
Das Erlebnis der Befreiung, der Beachtung durch Jesus macht Zachäus plötzlich unabhängig vom Geld, von der Raffgier und der bisherigen Lebenspraxis. Er lässt Altes hinter sich und beginnt ein neues Leben. - das bisher Wichtige wie etwa das Geld, verblasst.
Abschiedlich leben (3)
Sich lösen im Schwung der Befreiung
Ausgehend vom Abschiedsmotiv bei der Himmelfahrt Jesu möchte ich mit Ihnen in dieser Woche darauf schauen, wie Menschen in der Umgebung Jesu auf ganz verschiedene Weise in die Schule genommen werden, abschiedlich zu leben. Heute soll unser Blick gelenkt werden auf eine der schönsten Abschiedsminiaturen des Neuen Testaments, auf die Begegnung von Jesus und Zachäus. Zachäus ist einer, dem es ermöglicht wird, sich von einer unheilvollen Lebenspraxis zu lösen.
Von ihm gesehen werden
Der Evangelist Lukas zeichnet die Umrisse dieses Mannes mit wenigen Pinselstrichen. Oberster Zollpächter ist er, mit anderen Worten: Ein Außenseiter, einer, der mit den verhassten Römern zusammenarbeitet, der den Menschen das mühsam verdiente Geld aus der Tasche zieht und es an sich rafft, oft wohl in überzogener Höhe. Vermutlich ist er daher in seiner Umgebung sehr unbeliebt. Fast nebenbei bemerkt Lukas außerdem, dass Zachäus kleinwüchsig ist. Mehr sagt er nicht und sagt damit doch so viel. Beruflich und von seiner körperlichen Gestalt her schauen die Menschen auf Zachäus herab. Ob es Wunden des Herabschauens sind, die bei ihm den Wunsch ausgelöst haben, Jesus zu Gesicht zu bekommen? Die geheime Hoffnung, von dem Mann aus Nazareth endlich einmal anders gesehen zu werden?
Einer gibt ihm Ansehen
Beinahe scheint ihm seine Kleinwüchsigkeit noch einmal zum Verhängnis zu werden, denn die anderen, großen Menschen versperren ihm den Blick. Aber er gibt sich nicht geschlagen, klettert einfach auf einen Baum. Not macht erfinderisch. Tatsächlich kommt Jesus an ihm vorüber. Überraschenderweise lässt er seinen Blick nicht auf den Menschen haften, die direkt seinen Weg säumen. Als hätte er die wartenden Augen des Zachäus auf sich gespürt, blickt Jesus zu ihm hoch. Das griechische Verb, das Lukas hier verwendet, steht kaum zufällig da: Jesus schaut zu diesem Menschen auf, heißt es. Mit diesem Aufschauen unterbricht Jesus die lange Kette von Erfahrungen, in denen die Menschen an Zachäus vorbei oder auf ihn herabgeblickt haben. Endlich darf Zachäus erfahren, dass ihm einer Ansehen gibt. In Jesus wird die Leidenschaft lebendig, diesem Mann seine Zuwendung, sein Heil zu schenken. Es drängt ihn förmlich dazu, so dass er sich einfach bei ihm einlädt. Heute muss ich in deinem Haus zu Gast sein, sagt er.
Freude als Antwort auf die Erlösung
Die Erwartungen des Zachäus werden damit bei weitem übertroffen. Was für ein erhebendes Gefühl! Voller Freude nimmt er den Gast bei sich auf. Für den Evangelisten Lukas ist Freude die emotionale Antwort darauf, erlöst, befreit worden zu sein. Wie tief diese Befreiung geht, zeigt sich an der ganz spontanen Reaktion von Zachäus. Er hat mit einem Mal den Wunsch umzukehren, sich von der Lebenspraxis zu lösen, mit der er sich lange außerhalb der Gemeinschaft gestellt hat. Die Hälfte seines wohl nicht ganz rechtmäßig erworbenen Vermögens will er den Armen geben und zusätzlich vierfach das zurückzahlen, was er durch Betrug eingenommen hat.
Befreiung aus der Isolationshaft
Zachäus verabschiedet sich damit von seiner bisherigen Lebensweise. Eines ist dabei für uns als Hörer oder Leser auffällig. Mit keinem Wort fordert Jesus zu diesen Abschied auf. Es gibt kein: Du musst. Die Wandlung ist nicht Folge eines Gebotes. Und sie scheint Zachäus auch keine große Mühe oder Überwindung zu kosten. Ganz ungezwungen, spontan und fast leicht geht sie aus dem hervor, was Zachäus empfangen hat. Der Abschied legt sich wie von selbst nahe. Was Zachäus lange attraktiv und erstrebenswert vorkam, ist mit einem Mal verblasst. Ein Ausleger hat einmal sehr treffend formuliert: "Jesus befreit Zachäus aus seiner Isolationshaft." (Huizing, S. 239) Im Schwung dieser Befreiung kann und will der kleine Mann sich lösen. Vermutlich braucht er es nicht länger, so wie bisher weiter zu leben, Vermögen zu raffen und sich daran zu klammern. Es ist für ihn überflüssig geworden. Weil er das Lebensentscheidende frei geschenkt bekommen hat: Das Ansehen und die Zuwendung Gottes.
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Text: Michael Höffner | Foto: Michael Bönte
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