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21.08.2017
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Beatus de Facundus, Neues Jerusalem.

Beatus de Facundus, Neues Jerusalem.

Bibelarbeit zu Offenbarung 21,1 - 22,5

Ein neuer Himmel und eine neue Erde

Die große Schlussvision der Johannesapokalypse

1. Einleitung und Hintergründe

"Wann schreit man nach der neuen Erde, der neuen Stadt und nach dem Gott, der alle Tränen abwischen wird? Dann, wenn die gegenwärtige Erde unerträglich geworden ist und wenn die Menschen noch nicht so apathisch sind, dass sie keine Tränen mehr haben" (Steffensky, S. 109). Die wunderbare Schlussvision des letzten Buches der Heiligen Schrift richtet sich an Christen in Kleinasien, für die genau das Wirklichkeit geworden ist. Ihre Gegenwart ist kaum auszuhalten. Wir bewegen uns im letzten Jahrzehnt des ersten Jahrhunderts, in den letzten Regierungsjahren Kaiser Domitians. Die römischen Behörden im Osten des Reiches übten offensichtlich gezielt Druck auf die christlichen Gemeinden aus, dass auch sie ihren staatsbürgerlichen Verpflichtungen nachkamen, den Kaiser als "Herrn und Gott" anzurufen. Dabei ging es nicht allein um eine religiös-kultische Verordnung; die gemeinsame Verehrung des Kaisers sollte vielmehr der "Kitt" in der Gesellschaft sein und die Menschen ideologisch einen. Wer sich dem Kaiserkult verweigerte, musste mit Strafverfolgung und sozialen und ökonomischen Repressalien rechnen (vgl. 2,10.13), zumindest aber damit, an den Rand der Gesellschaft abgedrängt zu werden. In der Gemeinde in Pergamon (2,13) scheint es sogar zu einer Art Pogrom gekommen zu sein. Wie in dieser herausfordernden Situation sein Christsein leben? In manchen Gemeinden kursierte die Meinung, die Teilnahme am Kaiserkult zu gestatten. Aus einem aufgeklärten Geist heraus wollte man sich inkulturieren. Außerdem übte es durchaus eine Faszination aus, in Übereinstimmung mit einer politischen Ordnung zu leben, die ihre Macht mit großer Pracht inszenierte. Wer schon einmal das antike Ephesus besucht hat, kann den ästhetischen Reiz des Kaiserkults mindestens ahnen. Natürlich war diese Option des Mitmachens auch der bequemere Weg. Man konnte persönliche Nachteile umgehen. Für den Seher Johannes dagegen ist dieser Weg nicht gangbar. Den Kaiser als Herrn und Gott anzubeten wäre für ihn Verrat am Christusglauben. Daher versucht er, die Christen in Kleinasien zu einem kompromisslosen Nein zu bewegen. Sie sollen passiven Widerstand leisten. Das bedeutete allerdings auch, in der prekären Situation auszuharren und leiden zu müssen – was noch einmal dadurch erschwert wurde, dass kein Ende der Repressalien in Sicht war. Beinah alles deutete sogar in die Richtung, dass die römischen Behörden die Oberhand behielten. Woher aber die Kraft nehmen, sich für den widerständigen Weg zu entscheiden? Johannes, der wohl selber auf die Insel Patmos verbannt worden ist, empfängt in dieser Situation die Vision vom neuen Himmel und der neuen Erde sowie des himmlischen Jerusalem. Im Kontrast zu der bedrängenden Gegenwart wird ihm gezeigt, dass die Christen schöne Aussichten haben: Nicht den Himmel auf Erden, aber einen neuen Himmel und eine neue Erde und ein neues Gemeinwesen. Johannes schaut ein inneres Bild, das seine Zeitgenossen davor bewahren soll, ihre Gegenwart resigniert hinzunehmen und sich doch noch dem "mainstream" anzupassen. Die Bilder sind von einer geradezu atemberaubenden Schönheit und sollen wohl ganz bewusst die Ästhetik des Kaiserkults in den Schatten stellen .Und dennoch wollen sie die Menschen nicht sinnlich betäuben oder nur auf die Zukunft vertrösten.

Sie sind "gemalt" als Hilfe, die Gegenwart mit ihren Herausforderungen glaubend zu bestehen. Die Christen sollen wissen, dass sie etwas Schönes vor sich haben. Die Visionen wollen die Gewissheit vermitteln, dass Gott die Geschichte fest in der Hand und am Ende er als der Sieger dastehen wird – auch wenn es manchmal einen ganz anderen Eindruck macht. Gott lässt die Seinen nicht im Stich

2. Der Text: Gottes Wohnen unter den Menschen: 21,1-8

1: Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr.

2: Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat.

3: Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein.

4: Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen.

5: Er, der auf dem Thron saß, sprach: Seht, ich mache alles neu. Und er sagte: Schreib es auf, denn diese Worte sind zuverlässig und wahr.

6: Er sagte zu mir: Sie sind in Erfüllung gegangen. Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende. Wer durstig ist, den werde ich umsonst aus der Quelle trinken lassen, aus der das Wasser des Lebens strömt.

7: Wer siegt, wird dies als Anteil erhalten: Ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein.

8: Aber die Feiglinge und Treulosen, die Befleckten, die Mörder und Unzüchtigen, die Zauberer, Götzendiener und alle Lügner- ihr Los wird der See von brennendem Schwefel sein. Dies ist der zweite Tod.
Das neue Jerusalem: 21,9-22,5

9: Und es kam einer von den sieben Engeln, die die sieben Schalen mit den sieben letzten Plagen getragen hatten. Er sagte zu mir: Komm, ich will dir die Braut zeigen, die Frau des Lammes.

10: Da entrückte er mich in der Verzückung auf einen großen, hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem, wie sie von Gott her aus dem Himmel herabkam,

11: erfüllt von der Herrlichkeit Gottes. Sie glänzte wie ein kostbarer Edelstein, wie ein kristallklarer Jaspis.

12: Die Stadt hat eine große und hohe Mauer mit zwölf Toren und zwölf Engeln darauf. Auf die Tore sind Namen geschrieben: die Namen der zwölf Stämme der Söhne Israels.

13: Im Osten hat die Stadt drei Tore und im Norden drei Tore und im Süden drei Tore und im Westen drei Tore.

14: Die Mauer der Stadt hat zwölf Grundsteine; auf ihnen stehen die zwölf Namen der zwölf Apostel des Lammes.

15: Und der Engel, der zu mir sprach, hatte einen goldenen Meßstab, mit dem die Stadt, ihre Tore und ihre Mauer gemessen wurden.

16: Die Stadt war viereckig angelegt und ebenso lang wie breit. Er maß die Stadt mit dem Meßstab; ihre Länge, Breite und Höhe sind gleich: zwölftausend Stadien.

17: Und er maß ihre Mauer; sie ist hundertvierundvierzig Ellen hoch nach Menschenmaß, das der Engel benutzt hatte.

18: Ihre Mauer ist aus Jaspis gebaut, und die Stadt ist aus reinem Gold, wie aus reinem Glas.

19: Die Grundsteine der Stadtmauer sind mit edlen Steinen aller Art geschmückt; der erste Grundstein ist ein Jaspis, der zweite ein Saphir, der dritte ein Chalzedon, der vierte ein Smaragd,

20: der fünfte ein Sardonyx, der sechste ein Sardion, der siebte ein Chrysolith, der achte ein Beryll, der neunte ein Topas, der zehnte ein Chrysopras, der elfte ein Hyazinth, der zwölfte ein Amethyst.

21:Die zwölf Tore sind zwölf Perlen; jedes der Tore besteht aus einer einzigen Perle. Die Straße der Stadt ist aus reinem Gold, wie aus klarem Glas.

22: Einen Tempel sah ich nicht in der Stadt. Denn der Herr, ihr Gott, der Herrscher über die ganze Schöpfung, ist ihr Tempel, er und das Lamm.

23: Die Stadt braucht weder Sonne noch Mond, die ihr leuchten. Denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist das Lamm.

24: Die Völker werden in diesem Licht einhergehen, und die Könige der Erde werden ihre Pracht in die Stadt bringen.

25: Ihre Tore werden den ganzen Tag nicht geschlossen - Nacht wird es dort nicht mehr geben.

26: Und man wird die Pracht und die Kostbarkeiten der Völker in die Stadt bringen.

27: Aber nichts Unreines wird hereinkommen, keiner, der Greuel verübt und lügt. Nur die, die im Lebensbuch des Lammes eingetragen sind, werden eingelassen.

1: Und er zeigte mir einen Strom, das Wasser des Lebens, klar wie Kristall; er geht vom Thron Gottes und des Lammes aus.

2: Zwischen der Straße der Stadt und dem Strom, hüben und drüben, stehen Bäume des Lebens. Zwölfmal tragen sie Früchte, jeden Monat einmal; und die Blätter der Bäume dienen zur Heilung der Völker.

3: Es wird nichts mehr geben, was der Fluch Gottes trifft. Der Thron Gottes und des Lammes wird in der Stadt stehen, und seine Knechte werden ihm dienen.

4: Sie werden sein Angesicht schauen, und sein Name ist auf ihre Stirn geschrieben.

5: Es wird keine Nacht mehr geben, und sie brauchen weder das Licht einer Lampe noch das Licht der Sonne. Denn der Herr, ihr Gott, wird über ihnen leuchten, und sie werden herrschen in alle Ewigkeit.

3. Sehhilfen

Zweifelsfrei zählt die Offenbarung des Johannes zu den Büchern der Bibel, in denen Ästhetik eine entscheidende Rolle spielt. Nicht zufällig hat das Motiv des himmlischen Jerusalem die Kunstgeschichte immer wieder inspiriert: Man denke nur an viele Fresken und Portale, an Weihrauchfässer und Kerzenleuchter, an die romanischen Radleuchter bis hin zum Grundriss vieler romanischer Kirchen (quadratische Vierung). Die Sinnlichkeit der Bilder hat ursprünglich zu tun mit der Konkurrenz zum Kaiserkult, der ebenfalls stark ästhetisch aufgeladen war (s.o.).

Man nähert sich den beiden letzten Kapiteln der Offenbarung am besten, wie man sich einem Gemälde Salvador Dalís nähert. Denn das, was Johannes innerlich sieht und dann vor unsere Augen malt, hat tatsächlich gewisse Ähnlichkeiten mit der Kunstauffassung des Surrealismus (vgl. Berger, S. 222). Er greift auf verschiedene Bilder des Alten Testaments zurück und komponiert diese Motive mit großer künstlerischer Freiheit neu zu einer Art Collage –  aber so, dass sie nicht einfach ein harmonisches Ganzes bilden bzw. ganz logisch zueinander stehen. "Die Bilder sind wie Fragmente aufeinander getürmt, sie stehen nebeneinander, der Leser muss schon wissen, was er damit anfängt" (Berger, S. 222).

Die folgenden Gedanken verstehen sich deshalb als kleine Sehhilfen.

Zu 22,1: Fast wie aus dem Nichts heraus erscheinen plötzlich ein neuer Himmel und eine neue Erde. Johannes greift damit eine Verheißung aus dem dritten Teil des Jesajabuches auf (Jes 65, 17). Auch dort werden ein neuer Himmel und eine neue Erde angekündigt, die alles Bisherige in den Schatten stellen. Anders als das Frühjudentum scheint Johannes aber nicht eine Umgestaltung der Schöpfung im Blick zu haben; er denkt vielmehr an einen radikalen Neubeginn. Er will damit aber keine kosmologische Aussage über das Ende der Welt machen, sondern eine theologische: Die "erste" Erde ist geprägt von den gottwidrigen Mächten, die Gott keinen Raum geben und die Christen bedrängen. Zum Sieg Gottes über sie gehört auch, dass ihnen der Lebensraum genommen wird. In diesem Sinn existiert die "alte Welt" nicht weiter.

Zu 22, 2: Das Bild vom neuen Himmel und der neuen Erde geht über in das des neues Jerusalem, das ebenfalls aus heiterem Himmel kommt. Auch hier soll der Bruch zum bestehenden, irdischen Jerusalem deutlich werden. Während das empirische Jerusalem sich seinem Gott immer wieder verweigert hat bzw. mit anderen Göttern "fremdgegangen" ist, ist das neue Jerusalem für Gott bereit wie eine Braut, die in inniger Liebe ihren Bräutigam erwartet. Zugleich ist dieses neue Jerusalem ein leuchtendes Gegenbild zur Stadt Babel, auf die der Seher vorher immer wieder zurückgekommen ist und die sinnbildlich für Rom steht – als Inbegriff der gottfeindlichen Welt. Das neue Jerusalem kommt von Gott her auf die Menschen zu, während Babel sich aus eigener Kraft einen Zugang zum Himmel schaffen wollte.

Zu 22, 3: Die Worte, die die nicht näher identifizierte Stimme spricht, sind eine Art hermeneutischer Schlüssel für alles folgende. Sie erschließen und deuten das neue Jerusalem als Gottes Wohnung unter den Menschen – so wie vormals der Tempel als Wohnort Gottes betrachtet wurde (den es im neuen Jerusalem folglich nicht mehr gibt). Der Vers spricht, wörtlich übersetzt, vom Zelten Gottes unter den Menschen und erinnert damit an Israels Wüstenzeit zurück. Die Worte "sie werden sein Volk sein …" nehmen die Bundesformel des Alten Testaments auf.

Zu 22, 4-5: V.4 nimmt unübersehbar Bezug auf die bedrängte Situation der Christen in Kleinasien. All das, was ihnen das Leben schwer macht, wird in der neuen Welt beseitigt sein. Gottes Eingreifen zu ihren Gunsten wird mit einer schlichten zärtlichen Geste beschrieben: Dem Abwischen von Tränen. Wo Tränen abgewischt werden, hat man das Schlimmste hinter sich. In V. 5 ergreift Gott selbst das Wort und bekräftigt alles bisher Gesagte. Der Auftrag, alles schriftlich zu fixieren, lässt an ein Protokoll oder sogar eine vertragliche Bindung denken. Die Menschen können sich auf diese Verheißung Gottes verlassen.

Zu 22, 6-8: Die Verse wollen die Christen Kleinasiens in ihrer Glaubensentscheidung stützen. Der Durst nach Wasser, für einen Menschen im oft heißen Orient alltäglich, ist in der Schrift häufig ein Bild für die Sehnsucht des Menschen nach Gott (z.B. Ps 42). Gott verheißt hier für die Zukunft sein Lebenswasser und fordert damit indirekt dazu auf, den Lebensdurst nicht (gänzlich) in dieser Welt stillen zu wollen. V. 7 gehört zu den sog. "Überwindersprüchen" (vgl. Offb. 2-3): Wer Gott treu bleibt, bekommt die größte Gabe, die Gott geben kann, nämlich dass er die Menschen als seine Söhne/Töchter annimmt. Enger kann man sich die Gemeinschaft mit ihm nicht denken. V.8 dagegen beschreibt als Negativfolie das verfehlte Leben der Untreuen. Der Lasterkatalog listet Charakteristika derer auf, die in Kleinasien beim Götzendienst des Kaiserkults mitmachen.

Zu 22, 9-10: Parallel zu 17,1, wo ein Schalenengel dem Seher zusagt, ihm das Gericht über die gottlose Stadt (Babel/Rom) zu zeigen, wird hier dem Seher versprochen, die Braut zu sehen. Dieses Versprechen wird mit einer Art Ekstase eingelöst, die ihn auf einen Berg entrückt. Der Berg ist in der Bibel traditionell ein Ort, an dem Offenbarung geschieht.

Zu 22, 11: Bis in Einzelheiten hinein ist die Beschreibung des himmlischen Jerusalem von der großen Tempelvision Ezechiels inspiriert (40-48), wobei Johannes diese Vorgaben zugleich in künstlerischer Freiheit neu gestaltet. Anders als bei Ezechiel, wo Gottes Herrlichkeit erst neu in den Tempel einziehen muss, ist Gottes Herrlichkeit von Anfang an präsent und wohnt zudem in der ganzen Stadt, die für die zukünftige Heilsgemeinde steht. Die Gemeinde der Geretteten ist also sozusagen der neue Tempel/Ort der Gegenwart Gottes.

Zu 22, 12-21: Ähnlich einem Kunstführer wird zunächst die Außenansicht der Stadt in Blick genommen.
Der Seher Johannes beschreibt die Schönheit der Stadt in immer neuen Anläufen sehr ausführlich, wiewohl er vermutlich letzten Endes gar nicht die vielen Einzelheiten im Blick hat. Er möchte vielmehr ein vollkommenes Gesamtbild bieten. In den vielen Details verdichtet er, was nach dem Geschmack der Antike für Schönheit, Glanz und Harmonie steht. Dazu gehören ein Sinn für Proportionen bzw. Ebenmaß. Der quadratische Grundriss wie die Symmetrie der der 12 Tore ist für einen Griechen Ausdruck für Vollkommenheit; auch die kubische Gestalt der Stadt steht für Gleichmäßigkeit. Noch in den aufklärerischen Stadtplanungen der Neuzeit verfolgte man ein ähnliches Ideal. Die angegebenen Maße (V. 17) könnten auf den Tempel Bezug nehmen (1 Kön 6, 20), zumal das neue Jerusalem ja die Stelle des Allerheiligsten einnimmt. Überhaupt ist die Mauer nur noch zum Schmuck da; die Tore stehen einladend offen (V. 25), weil es nichts Bedrohliches mehr gibt, vor dem man sich schützen müsste. Alle Erlösten können ungehindert durch sie in der Stadt hineinziehen. Bei den Edelsteinen hat der Seher möglicherweise an das Brustschild des Hohenpriesters gedacht (Ex 28), das ebenfalls zwölf Edelsteine zierte. Auf diese Weise sollte Gott jeweils an die zwölf Stämme erinnert werden, wenn der Hohepriester das Heiligtum betrat. Die wiederholt auftretende Zwölfzahl darf man als kirchliche Anspielung verstehen: Es geht um Gottes endzeitliche Gemeinde als das neue Israel.

Zu 22, 22-24: Abrupt ist der Seher in das Innere der Stadt versetzt und wartet mit Überraschungen auf. Für einen Juden undenkbar findet sich im neuen Jerusalem kein Tempel. Gemäß jüdischem Glauben war die Wiedererrichtung des Tempels ein unverzichtbares Element endzeitlicher Erwartung (vgl. z.B. Dan 8 14). Da nun aber im neuen Jerusalem die ganze Stadt (=Gemeinde) zum Wohnort Gottes geworden ist, ist der Tempel überflüssig geworden. Die Geretteten haben ja unmittelbaren Zugang zu ihm und dem Lamm, so dass es keiner kultischen Vermittlung mehr bedarf. Ebenso ungewöhnlich ist, dass die Gestirne Sonne und Mond sozusagen außer Dienst sind. Auch sie sind überflüssig geworden, weil Gottes Herrlichkeit als Lichtquelle alles in strahlende Helle taucht – und zwar so dauerhaft, dass es keine Nacht mehr gibt (vgl. auch 22, 5). Damit ist auch angedeutet, dass die Zeit aufgehoben und die Ewigkeit angebrochen ist (Wechsel von Tag und Nacht als Zeitmesser). Noch einmal bezieht sich der Seher hier auf eine Verheißung im Prophetenbuch Jesaja (60, 19). Das Fehlen von Tempel und Gestirnen ist also alles andere als ein Mangel; es ist Audruck für Vollendung.

Zu 22, 25-27: Beim Verkehr durch die allzeit offenen Tore ist offenbar nur an eine "Einbahnstraße" gedacht: Die Geretteten sollen in die Stadt eintreten können. Mit V. 27 wird die "Stadtführung" kurz unterbrochen: Es werden die Bedingungen genannt, die zum Eintreten berechtigen. Gemeint ist die Bewährung als Christ inmitten der bedrängten Lage. Nachdem der Seher den Christen ihre schönen Aussichten eröffnet hat, mahnt er sie also noch einmal nachdrücklich, diese glückliche Zukunft nicht leichtfertig zu riskieren.

Zu 22, 1: Die "Stadtführung" wird wieder aufgenommen. Zugleich kommt in der Collage ein weiteres Bild hinzu. Das neue Jerusalem wird verknüpft mit dem Bild des zukünftigen Paradies. Die Brücke zwischen beiden Motiven bildet sozusagen die Straße der Stadt, die als eine Art Promenade am Fluss entlangführt. Johannes folgt mit dieser Verknüpfung Ezechiel, aber auch hier mit der wichtigen Änderung, dass der Paradiesstrom nicht vom Tempel ausgeht, sondern direkt vom Thron Gottes und des Lammes.

Zu 22, 2: Das Lebenswasser Gottes ermöglicht eine außerordentlich üppige Vegetation. Nicht nur einmal jährlich, sondern zwölf mal jährlich tragen die Lebensbäume Frucht. Unwillkürlich denkt man an den Lebensbaum in der Paradieserzählung im Buch Genesis (2, 9f) zurück. Während es dort den Menschen verwehrt war, vom Baum des Lebens zu essen, damit sie nicht ewig lebten, schenken die Blätter der Lebensbäume im neuen Jerusalem den Menschen Heilung, d.h. ihnen wird ewiges Leben zuteil.

Zu 22, 3-4: Alles kommt am Ende ins Lot, in eine gute Ordnung: Gott ist bei den Menschen, und die Menschen sind ganz für Gott da. Deshalb haben es die Bewohner des neuen Jerusalem nicht nötig, ihr Gesicht schamhaft vor Gott zu verbergen – im Gegensatz zu den Gottlosen (vgl. 6, 16). Sie werden besonders ausgezeichnet: Anders als Mose (Ex 33, 20) dürfen sie Gott nun frei ins Angesicht schauen und können trotzdem am Leben bleiben.
Die Geretteten tragen als eine Art Siegel den Namen Gottes auf ihrer Stirn, wovon die Johannesoffenbarung schon mehrfach vorher gesprochen hat (3, 12; 7, 3; 14, 1).

Zu 22, 5: Sozusagen in Koalition mit Gott und dem Lamm herrschen die Erlösten, ohne dass noch von Beherrschten gesprochen wird. "Es gibt keine Konkurrenz zwischen der Herrschaft Gottes und des Lammes auf der einen und der der Erlösten auf der anderen Seite. In der Heilsvollendung nimmt jeder jeden so an, wie er ist" (Giesen, S. 75).

4. Vorschläge für eine Bibelarbeit

  • Zu Beginn lädt der Leiter ein, zwei bis drei Minuten zu schweigen, um den Alltag etwas hinter sich lassen zu können und empfänglich zu werden für das Wort der Schrift.
  • Der Leiter liest dann V 22, 3 vor und kann mit eigenen Worten bewusst machen, dass eine Vorerfahrung dieses Wohnens Gottes unter uns schon jetzt geschenkt wird. Er begrüßt dann den gegenwärtigen Gott mit einem freien Gebet und bittet darum, dass er einen Zugang zum biblischen Wort erschließe.
  • Der Leiter erläutert kurz die Hintergründe der Visionen (s.o.) und bittet dann einen weiteren Teilnehmer, den biblischen Text zu verkündigen.
  • Anschließend sollte eine längere Zeit der Stille sein, in der man, wie bei einem Kunstwerk im Museum, die Bilder der Visionen einfach auf sich wirken lässt.
  • Die Gruppe tauscht sich aus darüber, was die einzelnen angesprochen und berührt hat.
  • Wenn es sich danach anbietet, kann der Leiter folgende Gesprächsimpulse einbringen: Gab es Situationen, in denen mich das Christbleiben herausgefordert hat, und was hat mir Kraft gegeben, den Weg als glaubender Mensch weiter zu gehen (auch wenn es möglicherweise etwas gekostet hat)? Was sind für mich die "schönen Aussichten" des Christseins?
  • Am Ende kann ein gemeinsames Lied stehen (z.B. GL 642 "Eine große Stadt ersteht" oder das neuere geistliche Lied "Ihr Mächtigen, ich will nicht singen").

Buchhinweise:

K. Berger, Wie kommt das Ende der Welt?, Stuttgart 1999.

O. Bücher, Die Johannesapokalypse, Darmstadt 3. Auflage 1988.

F. Steffensky, Schöne Aussichten, Stuttgart 2006.

H. Giesen, Die Offenbarung des Johannes(RNT), Regensburg 1997.

Ders, Johannesapokalypse (SKK 18), Stuttgrat 5. Auflage 2002.

T. Holtz, Die Offenbarung des Johannes (NTD 11), Göttingen 2008.

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Text: Spiritual Dr. Michael Höffner, Münster, Katholisches Bibelwerk im Bistum Münster (Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.bibelwerk.de) in Kooperation mit kirchensite.de – online mit dem Bistum Münster (Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.kirchensite.de) | Foto: Archiv
Dezember 2011

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