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Seite: Fragen + Glauben
21.08.2017
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Der Satan erhält von Gott die Erlaubnis, Ijob auf die Probe zu stellen.

Der Satan erhält von Gott die Erlaubnis, Ijob auf die Probe zu stellen.

Bibelarbeit zu Ijob 21, 1-5

Die Freunde Ijobs: Tröster ohne Trost

Einführende Gedanken

Die Ehefrau hatte es so gewollt. Auf der Traueranzeige für ihren vor wenigen Tagen nach einer langen schweren Krankheit verstorbenen Mann stand der Spruch: "Freunde in der Not gehen Tausend auf ein Lot!" Der Spruch sollte ein Appell sein. Die Freunde des Verstorbenen, die die Anzeige lesen würden, sollten sich im Gewissen angesprochen fühlen. Denn solange der Verstorbene bei guter Gesundheit war, kamen die Freunde gerne zu ihm. Regelmäßig ging man bei ihm ein und aus. Viele schöne Reisen hatte man gemeinsam unternommen. Aber als er krank wurde und das Bett nicht mehr verlassen konnte, da war von sehr vielen Freunden nichts mehr zu sehen. Sie kamen einfach nicht mehr. Ließen auch nichts mehr von sich hören. Kein Wunder, dass sich der Kranke verlassen und einsam fühlte. Und dass Bitterkeit in ihm hochkam. Der Mann machte damit eine Erfahrung, die alles andere als selten ist. Schon das alttestamentliche Weisheitsbuch Jesus Sirach enthält diese Erkenntnis: "Mancher ist Freund als Gast am Tisch, am Tag des Unheils ist er nicht zu finden. In deinem Glück ist er mit dir eins, im Unglück trennt er sich von dir. Trifft dich ein Unglück, wendet er sich gegen dich und hält sich vor dir verborgen." (Sir 6, 10-12)

Vor diesem Hintergrund erscheinen die drei Freunde Elifas aus Teman, Bildad aus Schuach und Zofar aus Naama, von denen uns das Buch Ijob erzählt, zunächst in einem recht guten Licht. Als sie von dem großen Unglück erfahren, das ihren Freund Ijob heimgesucht hat, machen sie sich auf den Weg, um ihn, der alles verloren hat und der mit Aussatz geschlagen, verlassen in der Einöde sitzt, zu besuchen. Auch sind sie dann nicht nach fünf Minuten wieder verschwunden, sondern sie bleiben gleich sieben Tage und sieben Nächte, also die gesamte traditionelle Trauerzeit hindurch, bei ihm. Gemeinsam schweigen sie in dieser Zeit und halten die Not aus.

Wenn man diesen Anfang der Begegnung zwischen Ijob und seinen drei Freunden bedenkt, dann wundert es einen vielleicht, dass die Freunde Ijobs trotzdem "personae non gratae des ATs" (Andreas Scherer, Lästiger Trost, 3) genannt werden können. Das heißt: Die Freunde sind in den meisten Auslegungen der Ijobgeschichte nicht wohl gelitten, kaum jemand ergreift für sie Partei. Ja, es kam sogar die Frage auf: Passt auf sie überhaupt die Bezeichnung "Freunde"? Wie konnte es zu einer solchen negativen Sicht auf die Freunde Ijobs kommen?

Das Bild der Freunde wandelt sich im Buch Ijob in dem Moment, in dem Ijob nach den sieben Tagen und sieben Nächten des gemeinsamen Schweigens seine Klage gegen Gott erhebt (Hi 3). Das Problem besteht dabei nicht darin, dass den Freunden in diesem Augenblick die Worte fehlen würden. Doch es sind eben keine Worte echten Trostes, die sie für Ijob finden. Im Gespräch entfremden sich Ijob und seine Freunde immer mehr voneinander. Was die Freunde Ijob zu sagen haben, ist dabei nicht einfach nur unpassend. So etwas wäre vielleicht noch verzeihlich gewesen. Vergessen wir in diesem Zusammenhang nicht, was zur allgemeinen menschlichen Erfahrung zählt: Jeder, der als nicht direkt Betroffener das Wort an einen Leidenden richtet, geht damit zugleich auch ein Wagnis ein. Wer darum die Freunde Ijobs von vornherein abqualifiziert, der macht es sich zu leicht. Man kann es den Freunden etwa nicht zum Vorwurf machen, wenn sie versuchen, das Schicksal Ijobs theologisch zu deuten. Wohl aber, wenn diese Deutung Unwahres als Wahrheit ausgibt. Und hier liegt das eigentliche Problem: Die Worte, die die drei Freunde an Ijob richten, sind nicht nur unangemessen, sondern eben in ihrem Kernvorwurf unwahr und damit letztlich ungerecht.

Das Schicksal Ijobs

Bevor wir uns den drei Freunden näher zuwenden, müssen wir aber zunächst Ijob selbst in den Blick nehmen. Denn im Buch Ijob geht es um sein Schicksal und um seine Beziehung zu Gott.

Ijob war ursprünglich das Idealbild eines gerechten und gottesfürchtigen Mannes. Und weil er bei Gott Wohlgefallen gefunden hatte, wurde er von Ihm mit reichem Segen beschenkt. Er war darum nicht nur ein reicher, sondern auch ein geachteter und glücklicher Mensch (vgl. Ij 1, 1-5).

Gott hatte Freude an Ijobs Gerechtigkeit und Gottesfurcht. In einem Vorspiel im Buch Ijob weist Er den Satan auf diesen guten Knecht hin (Ij 1, 8). Der Satan aber unterstellt Ijob, dass er nur deswegen fromm und gerecht sei, weil er davon so zahlreiche Vorteile im Leben hat. Die Gerechtigkeit und Gottesfurcht Ijobs sei also nicht lobenswert, sondern letztlich eigennützig. Denn wenn großes Unglück über ihn komme, dann würde sich auch Ijob von Gott abwenden, so behauptet es der Satan (Ij 1, 9-11). Daraufhin erhält der Satan von Gott die Erlaubnis, Ijob auf die Probe zu stellen.

Nun kommt das Unglück mit Macht über Ijob. Sprichwörtlich geworden sind die Hiobsbotschaften, mit denen im Buch Ijob die Nachrichten vom Verlust des ganzen Besitzes und vom Tod aller Kinder sowie der Knechte und Mägde Ijobs überbracht werden (Ij 1, 13-19). Damit nicht genug, wird in einem zweiten Schritt der Erprobung auch Ijob selbst vom Satan mit Krankheit und Aussatz geschlagen, so dass er die Gesellschaft der Menschen verlassen muss, um unter den wilden Tieren, im Staub zu sitzen (Ij 2, 7f). Hier in dieser äußersten Notlage suchen ihn seine Freunde auf (Ij 2, 11-13).

Wer sind die Freunde Ijobs?

Im Buch Ijob treten insgesamt vier Männer auf, die sich zu Ijob gesellen, die sich aber auch mit dem Kranken auseinandersetzen und das Wort an ihn richten: Elifas aus Teman, Bildad aus Schuach und Zofar aus Naama. Gegen Ende des Buches dann noch ein junger Mann namens Elihu.

Aber mit Ausnahme des Elihu, der wie aus dem Nichts auftaucht, nachdem die drei Freunde verstummt sind (Ij 32, 1-5) und der eine Sonderstellung einnimmt, bleiben die drei Freunde Elifas, Bildad und Zofar in ihrer Charakterisierung merkwürdig blass. Sie erscheinen weniger als drei verschiedene, als vielmehr nur ein einziger Gesprächspartner für Ijob. Es ist, als spräche durch alle drei das "theologische Man" (G. Kaiser, Hiob). Elifas wird dabei zumeist als der älteste, weiseste Freund, der als Erster das Wort ergreift, gekennzeichnet, Bildad als die nicht nur vom Alter, sondern auch von der Weisheit her mittelmäßige "graue Maus", der als Zweitältester nach Elifas sprechen darf, und Zofar als der noch beinahe jugendliche Heißsporn, der als Dritter zu Worte kommt (vgl. A. Scherer, Lästiger Trost, 17-19). Diese Rückschlüsse machen die Darstellung ihrer Person  aber nur bedingt farbiger.

Bei allen Beteiligten handelt es sich nicht um Angehörige des Volkes Israel. Dennoch teilen sie offenkundig einen starken Glauben an einen einzigen allmächtigen und gerechten Schöpfergott.

Die guten Absichten der Freunde Ijobs

Zunächst einmal muss man festhalten, dass die Freunde durchaus mit guten Absichten zu Ijob kommen. Die Freunde wollen Ijob trösten. In ihrem sieben Tage und sieben Nächte dauernden gemeinsamen Schweigen mit Ijob zeigt sich echtes Mitgefühl. Sie harren mit Ijob aus, bleiben an seiner Seite in der Not (Ij 2, 13). Dann aber, nachdem sieben Tage und sieben Nächte vergangen sind, erhebt Ijob seine Klage gegen Gott (Ij 3). Sie wird der Anstoß zum Streitgespräch mit den Freunden, das sich fast durch das gesamte Buch Ijob erstreckt (Ij 3-31) und dann noch einmal mit den Elihu-Reden, auf die Ijob nicht mehr antwortet, eine Fortsetzung findet (Ij 32-37).

Auch in dem nun einsetzenden Gespräch (Ij 3ff) bleiben die drei Freunde zunächst einer eigentlich guten Absicht treu. Sie sind es, die Ijob immer wieder dazu ermutigen, sich Hilfe suchend an Gott zu wenden (z. B.: Ij 5, 8-16). Und sie gehen davon aus, dass Gott Ijobs Geschick wieder umkehren wird, wenn er sich dem Allmächtigen zuwendet (Ij 11, 13-20). Aber diese von den Freunden durchaus erhoffte Wende zum Guten hat ihren Preis. Und genau hier entstehen die Schwierigkeiten, hier kommt es zum Konflikt. Denn wenn Gott sich der Sache Ijobs annehmen und ihn aus seinem Unglück retten soll, dann muss Ijob vor Gott seine eigene Schuld an seiner Notlage erkennen und eingestehen (vgl. Ij 8, 5-7; Ij 11, 13-15). Diese Konsequenz ergibt sich für die Freunde Ijobs zwingend aus dem sog. "Tun-Ergehens-Zusammenhang".

Das Welt- und Gottesbild der Freunde Ijobs

Was besagt dieser "Tun-Ergehens-Zusammenhang"? Er besagt, dass Gott die Welt so geordnet hat, dass die Gerechten für ihre guten Werke und ihr untadeliges Verhalten, für ihre Frömmigkeit und Gottesfurcht reichen Lohn empfangen, während die Frevler, die das Böse nicht scheuen, dafür von Gott mit gerechten Strafen belegt werden, und zwar nicht erst im Jenseits, sondern schon in diesem irdischen Leben. In diesem "Tun-Ergehens-Zusammenhang" zeigt sich die gerechte Weltordnung, die der allmächtige Schöpfer aufgerichtet hat. Dieses Denken hat aber Konsequenzen: Wenn Gott nämlich allmächtig und zugleich gerecht ist, was die Freunde Ijobs als Glaubende selbstverständlich voraussetzen (vgl. Ij 8, 3.20), dann muss das Unglück, das über Ijob hereingebrochen ist, die verdiente Strafe Gottes für ein von Ijob begangenes Unrecht sein (vgl. Ij 11, 4-6; Ij 15, 4-6). Sonst wäre Gott entweder nicht allmächtig, weil er das Böse nicht zu verhindern vermag, oder Gott wäre nicht gerecht, so dass von Ihm keine Hilfe zu erhoffen ist. Beides aber lässt sich mit dem überlieferten Glaubenswissen, der "Weisheit" der Freunde nicht vereinbaren.

Trotzdem bestreitet Ijob vehement, dass er sich etwas hat zuschulden kommen lassen. Bis zum Schluss des Streitgesprächs mit den Freunden hält er an seiner Unschuld unvermindert fest (vgl. Ij 27, 1-6). Ijob ist dabei selbst in dem Denken seiner Freunde gefangen. Nur gerät sein Welt- und Gottesbild in eine radikale Krise, weil Ijob genau diesen "Tun.Ergehens-Zusammenhang", den die Freunde ihrem Argumentieren zugrunde legen, in seinem Schicksal und zunehmend auch im Schicksal aller Menschen nicht mehr erkennen und wieder finden kann. Ja, dieser Zusammenhang verkehrt sich für Ijob geradezu in sein Gegenteil: Den Frevlern ergeht es gut, während die Frommen und Gerechten unschuldig leiden müssen (vgl. Ij 21, 6-34).

Die Freunde Ijobs aber lassen sich von ihm ihr Welt- und Gottesbild nicht in Frage stellen. Der Theologe Karl Barth wirft ihnen daher vor, dass sie Gott in ihrem Denken auf die Rolle des Erfinders, Garanten und Exekutors des Tun-Ergehens-Zusammenhangs festlegen und damit Gottes Handlungsfreiheit einschränken und eine wirklich uneigennützige Gottesliebe des Menschen nicht kennen (vgl. dazu A. Scherer, Lästiger Trost, 13f).

Die Freunde aber sind sich gewiss, dass Ijob einer Selbsttäuschung erlegen ist, wenn er sich für unschuldig hält, und dass er in der Gefahr ist, einen schlimmen Weg zu betreten: den Weg der Gottlosen und Frevler (vgl. Ij 15, 17-35). Aus den Freunden, die Ijob trösten wollten und die ihm im Rückgriff auf ihr Welt- und Gottesbild einen Ausweg aus seiner jämmerlichen Situation weisen möchten, werden so im Verlaufe des Gesprächs immer mehr Ankläger, ja sogar Richter, die Ijob schuldig sprechen (Ij 15, 5f). Ja, sie versteigen sich dazu, ihn der schrecklichsten Verbrechen zu bezichtigen (vgl. Ij 22, 1-11). Elifas von Teman meint dabei offensichtlich, aus der Größe des Unglücks Rückschlüsse auf die Größe der Schuld Ijobs ziehen zu dürfen.

Aus Freunden werden Feinde

Ijob aber bestreitet ihnen die Weisheit, seinen Fall beurteilen zu können, und auch den guten Willen: "Wahrhaftig ihr seid besondere Leute, und mit euch stirbt die Weisheit aus. Ich habe auch Verstand wie ihr, ich falle nicht ab im Vergleich mit euch. Wer wüsste wohl dergleichen nicht?" (Ij 12, 2f) Statt Ijob zu trösten, greifen seine Freunde ihn an. Sie präsentieren sich wie Feinde, die es auf Ijob abgesehen haben (vgl. Ij 12, 4). Sie ergreifen die vermeintliche Partei Gottes und wenden sich damit gegen Ijob. Dabei schrecken sie selbst vor Falschaussagen zugunsten Gottes nicht zurück (vgl. Ij 13, 6-12). So darf man die drei Freunde Advokaten der schlimmsten, der frommen Lüge nennen. Ludger Schwienhorst-Schönberger beschreibt, wie die drei Freunde einer zweifachen frommen Versuchung erliegen: Denn sie wenden sich zum einen von einem angemaßten Standpunkt Gottes aus gegen Ijob und ihre "Erkenntnisse" entsprechen zum anderen nicht der realen Erfahrung Ijobs, nicht der Wahrheit. Sie reden Gottes Verhalten gegenüber Ijob schön (Vgl. L Schwienhorst-Schönberger, Ein Weg durch das Leid. Das Buch Ijob, 74-76). Sie argumentieren nach dem Grundsatz: Gott ist gerecht und gut, daher muss Ijob Schuld auf sich geladen haben.

Die Freunde bringen Ijob mit ihren langwierigen Reden keine Erleichterung, keinen Trost, sondern nur zusätzliche Mühsal: "Ähnliches habe ich schon viel gehört; leidige Tröster seid ihr alle." (Ij 16,2) In der Tat lassen sie sich sogar zu heftigen Attacken gegen Ijob hinreißen. Durch diese Argumentation, die nicht auf der Wahrheit beruht, haben die Drei als Tröster zweifellos ebenso versagt wie als Freunde.

Gottes Urteil über die Freunde Ijobs

Die Freunde werden am Ende des Ijobbuches von Gott selbst scharf für ihre Reden gerügt, obwohl es doch ihr höchstes Ziel war, für Gottes Gerechtigkeit einzutreten und Gott gegen die Anklagen Ijobs in Schutz zu nehmen: "Als JHWH diese Worte zu Ijob gesprochen hatte, sagte JHWH zu Elifas von Teman: Mein Zorn ist entbrannt gegen dich und deine beiden Gefährten; denn ihr habt nicht recht zu mir gesprochen wie mein Knecht Ijob." (Ij 42, 7) Dieses Urteil Gottes über die drei Freunde wirkt auf den ersten Blick überraschend: Schließlich hatten die Freunde ja nicht mit allem Unrecht. Es sei nur daran erinnert, dass auch Ijob von Gott selbst am Ende des Buches zu einem radikalen Umdenken bewogen wird! Ijob muss einsehen, dass er ohne hinreichendes Wissen gegen Gott geredet hat. Sein "Tunnelblick", der die Welt nur noch gefärbt durch die Brille seines leidvollen Schicksals zu sehen vermochte, wird von Gott selbst geweitet und neu ausgerichtet. Die Begegnung mit dem sich ihm nun endlich zeigenden Gott führt zu einer völligen Wende im Denken und Urteilen Ijobs (vgl. Ij 40, 1-5; Ij 42, 4-6). Der Rat der Freunde an Ijob, sich Gott zuzuwenden und von Ihm her eine Lösung für seine Schicksalsfragen zu erwarten, war demnach durchaus richtig. Warum werden sie trotzdem von Gott gerügt?

Das Versagen der Freunde besteht anscheinend darin, dass sie selbst nicht den Weg gegangen sind, zu dem sie Ijob geraten haben. Sie haben zwar viel über Gott gesprochen, aber sie meinten dabei, Gottes Pläne zu kennen und sein Handeln durchschauen und erklären zu können. Darum glaubten sie, Ijob eines Vergehens schuldig sprechen zu müssen und es auch zu dürfen. Darin aber täuschten sie sich; denn Ijob war tatsächlich unschuldig.  In seinem Fall war der Tun-Ergehens-Zusammenhang eben tatsächlich nicht gegeben. Für die Freunde war so etwas unvorstellbar. Ijob bringt gerade diese Erfahrung, dass dieser Zusammenhang aufgehoben ist, in die Krise.

Aber während Ijob sich tatsächlich auf den Weg begibt und von Gott her die Antwort und die Lösung seiner Glaubenskrise erhofft, sind die Freunde sich ihrer Sache sicher, sie lassen sich nicht in Ijobs Krise hineinziehen. Sie suchen darum nicht das direkte Gespräch mit Gott, weil sie glauben, bereits alles Nötige zu wissen und Ijob belehren zu können.

Erst als auch sie eine direkte Erfahrung mit Gott machen und Er ihnen ihr Fehlverhalten offenbart, kehren sie um. Am Ende kommt es dann tatsächlich auch zu einer Aussöhnung mit Ijob (Ij 42, 7-9).

Freunde?

Haben sich also Elifas, Bildad und Zofar als echte Freunde Ijobs erwiesen?

Zu Beginn der Erzählung war es ihre Freundschaft, die sie zu Ijob führte. Und sie hatten echtes Mitgefühl mit ihm. Ausdruck echter Freundschaft ist auch das Bemühen der Freunde, Ijob wieder mit Gott zu versöhnen. Sie wollen, dass Ijob zu Gott umkehrt, und zwar um seinetwillen. Denn sie wünschen ihrem Freund Ijob kein Unglück, sondern die Wiederherstellung seiner ehemals intakten Gottesbeziehung und damit auch seines Lebensglücks; denn beides hängt ja in ihrem Weltbild unmittelbar zusammen.

Die Anklagen, die Ijob gegen Gott richtet, führen nun die Freundschaft selbst in die Krise. Ja, es kommt beinahe zu einem endgültigen Bruch. Ijob erlebt das Verhalten der Freunde als feindlich gegen ihn gerichtet. Und die Freunde steigern sich in die Vorstellung hinein, Ijob könne tatsächlich zu den Frevlern zählen. Die Freundschaft steht auf der Kippe. Vorurteile sind es also, haltlose Unterstellungen und Übertreibungen, ein letztlich zur Ideologie erstarrtes Weltbild, welches die Freunde Ijobs in dieser entscheidenden Situation versagen lässt.

Am Ende ist es Gott selbst, der nicht nur Ijob, sondern auch die drei Freunde zu einem Umdenken bewegt und dadurch die Versöhnung der Freunde möglich macht. Nur indem die drei Freunde einsehen, dass ihre Vorurteile falsch gewesen sind, indem sie sich wie Ijob von Gott die Augen öffnen lassen, kann die Beziehung zu Ijob am Ende gerettet werden.

Wie aber hätte die Geschichte anders verlaufen können? Wie hätte eine geglückte Begegnung zwischen Ijob und seinen drei Freunden vielleicht aussehen können? Im Buch Ijob finden wir einen Abschnitt, in dem Ijob selbst seine Wünsche und Erwartungen an die Freunde zu erkennen gibt.

Der Bibeltext (Ij 21, 1-5)

1Da antwortete Ijob und sprach:
2Hört doch, hört doch mein Wort; das sollen eure Tröstungen sein!
3Ertragt mich, so dass ich reden kann. Habe ich geredet, dann könnt ihr spotten.
4Richte ich an Menschen meine Klage, habe ich nicht Grund zur Ungeduld?
5Wendet euch mir zu und seid bestürzt, legt die Hand auf den Mund!

(Übersetzung nach: Schwienhorst-Schönberger, L., Ein Weg durch das Leid. Das Buch Ijob, Freiburg i. Br. 2007, 119)

Auslegung

Im Verlauf des Gesprächs ergreift Ijob in Vers 1 bereits zum siebten Mal das Wort. Er antwortet nun auf eine Rede seines Freundes Zofar aus Naama, in der dieser das Unglück beschworen hat, das über die Frevler hereinbrechen muss, die sich von den Wegen Gottes abkehren (vgl. Ij 20, 1-29).

In Vers 2a wird die längere Rede Ijobs mit einem doppelten "Hört doch!" eröffnet. Im Verlauf der Rede stellt Ijob das Schicksal der Frevler aus seiner gegenteiligen Sicht dar: kein Unglück trifft sie, vielmehr leben die Frevler in Frieden, Glück und Sicherheit (VV. 6-21), und auch der Tod braucht sie nicht zu schrecken; denn im Tod, mit dem alles Leben endet, sind schließlich alle gleich: Frevler und Gerechte (VV. 22-34). Nachdrücklich bittet Ijob seine Freunde Elifas, Bildad und Zofar aber zunächst um ihre Aufmerksamkeit (VV. 1-5).

In Vers 2b formuliert Ijob einen Wunsch, der sich auf die Art der Tröstung bezieht, die er sich von seinen Freunden erbittet. Sie muss offenkundig ganz anders aussehen als die Form des vermeintlichen "Trostes", den ihm die Freunde bisher gespendet haben. In einer früheren Rede hatte Ijob bereits seine Unzufriedenheit und seine Enttäuschung über die Worte seiner Freunde zum Ausdruck gebracht: "Leidige Tröster seid ihr alle!" (Ij 16, 2b). Obwohl die Freunde bisher nicht mit Worten gespart haben und manches von dem, was sie gesagt haben, durchaus als Trost gemeint gewesen ist, findet Ijob in ihren Argumenten nichts wirklich Neues: "Ähnliches habe ich schon viel gehört!" (Ij 16, 2a). Trösten konnten ihn alle diese klugen Reden nicht.

Vers 3 macht deutlich, dass sich Ijob von seinen Freunden vor allem eines wünscht: Schweigen. Auch diese Bitte hatte Ijob schon zuvor geäußert, ohne dass sie erfüllt worden wäre (vgl. Ij 13, 13. 15: "Schweigt vor mir, damit ich reden kann…Dass ihr endlich schweigen wolltet, das würde Weisheit für euch sein!"). Dabei geht es aber nicht um ein beziehungsloses Verstummen, sondern um die Bereitschaft der Freunde, ihm wirklich zuzuhören, ihn und seine Worte zu ertragen. Bei dem von Ijob erbetenen Schweigen geht es nicht nur um ein äußeres, sondern auch um ein inneres Verstummen des Zuhörers. Auch die inneren Stimmen, die Gedanken müssen still werden, damit Ijob wirklich zu den Freunden reden kann. Erst wenn sie ihm wenigstens einmal so zugehört haben, ist Ijob bereit, auch ihren Spott zu ertragen. Den Freunden dürfte der Spott dann allerdings vergangen sein.

Dass er wirklich "Grund zur Ungeduld" und zur Klage hat, worauf Ijob in Vers 4 zu sprechen kommt, dürfte den Freunden einleuchten, wenn er seine Worte endlich so an sie richten kann, dass sie ihm nicht ständig innerlich oder äußerlich mit ihren angemaßten Weisheiten ins Wort fallen.

Noch einmal bittet Ijob seine Freunde in Vers 5a, dass sie sich ihm doch wirklich zuwenden mögen. Wenn sie dazu wirklich in der Lage wären, dann würden sie bestürzt und erschüttert sein über das, was er ihnen zu sagen hat.

Die Schlussbitte in Vers 5b zeigt nochmals, dass Ijob vor allem am Schweigen und am Zuhören seiner Freunde gelegen ist. Denn mit der Geste der auf den Mund gelegten Hand begibt sich ein Mensch ja in die Haltung des Schweigens hinein. Diese Geste kann aber auch ein Zeichen dafür sein, dass ein Mensch zunächst über eine Sache nachdenkt, bevor er sich zu Wort meldet: "Wenn du dich stolz erhoben und dabei blamiert hast oder wenn du nachdenkst, so leg die Hand auf den Mund!" (Spr 30, 32). Es ist das Drama des Gesprächs der Freunde mit Ijob, dass sie in diese zuhörende und nach-denkliche Haltung einfach nicht hineinfinden.

Am Ende der Erzählung wird aber auch Ijob selbst von einem, der redet, zu einem, der zuhört. Nachdem Gott ihm endlich Antwort gegeben hat, erwidert Ijob: "Siehe, ich bin zu gering. Was kann ich dir erwidern? Ich lege meine Hand auf den Mund. Einmal habe ich geredet, ich tu es nicht wieder; ein zweites Mal, doch nun nicht mehr." (Ij 40, 4-5). In diesem schweigenden Hören auf Gott weitet sich der verengte Blick Ijobs. Er gelangt schließlich zu wahrer Selbsterkenntnis, welche durch die Begegnung mit Gott, durch das Hören auf Ihn möglich wird. Da merkt Ijob: "Ja, ich habe geredet, ohne zu verstehen, zu Wunderbares für mich, ohne zu erkennen." (Ij 42, 3)

Vorschlag für ein Bibelgespräch


a) Begrüßung der Anwesenden, Einladung zu einem Moment der Sammlung und der Stille

b) Hinführung zum Bibeltext: Stellen Sie sich eine Situation vor, die alltäglich eintreffen kann: Sie machen einen Besuch bei einem schwer kranken Menschen. Sie betreten das Zimmer und fragen ihn nach seinem Befinden. Der Kranke antwortet: "Mir geht es sehr schlecht!" Wie reagieren Sie? Was sagen Sie? (Zunächst kann jeder für sich nachdenken, dann folgt ein Austausch)

c) Übersicht über die Ijobgeschichte: Der Verlauf der Ijobgeschichte wird in knapper Form dargestellt. Wichtiger Hinweis: Es handelt sich um einen fiktiven Text, der aber ein allgemein menschliches Schicksal zur Sprache bringt.

d) Vorlesen des Bibeltextes Ijob 21, 1-5. Der Text sollte zuvor kurz in die Abfolge der Ijoberzählung eingeordnet werden.

e) Astausch über den Text: Was erwartet Ijob von seinen Freunden? Warum ist das Schweigen so wichtig? Was unterscheidet das Schweigen von einem beziehungslosen Verstummen? Wie wäre die Ijobgeschichte verlaufen, wenn die Freunde Ijobs zu einem echten Schweigen und Hören in der Lage gewesen wären?

f) Den Blick auf Menschen richten, die Anlass zur Klage haben. Für Menschen in Not werden Fürbitten gesprochen.

g) Der Bibeltext wird noch einmal still gelesen.

h) GL-Lied 894, 1-3 wird gemeinsam gesungen

Buchhinweise:

Scherer, Andreas, Lästiger Trost. Ein Gang durch die Eliphas-Reden im Hiobbuch, Neukirchen-Vluyn 2008

Schwienhorst-Schönberger, Ludger, Ein Weg durch das Leid. Das Buch Ijob, Freiburg i. Br. 2007

Kaiser, Gerhard; Mathys, Hans-Peter, Das Buch Hiob. Dichtung als Theologie, Berlin 2010

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Mehr zum Thema im Internet:

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Text: Pfarrer Frank Weilke, Stadtlohn, Katholisches Bibelwerk im Bistum Münster (Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.bibelwerk.de) in Kooperation mit kirchensite.de – online mit dem Bistum Münster (Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.kirchensite.de) | Foto: Archiv, November 2010

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