
Darstellung der "Rückkehr des verlorenen Sohnes" von Rembrandt Harmenszoon van Rijn.
Geistliches Wort
"Das Wort, das Dir gut tut, kannst Du Dir nicht selber sagen"
"Das Wort, das Dir gut tut, kannst Du Dir nicht selber sagen" – die Erfahrung, die hinter dieser Feststellung liegt, haben Sie sicherlich auch schon gemacht. Es gibt Situationen in unserem Leben, da können wir uns nicht selber etwas Gutes sagen, da können wir uns nicht an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen, da brauchen wir einfach die Rückmeldung eines Anderen, da sind wir angewiesen auf ein Wort des Lobes, der Anerkennung oder der Vergebung durch einen Mitmenschen.
Woran aber liegt das? Warum können wir uns in solchen Momenten unseres Lebens nicht selber aufbauen? Warum können wir uns nicht selber die Worte sagen, die uns gut tun? Für mich liegt der Grund in unserer menschlichen Befindlichkeit und Beschaffenheit. Ich erfahre und erkenne nämlich nur in der Begegnung mit Anderen, wer ich bin. "Am Du werde ich!" – so formuliert der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber diese Wahrheit.
Angesprochen werden
"Am Du werde ich!" Diese Formel von Martin Buber entspricht der Wahrheit. Das lässt sich besonders an der Entwicklung eines Kindes zeigen. Ein neugeborenes Kind hat keine Vergangenheit, keine Erfahrungen im Umgang mit sich selbst und keinen Maßstab, an dem es seinen eigenen Wert messen könnte. Es muss sich auf die Erfahrungen mit seiner Umwelt verlassen und auf die Botschaften, die es von dort bekommt hinsichtlich seines Wertes als Mensch. Jedes Wort, jeder Ausdruck im Gesicht oder in der Haltung und jede Handlung der Eltern gibt dem Kind einen Hinweis über seinen Wert. Bevor ein Kind zum Sprechen kommt, muss es angesprochen werden. Ohne Anrede und Zuwendung kann sich kein Kind positiv entwickeln.
Dies musste im Mittelalter schon Kaiser Friedrich II. erfahren, als er herausfinden wollte, in welcher Sprache die Kinder von sich selber reden, wenn sie nicht die Sprache ihrer Mutter lernten. Und so veranlasste er ein Experiment: Er ließ zwei kräftige Säuglinge von Wärterinnen bestens versorgen; nur durften die Frauen niemals auch nur ein Wort zu den Säuglingen sagen. Wahrscheinlich haben die Wärterinnen nun aber bei der Versorgung der Kinder nicht nur geschwiegen, sondern sich gegenüber den Kindern auch kühl und distanziert verhalten und ihnen auch keine anderen Formen der Zuwendung und Ermutigung geschenkt. Die beiden Säuglinge jedenfalls starben. So grauenvoll dieses Experiment auch war, für mich ist es ein weiterer Beleg für die Wahrheit unseres Satzes: "Das Wort, das Dir gut tut, kannst Du Dir nicht selber sagen!"
Selbstwertgefühl
Wenn aber kein Kind ohne Ansprache, ohne Zuwendung, ohne die Botschaften der Eltern oder Bezugspersonen wachsen und gedeihen kann, dann sind gerade diese Botschaften entscheidend für die Entwicklung eines Kindes. Nach Virgina Satir, der großen Familientherapeutin aus den USA, sind es diese Botschaften der ersten Lebensjahre, die das Selbstwertgefühl eines Menschen prägen. Erfährt ein Kind in seiner Familie, dass es wichtig und wertvoll ist, dass es dem Leben und der Welt trauen kann, wird es Stärke entwickeln und auch Niederlagen und Rückschläge wegstecken können. Und es wird sich in bestimmten Situationen – und hier ist dann meine Ausgangsthese etwas differenzierter zu sehen – selber Mut machen und sich Worte zusprechen können, die ihm gut tun.
Dies vermag aber nur ein Mensch mit einem gesunden Selbstwertgefühl, welches eben zunächst in der Familie erlernt wird. Haben Menschen dieses Selbstwertgefühl in ihrer Ursprungsfamilie nicht erworben, sind sie eher durch solche Botschaften geprägt wie: "Das schaffst Du nie!" oder "Was Du auch tust, es reicht nicht", leiden sie darunter oft lange. Sie müssen dann als Erwachsene hart an sich arbeiten, um ein Gefühl für ihren eigenen Wert zu entwickeln.
Einen Namen haben
Wie Kinder für die Entwicklung eines gesunden Selbstwertes ermutigende und unterstützende Botschaften ihrer Eltern oder Bezugspersonen nötig haben, so brauchen auch wir als Erwachsene immer wieder die Erfahrung, dass wir angenommen sind, die Erfahrung anerkannt und geliebt zu sein, die Erfahrung, einen Namen zu haben. Wenngleich es für uns als reife Menschen auch wichtig ist, nicht nur auf die Anerkennung Anderer zu schielen und an der ein oder anderen Stelle es auch helfen kann, uns selber zu ermutigen, sehnen wir uns doch danach, bedingungslos geliebt zu werden. Diese Sehnsucht aber bleibt oft ungestillt. Neben den Erfahrungen von Geborgenheit und Annahme gibt es für jeden Menschen eben auch Erfahrungen, verlassen zu sein, nicht wahrgenommen zu werden. Das führt zu einer grundlegenden Enttäuschung.
Allerdings: Menschen lieben immer nur bruchstückhaft. Für niemanden ist es selbstverständlich, erwünscht und bejaht zu sein. Deshalb bleibt die Frage: Was ist der letzte Grund dafür, dass Menschen sich immer wieder Worte mitteilen können, die ihnen gut tun, Worte, die ihnen sagen, dass es gut ist, dass sie da sind, und zwar um ihrer selbst willen und nicht wegen ihrer Leistung, ihres Erfolgs oder ihrer sozialen Stellung?
Gott sagt Ja zu mir
Für mich liegt dieser letzte Grund darin, dass es EINEN gibt, der uns bedingungslos liebt, der etwas vermag, das wir selber nicht können, nämlich uns in unserer Begrenztheit und Endlichkeit unbegrenzt und unendlich zu lieben. Und weil es diesen EINEN gibt, weil es Gott gibt, der Ja zu mir sagt, so wie ich bin, deshalb kann ich auch mich selbst und Andere annehmen, selbst wenn dies nicht immer gelingt.
Wie sehr Gott zu jedem und jeder Ja sagt, wie leidenschaftlich er uns liebt, dies bezeugt die Bibel, das Gotteswort in Menschenmund, wie die Hl. Schrift auch genannt wird. Besonders anschaulich wird diese Liebesbotschaft Gottes dabei im Evangelium des Lukas geschildert, dessen Fest die Kirche am 18. Oktober feiert. Dass Gott zu jedem Menschen ohne Ausnahme Ja sagt, dass er sich gerade den Sündern, den am Rande Stehenden, den Ausgegrenzten und Verachteten heilend zuwendet, das ist die Mitte des Evangeliums nach Lukas.
Unendlich und unbegrenzt
Und so verdanken wir ihm dann auch so wundervolle Geschichten wie die vom verlorenen Sohn und vom barmherzigen Samariter. Mit diesen und anderen Erzählungen will Lukas uns zeigen, dass Gott uns nicht fallen lässt, dass er uns immer wieder anspricht und uns Worte und Gesten schenkt, die uns gut tun und uns heilen. Garant für diese unendliche und unbegrenzte Liebe Gottes ist nach Lukas Jesus Christus. An seinem Leben, an seinem Tod und seiner Auferstehung können wir ablesen, dass Gottes Liebe stärker ist als alle Todesmächte in uns und um uns herum.
Und so stellte Jesus in seinem Leben immer wieder Menschen in die Mitte, sprach sie liebevoll an und wendete sich ihnen ganz zu. Und viele spürten, wie ihre Verhärtungen und Verkrustungen sich lösten; Verletzungen und Wunden fingen an zu heilen, weil da jemand war, der über alles Oberflächliche hinweg die Tiefe der Menschen mit seiner Liebe berühren konnte.
Erlösung
Dass diese unbedingte Zusage Gottes über alle Zeiten hinweg gilt, ist die Grundwahrheit der Geschichte Jesu. Jesus bürgt im Namen Gottes dafür, dass der Mensch Ja zu sich selbst sagen kann, sich selbst annehmen kann, weil Gott ihm seine Liebe zusagt. Und so haben wir alle in unserer Taufe diese Zusage bekommen, geliebte Söhne und Töchter Gottes zu sein. Diese Zusage und Erwählung, Gottes geliebtes Kind zu sein, steht über unserem ganzen Leben geschrieben. Was auch immer geschieht, diese Zusage ist eine bleibende Wirklichkeit, die Gott nicht zurücknimmt. Sie ist das entscheidende Wort, das uns leben lässt. Davon bin ich zutiefst überzeugt und deshalb ist es für mich wichtig, mich immer wieder daran zu erinnern. Dieses Wort Gottes sagt mir nämlich, dass ich mich nicht selbst erlösen muss, sondern bereits erlöst bin.
Dass ich aber geliebtes Kind Gottes bin und aus seiner Liebe nicht herausfallen kann, spüre ich in meinem Alltag nicht immer. Oft mache ich ganz andere Erfahrungen. Da habe ich dann das Gefühl, ich müsste mein Leben selber besorgen, müsste allein durch meine Arbeit und meine Leistung dafür sorgen, anerkannt und angesehen zu sein. Weil dies meine Lebensrealität ist und weil wir wohl alle diese Empfindungen immer wieder haben, ist es mir wichtig, immer wieder an diese Zusage zu erinnern, Gottes geliebtes Kind zu sein.
Daneben brauche ich sodann aber auch in meinem Alltag solche Erfahrungen, die mich diese Zusage existenziell erfassen lassen. Deshalb bin ich froh, dass es in meinem Leben Menschen gibt, die Anteil nehmen an dem, was mich bewegt, und die mir hin und wieder auch solche Worte sagen, die ich mir selber nicht sagen kann. Diese Worte tun mir nicht nur gut, von ihnen lebe ich; sie machen mich froh und lassen mich daran glauben, dass die Zusage Gottes stimmt, dass ich seine geliebte Tochter bin, ja, dass wir alle geliebte Kinder Gottes sind.
Mögen Sie sich heute auch dieses Wort Gottes zusagen lassen! Von diesem Wort her gewinnt unser Leben nämlich Sinn und Orientierung, von ihm her können wir unser Leben gestalten.
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