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Seite: Fragen + Glauben
25.05.2012
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Ackerbau

"Mit dem Acker und der Erde können wir unser eigenes Leben vergleichen."

Geistlicher Impuls

"Reifen kann der Mensch an allem...."

"Reifen kann der Mensch an allem…" unter diesem Leitgedanken möchte ich Sie am heutigen Sonntagmorgen einladen, sich selbst und Ihr Leben genauer anzuschauen. Reifen kann der Mensch an allem. Das klingt anspruchsvoll. Dass der Mensch reifen kann, wenn er lernt, und dass er im Laufe seines Lebens durch Erfahrungen mit Glück und Erfolg, Freundschaft und Partnerschaft, kurzum mit den guten Erfahrungen wachsen kann, leuchtet ein. Aber an allem? Kann der Mensch auch an Erfahrungen mit Unglück, mit Versagen, Krankheit und zerbrochenen Freundschaften reifen?

Was hat Sie in Ihrem bisherigen Leben reifen lassen? Welche Erfolge und Misserfolge prägen Sie? Welches Glück und Leid? Welche frohen und schmerzlichen Erinnerungen an Menschen sind in Ihrem Gedächtnis geblieben? Und wer lässt Sie reifen? Wer fördert Sie und fordert von Ihnen Leistung und Geduld, Liebe und Treue, Zeit und Zuwendung? Wer baut Sie auf, denkt und redet Gutes über Sie? Wer lässt Sie wachsen, indem er Ihnen sagt, dass er Sie schätzt und Sie ein Schatz sind?

Welche Gefühle lösen die Menschen aus, mit denen Sie es in Ihrem Leben zu tun bekamen: Angefangen mit Ihren Eltern, Geschwistern und Verwandten, über Freundinnen und Freunde, Partnerin und Partner, Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen, bis hin zu Menschen, mit denen Sie Dauerkonflikte austragen und im Streit leben?

Ich habe Ihnen viele Fragen gestellt. Ich kann mir vorstellen, dass diese Fragen in Ihnen Erinnerungen wach rufen: Vieles hat sich in Ihrem Leben ereignet. Sie werden Erfahrungen gemacht haben, von denen Sie sich wünschen, sie wiederholen zu können. Sie werden auch an Erlebnisse denken, die Sie sich gerne erspart hätten. Wie auch immer: Ereignisse, die Sie erlebt haben, und Menschen, denen Sie begegnet sind, lösen in Ihnen Gefühle und Gedanken aus, prägen Sie, Ihre Haltungen und Ihre Einstellungen. Ihre Erfahrungen sind der Boden, in den neue Erlebnisse gesät werden. Es sind alte Erfahrungen, von denen es teilweise abhängt, wie Sie neue Erlebnisse annehmen, verstehen und deuten.

An dieser Stelle möchte ich gerne Ihren Blick nach draußen lenken. Soweit wir es uns erlauben können, genießen wir in diesen Tagen und Wochen die Natur. Einige von Ihnen werden selbst den Boden im Garten und auf den Feldern vorbereitet haben. Sie säen und pflanzen. Wir alle beobachten das Wachstum und hoffen auf eine gute Ernte. Dieses Leben in der Natur ist Menschen aller Kulturen und Religionen, Völker und Generationen vertraut.

Mit dem Acker und der Erde können wir unser eigenes Leben vergleichen: Wie in einen Boden wird vieles durch unsere Sinne hindurch in das Herz des menschlichen Lebens gesät. So säen andere Menschen Informationen und Wissen, Liebe und Hass, Anerkennung und Ablehnung in unser Leben. Gute und schlechte Erfahrungen werden in uns hinein gelegt und können keimen. Der Arzt, der uns über eine Krankheit informiert; der Nachrichtensprecher, der neue Meldungen zur Wirtschaftskrise verliest; Musiker mit ihrer Musik; Meteorologen und ihr Wetterbericht; Päpste und Bischöfe, die ermahnen; Politikerinnen und Politiker, die versprechen; der Künstler mit seinen Bildern; und der Mensch, der uns küssen darf; sie alle säen Hoffnungs- und Hiobsbotschaften durch unsere fünf Sinne in unser Herz. Ob und wie diese Botschaften in uns aufgehen, hängt von der Beschaffenheit unseres Lebensbodens ab. Je nachdem, wie unser Herz und unser Verstand im Laufe unserer Lebensgeschichte geprägt sind, wachsen in uns Freude oder Schmerz, Angst oder Zuversicht, Mut zum Aufbruch oder Lustlosigkeit.

Wie ein Acker

Aus der Natur wissen wir, dass nicht jedes Saatgut in jedem Boden keimen, aufgehen, reifen und Frucht bringen kann. Die Beschaffenheit des Bodens bestimmt, was wir säen und pflanzen können. Wie der Acker muss auch der Boden unseres Lebens bereitet werden, damit wachsen und reifen kann, was für uns und andere gut ist. Diese Vorbereitung des Lebensbodens beginnt im Mutterleib und bleibt eine lebenslange Aufgabe. Wurde unser Grund in frühester Kindheit mit Misstrauen und Verdacht gedüngt, werden es Menschen schwer haben, in uns Vertrauen zu säen und Zustimmung reifen zu lassen. Wer dagegen Vertrauen erlebt hat, der verspürt die Lust, auch Gaben und Fähigkeiten in den anderen Menschen zu entdecken. Er wird sich mit ihnen auf den Weg machen, um gemeinsam Probleme zu lösen und Zukunft positiv zu gestalten.

Heute wird in allen katholischen Gottesdiensten das Gleichnis von dem Mann vorgetragen, der Samen auf seinen Acker sät. Wörtlich heißt es da:
"26 Jesus sagt: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mann Samen auf seinen Acker sät; 27 dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst und der Mann weiß nicht, wie. 28 Die Erde bringt von selbst ihre Frucht, zuerst den Halm, dann die Ähre, dann das volle Korn in der Ähre. 29 Sobald aber die Frucht reif ist, legt er die Sichel an; denn die Zeit der Ernte ist da."

Gegenwart Gottes

Soweit das Zitat aus dem Markusevangelium. Der Acker, von dem Jesus spricht, sind wir, ist das menschliche Leben und die gesamte Schöpfung. Jesus sagt uns zu, in uns sei ein Samenkorn gesät worden, an dessen Früchten man das Reich Gottes, das bedeutet Gottes Gegenwart, seine Sympathie für und seine Treue zum Menschen erkennen soll. Reich Gottes, Gegenwart und Treue Gottes, das klingt abstrakt, formelhaft und weit weg. Deshalb möchte ich konkret fragen: Stehen wir als Menschen wie ein Baum da, an dessen Früchten andere Menschen erkennen können, dass das Reich Gottes in unserer Mitte ist? Das heißt zum Beispiel, dass  andere entdecken, dass unsere Barmherzigkeit im Umgang mit den Fehlern der anderen stärker ist als unsere Lust an der Schadenfreude und dem Wunsch nach Bestrafung? Erkennen andere, dass wir eher Lust auf gemeinsame Lösungen als auf einsame Entscheidungen haben? Spüren andere an unserem Denken, Reden und Handeln, dass wir ungenügsam sind, uns nicht mit dem Zeitlichen begnügen, sondern das Ewige suchen; dass wir uns nicht auf uns selbst beschränken, sondern Gott einbeziehen, wenn es um die Gestaltung unseres eigenen Lebens und die Zukunft der Schöpfung geht? Reden wir nur über Menschenwerk oder bezeugen wir, dass Gott am Werk ist, wo wir Menschen ihn zulassen?

Ob wir selbst an allem, was durch uns, durch andere und durch Ereignisse in uns hineingesät wird, reifen, hängt ab von den Begegnungen mit Menschen und von Ereignissen. Diese bestimmen Haltungen in unserem Kopf und in unserem Herzen. Sie bereiten den Nährboden für alles Neue. Von unserem Lebensboden hängt es ab, ob an unserem eigenen Versagen und der Unzulänglichkeit der anderen unsere Barmherzigkeit reifen kann; an unserem Erfolg unsere Dankbarkeit; an unserer Krankheit unser Vertrauen; an der Zärtlichkeit, die wir empfangen, unsere Liebe; ob an unseren Herausforderungen unser Glaube an den Gott Jesu Christi wachsen kann, der absolut und bei allem treu ist; ob Barmherzigkeit, Dankbarkeit, Vertrauen, Liebe und Glaube in uns gedeihen können.

Wer glaubt, dass Jesus Christus den Menschen mehr liebt, als er sich selbst lieben kann, dessen Boden ist gut vorbereitet. Wer glaubt, von Gott im Gelingen und Versagen, im Glück und im Unglück geliebt zu werden, der wächst nicht nur mit seinem Erfolg, sondern reift auch an den unerfüllten Wünschen. Wer von dieser Liebe durchdrungen ist, kann mit dem heiligen Paulus bekennen, dass uns von dieser Liebe nichts trennen kann, auch nicht Wirtschafts- und Finanzkrisen, kein Unglück, das uns persönlich widerfährt und kein gesellschafts- oder kirchenpolitisches Versagen. Er kann bezeugen, dass der Mensch sogar an diesen Krisen, an Störungen und am Versagen reifen kann.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie als Mensch heute und in Ihrem ganzen Leben reifen können an den Menschen, die Ihnen begegnen, sowie an den angenehmen wie unangenehmen Lebenserfahrungen, die Sie machen werden. Ich bete für Sie, dass Sie sich in allem angenommen und geliebt glauben von Gott. Seine Liebe sei der Nährstoff, der das, was in Sie hineingesät wird, aufgehen und reifen lässt. Zugleich sei seine Liebe auch der Stoff in Ihrem Lebensboden, der verhindert, dass Egoismus und Gewalt, Neid und Hass in Ihnen keimen können.

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