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Seite: Fragen + Glauben
25.05.2012
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Mauer

Manchmal brauche ich Mauern, die das ausgrenzen, was mein Leben erdrückt.

Elemente klösterlichen Lebens – für alle (1)

Gegenwärtig

Wenn man einen Weg beginnt – auch den Weg in diesen Tag hinein -, ist es gut, zu wissen, von wo ich losgehe. Vielleicht denken Sie jetzt: "Na, von hier natürlich!" Nur, es ist gar nicht so selbstverständlich, dass wir an unserem jeweiligen "hier" auch sind. Irgendwie sind wir zwar hier, aber zugleich auch schon an all den Orten, wo wir heute noch hin müssen. Vermutlich kennen Sie diese Abfolge: Während wir aufstehen, sind wir mit unseren Gedanken noch bei Ereignissen von gestern, beim Frühstück bedrängen uns schon vor uns liegende Probleme, auf dem Weg zur Arbeit denken wir an das, was wir auf keinen Fall vergessen dürfen, am Arbeitsplatz träumen wir schon vom Feierabend, und wenn wir dann schließlich Freizeit haben, stört uns schon wieder der Gedanke an den nächsten Arbeitstag. Leibhaftig an einem Ort zu sein, heißt noch nicht, dass ich hier auch gegenwärtig bin. Und in meinem Leben im jeweiligen Augenblick nicht zuhause zu sein, ist oft die Ursache für Erschöpfung, Gehetztsein, für Stress. Die bewusst erlebte Gegenwart kann ein Ruhepunkt sein, aus dem mir neue Kraft kommt.

Das Kloster, in dem ich lebe, steht mitten in der Stadt an dem Platz, wo zweimal wöchentlich ein großer Markt stattfindet. Das bringt viel Bewegung mit sich, viele Geräusche, Straßenmusiker, Lachen, Schimpfen – alles, was es an Geräuschen gibt, wo viele Menschen zusammen sind. Und für den, der unser Kloster betritt, verschwinden diese Geräusche nicht einfach, auch wenn sie etwas gedämpfter werden. Was wir hören, lockt unwillkürlich unsere Gedanken dahin, zu entschlüsseln, was sich da abspielt. Und schon sind wir nicht mehr gegenwärtig da, wo wir uns leibhaftig gerade aufhalten. Da helfen auch Mauern und Zäune nicht, die außerdem um unser Haus herum schon standen, bevor es zu unserem Kloster wurde. Und wer von Ihnen kann sich schon in seinem normalen Alltag mit Mauern und Zäunen umgeben, um da, wo er ist, gegenwärtig sein zu können?

Und doch brauchen wir vermutlich etwas Ähnliches wie Mauern, um unser Leben nicht einfach zerfließen zu lassen. Gegenwärtig sein ist also ein Bild dafür, mein Leben in diesem Augenblick bewusst zu leben und nicht gelebt zu werden.

Es gibt Situationen, in denen nichts mehr zu gehen scheint. Also träumen wir uns lieber hinaus. Wenn dann der Traum zu Ende ist, finden wir uns immer noch an derselben Stelle. Sich bewusst in dem Augenblick dem Leben zu stellen, kann eine verfahrene Situation in Bewegung bringen.

Es gibt Situationen, in die wir hineingezwungen sind – vielleicht durch eine Krankheitsdiagnose oder durch unser Älterwerden. Und wir versuchen uns am Strohhalm der Hoffnung selbst herauszuziehen. Die Realität des Augenblicks ungeschminkt anzuschauen und in ihr gegenwärtig zu bleiben, kann uns tragfähige Hoffnung zuwachsen lassen.

Es gibt Situationen, in denen so viele Anforderungen von außen uns bedrängen, dass wir uns an die Wand gedrückt fühlen und kaum Luft zum Atmen haben. Dann einen Moment lang sich auf mein Leben in diesem Augenblick besinnen und durchatmen, kann Raum schaffen.

Manchmal brauche ich Mauern, die das ausgrenzen, was mein Leben erdrückt. Und zugleich grenzen sie ein, was es auszuhalten gilt, damit es Leben werden kann. In jedem Fall kann ich die Gewissheit haben: da, wo ich gegenwärtig bin, da ist auch Gott gegenwärtig.

Jede und jeder von uns braucht so einen Klausurraum des Lebens. Vielleicht ist es manchmal nur ein kleiner Moment, in dem ich die Augen schließe und ruhig atme, vielleicht ein kleiner Spaziergang allein, vielleicht auch ein kurzer Besuch in einer Kirche, wo ich mich für einen Moment in die Bank setze und einfach nur da bin. Dann wird Gott mich schon finden.

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