
Dass Petrus vom Wackelkandidaten zum Felsen geworden ist, auf den Christus seine Kirche bauen konnte, konnte nur durch den Abschied des Jüngers vom geschönten Selbstbild geschehen: Die liebevolle Unterstützung Jesu half ihm, auch seine Schattenseiten annehmen zu können.
Abschiedlich leben (4)
Das geschönte Selbstbild zurücklassen
Ausgehend vom Abschiedsmotiv bei der Himmelfahrt Jesu möchte ich mit Ihnen in dieser Woche darauf schauen, wie Menschen von Jesus immer wieder in die Schule genommen werden, abschiedlich zu leben. Heute geht es um eine Gestalt, die, durch ein Scheitern hindurch, Abschied nehmen muss von ihrem bisherigen Selbstbild.
Ein amerikanischer Priester (Rohr, S. 30) berichtet einmal, dass er nach vielen Jahren in der seelsorglichen Begleitung immer mehr von einem überzeugt ist: Es gebe nichts, worauf Menschen so sehr fixiert seien wie auf ihr Selbstbild. Viele seien bereit, förmlich durch die Hölle zu gehen, bloß um dieses geschönte Selbstbild nicht aufgeben zu müssen. Oft werde es mit Klauen verteidigt, und eher selten seien Menschen bereit, sich davon zu lösen. Das Johannesevangelium erzählt uns von einem Jünger Jesu, dem dieser Abschiedsprozess nicht erspart bleibt: Es ist Petrus.
Der Fels als "Wackelkandidat"
Petrus begegnet uns in allen Evangelien als jemand, der dazu neigt, spontan und impulsiv zu reagieren. Er lässt sich leicht begeistern, ist voller Liebe für seinen Meister und bereit, sich für ihn einzusetzen. Zugleich aber kann oder will er nicht recht wahrhaben, dass er, der Fels, ein Wackelkandidat ist. Die Schwankungen in seinem Innern und die eigene Schwäche mag er nicht gern anschauen. Wohl deshalb neigt er zu großen, pathetischen Worten.
Im 13. Kapitel bei Johannes wird das ganz deutlich. Am Ende der Fußwaschung fragt Petrus: Herr, wohin willst du gehen? Jesus erwidert ihm, dass Petrus ihm jetzt noch nicht folgen könne auf seinem Weg. Petrus aber will das nicht akzeptieren. Es scheint ihn in seiner Ehre zu kränken: "Herr, warum kann ich dir nicht folgen?" fragt er. Und dann gibt er im Brustton der Überzeugung ein markiges Versprechen: "Mein Leben will ich für dich hingeben". Was für ein starkes und optimistisches Bild hat Petrus von sich.
Ein zerstörtes Selbstbild
Jesus sieht schon zu diesem Zeitpunkt tiefer. Er kennt seinen Jünger klarer, als dieser sich selber kennen will und lässt sich von dem großen Wort nicht blenden. Mit einer Anfrage gibt er das Versprechen an Petrus zurück: "Du willst für mich dein Leben hingeben?" Und dann erspart er ihm die Wahrheit nicht: Bevor der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Was mag in Petrus vorgegangen sein, nachdem er hat erleben müssen, dass genau das eingetreten ist? Das Selbstbild eines hingebungsvollen Jüngers liegt wohl zerschmettert am Boden, seine Selbstachtung ist am Nullpunkt angelangt.
"Liebst Du mich?"
Vielleicht geht der Auferstandene ihm gerade deshalb ausgesprochen sensibel und liebevoll entgegen. Als es zur ersten Begegnung nach dem Scheitern am See von Galiläa kommt, ist da kein Hauch eines Vorwurfs. Jesus kündigt die Bindung an seinen Jünger nicht auf, er bleibt ihm zugetan. Dreimal fragt er ihn "nur": "Liebst du mich?". Er will damit die Kraft in Petrus wieder zum Leben erwecken, die ihn einmal in die Nachfolge hat eintreten lassen. Es ist diese Frage, die bei Petrus an die Substanz geht. Das liebevolle Vorgehen ermöglicht ihm, sich von Jesus zu einem neuen, wahreren Bild seiner selbst führen zu lassen. Nach der dritten Frage heißt es im Evangelium, dass Petrus traurig wird. Er erkennt seine Selbstüberschätzung an und das ist zunächst beschämend und tut weh. Es ist der Abschiedsschmerz von seinem geschönten Selbstbild. Er kann es vor Jesus und sich selbst nicht länger aufrecht erhalten.
"Du weißt um meine Schwächen"
Seine dritte Antwort ist nun um entscheidende Worte erweitert: „Herr, du weißt alles, du weißt, dass ich dich lieb habe.“ Zwischen den Zeilen sagt er wohl: Du weißt alles, Herr, vor dir kann und brauche ich nichts zu verbergen. Du kennst meine Neigung zu großen Worten und meine Schwäche, sie durchzuhalten. Du weißt, dass ich schnell und spontan begeisterungsfähig bin, aber dann im Ernstfall nicht gerade als Held reagiere. Ja, du weißt, dass meine Hingabe an dich gebrochen war und vielleicht immer sein wird. Aber mitten in all dem weißt du auch um meine ehrliche Liebe zu Dir. "Herr, du weißt alles, du weißt, dass ich dich lieb habe" – so spricht ein Mensch, der seine Schwäche und seine Schattenseiten in sein Selbstbild aufgenommen hat, der sich nüchterner, ehrlicher und demütiger sieht.
Zur eigenen Wahrheit finden
Kaum etwas verteidigen Menschen so sehr wie ihr geschöntes Selbstbild, meint der amerikanische Seelsorger. Auf sehr sensible Weise hat der Auferstandene seinem Jünger Petrus diesen schmerzhaften Abschiedsweg geebnet, und ihm ermöglicht, zu seiner Wahrheit zu finden.
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Text: Michael Höffner | Foto: Michael Bönte
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