
Männer und Frauen sind berufen, sich einzumischen.
Geistlicher Impuls:
Der Christ muss sich einmischen
Wenn Sie schon einmal in Rom waren, dann erinnern Sie sich vielleicht an die hochinteressante Kirche Santa Maria Sopra Minerva mitten in der Altstadt. Sie gilt als die einzig wirklich gotische Kirche Roms und wird wegen ihrer Bildwerke und Statuen viel von Touristen besucht. Oft entgeht ihnen freilich, das bedeutendste Grabmal dieser Kirche: Direkt im Grabschrein über dem Hochaltar liegt, eine der bedeutendsten Frauen aus der katholischen Kirche: Katharina von Siena. Sie wurde Mitte des 14. Jahrhunderts als dreiundzwanzigstes Kind einer verarmten adeligen Familie geboren. Die meisten ihrer Geschwister starben schon früh, vor allem an der Pest. Mit 16 Jahren trat sie gegen den Willen ihrer Eltern, die sie lieber in einer Ehe gesehen hätten, in den Dominikaner-Orden ein. Ihre Biographen reden von Visionen und Eingebungen, die ihr Leben radikal änderten. Das Besondere ist nun, dass sie ganz entgegen den Möglichkeiten für Frauen in ihrer Zeit, eine politische Wirksamkeit entfaltete. Sie hielt öffentliche Ansprachen und sparte nicht mit Kritik an kirchlichen und politischen Verantwortlichen, auch nicht am Papst.
Einheit der Kirche
Der Christ muss sich einmischen in die kirchlichen, politischen und sozialen Verhältnisse. Und dazu braucht es auch harte und ehrliche Worte. Als die Dominikanerin Katharina von Siena im 14. Jahrhundert lebte, hatte der Papst, der Bischof von Rom, seine Bischofsstadt verlassen und residierte im südfranzösischen Avignon. Katharina von Siena schonte den Papst nicht, sondern wies ihn mit scharfen Worten zurecht und es gelang ihr auch, den Papst zur Rückkehr nach Rom zu motivieren. Worum ging es ihr dabei letztlich? Es ging ihr um die Einheit der Kirche. Diese Einheit ist letztlich das entscheidende Fundament für die Effizienz kirchlicher Arbeit. Es war durchaus angemessen, dass sie von Johannes Paul II. 1999 heilig gesprochen und zusammen mit Edith Stein zur Patronin Europas und der Einheit Europas erhoben wurde.
Mitverantwortung und Mitarbeit
Katharina mischte sich nicht nur in politische Verhältnisse ein. Ihr Ruf verbreitete sich schnell in Europa und Menschen aus allen Ländern fragten sie um Rat auch in ganz persönlichen Problemen. In der katholische Kirche wurde gerade in den letzten Jahrzehnten viel über die Rolle und die Aufgaben der Frauen diskutiert. Das Leben der Katharina von Siena könnte hier Hinweischarakter haben. Genau wie der Mann, so ist auch die Frau berufen, sich einzumischen – durchaus natürlich auch in kirchliche und politische Sachverhalte! Leider ist dafür an der Spitze unserer Kirche wenig Bereitschaft entwickelt, obwohl es in den Gemeinden oft gerade Frauen sind, die das kirchliche Leben tragen.
Es ist manchem Missverständnis zum Trotz gerade ein Verdienst des Christentums, Männer und Frauen in gleicher Weise zur Mitverantwortung und Mitarbeit in der Kirche berufen zu haben. Leider ist das noch nicht so Wirklichkeit geworden, wie es vom Neuen Testament her nahe gelegt wird.
Vor wenigen Wochen wurde Papst Benedikt heftig kritisiert, weil er den Bischof der Pius-Bruderschaft Williamson und Holocaust-Leugner wieder in die Kirche aufnahm. Auslöser der Debatte war auch mangelnde Kommunikation und Erklärung vonseiten des Vatikan: Eine Aufhebung der Exkommunikation heißt ja nicht, dass Williamson in seiner Funktion als Bischof wieder tätig werden kann. Gedacht war die Wiederaufnahme der Pius-Brüder durch den Papst als versöhnendes Zeichen: Die Kirche soll wieder eins werden. Leider hatten der Papst und sein Umfeld die unhaltbaren und unfassbaren Aussagen Williamsons wohl schlicht übersehen. Der Papst bemerkte zu der Kritik, man habe auf ihn gleichsam eingeschlagen. Er mag wirklich zurecht diesen Eindruck gehabt haben. Vielleicht hätte eine Katharina von Siena als gedachte Gesprächspartnerin dem Papst ebenfalls ihre Überzeugung gesagt. Allerdings hätte sie das wohl respektvoll unter vier Augen und ohne die Öffentlichkeit der Medien getan.
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Text: Harald Wagner | Foto: Michael Bönte
05.06.2009
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