
In den Fischern am See war bereits die Sehnsucht wach nach dem Neuen. So wurde ihr Abschied zur Chance ihres Lebens – dafür ließen sie alles stehen und liegen.
Abschiedlich leben (2)
Für diesen Ruf alles andere loslassen
Ausgehend vom Abschied bei der Himmelfahrt Jesu möchte ich in dieser Woche mit Ihnen darauf schauen, wie das Abschiedsmotiv das ganze Evangelium durchzieht.
Abschiedlich leben zu lernen, nicht festzuhalten, das mutet Jesus seinen Jüngern schon von Anfang an zu. Es beginnt schon mit ihren Berufungen. Wer die Berufungserzählungen im Evangelium liest, merkt unmittelbar, dass sie sehr dicht sind. Sie wirken wie zusammengerafft auf die wesentlichsten Elemente.
Am See von Galiläa entlang schlendernd, nimmt Jesus seine zukünftigen Jünger in Blick, heißt es. Bevor er also noch ein Wort verliert, schenkt er ihnen sein Ansehen. Und dann folgt in denkbarer Kürze der Aufruf: Kommt her, folgt mir nach, ich werde euch zu Menschenfischern machen. Das ist alles. Mehr sagt Jesus nicht. Keine Werbung, nichts Kleingedrucktes. Es klingt wie eine Einladung zu einem Abenteuer. Offensichtlich erwartet Jesus nichts weniger, als dass sich die Ausersehenen gänzlich umorientieren. Um des Neuen willen sollen sie Abschied nehmen von ihrem familiären Umfeld. Für die damalige Zeit ein immenser Schritt, ist doch damit verbunden, aus dem "Generationenvertrag" und dem sozialen Netz auszusteigen. Man kümmert sich nicht mehr um Eltern und die eigene Familie, fällt aber auch selbst aus der sozialen Absicherung heraus.
Unverzüglich Abschied genommen
Umso mehr staunt man als Leser, dass es dann ganz selbstverständlich heißt: Sofort ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm. Besonders Matthäus legt Wert darauf, dass die Gerufenen sofort, unverzüglich Abschied nehmen und Jesus hinterher gehen. Hört sich das nicht unglaublich an? Da muss der Evangelist einfach geschönt haben! Von einer Minute auf die andere sein ganzes bisheriges Leben aufzugeben, das klingt zu unwahrscheinlich. Wäre es in unseren Augen nicht geradezu leichtsinnig, derart überstürzt eine Entscheidung mit solcher Tragweite zu treffen? Viele Ausleger beruhigen uns hier zunächst: Die Szenen seien sehr ideal gestaltet, meinen sie. Historisch hätten sich die Jünger wohl allmählicher und verwickelter Jesus angeschlossen. Ein Abschied auf Raten also.
Ein brisantes "Sofort"
Und dennoch steht dieses Wörtchen "sofort" da. In seinem neuen Roman "Salvatore", in dem es um die Pasolini-Verfilmung des Matthäus-Evangeliums geht, bemerkt auch Arnold Stadler, wie brisant dieses "sofort" ist. Er spielt die Möglichkeiten durch, die die Gerufenen hätten Nein sagen lassen können: "Wir wollen nicht von hier weg. Wir können nicht von hier weg. Frag erst mal meine Frau und meine Kinder (...) Ich will kein Menschenfischer sein." (S. 103). Aber dann nähert sich Stadler sehr sensibel dem Beweggrund, warum die Fischer den Schritt riskieren. "Vielleicht war ihre Sehnsucht nach etwas anderem so groß, dass sie es nicht einmal wussten." (S. 103), schreibt er. Die Männer liefen plötzlich hinter Jesus her in der Befürchtung, sonst etwas zu versäumen.
Unterschwellige Sehnsucht
Am Anfang war also die Sehnsucht. Stadler vermutet, dass die einfachen Fischer schon längst unterschwellig nach etwas anderem verlangt haben. Jesus hat mit seinem Blick und seinem Wort diese Sehnsucht wachgerufen – und sich selbst als Erfüllung angeboten. Mit einem Mal blitzt den Gerufenen auf, dass sie jetzt einfach nicht Nein sagen können. Sonst würde die Chance ihres Lebens an ihnen vorübergehen. Da streckt einer die Hand nach ihnen aus und bietet ihnen eine neue Bindung an, von der sie intuitiv spüren, dass es die lebensent-scheidende Bindung für sie sein könnte. Ob sie schon in diesem Moment ahnen, dass hier nicht nur ein Mensch nach ihnen ruft?
Dynamik des Abschieds
Wie auch immer es also damals am See wirklich zugegangen sein mag, Arnold Stadler ebnet uns einen Weg, die Dynamik des Abschieds bei der Berufung nachzuvollziehen. Am Anfang steht die geheime Sehnsucht der Fischer, die in Jesus von Nazareth eine viel versprechende Erfüllung erblickt. Dafür lassen sie alles stehen und liegen.
Sofort folgten sie Jesus nach – die Berufungserzählungen sind weitergegeben und aufgeschrieben von Menschen, die diesen Abschied hinter sich haben und erfahren konnten: Es hat sich mehr als gelohnt. Gut, dass wir dieses Zeugnis haben. Es könnte ja sein, dass Jesus irgendwann auch an unserem Leben vorübergeht und uns anspricht: Komm, dich meine ich, folge mir nach.
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Text: Michael Höffner | Foto: Michael Bönte
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