
Stille heißt nicht, den Mund zukneifen, damit kein Wort mehr herauskommt.
Elemente klösterlichen Lebens – für alle (3)
Still
Ganz frühmorgens ist die Welt meist noch sehr still, falls Sie nicht gerade an einer Autobahn oder in der Nähe des Bahnhofs wohnen. Vogelgezwitscher und Geräusche der Natur stören dabei nicht. Wohltuende Stille ist nicht Lautlosigkeit, die dagegen eher etwas Bedrohliches an sich haben kann.
Oft kommen Menschen zu uns, die Sehnsucht nach Stille haben. Und immer ist es ein anstrengender Weg, still zu werden. Vielleicht haben Sie die Erfahrung schon einmal gemacht, was passiert, wenn um Sie herum alles still wird und bleibt. Dann bricht in uns einiges auf, was bis dahin von äußerem Treiben zugedeckt war. Und die erste Reaktion ist, sich mit allem Möglichen abzulenken, um diesen inneren Tumult wieder loszuwerden.
Über Klara von Assisi schreibt ihr zeitgenössischer Biograph Thomas von Celano: "Sie lehrte ihre Schwestern vor allem, jeglichen Lärm aus der Wohnung des Herzens zu vertreiben." (LebKl n. 36.) Offensichtlich geht es um etwas in unserem Inneren und nicht um äußere Lärmbekämpfung. Stille heißt nicht, den Mund zukneifen, damit kein Wort mehr herauskommt. Das ist eher etwas Gewalttätiges. Mit etwas Energie lässt es sich lernen, den Mund zu halten. Doch mundtot sein ist nicht dasselbe wie still sein. Die Wüstenväter aus den ersten christlichen Jahrhunderten kannten die Erfahrung: "Da ist ein Mensch, der scheint zu schweigen, aber sein Herz verurteilt andere. Ein solcher redet in Wirklichkeit ununterbrochen. Und da ist ein anderer, der redet von der Frühe bis zum Abend, und doch bewahrt er das Schweigen, das heißt, er redet nichts Nutzloses." (Texte zum Nachdenken. Lebenshilfe aus der Wüste, S. 81)
Klara lehrte ihre Schwestern, den inneren Lärm wahrzunehmen. Was poltert da alles in uns herum! Sobald mich nichts mehr ablenkt, steigt der letzte Ärger plötzlich auf und ich erlebe noch einmal meine Enttäuschung, die ich doch längst überwunden glaubte. Da tauchen plötzlich lauter unversöhnte Geschichten auf, die ich doch begraben hatte. Äußere Stille aushalten lässt plötzlich vieles tot Geglaubte wieder zum Leben kommen. Es zur Seite schieben und nicht beachten, macht es auf Dauer nur schlimmer. Wenn wir uns der Anstrengung aussetzen, in der Stille auszuhalten, kann es schon etwas Ordnung in unserem Herzen schaffen.
Den Lärm aus der Wohnung des Herzens zu vertreiben, beginnt damit, ihn zunächst einmal zuzulassen und ihn wahrzunehmen. Damit ist er allerdings noch nicht weg. Um manches Turbulente in uns wirklich zu begraben und zu beenden, braucht die Stille eine Richtung. Von der heiligen Klara sagte ihr Biograph weiter: "Den glühenden Blick ihrer inneren Sehnsucht hatte sie fest auf das Licht gerichtet." (LebKl n. 19.)
Stille ist keine Friedhofsruhe, in der sich nichts mehr bewegt. Sondern die Lebenskräfte, die in uns am Werk sind, melden sich zu Wort. Wenn wir sie tumultartig wahrnehmen, laufen sie offensichtlich chaotisch durcheinander in alle Richtungen. Sie einsammeln und in eine Richtung lenken, das würde sie aus unserem Herzen vertreiben. Wie kann das gehen?
Eine Möglichkeit wäre, mir einen ruhigen Ort aufzusuchen, an dem es mir leicht fällt, mich zu konzentrieren. Ich könnte mir ein Psalmwort oder sonst ein kurzes Gebetswort suchen, das mir hilft, die Richtung auf Gott hin zu halten. Und um ruhig zu werden, ist es eine Hilfe, sich auf den eigenen Atem zu konzentrieren. Ihn zu spüren, wie ich ihn einatme und ausatme, und in diese Bewegung einzuschwingen mit dem Gebetswort im Herzen.
Wer sich die Mühe macht, regelmäßig den Lärm aus der Wohnung des Herzens zu vertreiben und die Stille einübt, kann auch an ganz turbulenten Tagen in kurzen Augenblicken mitten im Arbeitsalltag diesen inneren Herzensraum aufsuchen. Die Möglichkeit zum Gebet besteht in jedem Augenblick, in dem ich atme. Gott ist immer da, auch wenn ich nicht immer da bin. Nutzen Sie die Augenblicke!
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Text: Schwester M. Ancilla Röttger | Foto: Michael Bönte
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