
Hirte in Kalabrien.
Erwachsen
Der Herr ist mein Hirte, nicht der Pastor
Familientreffen. Ein mir Fremder kommt vorbei: "Ach, Sie sind der Hirte!" Die Ironie ist nicht zu überhören. Ein ehemaliger Manager, engagierter Katholik, jetzt kirchenfern: "Der Herr ist mein Hirte, nicht ein Pastor!" Hier äußert sich ein Unbehagen an Strukturen und Ansprüchen in der Kirche.
Was provozierend klingt, ist biblisch selbstverständlich und kann sich durchaus auf die Botschaft Jesu berufen. Aber auch er spricht in Bildern von Hirt und Herde aus seinem orientalischen Umfeld.
Jede Gruppe kennt Rangordnungen und Oben/Unten-Verhältnisse: Hierarchien wie im Tierreich. Alphatiere kämpfen um ihre Macht. "Bei euch aber soll es nicht so sein!" (Mt 20,26) - sagt Jesus. "Betreuer und Betreute müssen sich ändern ( J.B. Metz).
Gott allein ist "oben". Er hat die Macht. Er ist Hirte und Lehrer nach Gottes Art. Er führt und regiert nicht nach "Art dieser Welt ". Wenn ihr es tut, stimmt etwas nicht - mit der Herrschaft der Mächtigen in der Kirche und der Unterwürfigkeit Bedürftiger oder der Gehorsamsbereitschaft der "Untergebenen". Alle zum Dienst Berufenen sind "von Gottes Gnaden ".
Beide müssten ihre Mentalität ändern: Die sich gern in der Rolle des Hirten sehen und die, die sich gern führen lassen, weil sie Freiheit, Eigenverantwortung und Mündigkeit scheuen oder schon immer "klein gehalten wurden." Jesus widersteht beiden Haltungen. "Ihr sollt niemand auf Erden euren Vater nennen, denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel!" (Mt 23, 9)
Jesus lehnt es ab, jemanden einen geistlichen Vater, Meister oder Lehrer zu nennen. Die historische Entwicklung in der Kirche lief anders. Aber der Hinweis auf Tradition gilt heute nicht mehr als Argument (vgl. Fehlentwicklungen, fragwürdige Lehrmeinungen und neue Erkenntnisse).Was gesellschaftlich bedingt ist, kann nicht als gottgewollt hingestellt werden: Zum Beispiel Patriarchalische Strukturen und Einstellungen. Der Blick in die Evangelien und auf den zeitgenössischen Bewusstseinswandel zwingen uns dazu umzudenken, wenn wir Menschen der Gegenwart erreichen wollen.
Kinder brauchen Väter, Erwachsene Partner
Wo man den eigenen Weg scheut, wird Können, Kenntnis und Kompetenz auch heute noch gern delegiert im Sinne von: Politik den Politikern, Theologie den Theologen! Viele akademisch Gebildete sind theologisch kaum informiert. Begründetes Gläubigsein lässt sich jedoch nicht auf andere abschieben oder wie bei einem Wissenschaftssplitting in einer Welt der Expertokratie auf andere übertragen.
Geistliche oder Ordinierte sind Helfer und Partner auf der Suche nach dem eigenen begründeten Glaubensweg. Als Begleiter und Berater sind sie mit allen Getauften auf gleicher Ebene - vor Gott und Menschen: "Brüder und Schwestern im Herrn!"
Auch der Hilflose oder ohnmächtig Kranke ist nie "Objekt der Betreuung", sondern Partner, dem wir dienen. Das bedeutet oft, sich seinetwillen klein zu machen oder zu bücken. Nicht die Pyramide ist das Grundmodell christlichen Miteinanders, sondern der runde Tisch (oder konzentrische Kreise), an dem Menschen mit "verschiedenen Gnadengaben" einander dienen.
Das historisch bedingte hierarchisch - patriarchalische Modell will scheinbar nicht aus den Köpfen und Herzen, die Sehnsucht nach dem "starken Mann", der Leitfigur, die sagt, wo es lang geht oder was Sache ist. - "Bei euch aber soll es nicht so sein!"-
Die institiutionelle Gestalt von Kirche und Gemeinde ist jedoch nach wie vor daran orientiert. Hierarchien wie beim Militär, in Verwaltung und Industrie sind nicht der Maßstab Jesu. Der aufgeklärte, eigenständige Christ und selbstverantwortliche Demokrat ist im Gefühlshaushalt der meisten Katholiken noch nicht genügend verankert, geschweige denn im praktischen Miteinander einer Gemeinde.
Die alte Sprache offenbart den alten herrschaftlichen Geist: Würdenträger, Weihegewalt, Pfarrkind, Beichtkind. Erwachsene brauchen keine irdischen Vaterfiguren, "geistlichen Herren" oder "Hirten oberhalb der Herde". Es ist die christliche Aufgabe aller, gemeinsam mit denen, die ein Dienstamt und eine spezielle geistliche Sendung haben, je nach "Gnadengabe" und menschlicher Kompetenz, anderen etwas Himmel auf Erden zu bringen.
Jeder "Machthaber" bedarf der brüderlich-demokratischen Kontrolle, denn er ist immer in der Gefahr, "rückfällig" zu werden und Macht zu missbrauchen und sei es nur in "kleinen Geld-Dingen".
Vorbei die Zeiten, in denen der Vater noch als Haupt der Familie galt. Und immer selbstverständlicher ein aufgeklärtes, emanzipiertes und demokratisches Bewusstsein auch unter Christen. Die "römische Tradition" hat damit noch erhebliche Schwierigkeiten.
Die Weiheordnung der Kirche folgt dem historisch bedingten ständischen Modell: Papst, Bischöfe, Priester, Laien - verankert in einer "göttlichen Seinsordnung", die uns heute kaum nachvollziebar ist. Auch das Zweite Vatikanum übernahm noch das pyramidische Modell, kein Wunder, denn alle Konzilsbischöfe sind noch in patriarchalischen Verhältnissen groß geworden.
Geistliche werden heute jedoch nach ihren spirituellen und sozialen Kompetenzen gefragt. Das Geweihtsein allein genügt nicht, stellt keine Autorität mehr her, es sei denn in gewissen kirchlichen Randgruppen.
Auch geistliche "Herrschaft" braucht Machtkontrolle und Transparenz aller Vorgänge. Sie kann nicht immer als Dienst im Namen Gottes "überhöht " werden. Der eigenständige Christ der Gegenwart möchte wenigstens in der Kirche mit der Botschaft Jesu von Brüderlichkeit und Geschwisterlickeit leben.
Der Herr allein ist Vater, Hirte und König, anders als jede innerweltliche Leitfigur. Gott verkörpert "die Macht der Liebe" in absoluter Weise. Deshalb beten wir im Gloria der Messe: "Du allein bist der Heilige, du allein der Herr, du allein der Höchste!"
Das mit den grünen Auen
Beim Begräbnis seiner Mutter fragt der Sohn - ein Technikmeister - spöttisch-ratlos: "Kommt wieder das mit den grünen Auen?" - Er hatte es kürzlich auf einer anderen Beerdigung gehört. Den allen Christen vertrauten Hirtenpsalm, ein Überbleibsel aus einer alten Agrarkultur, bleibende Sprachfolie für die immerwährende und allumfassende Hirtensorge Jahwes.
Wir müssen heute damit rechnen, dass diese urtümliche Sprache nicht mehr verstanden wird. Jahwe hütet Israel wie ein Hirt seine Herde (s. Jer 31,11). So auch Jesus: "Er hatte Mitleid mit ihnen, denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben" (Mk 6,4). Und er bekennt sich nach Joh 10,11 als den "Guten Hirten, der sein Leben hingibt für seine Schafe."
Diese Bilder haben sich in die christlichen Seelen eingebrannt. Sie tun gut und bergen uns - die Zerstreuten, Verirrten oder Verlorenen. In der Vorstellung vom Hirten spiegelt sich Himmlisches und Irdisches, Obensein und Vornsein. Wir möchten "dem kommenden Geschlecht erzählen: Das ist Gott, unser Gott, für immer und ewig. Er wird uns führen in Ewigkeit." (s. Ps 48)
"Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen!" Es ist ein Gott, der "mein Halt wurde, mich hinaus ins Weite führte und mich befreite, ...der meine Finsternis hell macht" (s. Ps 18). Gläubige hören auf seine Stimme. Glaubensgehorsam ist der Kern unserer geistlichen Disziplin. Weltliche Hirten sind vorn, nicht oberhalb der Herde. Sie kennen "den Weg ins Leben", weil sie ihn gegangen sind.
"Alle, die sich vom Geiste Gottes leiten lassen, sind Söhne Gottes," sagt Paulus (Röm 8,14). Gefragt ist also "die geistliche Sohnschaft" derer, die uns auf dem Weg der Nachfolge Jesu voraus sind: "Große" Brüder und Schwestern im Herrn.
Wo sich die Kirche als Weggemeinschaft sieht (Volk Gottes unterwegs ), entsteht so eine "Hierarchie in der Nachfolge", eine Rangordnung derer, die mehr oder weniger "christusförmig" leben. Sie treten im Namen Gottes für andere ein, liefern sich um des Evangeliums willen aus und "halten ihr Leben nicht fest".
Wir schauen auf die Vollgestalten des Glaubens und sehen auch die Heiligen des Alltags. Beide verkörpern unsere Sehnsucht. Es sind "Menschen mit Antworten", meistens sehr selbstkritisch und bußfertig. Das macht sie für die, die "es" nicht schaffen, so glaubwürdig.
Gefangene und Befreite aller Länder vereinigt euch
Die Kirche sammelt sich weltweit um den einen und einzigen guten Hirten. Sie trägt den Glauben an seine Hirtensorge um die "Mühseligen und Beladenen", Armen und Reichen durch die Jahrhunderte hindurch - wie ein Manifest: "Gefangene und Befreite aller Länder und Gemeinden vereinigt euch".
Hier entsteht eine neue Brüderlichkeit oder Geschwisterlichkeit: "Einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder" (Mt 23, 8). Sie folgen immer auch dem Ruf:" Kommt, lasst uns niederfallen vor dem Herrn, unserm Gott!" (Ps 95): "Dem einen Gott und Vater aller" (Eph 4,6), dem "Vater unser im Himmel", - nicht zu verwechseln mit unseren Vatervorstellungen!
Er sandte seinen Sohn, damit wir alle "frei werden in Christus" (s. Gal). Die Gelähmten, Erniedrigten und Kleingehaltenen lernen durch ihn den "aufrechten Gang". Wer ihn gelernt hat, kann freiwillig gehorchen, anbeten und anderen aufrichtig dienen.
Die Zukunft der Kirche wird auch davon abhängen, ob sie sich der Kritik Jesu an allem innerweltlichen Vater-, Hirten - und Lehrergebaren stellt, die Insignien und Rituale von Macht und Herrschaft ablegt und sich immer den Satz vor Augen hält: "Bei euch soll es nicht so sein!" - Denn:
Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser. Er stillt mein Verlangen: Er leitet mich auf rechten Pfaden treu seinem Namen. (s. Ps 23,1-3)
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Hermann-Josef Silberberg | Foto: Hermann-Josef Silberberg
29.05.2009
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