sich selbst oder seine Gruppe verteidigen? Wer aber ist seine Gruppe? Gehören Gaius und Aristarchus dazu? Ist also Alexander Jude oder Judenchrist? Unterscheidet die Menge hier? Der Text sagt, sie seien Juden (Apg 19,34). Zur Verteidigungsrede kommt es nicht mehr, denn ein zweites Mal erschallt der bekannte Ruf: "Groß ist die Artemis von Ephesus!" (Apg 19,34), diesmal aus dem Mund der Menge im Theater, laut, unüberhörbar und ausdauernd. Es ist zu vermuten, dass die Menge jetzt nicht aus dem ursprünglich ökonomischen Interesse, sondern religiös motiviert aus Angst vor dem möglichen Zorn der Göttin Artemis skandiert. Es ist aber der Schrei einer großen Menge aus einer unüberschaubaren Situation heraus.

Erst dem Stadtschreiber gelingt es nach einiger Zeit, die Menge zu beruhigen und eine Gesprächs- und Rechtsbasis einzuführen. Er hält eine Rede an die versammelte Menge im Theater, gekonnt, überzeugend und aufklärend. Die Szenerie geht zurück zu den beiden Angeklagten Gaius und Aristarchus. Warum sind sie eigentlich angeklagt? Schwere Vorwürfe könnten eine außerordentliche Versammlung im Theater rechtfertigen – wenn sie denn zutreffen: Tempelraub und Gotteslästerung. Von beidem aber werden Gaius und Aristarchus stellvertretend für Paulus und die Christen freigesprochen. Gekonnt versöhnt der Stadtschreiber die Menge mit der ungeschmählerten Bedeutung der Göttin Artemis, ja, bezeichnet Ephesus als Schutzherrin ihres Tempels und gibt damit der Stadt ihren Rang und der Göttin die Göttlichkeit zurück, insbesondere mit dem Hinweis auf das vom Himmel gefallene Bild (Apg 19,35). Er zeigt aber zugleich die Unschuld der beiden Angeklagten und des Christentums im Ganzen auf und verweist auf Gerichte, Statthalter und ordentliche Versammlungen, in denen in Ruhe diskutiert werden kann, ob die Silberschmiede zu Recht etwas gegen die Anhänger des "neuen Weges" vorzubringen haben. Zu verhindern ist aus Sicht des Stadtschreibers eine Anklage der Menge wegen widergesetzlichen Aufruhrs. Denn darauf stehen Sanktionen. So löst der Stadtschreiber die Versammlung im Theater auf (Apg 19,40) und setzt sich für das geltende Recht ein. Sein Anliegen ist es, Recht und Ordnung zur Durchsetzung zu bringen. Sowohl die harten Vorwürfe gegen die Christen, Tempelraub und Gotteslästerung, als auch die reine Vermutung des Demetrius, das Christentum könne aufgrund seiner Götterbilderkritik geschäftsschädigend sein, sind aus dem Raum, da sie unbegründet sind und die Christen die Grenzen des Erlaubten in ihrer Missionstätigkeit nicht überschritten haben. Recht und Ordnung in den hellenistisch-römischen Städten – für die der Stadtschreiber hier steht – bieten dem frühen Christentum letztlich nahrhaften Boden für ihre Missionstätigkeit. Demetrius und die Bürger von Ephesus vermögen es nur für den Moment, die Christen in Bedrängnis zu bringen. Besonnenheit und Reflexion sind jedoch nicht ihre Stärke, genauso wenig wie eine Auseinandersetzung mit der Verkündigungsbotschaft des Christentums, die hier gerade auch in einem ganz neuen Gottesbild liegt, das zugrunde legt, dass es eines in Silber gegossenen Götterbildes, mit dem auch noch Profit gemacht wird, eben nicht bedarf. Polytheistische und monotheistische Gottesbilder stoßen hier aufeinander, an erster Stelle ist es aber doch wohl die Angst um den eigenen Besitz, damit auch Machtanspruch und Einfluss in der Stadt und die Angst um den möglichen Zorn der Schutzgöttin der Stadt. Das Christentum aber bietet keine direkte Angriffsfläche. Juristisch begibt sich Demetrius mit seinen Leuten auf Glatteis, wenn er aus nichtigem Anlass zum Initiator eines Tumults wird, auf den Sanktionen stehen, wenn er unbegründet ist.

II. Demetrius als Bürger einer kleinasiatischen Metropole der Antike im 1. Jh. n. Chr. – die besonderen Eigenschaften von Ephesus

Ephesus zählte zu den großen, reichen und bedeutenden Metropolen der Antike. In der Mitte des 1. Jhs. n. Chr., während der paulinisch-frühchristlichen Zeit, war es mit mehr als 250.000 Einwohnern "die zweitgrößte Stadt des Orients". Mit seiner Vielzahl von Bauten, Tempeln, Plätzen, dem Odeion, der Celsus-Bibliothek, dem Großen Theater, dem Gymnasion, der Wasserversorgung, dem orthogonalen Straßensystem und den Prozessionsstraßen war Ephesus eine klassisch geprägte hellenistisch-römische Stadt mit Einfluss, Macht und Reichtum. Ihre Glanzzeit erlebte die Stadt im 2. Jh. n. Chr., eine Zeit, in der auch das Christentum an Selbstbewusstsein und Einfluss gewann, ja neben Rom zur zweiten Hauptstadt des Christentums wurde. Epidemien, Feldzüge, Erdbeben und die Verlandung des Hafens hatten ab dem Ende des 2. Jhs. n. Chr. wirtschaftliche und politische Folgen für die Stadt, so dass sie nachhaltig geschwächt war.

Das Artemision
Der wichtigste Bau für die Geschichte der Stadt Ephesos dürfte der große Tempel für Artemis, die  Schutzgöttin der Stadt, gewesen sein. Das Artemision zählte mit seinen gewaltigen Ausmaßen von 55,10m x 115,40m, geschmückt mit 117 Säulen in einer Höhe von 18,90m und der architektonischen Ausschmückung zu den sieben Weltwundern der Antike.*1  "Den Ephesiern mag der Transport der gewaltigen Bauteile, die bis zu 24t wiegen konnten, so vorgekommen sein, als habe die Göttin selbst mitgebaut."*2 Die zwei jährlichen Wallfahrtsfeste für die Göttin Artemis und die monatlichen Prozessionen vom Tempel in die Stadt und wieder zurück brachten Ephesus zahlreiche Pilger und Gäste und ließen die Stadt durch den Devotionalienhandel als Handels- und Verwaltungsstandort florieren. Für die Üppigkeit der Einkünfte war das Artemision bekannt. Den Besitz sicherte v. a. das Asylrecht des Tempels, das zum Gründungsmythos des Artemisions zählt: "Theseus, der zusammen mit Herakles nach dem Gürtel der Hippolyte auszog, verfolgte die Amazonen bis Lydien; und dort flohen sie zum einem Altar der Artemis und beteten, dass sie Rettung finden möchten; und Artemis gewährte ihnen ihre Rettung; daher sei der Ort Ephesus genannt worden." (Etym. m. 402,8ff.) Hinzu kam die Unverletzlichkeit des Heiligtums, die die nötige Sicherheit für den Tempel als reiche Bank brachte. "Ihr wisst von den Ephesern, dass viel Geld bei ihnen ist, teils von Privaten im Tempel aufbewahrt – nicht nur von den Ephesern, sondern auch von Gastfreunden und von irgendwoher kommenden Menschen –, teils von Gemeinden und Königen; alle, die es dort deponieren, tun dies um der Sicherheit willen. Denn noch nie hat jemand gewagt, dem Ort Unrechtes zu tun, obwohl unendlich viele Kriege stattgefunden haben und oft die Stadt erobert worden ist." (Dion Chrysostomos. Or. 31,54).

Die Bevölkerung verstand sich als Schutzherrin dieses Tempels der großen Artemis (Apg 19,35). Entsprechend hoch dürfen wir ihr Engagement für den Tempel und die Verehrung der Stadtgöttin Artemis erachten. War in Ephesus nicht nur der Artemis-Kult vertreten und mit ihm seit den letzten Flaviern die Kaiserneokorie, so doch die Verehrung der Göttin Artemis in herausragender Weise und für das Selbstverständnis der Epheser prägend.  

Die Artemis von Ephesus und ihre Verehrung
Die griechische Mythologie stellt uns Artemis als jungfräuliche Göttin der Jugend und Jagd vor, meist bekleidet mit einer kurzen Tunika und mit einem Bogen bewaffnet. Mit dieser Artemis hat die ephesinische Artemis nicht viel gemein. Vielmehr ist davon auszugehen, dass griechische Siedler ihren Namen auf eine in Ephesus heimische Mutter- und Erdgottheit mit verwandten Wesensmerkmalen, vermutlich Kybele, übertragen haben. Die Artemis von Ephesus wurde so zu einer eigenständigen Gottheit mit eigenen Funktionsbereichen und Zuschreibungen. Von den Ephesern wird sie primär als "schützende, bewahrende und fürsorgliche Göttin" wahrgenommen und verehrt. Ihr Kultbild war ursprünglich eine Holzfigur, mit Gewändern bekleidet und verschiedenen Gegenständen geschmückt. Die steinernen Repliken des Originals betonten insbesondere die Schmuckstücke des Götterbildes, die bekannten ovalen Gebilde, die in mehreren Reihen den Oberkörper der Artemis schmücken und ihr den Namen "die Vielbrüstige" einbrachten. Die Deutungen reichen von Brüsten über Eier, Datteln, Trauben bis hin zu Stierhoden, möglicherweise, im Detail aber nicht geklärt, Zeichen der Fruchtbarkeit. Artemis galt als "Garantin der Kontinuität des Lebens".

Die großen Feste zu Ehren der Artemis waren geprägt von Prozessionen und Opfern. Die Prozessionen führten vom Heiligtum, das außerhalb der Stadt lag, in die Stadt durch das Stadtgebiet hindurch und zum Heiligtum zurück. Eine wichtige Station war dabei das Große Theater. Eine weitere Prozession führte zum Geburtsort der Göttin und zurück. Die Prozessionen, von denen es ca. 4 im Laufe eines Jahres gegeben hat, konnten von offizieller Stelle oder von Privatpersonen durchgeführt werden. Diese Verehrungsformen neigten mitunter auch zu Formen der Selbstdarstellung.

Im Mittelpunkt der großen Feste zu Ehren der Artemis standen die auf dem Altar dargebrachten Opfer. Zu den wichtigsten Opfertieren gehörte neben Schafen und Ziegen der Stier, der in einem direkten Zusammenhang zur Göttin Artemis steht. Wie vielerorts in der Antike wurde ein gewisser Teil der Göttin als Brandopfer dargebracht, der überwiegende Teil aber von den Gläubigen verspeist. Die Opfer dienten so dem religiösen Akt und gemeinsam Mahl gleichermaßen.

Das Große Theater von Ephesus
Das Theater von Ephesus zählt zu den größten und beeindruckendsten Bauten der Stadt. Im 3. Jh. v. Chr. in den Hang gebaut und nach Westen ausgerichtet, war es von weit her vom Hafen sichtbar und wuchs es in der Folgezeit bis zum 2. Jh. n. Chr. auf eine beachtliche Größe heran. Es bot in der Glanzzeit ca. 25.000 Menschen Sitzplätze, was in dieser Dimension durchaus Rückschlüsse auf die Bedeutung der Stadt zulässt.

Die Wurzeln des griechischen Theaters liegen in kultischen Handlungen, was besonders für Ephesus prägend ist, da das Theater eine zentrale Station während der Prozessionen zu Ehren der Göttin Artemis ist. Das Theater war darüber hinaus öffentlicher Begegnungsort und ein fester Platz im Kulturleben der antiken Stadt. Das Spektrum der aufgeführten Stücke dürfte groß gewesen sein. Das Theater ist aber auch eine politische Bühne als Versammlungsort und Ort der Meinungsbildung (Apg 19,23-40).

Ephesus war also eine Weltstadt von bedeutendem Rang, eine Stadt, die ihren Reichtum neben ihren Möglichkeiten als Hafen- und Handelsstadt nicht zuletzt aus der Attraktivität der Göttin Artemis zog. Sie brachte Pilger, Verehrer und Interessenten in die Stadt, die ihr Geld dort ließen und Artemisstatuetten zur häuslichen Verehrung erwarben. Sie gewährte der Stadt aber auch Schutz und Wohlergehen. Sie galt es wohl zu stimmen.

Zweierlei prägte demnach die Stadt Ephesus gerade in ihrem städtischen Gefüge und Wesen:
1. Die Ökonomie, die für die Blüte der Stadt unabdingbar und mit der Religiosität des Polytheismus eng verwoben war.
2. Der Polytheismus – neben anderen Kulten v. a. der Artemis-Kult –, der sich sowohl durch das Judentum als auch durch das frühe Christentum, die Anhänger des "neuen Weges" in ihrem Götter- und Götterbildverständnis herausgefordert sah.

Diese städtischen Strukturen trugen zu einem Konflikt bei, der für das Christentum aber nicht erfolglos ausging, im Gegenteil. Was im Theater von Ephesus zunächst dramatisch und tumultartig erscheint, zeigt letztlich – bezeugt von einer ganzen Masse – die mangelnde Überzeugungskraft eines Glaubens nach dem Prinzip "do, ut des" (ich gebe, damit du gibst). Die Menge skandiert einen Ruf aus Angst und Zorn. Vertrauen und Bekenntnis bedienen sich anderer Ausdrucksformen. Es sind auch die städtischen Strukturen, die diese Demaskierung ermöglichen: die öffentlichen Plätze und Theater. Die gleichen Orte legen aber auch – hier in der Rede des Stadtschreibers und im Freispruch der Angeklagten – die Mittel der Missionstätigkeit des frühen Christentums offen: Legalität, Gewaltfreiheit, Dialogfähigkeit, Toleranz und Überzeugungskraft. Die städtischen Strukturen können für das Christentum zur Gefahr und zur Chance gleichermaßen werden. Sie fordern heraus, bringen Überzeugungen aber auch auf den Punkt.

4. Bibelarbeit

Folgende Fragehorizonte können ein Impuls für ein anschließendes Gespräch sein:
Apg 19 kann aus verschiedener Perspektive gelesen werden. Versuchen Sie, aus der Sicht des Demetrius, der Menge, der Angeklagten und des Stadtschreibers zu denken und in die verschiedenen Rollen zu schlüpfen. Wie verändern sich dadurch das Gottes-, aber auch das Menschenbild?

Welcher Blick fällt auf die Herausforderungen und Chancen einer antiken Metropole für das Christentum? Mglw. gibt es Parallelen in unsere Stadtgefüge hinein? Kennen wir Figuren wie den Demetrius, Gruppen wie die Silberschmiede, aber auch wie den Stadtschreiber?

Weiterführende Literatur

Eckey, W., Die Apostelgeschichte, 2. Teilband 15,36-28,31: Der Weg des Evangeliums nach Rom, Neukirchen-Vluyn 2010.
Günther, M., Türkei – Westküste. Stätten des frühen Christentums, Leipzig 2008.
Jervell, J., Die Apostelgeschichte, Meyer´s Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1998.
Karwiese, S., Groß ist die Artemis von Ephesus. Die Geschichte einer der großen Städte der Antike, Wien 1995.
Letzner, W.., Ephesos – ein antike Metropole in Kleinasien, Mainz 2010.
Mussner, F., Apostelgeschichte, NEB, Würzburg 1999.
Roloff, J., Die Apostelgeschichte, NTD, Bd. 5, Göttingen 192010.

Anmerkungen

*1 Vgl. Karwiese, Groß ist die Artemis von Ephesos, 35.
*2 Letzner, Ephesos, 17.

Zum Herunterladen:

  1. Leitet Herunterladen der Datei einBibelarbeit zu Apg 19, 21-40: Groß ist Artemis von Ephesus: Demetrius und das Wutbürgertum

Mehr zum Thema im Internet:

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Text: Dr. Esther Brünenberg-Bußwolder, Ruhr-Universität Bochum, Katholische Theologie/Neues Testament, Katholisches Bibelwerk im Bistum Münster (Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.bibelwerk.de) in Kooperation mit kirchensite - online mit dem Bistum Münster (Öffnet externen Link in neuem Fensterkirchensite.de) | Foto: Norbert Göckener, März 2012

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