
Worin ich mich kleide, gibt Ausdruck davon, als was ich mich zeigen möchte.
Elemente klösterlichen Lebens – für alle (4)
Füreinander
Es ist schon ein paar Jahre her als sich mir bei einer Bahnfahrt das Fronleichnamsfest ganz neu erschloss. In einem Zugabteil saß ich mit einem jungen Paar zusammen, das ein gemeinsames Unternehmen plante. Dabei suchten sie nach dem Grund für das verlängerte Wochenende. Schließlich fand er ihn: "Da ist doch das Fest der Einheit!" Da konnte ich nicht anders als mich einmischen: "Fronleichnam!" Strahlend bedankten die beiden sich. Die junge Frau meinte daraufhin: "Da zieht man doch das Kommunionkleidchen noch mal an!" Und er fügte noch hinzu: "Und man bleibt, glaube ich, viermal stehen."
Was diese beiden jungen Leute da spontan als Erinnerungen äußerten, hat mir selbst noch einmal einen ganz neuen Blick auf das Fest geschenkt.
Zwar ist das Fronleichnamsfest nicht das "Fest der Einheit", doch trifft diese Formulierung einen zentralen Aspekt dieses Festes: Im Mittelpunkt von Fronleichnam steht das Geheimnis der Eucharistie. Und die Eucharistie ist das Sakrament der Einheit. Dass der jungen Frau noch präsent war, dass sie als Kind an diesem Tag ihr Kommunionkleid wieder getragen hat, gehört genau in diesen Zusammenhang. Worin ich mich kleide, gibt Ausdruck davon, als was ich mich zeigen möchte. Das Kommunionkleid ist das Kleid der Erstkommunion, das Kleid also, das ich trug, als ich zum ersten Mal ganz an der Eucharistie teilnehmen durfte. Dass sie vom "Kommunionkleidchen" sprach, sagt ganz klar, dass es ihr heute nicht mehr passt. Und vielleicht ist sie auch aus manch anderem, was sie mit diesem Kleid verbindet, herausgewachsen. Als Erwachsene kann ich die Kleider meiner Kindheit nicht mehr tragen – in der Mode nicht, und erst recht nicht im Glauben oder in meinen Lebensvollzügen. Sie passen nicht mehr.
Vor über 2000 Jahren hat sich Jesus Christus in Jerusalem für uns hingegeben und verschenkt wie Brot. Seit damals leben Menschen von diesem Brot und haben es durch die Jahrhunderte immer weiter ausgeteilt. Das Bild vom "Kommunionkleidchen" ruft die Erinnerung wach, dass auch wir irgendwann von denen, die vor uns geglaubt haben, dieses Brot empfangen haben, dieses Brot, das Jesus selber ist. Er ist kein Brot, das jeder nur für sich allein essen kann. Das Brot der Eucharistie will ausgeteilt und gemeinsam gegessen werden. Es ist das Brot, das Gemeinschaft des Lebens schafft. Wenn wir es am heutigen Tag singend und betend durch die Straßen tragen, dann zeigen wir aller Welt, dass das unser Lebensprinzip als Christen ist: das Leben miteinander zu teilen.
Der junge Mann im Zugabteil fügte unserem Austausch von Erinnerungen noch hinzu, dass man "viermal stehen bleibt". Nicht der lange Gang durch Stadt und Natur mit Jesus im Zeichen der Eucharistie hatte bei ihm besonderen Eindruck hinterlassen, sondern das Stehenbleiben. Offensichtlich war an diesen Haltepunkten Wichtiges geschehen.
Die Prozession gehört wesentlich zum Fronleichnamsfest. Und nach Möglichkeit gibt es vier Stationen auf diesem Prozessionsweg, an denen jeweils das Wort Gottes verkündet, für die ganze Welt gebetet und dann gesegnet wird.
Dass wir als Christen auch das in aller Öffentlichkeit tun, ist ein weiteres Zeugnis: zu unserem Christsein gehört es wesentlich, auf dem Weg immer wieder gemeinsam anzuhalten, um das Wort Gottes zu hören, um für alle zu beten und um zu segnen. Segnen, das heißt, den anderen Leben von Gott her zusprechen. Wenn wir das im Blick auf die Eucharistie tun, bekommt es die Bedeutung, selber wie Brot zu werden, von dem andere sich nähren können. Wonach hungern die Menschen, mit denen wir zusammen leben? Brot für die anderen zu werden, könnte damit beginnen, meine Zeit mit ihnen zu teilen, ihnen meine Aufmerksamkeit zu schenken, meine Kraft für andere einzusetzen – eben anderen von dem abzugeben, woraus ich lebe. Und ich kann gewiss sein: dieses Brot reicht immer für alle.
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Text: Schwester M. Ancilla Röttger | Foto: Michaela Kiepe
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