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Seite: Fragen + Glauben
24.03.2017
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Christus am Kreuz mit Maria und Johannes

Christus am Kreuz mit Maria und Johannes.

Bibelarbeit zu Johannes 13,21-30, 19,25-27 und 20,1-10

Jesus und der Lieblingsjünger

Freundschaft mit Jesus – dieses besondere Privileg wird im Johannesevangelium Lazarus zuteil; und doch hält das vierte Evangelium in der Person eines Jüngers eine Gestalt bereit, von der eine noch tiefer gehende Beziehung zu Jesus ausgesagt wird. Mit dem sogenannten Lieblingsjünger begegnet uns einer der außergewöhnlichsten Charaktere innerhalb der Evangelienschriften. Von diesem wird ausgesagt, dass Jesus ihn liebte und diese Charakterisierung ersetzt dabei geradezu seinen Namen. Dieser Umstand hat Exegeten aller Zeiten beschäftigt und dazu veranlasst, Mutmaßungen über seine Identität anzustellen, so dass die Vielzahl der entwickelten Hypothesen kaum überrascht. So wurde vermutet, hinter der Gestalt des Lieblingsjüngers verberge sich Johannes – der Evangelist, der Zebedaide oder der aus dem zweiten und dritten Johannesbrief bekannte gleichnamige Presbyter -, einer der Apostel bzw. Jünger (Andreas, Thomas, Nathanel, Johannes Markus oder gar Paulus; auch Lazarus und sogar die Inkarnation des Parakleten wurden in Betracht gezogen) oder aber eine uns unbekannte Figur, ein Vertreter des Heidenchristentums, der Jerusalemer Gemeinde oder eine bedeutende Persönlichkeit aus dem Kreis des johanneischen Christentums.

Letztere Vorschläge kommen dabei um die Frage umhin, wieso eine namentlich bekannte, durchaus prominente Gestalt des frühen Christentums hinter dieser pseudonymen Chiffre verborgen worden ist – demgegenüber bleibt zu fragen, ob die Anonymität der Gestalt mit ihrer exponierten Stellung innerhalb des Evangeliums vereinbar ist, die zuweilen sogar zu Lasten Petri als des neben Paulus bedeutendsten Apostel profiliert wird – eine ähnliche Asymmetrie ist auch gegenüber dem Herrenbruder Jakobus erkennbar.

Wurden also mehrheitlich in der Vergangenheit Entsprechungen zu realen Personen gesucht, so werden in neuerer Zeit verstärkt abstraktere Lösungen diskutiert – die bereits angesprochene Möglichkeit einer Gleichsetzung mit zur Zeit der Abfassung einflussreichen, heute jedoch nicht mehr identifizierbaren Einzelpersonen oder Personengruppen stellt dabei einen Mittelweg dar. Weitergehend stellen sich jene erzähltheoretisch, namentlich vor allem rezeptionsästhetisch, begründeten Versuche dar, die Gestalt des Lieblingsjüngers als bewusst offengehaltene Leerstelle in der Erzählung zu entschlüsseln, die der Identifikation seitens der Rezipientinnen und Rezipienten dient und als solche keiner realen Person entspricht. Eine in Ansätzen vergleichbare Technik lässt sich bereits im ersten Evangelium erkennen, in dem der Verfasser des Markusevangeliums die Rolle der Jünger nicht nur "historisch" in den Dienst seiner Jesusgeschichte stellt, sondern über sie und ihr Verhalten entscheidende theologische Aussagen transportiert und seinen Leserinnen und Lesern die Möglichkeit bietet, sich selbst innerhalb des Erzählten zu verorten, Handlungsoptionen nachzuvollziehen und auf dem Wege der Eintragung ihrer eigenen Person nicht nur passiv zu Erkenntnisfortschritten zu gelangen.

Die kunstvolle Gestaltung des vierten Evangeliums insgesamt und des in ihm exklusiv eingeführten Jüngers, den Jesus liebte, lässt ein vorsichtig tastendes Vorgehen in diesem Zusammenhang geraten sein. Zunächst gilt es zu beachten, dass der besagte Jünger nur hier auftritt und eine Identifikation mit einer andernorts (literarisch) bekannten Persönlichkeit zumindest Fragen aufwirft. Das darin ausgedrückte Interesse korrespondiert dem altkirchlichen Bemühen, den apostolischen Ursprung der frühchristlichen Schriften zu erweisen, das dort freilich aus dem Zwange heraus entstand, gegenüber als theologisch fragwürdig eingestuften, vor allem inhaltlicher Kongruenz zu den mehrheitlich anerkannten und gebräuchlichen Evangelienschriften entbehrenden Schriften, die Autorität und Legitimität der letzteren zu profilieren. Insofern wir erst gegen Ende des zweiten Jahrhunderts die Überschrift des vierten Evangeliums "nach Johannes" sicher annehmen dürfen, bleibt diese Zuordnungsmöglichkeit verstellt. Der Verfasser des Evangeliums verzichtet vielmehr auf eine offensichtliche Preisgabe seiner Identität – im Gefolge Franz Overbecks drängt sich die Wendung seines Aufgehens in seinem Evangelium und in dessen implizitem Erzähler auf –, so dass es geradezu geraten scheint, auf weitergehende Zuschreibungsversuche zu verzichten und auf die von ihm intendierte Repräsentation durch die literarische Gestalt des Erzählers und das heißt des Lieblingsjüngers einzugehen.

Es wäre demnach mit aller gebotenen Vorsicht der Lieblingsjünger so zu charakterisieren, dass sich in ihm der implizite Erzähler des Evangeliums ausdrückt und die Anliegen des hinter ihm stehenden Verfassers des Evangeliums repräsentiert und zu diesem Zwecke den intendierten Leserinnen und Lesern bewusste Identifikationsangebote unterbreitet – die häufig angeführte Alternative von realer Person oder fiktional-funktionaler Gestalt scheint demnach dem komplexen und literarisch anspruchsvollen Entwurf des Verfassers des vierten Evangeliums nicht gerecht werden zu können. Nicht zuletzt die den Tod des Lieblingsjüngers betreffende Notiz (21,22f.) sprengt den Rahmen einer rein funktionalen Figur. Die Wahl der realen historischen Gestalt Petri mag, da deren wie auch immer näher zu bestimmende Symmetrie das Gegenüber einer rein fiktionalen Figur unwahrscheinlich erscheinen lässt, in eine ähnliche Richtung deuten. Die Funktion des Lieblingsjüngers zielt auf zwei Bereiche ab; zum einen erfolgt über sie eine Verschränkung der Zeit des Verfassers des Evangeliums mit der Zeit Jesu – worin eine Analogie zum Parakleten, dem nachösterlichen Tröster der Gemeinde nach dem Weggang Jesu besteht –, zum anderen eignen ihm Züge des idealen Jüngers, worin an die nachösterliche Gemeinde gerichtetes Identifikationsangebot und Handlungsvorbild zusammenfallen.

I. Joh 13,21-30

21 Nach diesen Worten war Jesus im Innersten erschüttert und bekräftigte: Amen, amen, das sage ich euch: Einer von euch wird mich verraten. 22 Die Jünger blickten sich ratlos an, weil sie nicht wussten, wen er meinte. 23 Einer von den Jüngern lag an der Seite Jesu; es war der, den Jesus liebte. 24 Simon Petrus nickte ihm zu, er solle fragen, von wem Jesus spreche. 25 Da lehnte sich dieser zurück an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist es? 26 Jesus antwortete: Der ist es, dem ich den Bissen Brot, den ich eintauche, geben werde. Dann tauchte er das Brot ein, nahm es und gab es Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. 27 Als Judas den Bissen Brot genommen hatte, fuhr der Satan in ihn. Jesus sagte zu ihm: Was du tun willst, das tu bald! 28 Aber keiner der Anwesenden verstand, warum er ihm das sagte. 29 Weil Judas die Kasse hatte, meinten einige, Jesus wolle ihm sagen: Kaufe, was wir zum Fest brauchen!, oder Jesus trage ihm auf, den Armen etwas zu geben. 30 Als Judas den Bissen Brot genommen hatte, ging er sofort hinaus. Es war aber Nacht.

Das erste eindeutige Auftreten des Lieblingsjüngers erfolgt in seiner Szene höchster und gleichsam stiller Dramatik; im Anschluss an die Fußwaschung (Joh 13,1-20) sagt Jesus seine Überantwortung in die Hände der Gegner durch einen aus dem Kreis der Seinen voraus. Die ausdrücklich vermerkte Erschütterung im Geiste (Joh 13,21) hebt sich von dem ansonsten bestimmenden herrschaftlichen Bild Jesu im vierten Evangelium deutlich ab. In der allgemeinen Ratlosigkeit der Jünger weist Petrus den an Jesu Seite ruhenden Jünger – dabei ist an die in der Antike auch in Palästina bei Mahlzeiten übliche liegende Haltung auf einem Speisesofa (triclinium) zu denken – an, genaueres in Erfahrung zu bringen. Die Nähe zu Jesus drückt nicht zuletzt den Rang des Jüngers aus, der beinahe als Sprecher des Jüngerkreises erscheint.

Die Vertrautheit spiegelt sich im folgenden Anlehnen an Jesu Brust wider, das der Frage nach der Identität des "Verräters" vorausgeht – dabei spielt Johannes bei semantischer Differenzierung in V.21 zu V.23 im griechischen Text die Aussage ein, Jesus allein habe Gott gesehen und an seiner Brust geruht (Joh 1,18), wodurch die Nähe des Jüngers zu Jesus noch deutlicher profiliert wird. Vermittels dieser Nähe erfahren die Jünger erst genaueres über die kommenden Ereignisse der Überantwortung Jesu. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang der Hinweis in V.27, demzufolge das angekündigte Verhalten des Judas satanisch motiviert dargestellt wird, das heißt Judas als Werkzeug widergöttlicher Macht instrumentalisiert verstanden wird – ein Umstand, der anregt, statt der üblichen Terminologie des Verrats, dem griechischen Text entsprechend von Auslieferung oder Überantwortung zu sprechen.

II. Joh 19,25-27

25 Bei dem Kreuz Jesu standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. 26 Als Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zu seiner Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! 27 Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.

Mitten in der Kreuzigungsszene begegnet uns diese knappe Episode, die sich als Schilderung Jesu letzten Willens präsentiert. Einige Unterschiede gegenüber der Schilderung der synoptischen Evangelien fallen dabei auf; die Frauen nehmen nicht von weitem Anteil und werden erst nach Jesu Tod genannt, sondern treten als Zeuginnen des Kreuzestodes unmittelbar auf und haben somit eine bedeutendere Rolle als in den früheren Evangelien.

Vor allem aber ergibt sich die Vorverlegung aus der testamentarischen Konzeption der johanneischen Passage; die ansonsten in diesem Zusammenhang nicht genannte Mutter Jesu vermag – ohne das dies ausgeführt wäre – Abschied zu nehmen und den Sohn bis zuletzt zu begleiten. Indem der Lieblingsjünger und Jesu Mutter aneinander verwiesen werden, tritt dieser gewissermaßen an Jesu Stelle – unter realgeschichtlichen Fragestellungen ist damit zunächst die konkrete Frage der Versorgung der Hinterbliebenen geklärt, die im antiken Kontext aufgrund fehlender systematischer öffentlicher Witwenversorgung eine durchaus dringliche war.

Auf einer tieferen Ebene wird der Lieblingsjünger ein weiteres Mal hervorgehoben – er tritt Jesu Erbe an, ist als Empfänger seiner letzten Worte fortan an seiner statt der Zeuge der Sendung Jesu in die Welt und der damit ergangenen Offenbarung Gottes. Die Interpretation Rudolf Bultmanns, Maria verkörpere das traditionelle Judenchristentum, das nun an das durch den Lieblingsjünger repräsentierte Heidenchristentum verwiesen sei, dem seinerseits fortan aufgetragen ist, im Sinne des biblischen Gebotes die ihm geschenkte Mutter zu ehren (Ex 20,12), ist zumindest bedenkenswert. Traditionell wird Maria, die Mutter Jesu, als Urbild der Kirche verstanden – diese wird an das vierte Evangelium als dem herausragenden Offenbarungszeugnis verwiesen.

Deutlich ist in jedem Fall, dass die Vertrautheit des Jüngers mit Jesus mit dessen Tod nicht einfach ihren Abbruch findet, sondern darüber hinaus in veränderter Form Bestand hat indem sie neue Gemeinschaft schenkt. Freilich über diesen Aspekt hinausgehend steht am (scheinbaren) Ende der Sendung Jesu sein souveränes Diktum "Es ist vollbracht" (Joh 19,30).

III. Joh 20,1-10

1 Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war. 2 Da lief sie schnell zu Simon Petrus und dem Jünger, den Jesus liebte, und sagte zu ihnen: Man hat den Herrn aus dem Grab weggenommen, und wir wissen nicht, wohin man ihn gelegt hat. 3 Da gingen Petrus und der andere Jünger hinaus und kamen zum Grab; 4 sie liefen beide zusammen dorthin, aber weil der andere Jünger schneller war als Petrus, kam er als erster ans Grab. 5 Er beugte sich vor und sah die Leinenbinden liegen, ging aber nicht hinein. 6 Da kam auch Simon Petrus, der ihm gefolgt war, und ging in das Grab hinein. Er sah die Leinenbinden liegen 7 und das Schweißtuch, das auf dem Kopf Jesu gelegen hatte; es lag aber nicht bei den Leinenbinden, sondern zusammengebunden daneben an einer besonderen Stelle. 8 Da ging auch der andere Jünger, der zuerst an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte. 9 Denn sie wussten noch nicht aus der Schrift, dass er von den Toten auferstehen mußte.10 Dann kehrten die Jünger wieder nach Hause zurück.

Nach den bestürzenden Ereignissen des Todes Jesu (Joh 19,16-30), dessen Faktizität und Schriftgemäßheit berichtet wird (Joh 19,31-37), und der Grablegung durch Josef von Arimathäa (Joh 19,38-42), macht Maria Magdalena sich auf den Weg zum Grab – im Unterschied zu den Synoptikern (Mk 16,1; Lk 24,1.10; Mt 28,1) jedoch nicht um den Leichnam zu salben, da dies im Rahmen der Grablegung bereits zuvor erfolgt ist. Es ist also an den Wunsch, in aller Stille Abschied zu nehmen, zu denken, der diesen Gang motivierte, der vom Verfasser jedoch dahingehend ausgestaltet wird, das Zeugnis von Jesu Auferstehung vorzubereiten. Während Mk 16,2 das Sehen des vom Grab weggerollten Verschlusssteins als des ersten Hinweises auf die Auferweckung mit der neues Licht spendenden aufgehenden Sonne wohl nicht von ungefähr verknüpft, wählt der Verfasser des vierten Evangeliums mit Bedacht die mit Trauer und Aussichtslosigkeit konnotierte Dunkelheit, die auf einer Metaebene Sphäre des Unglaubens ist (vgl. Joh 1,5; 8,12; 12,46), als Zeitpunkt des Geschehens – noch ohne eine Ahnung von dem nicht völlig unvorbereiteten Ostergeschehen geht Maria also zum Grab.

Die umstürzende Tatsache des geöffneten Grabes zu berichten eilt Maria zu Petrus und dem Lieblingsjünger, die sich umgehend davon überzeugen wollen – die Eile der Frau überträgt sich auf die beiden Jünger, so dass sie geradezu in einen Wettlauf verfallen. Das Motiv des Eilens entstammt dabei Lk 24,12, wo freilich Petrus sich allein auf den Weg macht, da er angesichts der in Lk 23,46 – wenn auch gegenüber Joh 19,33f. weniger eindrücklich – verbürgten Faktizität des Todes Jesu den Umstand des leeren Grabes nicht begreifen kann. Das im Johannesevangelium berichtete Motiv des Wettlaufs trägt der dort häufiger angedeuteten Konkurrenz beider Jünger Rechnung und wird vom Verfasser auch bewusst vor diesem Hintergrund inszeniert. So überrascht es zunächst nicht, dass der Lieblingsjünger zuerst das Grab erreicht, wohl aber, dass er es nicht sogleich betritt (Joh 20,4f.). Diese Wendung musste sich einstellen, ist doch Petrus in der Tradition unbestrittener Erstzeuge des leeren Grabes (vgl. 1Kor 15,3ff.; Mk 16,7; Lk 24,34; Mt 28,7) – er betritt folgerichtig zuerst das Grab und sieht dort jene Leinenbinden, in die der Leichnam gehüllt war.

Das Anliegen, die Vorrangstellung des Lieblingsjüngers herauszuarbeiten, realisiert der Verfasser durch den Hinweis, dass er, nachdem er als Zweiter das Grab betreten und wie Petrus die Leichentücher gesehen hat, aufgrund dieses Sehens glaubte (Joh 20,8). Was und woran er glaubte, bleibt zunächst offen; am ehesten ist an die Tatsächlichkeit des leeren Grabes zu denken, jedoch wissen die Leserinnen und Leser des Evangeliums mittlerweile um die besondere Stellung des Jüngers, den Jesus liebte, die, wie die eingangs skizzierte Option, dass es sich um die textinterne literarische Verkörperung des Verfassers des Evangeliums handeln dürfte, darlegte, einen entscheidenden Wissensvorsprung und Glaubensvorzug einschließt. Der Jünger zieht somit unmittelbar die richtigen Schlüsse und das, wie V.9 erklärt, ohne den auf Jesu Auferweckung hindeutenden Schriftbeweis.

Die Notiz des sorgsam zusammengelegten Schweißtuches in V.7 zielt wohl auf zweierlei; zum einen kann sie als implizite Abwehr jenes Verdachts verstanden werden, der Leichnam Jesu sei, entweder um die Verehrung des Hingerichteten im Sinne der Gegner zu verhindern oder um die (bloße) Behauptung seiner Auferstehung durch die Jünger zu untermauern, entwendet worden – dabei wird angenommen, dass ein Leichenraub in aller Heimlichkeit nicht das sorgfältige Ablegen der Tücher erlaube –, zum anderen liegt ein intertextueller Verweis auf die Lazarusperikope (Joh 11,1-57) vor. Die dort berichtete Auferweckung des Lazarus, die in ihrer Gestaltung deutliche Anklänge an die vorliegende Perikope bietet, kulminiert im Heraustreten des Auferweckten aus dem Grab auf Jesu Geheiß hin (Joh 11,44), wobei dieser jedoch noch die Leichentücher trägt – Lazarus bedurfte des Handelns Jesu und, so darf ergänzt werden, konnte demnach nicht selbst das den Kopf umschließende Schweißtuch entfernen. Jesus nun vermochte als der Auferstandene selbst die Tücher abzulegen und legte diese – wie zum Zeichen – im leeren Grab ab.

Der berichtete Glaube des Lieblingsjüngers ist sicherlich im bewussten Gegenüber Petri akzentuiert – der Glaube dessen, der als Verfasser des Evangeliums in diesem figuriert, erfährt jene besondere Hervorhebung. Ob daraus aber geschlossen werden darf, dass Petrus zwar zuerst das leere Grab sehend betrat, jedoch nicht zum Glauben an die Realität des einsetzenden Ostergeschehens durchdringen konnte, muss offenbleiben – der Verfasser enthält sich indes jeglichen Hinweises an dieser Stelle. Als retardierendes Moment stellt sich der Hinweis V.9 dar, dass die Jünger noch nicht die über die bloße Faktizität hinausgehende Notwendigkeit der Auferstehung aus der Schrift, das heißt zunächst der Hebräischen Bibel, herzuleiten und zu erkennen vermochten. Es spiegelt sich darin wohl zum einen der Umstand, dass Moses und die Propheten den anfänglichen Verstehens- und Deutungshorizont des frühen Christentums darstellten, von dem her die Jesusüberlieferung plausibilisiert werden konnte. Zum anderen kann dieses Kommentarwort des Verfassers als dahingehende Konkretion verstanden werden, dass Fragen der Deutung der Sendung Jesu nun nicht mehr primär anhand der Schrift eruiert werden müssen, sondern sich – nunmehr  auf der Ebene der johanneischen Gemeinde – diese Traditions- und Deutungsleistung in dem besonders beglaubigten Zeugnis des Lieblingsjüngers und somit im vierten Evangelium realisiert. Der Jünger, den Jesus liebte, steht als von Jesus eingesetzter Nachfolger und Zeuge in einer Hierarchie der vom Vater an den Sohn ergangenen Offenbarung unter diesem und fungiert insofern als Traditionsgarant.
 
Die immer wieder diskutierte Rivalität beider Jünger führte zu weitreichenden Vermutungen einer Opposition eines petrinischen Christentums dem johanneischen Kreis gegenüber; dabei wurden nicht zuletzt Beobachtungen geltend gemacht, wie die der deutlichen Aufwertung Petri in Joh 21, die einem Ausgleich der – aus Sicht der Tradition zu Lasten des "Felsen" Simon Petrus (Joh 1,42) entfalteten – bis dahin vorherrschenden Asymmetrie beider Personen im Evangelium diene. Indes ist festzuhalten, dass angesichts des leeren Grabes beide Jünger zu ihrem Recht kommen – Petrus beglaubigt, darin ganz der Tradition entsprechend, das Faktum, das die Grundlage des Osterglaubens bilden sollte, und damit auch das Zeugnis des Lieblingsjüngers. Dass dieser auf sein Sehen hin glaubte schließt den Glauben Petri keineswegs aus; das diesbezügliche Schweigen profiliert vielmehr den Lieblingsjünger als den Garanten der Überlieferung des vierten Evangeliums hinsichtlich des Glaubens, der sein Zeugnis begründet.

Eine weitere Beobachtung verdeutlicht dies: nachdem Petrus in Joh 21,15-17 in deutlicher Reminiszenz an seine dreimalige Verleugnung, einer der Jünger Jesu zu sein (Joh 18,15-18.25-27; vgl. 13,36-38), dreimal von Jesus gefragt wird, ob er ihn liebe, wird dieser vom Auferstandenen damit beauftragt, seine Schafe zu weiden, das heißt ihm wird die Leitung der Gemeinden anvertraut. In der anschließenden Versen wird einerseits das Martyrium des Petrus eingespielt (das Gehen, wohin man nicht gehen will, V.18; vgl. wiederum 13,36-38), andererseits die Frage der Zukunft des Lieblingsjüngers reflektiert. Während Petrus zur Nachfolge berufen wird – die angesprochene Kreuzesnachfolge schließt damit implizit das Geschick eines gewaltsamen Todes um des Glaubens willens mit ein –, ist dem Lieblingsjünger verheißen zu Bleiben. Jener wird also Petrus, der zur Zeit der Abfassung bereits seit längerem den Tod des Glaubenszeugen erlitten hat, überleben und an seine Stelle treten; der Lieblingsjünger übernimmt somit im Sinne des vierten Evangeliums die Autorität des Urapostels Petrus. Indem nun zur Zeit des Johannesevangeliums auch der Lieblingsjünger verschieden ist, tritt das literarische Zeugnis als dessen Vermächtnis autoritativ an seine Stelle und bildet die Grundlage der sich darauf berufenden Gemeinden – "Dieser Jünger ist es, der all das bezeugt und der es aufgeschrieben hat; und wir wissen, dass sein Zeugnis wahr ist"  (Joh 21,24).

IV.

Die eingangs neben dem Aspekt des Traditionsgaranten genannte Funktion des Lieblingsjüngers als eines idealen Jüngers profitiert unter anderem von dessen anzunehmender (relativer) Pseudonymität, welche die Eintragung der Rezipientinnen und Rezipienten in diese begünstigen mag. Im Gegensatz zur ausgesprochen ambivalent geschilderten Gestalt des Petrus präsentiert sich der Lieblingsjünger als Typus, dessen Nachfolge freilich, verglichen mit dem Geschick des Urapostels von jeglichen Unbilden verschont geblieben, den uns vielleicht befremdlichen Nimbus des Vollkommenen und darin das Maß des Menschlichen weit hinter sich lassenden gewinnt. Er war einer der ersten Jünger – mehrheitlich wird er hinter dem namenlosen Erstberufenen neben Andreas in 1,37-40 vermutet –, und begegnet uns wie gesehen an exponierter Stelle bei der Ankündigung der Überantwortung Jesu an die Gegner in 13,23-26 wieder. Wiederum mithilfe seiner Eintragung in die durch den Text konstituierte Leerstelle in 18,15f. erfährt man, dass er Jesus, da er mit dem Hohepriester bekannt war, Jesus in dessen Palast zu folgen vermochte und ihm, dies scheint impliziert, in der Stunde seines Verhörs nicht von der Seite wich während Petrus sich in der bekannten tragischen Lage, der er durch Verleugnung seiner Jüngerschaft zu entgehen hoffte (Joh 18,15-18.25-27; vgl. 13,36-38), widerfand. An dieser Stelle muss zugestanden werden, dass der Lieblingsjünger sich nicht wie Petrus bewähren musste, gleichsam jedoch sich auch der Leugnung schuldig machte – seine Idealität bewahrt ihn vor dieser Prüfung, an der Petrus zwar scheiterte, der jedoch darin seine Menschlichkeit in all ihrer Ambivalenz erwies und wie gesehen trotzdem – oder gerade deshalb – zum Hirten eingesetzt wurde (Joh 21,15-17). Folgerichtig tritt er als Zeuge des Todes Jesu und seines letzten Willens unter dem Kreuz auf und wird als Sohn Mariens sein Erbe (19,25-27). Schließlich vermag er als Erster aus dem Umstand des leeren Grabes Glauben an Jesu Auferweckung zu schöpfen und wird so zum Garanten der Offenbarung Jesu in der und an die Welt.

Dieser Jünger begegnet uns in scheinbar uneingeschränkter Konformität mit Jesus und realisiert darin – in idealtypischer Form – das liebessemantisch begründete Gebot Jesu: "Wenn ihr mich liebt, werdet ihr eine Gebote halten" (Joh 14,15). Wenige Verse später wird eine regelrechte Gleichung formuliert (Joh 14,21): die Kenntnis der Gebote und deren Befolgung gilt als Ausdruck der Liebe zu Jesus. Diese Liebe wird beantwortet durch die Hineinnahme der Gläubigen in die zwischen Vater und Sohn bestehende, von Liebe gekennzeichnete Relation (vgl. Joh. 3,35; 5,20; 10,17), indem die Gläubigen der Liebe Gottes teilhaftig werden (vgl. Joh 16,27). Diese Partizipation wird so beschrieben, dass Vater und Sohn Wohnung bei den Gläubigen nehmen – mit diesem alttestamentlich durch die Präsenz Gottes mitten unter seinem Volk, in der sog. Stiftshütte, im späteren Tempel sowie insbesondere in dessen verheißener endzeitlich erneuerten Form (vgl. Ez 37,26f.; Sach 2,14), präfigurierten Bild wird die vollkommene Nähe Gottes zu den Seinen ausgedrückt (Joh 14,23).

Das Festhalten an Jesu Worten ist die eine Ausdrucksform der Liebe, die als Entsprechung zu der dem Menschen durch Jesu Sendung erwiesenen Liebe Antwort und nicht Erfüllung von Gefordertem ist. Die andere bezieht sich (primär) auf die Gemeinschaft der Glaubenden in der Gemeinde – die Geneigtheit, das Liebesgebot auch über die Grenzen der Gemeinde hinauszutragen widerspricht dem prinzipiell nicht, jedoch gilt "die Welt" zunächst im Johannesevangelium als Sphäre des Unglaubens, die sich in Opposition zum in der Finsternis erscheinenden Licht steht (vgl. Joh 1,5); doch eben unter der Prämisse dieses vorfindlichen Unglaubens geschieht die Sendung Jesu durch den Vater und zielt darauf ab, Unglaube in Glaube zu verwandeln, Finsternis zu erhellen (vgl. Joh 3,16). Entscheidender Bezugspunkt der von Gott durch Jesus ausgehenden Liebesbewegung ist der Nächste (vgl. Joh 13,34; 15,12.17). Gerade in dieser Liebestätigkeit erweisen sich die Jüngerinnen und Jünger als solche (Joh 13,35). Liebe darf somit, ohne dass damit das komplexe Feld johanneischer Liebessemantik erschöpfend erfasst wäre, als das Bemühen um Willenskonformität mit dem Vater verstanden werden, die sich im Halten der Gebote realisiert. Die darin begründete neue Gemeinschaft muss keiner kommenden mirakulösen Ereignisse mehr harren – in der Menschwerdung Gottes nimmt sie ihren Anfang und vermag sich im jetzt und hier zu bewähren.

Die Formen der Nachfolge sind vielfältig, nicht jeder steht vor der Bewährungsprobe in Verfolgung um darin dem Beispiel Jesu des vollkommenen Liebesdienstes in der Selbstpreisgabe für die Freunde (Joh 15,13) zu folgen – die Bezeugung der jeder und jedem Einzelnen geltenden und zuteilgewordenen Selbstoffenbarung Gottes, dessen was man im Raum der Gemeinde und der in ihr sich realisierenden neuen Gemeinschaft erfahren, gehört, gesehen und geschmeckt hat ist gleichermaßen geforderte und ermöglichte Entsprechung gegenüber dem Willen Gottes – darin finden sich die Figuren des Apostels Simon Petrus und des namenlosen Jüngers, den Jesus liebte, wieder, die in je unterschiedlicher Weise Angebote zur Identifikation an uns richten und Beispiele christlicher Existenz verkörpern. Die in der christlichen Gemeinschaft als einer Erzählgemeinschaft konstitutiven Prozesse der Erinnerung und Aneignung bedürfen Vieler, die Jesus folgen möchten und im Vertrauen auf seine Zuwendung zu Jüngerinnen und Jüngern werden, die von Jesus geliebt zu sein wissen und dies weitergeben. Indem uns die Möglichkeit der historischen Augenzeugenschaft nicht gewährt ist, bedarf die Kirche der Zeuginnen und Zeugen, welche die Verlässlichkeit des ihnen anvertrauten Zeugnisses berichten. Indem wir uns als in die Liebesbewegung von Vater und Sohn hineingenommen wissen, ist das Liebesgebot Jesu keine Bürde, sondern schlichte Widerspiegelung des uns Geschenkten.

Vorschlag für eine Bibelarbeit

Übergeordnete Frage der Beschäftigung mit den biblischen Texten soll die Frage der jeweils zum Ausdruck kommenden Beziehungen der Beteiligten sein – worin stellen sich Freundschaft oder Liebe dar, worin wird gerade Scheitern von Beziehungen thematisiert?

  • Begrüßung und kurze Orientierung zum Thema
  • Gemeinsames Lied "Gott liebt diese Welt" (GL 297)
  • Zur Hinführung Vorlesen des ersten Bibeltextes (Joh 13,21-30), anschließende kurze Besprechung und Auslegung des Textes mit Blick auf die Beziehung der Personen untereinander – inwiefern stellt sich der Lieblingsjünger als solcher hier dar?
  • Gemeinsames Lied "Gleichwie mich mein Vater gesandt hat" (GL 641)
  • Lesen des kurzen zweiten biblischen Textes (19,25-27) und anschließendes Gespräch mit Blick auf die geschilderten Personenbeziehungen:  Versuch, die Rolle Marias nachzuvollziehen
  • Anschließende Bildbetrachtung: "Christus am Kreuz mit Maria und dem Lieblingsjünger", Gemälde von Albrecht Altdorfer (1515), wiederum mit Blick auf die Personenbeziehung: was drückt der Maler durch die Darstellung der Personen unter dem Kreuz aus? Welche Emotionen werden dadurch hervorgerufen?
  • Lesen des dritten Textes (20,1-10) – Welche Beziehung zwischen den beteiligten Personen wird hier deutlich? Ist der "Wettlauf" nur Ausdruck von Konkurrenz oder lässt sich vielleicht auch Respekt als Handlungsmotiv erkennen?
  • Abschließendes Gebet und gemeinsames Lied "O Jesu Christe, wahres Licht" (GL 643)

Buchhinweise:

J. Kügler, Der Jünger, den Jesus liebte. Literarische, theologische und historische Untersuchungen zu einer Schlüsselgestalt johanneischer Theologie (SBB 16), Stuttgart 1988

T. Lorenzen, Der Lieblingsjünger im Johannesevangelium – Eine redaktionsgeschichtliche Studie (SBS 55),Stuttgart 1971

H. Thyen, Noch einmal: Johannes 21 und "der Jünger, den Jesus liebte", in: ders., Studien zum Corpus Iohanneum, WUNT 214, Tübingen 2007, S. 252-293.

Zum Herunterladen:

  1. Leitet Herunterladen der Datei einBibelarbeit zu Johannes 13,21-30, 19,25-27 und 20,1-10: Jesus und der Lieblingsjünger

Mehr zum Thema im Internet:

  1. Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.kirchensite.de/bibelarbeiten

Text: Martin Söffing, Gastautor, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neues Testament und Judentumskunde, Evangelisch-Theologische Fakultät Ruhr-Universität Bochum in Kooperation mit Katholisches Bibelwerk im Bistum Münster (Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.bibelwerk.de) und kirchensite.de – online mit dem Bistum Münster (Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.kirchensite.de) | Foto: Archiv
02.11.2010

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