
Entschiedener Gehorsam gegenüber Gott ist der einzige Gehorsam, der wirklich frei macht.
Elemente klösterlichen Lebens – für alle (2)
Verbindlich
In einem Kloster leben mehrere Menschen gemeinsam nach gewissen Absprachen, auf die sie sich freiwillig verpflichten. Meist gibt es eine charismatische Gründergestalt, die die Grundlinien dieser Absprachen vorgegeben hat. Davon ausgehend entwickelt sich dann das gemeinsame Leben in der jeweiligen Ordensgemeinschaft durch die Jahrhunderte hin weiter.
Klosterregeln – davon bin ich überzeugt – sind Lebensregeln, die auch außerhalb eines Klosters dem Leben dienen können. Sie sind wie eine Art Wegweiser, der an Kreuzungen die Zielrichtung im Blick behält und das Gehen vorantreibt.
Die Lebensweise des Ordens, in dem ich lebe, geht auf die heilige Klara von Assisi zurück. Sie ist die erste Frau in der Geschichte der Kirche, deren geschriebene Regel für ihren Orden anerkannt wurde. Sie selbst spricht nicht von Ordensregel, sondern nennt es Lebensform. Ihre Weisungen wollen dem gemeinsamen Leben eine Form geben, in der sich das lebendig entfalten kann, wozu Gott uns gerufen hat.
Und bevor sie darüber schreibt, was wir tun und wie wir uns verhalten können, stellt sie im ersten Kapitel ihrer Lebensform grundlegende Dinge klar vor Augen. Gemeinsames Leben gelingt nur, wenn es eine Verbindlichkeit in der Beziehung gibt. Klara nennt es Gehorsam. Und innerhalb solcher verbindlichen Beziehungen gibt es eine Rangordnung. Oberste Priorität hat das Evangelium Jesu Christi. Gott zu gehorchen ist das Erste. In weiterer Abstufung verlangt sie Gehorsam gegenüber dem Papst und der Kirche, dann Franziskus und seinen Nachfolgern und schließlich gegenüber den eigenen Schwestern.
Was ich hier aus der Sicht meines Ordens sage, wird auch Ihnen auf einer ganz anderen Ebene keineswegs fremd sein. Falls Sie auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind, müssen Sie wohl oder übel dem Fahrplan "gehorchen". Um mit eigenem Fahrzeug unterwegs sein zu können, müssen Sie sich an die Verkehrsregeln halten. Um Ihren Arbeitsplatz nicht zu verlieren, richten Sie sich nach den Vorgaben des Arbeitgebers. Fast blindlings gehorchen wir allen technischen Anweisungen, in der Hoffnung, dass der, der sie geschrieben hat, auch weiß, was passiert. Das alles ist noch leicht einsichtig. Doch wie ist es in unserem Miteinander? Da geschieht vermutlich häufiger die Abgrenzung: "Du hast mir nichts zu sagen!" Einem anderen zu gehorchen, hat den Beigeschmack, sich abhängig zu machen und nicht über sich selbst bestimmen zu können. Doch Selbstbestimmung kann nur derjenige lernen, der es auch gelernt hat, sich unterzuordnen, sagt Bernhad Bueb, der ehemalige Schulleiter von Schloss Salem, aus seiner langjährigen Erfahrung (vgl. B. Bueb, Lob der Disziplin. Eine Streitschrift, Berlin 2006, S. 55.).
Gehorsam beinhaltet die Bereitschaft, auf jemand anderen zu hören, sich in den eigenen Wünschen um eines anderen willen einzuschränken. Gehorsam bedeutet die Mühe, all die Stimmen, die sich in mir melden, unterscheiden zu lernen. Wer meint, sofort essen zu müssen, wenn sein Magen knurrt, gehorcht fraglos seinem Körper. Und womöglich behauptet er gleichzeitig, er sei so frei, essen zu können, wann er will. Wenn wir genauer hinschauen, entdecken wir viele Abhängigkeiten in unserem Alltag, in denen wir gehorchen, ohne es zu merken. Entschiedener Gehorsam gegenüber Gott ist der einzige Gehorsam, der wirklich frei macht.
Gehorsam meint, dass ich mich verbindlich auf einen gemeinsamen Weg einlasse. Die Aufnahme in unseren Orden nennt Klara Annahme zum Gehorsam. Da wird jemand in die Verbindlichkeit der Gemeinschaft aufgenommen. Nicht das Kloster schafft die Gemeinschaft, sondern die Bereitschaft aufeinander zu hören und auf Eigenes zu verzichten um des anderen willen. Das bringt Grenzerfahrungen mit sich, in denen wir viel über unsere vermeintliche und wirkliche Freiheit lernen können. Jede menschliche Gemeinschaft braucht diese Art von Verpflichtung. Und über allem steht die Priorität aus der Lebensform Klaras: wir dürfen nur dann gehorchen, wenn es dem Evangelium und dem eigenen Gewissen nicht widerspricht. Dazu brauchen wir unseren Verstand.
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Text: Schwester M. Ancilla Röttger | Foto: Michael Bönte
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