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Seite: Fragen + Glauben
25.05.2012
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Anbetung.

Anbetung.

Geistliche Impulse von Hermann-Josef Silberberg zum Advent: Gottesarbeit (4)

Kaufe Salbe für deine Augen

"Seit Erschaffung der Welt wird Gottes unsichtbare Wirklichkeit an den Werken der Schöpfung mit der Vernunft wahrgenommen" (Röm 1,20). Wir fragen heute: Grundsätzlich – theoretisch, oder? Die Welt voller Zeichen und Codes, die sich zu einer Gottesgewissheit verdichten? Für wen? Die Schöpfung - transparent für den Schöpfer?

Ende einer Selbstverständlichkeit

Ist es nur Verblendung oder böser Wille, Unfähigkeit oder Mangel an Vernunft, dass der unsichtbare Gott auch von Gläubigen immer weniger in seiner Schöpfung wahrgenommen wird? Weltanschauung und Weltsicht haben sich seit Jahrhunderten grundlegend verändert. Der Mensch sieht sich am Ende einer langen "natürlichen" Entwicklung und nicht als "Spitzenprodukt eines übernatürlichen, allmächtigen Handwerkers". Gott - höchstens noch "vor dem Urknall" - so eine gängige Volksmeinung. Rufe nach "evolutiver Spiritualität".

Auch Kinder erleben die große Welt zunächst medial. Ursprüngliches Ertasten und Erleben sind stark reduziert. Die "Faszination Erde" (TV-Sendung) führt nicht mehr zur Faszination Schöpfung oder Schöpfergott, nicht dazu, der göttlichen Präsenz "in allem" nachzuspüren.

Rationale Ausleuchtung der Werdeprozesse und evolutives Denken verdrängen gläubiges Staunen schon sehr früh. Der Schöpfungsgedanke und -glaube verliert zunehmend an Boden. Seine schleichende Erosion hat längst begonnen.

Kaum Glaube an den Schöpfergott

"Bewahrung der Schöpfung" - in aller Munde, aber kaum Glaube an den Schöpfergott. Auch Christen können sich dem geistigen Sog nicht entziehen. Sie müssen lernen, den "Schöpfergott" anders zu denken. Für die meisten gibt es nichts mehr "hineinzusehen". Die Werbung bedient sich der Eyecatcher, um unsere Aufmerksamkeit einzufangen und unsere überreizten oder ermüdeten Augen auf ihre Produkte zu lenken.

Für Juden und Christen ist die "Offenbarung" (Bibel?) eine Art Augenöffner für die allumfassende und alles durchdringende Wirklichkeit Gottes. Die gläubige Sehweise der Welt steht nicht in Konkurrenz zur wissenschaftlichen Welterklärung. Das mussten beide Seiten über viele Jahre erst einmal lernen und in ihrem Denken abspeichern.

Gläubig liebende Gottverbundenheit kann die Handschrift Gottes in der Schöpfung und in seiner persönlichen Lebensgeschichte entdecken und die Sprache des Unsichtbaren im Sichtbaren lesen lernen, ohne sein Wissen von der Evolution zu unterdrücken.

"Man sieht nur, was man weiß"

Gläubige Augen sehen, was anderen verschlossen bleibt. Sie sehen anders, weil sie himmlisch geerdet sind. Goethes Satz "Man sieht nur, was man weiß", gilt auch hier: Die Gott "anhangen" haben ein "Beziehungswissen", das zu der gläubigen Gewissheit führen kann: Gott erwartet uns wirklich in den Dingen (Pierre Teilhard de Chardin).

Für Paulus war es im Römerbrief wohl nicht bloße missionstaktische Anknüpfung. Auch in der von Lukas geformten Rede auf dem Areopag in Athen spricht er das damals gängige religiöse Denken an: "Gott ist keinem von uns fern. Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir" (Apg 17,28). Der Mensch steht als Geschöpf in einer grundsätzlich nahen Beziehung zum Schöpfer.

Deshalb ist es auch möglich, ihn zu finden, ihn zu "ertasten". Keine pantheistische Verschmelzung, denn die Differenz zwischen beiden ist unendlich. Der Schöpfer steht dem Geschöpf immer auch gegenüber. Zugleich ist er "in allem und durchdringt es": Schöpfung, Geschichte, die Dinge und unser Leben: "Aus ihm und durch ihn und auf ihn hin ist die ganze Schöpfung" (Röm 11,36). "Alles ist auf ihn hin geschaffen" (Kol 1,16).

"Immerfort blickt mich dein Auge an"

Mit der Taufe wissen sich Christen als Teil einer "neuen Schöpfung". Das verändert auch unseren Blick auf die "alte Schöpfung". Die neue Sehweise hat den "Neuen Himmel und die Neue Erde" vor Augen.

Unser persönliches und gesellschaftliches Gegenwartsbewusstsein fühlt sich angesichts solcher "Insidersprache" herausgefordert. Sind es doch nur die frommen Selbstverständlichkeiten einer alten Denk- und Lebensweise, die "Gott - alles in allem" sah? Erreicht es wirklich noch unsere Denk- und Lebenswelten?

Romano Guardini (1885-1968) konnte noch beten: "Immerfort blickt mich dein Auge an, und ich lebe aus deinem Blick, du mein Schöpfer und mein Heil." Und er notierte einmal in seinem Tagebuch: "Heute habe ich zum ersten Mal verstanden, was es heißt, alle Dinge sprächen von Gott. Er hat alles und darin jedes Einzelne geschaffen. Er steckt hinter jeder Faser Wirklichkeit. Alles ist immerfort durch ihn. Wer das erfährt, erfährt ihn in allem."

Auf einer Tagung zu Ehren Romano Guardinis 1985 erzählte ein Professor, er habe Studenten einen Text des Geehrten vorgelegt, in dem dieser schilderte, wie er angesichts des Sternenhimmels vom "Heiligen" berührt, ja erschüttert worden sei: "Was meinen Sie, wie diese Studenten reagierten? – Sie lachten nur!" Guardini – der letzte Romantiker? – Bewusstseinswandel 1985.

Begnadete Augen

Paulus und Augustinus, Thomas von Aquin und Theresa von Avila und andere "hatten gut reden oder schreiben": Sie waren "Umgeformte", Bekehrte und Erleuchtete. Ihnen war ein Licht aufgegangen. Sie sahen die Schöpfung, die Welt und das Leben mit anderen Augen als wir. Sie waren noch unberührt von der historisch kritischen Sicht der Bibel. Sie waren noch nicht geprägt vom evolutiven Denken.

Von Ignatius stammt die berühmte Formel: "Gott in allen Dingen suchen und finden." Das setzt tiefe Gottverbundenheit schon voraus, eine Gottoffenheit, die in allem eine Anspielung des Himmels, einen Wink des Schöpfers oder die göttliche Handschrift erkennt. Wenn wir "von ganzem Herzen Seine Nähe suchen", ist er überall zu finden, lautet das Credo.

Oder: Vergängliches ist Gleichnis des Unvergänglichen, irdischer Spiegel des Ewigen, ein Fenster zum Himmel wie eine Ikone. Begnadete Augen sehen, was normalerweise nicht zu sehen ist - weder in der Schöpfung noch an der Krippe. Vieles ist so, dass nur Liebe es sieht.

Eine einzige Blindenheilung

Mit der Geburt Jesu ändert sich das Suchen und Finden. Für Christen hat sich in Jesus die alles überbietende Gottesspur aufgetan, die Berührung des Unfassbaren wird möglich. Hirten und "Könige" nehmen als erste diese Spur an der Krippe auf und "preisen Gott für alles, was sie gehört und gesehen haben" (Lk 2,20).

Die fortlaufende Geschichte des göttlichen Heilbringers ist wie die Geschichte einer einzigen Blindenheilung. In den Evangelien beginnt sie exemplarisch: "Er sagte zu ihnen: Glaubt ihr, dass ich euch helfen kann? Sie antworteten: Ja, Herr. Darauf berührte er ihre Augen und sagte: Wie ihr geglaubt habt, so soll es geschehen. Da wurden ihre Augen geöffnet" (Mt 9,28 f.). Diese Blinden wussten, dass sie blind waren. "Sie folgten Jesus und schrien: Hab Erbarmen mit uns" (Mt 9,27)!

Das ganze Johannesevangelium erscheint wie ein Drama zwischen denen, die "seine Herrlichkeit sehen" und denen, die ihn nicht erkannten und nicht aufnahmen, sich aber für sehend und wissend hielten (s. Joh 1 u.a.).

Wenn kritische Selbstwahrnehmung fehlt, die inneren Aufnahmebedingungen nicht stimmen und "du nicht weißt, dass gerade du elend und erbärmlich bist, arm, blind und nackt" (Offb 3,17), warum sollte jemand um Erbarmen schreien oder um Heilung bitten?

"Blind und kurzsichtig"

Der Petrusbrief formuliert lapidar: Wem Glaube und Liebe fehlen, "ist blind und kurzsichtig" (2 Petr 1,9). Eine allgemein menschliche Erfahrung besagt: "Vieles ist so, dass nur Liebe es sieht" (Botho Strauss). Das Himmelslicht in der Schöpfung oder den göttlichen Widerschein "auf dem Antlitz Christi" (Paulus) zu entdecken, setzt diese Beziehung voraus. Klaus Berger: "Wer Gott liebt, der sieht ihn!" Es begann in Betlehem.

Was sie sehen sollten, bevor das Leben vorbei ist, so ein Werbetext zu einem Kunstband. Kein Plädoyer, die Spuren Gottes in der Schöpfung aufzunehmen oder das Licht des Himmels in seinem Sohne wahrzunehmen. Kein Aufruf zum Glauben als einer Schule des Sehens.

Die Spuren des Unsichtbaren oder des Ewigen in den Weisen seiner Gegenwart zu entdecken, lässt uns nach einer "passenden Salbe" suchen, wie es der Seher von Patmos den Menschen in der Gemeinde von Laodizäa dringend empfiehlt (s. Offb 3). Er vermutet bei ihnen schuldbedingte Sehstörungen. Die Salbe ist Frucht einer intensiven Christusbeziehung. Wir lernen, Ihn neu zu sehen und durch ihn das eigene Leben.

"Das Abbild des unsichtbaren Gottes"

Wenn unser Alltags- und Sonntagsbewusstsein unseren Gottessinn untergräbt oder verfinstert, wird es auch uns schwer fallen, in der Person Jesu "das Abbild des unsichtbaren Gottes" zu sehen. Auch Weihnachten wird uns dann kein Licht aufleuchten (2 Kor 4,6), kein Licht, das uns die Schöpfung neu sehen lässt.

Der "eine Gott, der alles in allem bewirkt" (1 Kor 12,6) ist seit Betlehem nicht für jeden Christen als Weltengrund gleich sichtbar. Denn die einen leben mehr in der Osterperspektive: Gott ist Licht! Andere mehr im Dunkel des Karfreitags und den quälenden Warum-Fragen. Festtage sind eine Gelegenheit, unserer selbst gläubig inne zu werden:

Ich steh an deiner Krippe hier, o Jesu, du mein Leben ( GL 141)

Öffne mir die Augen für das Wunderbare an deiner Weisung (Ps 119, 18).

Herr, lass dein Angesicht über uns leuchten (Ps 4,7).

Mehr zum Thema in kirchensite.de:

  1. Öffnet internen Link im aktuellen FensterDossier: Advent und Weihnachten
  2. Öffnet internen Link im aktuellen FensterÜbersicht: Impulse von Hermann-Josef Silberberg
  3. Öffnet internen Link im aktuellen FensterÜbersicht: Impulse zum Kirchenjahr


Text: Öffnet internen Link im aktuellen FensterHermann-Josef Silberberg | Foto: Hermann-Josef Silberberg
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