
Ein Spiegel kann nur darum ein Bild wiedergeben, weil er kein eigenes Bild zeigt.
Elemente klösterlichen Lebens – für alle (5)
Miteinander
Ob Sie allein leben, in einer Partnerschaft, einer Familie oder einer Gemeinschaft: Sie haben es immer mit anderen Menschen zu tun. Ohne die anderen könnten wir gar nicht sein.
Im Rundschreiben eines Brasilienmissionars las ich vor Jahren einmal folgende Geschichte: Ein Großgrundbesitzer hatte die Kirche der Armen in seiner Gegend bis auf den Grund zerstören lassen. Als die Menschen zusammenkamen und um ihren Versammlungsort trauerten, rief der Priester sie auf, selber Kirche zu sein. Und zwar ganz praktisch: Die großen Männer ließ er an den Ecken stehen, während die übrigen Männer und Frauen die Wände bildeten. Die Kinder stellten sich dahin, wo die Fenster gewesen waren – Fenster der Hoffnung auf Zukunft. Und die Tür ließen sie offen. Jeder konnte hereinkommen. In diesem lebendigen Raum feierten sie dann ihren Gottesdienst. Und sie erfuhren Gott so nahe wie selten zuvor. Sie selbst waren die lebendigen Steine, aus denen ihre Kirche sich aufbaute. Was für ein wunderschönes Bild! Oft müssen wir das, was wir sind, erst noch werden. Vom heiligen Augustinus gibt es das schöne Wort: "Empfangt, was ihr seid: Leib Christi, damit ihr werdet, was ihr empfangt: Leib Christi!" Die brasilianische Gemeinde wurde selbst zur Kirche, in der sie Gemeinde waren.
Nicht anders ist es in jeder menschlichen Gemeinschaft. Um als Familie zu leben, genügt es nicht, dass Eltern und Kinder einen Haushalt bilden. Die Familie lebt auch davon, dass die einzelnen miteinander und füreinander da sind. Genauso ist es in einem Kloster: Die gleiche Regel und das gemeinsame Haus macht noch nicht eine Ordensgemeinschaft aus. Mit unserer ganzen Person das ausfüllen, was das Kloster oder die Familie ausmacht – eben wie die brasilianische Gemeinde mit unserer eigenen Person den Raum bilden, in denen das Leben sich entfaltet. Dann sind wir am Ende unabhängig von äußeren Bedingungen und können miteinander leben, was uns aufgetragen ist.
Das kann nur gelingen, wenn jeder dem anderen hilft, ganz er selbst zu sein.
Unser Arbeitsalltag lehrt uns meist ein anderes Verhalten: Da muss jeder zusehen, wie er sein Schäfchen ins Trockene bringt. Jede muss darauf achten, dass sie nicht zu kurz kommt. Das heißt: muss?
Das Evangelium zeigt uns andere Möglichkeiten. Die franziskanische Übersetzung einer dieser Möglichkeiten heißt: minder sein. Minder sein im Sinne des hl. Franziskus und der hl. Klara bedeutet nicht, weniger wert sein als die anderen. Sondern so sein, dass nichts in mir den anderen daran hindert, er selbst zu sein. Das ist die franziskanische Art, wie Mose vor dem brennenden Dornbusch die "Schuhe auszuziehen" vor dem Geheimnis des anderen, in dem immer auch Gott selbst gegenwärtig ist.
Klara von Assisi braucht in ihrem geistlichen Testament dafür die Worte: die Schwestern sollen einander Spiegel und Beispiel sein. Ein Spiegel kann nur darum ein Bild wiedergeben, weil er kein eigenes Bild zeigt. In der Begegnung mit dem anderen sich nicht selbst bringen und das eigene Bild vorzeigen, sondern so klar sein im Zuhören, dass die andere sie selbst sein kann. Dann sind keine Machtspiele mehr nötig und keine Einteilungen in oben und unten. Die sich begegnen, sind auf Augenhöhe und finden im jeweils anderen weiten Raum zum Leben.
In solchem Miteinander wird jede Enge gesprengt und der Raum geweitet. Es ist genug da für alle.
Eine Begegnung, in der einer sich aufbläht, lässt für einen zweiten keinen Platz mehr. Und jedes Aufblähen der eigenen Person bringt die Angst mit sich, der andere könnte mir die Luft raus nehmen. Also trete ich mit noch mehr Gewalt auf, um den anderen in die richtige Größe beziehungsweise Kleinheit zu bringen. Minder sein bedeutet, mich nicht aufblähen, sondern einfach sein, die ich bin. Dann kann es auch der andere sein.
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Text: Schwester M. Ancilla Röttger | Foto: Archiv
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