
Den Jüngern fällt die Trennung nicht leicht. Als Jesus ihren Blicken langsam entschwindet, starren sie ihm förmlich nach.
Abschiedlich leben (1)
Anfang einer neuen Nähe
Wenn man in eine der Suchmaschinen im Internet die Stichworte "Abschied" oder "Abschiednehmen" eingibt, stößt man auf eine schier unüberschaubare Fülle vom Ratgeberliteratur. Und das in ganz vielen Schattierungen: Es geht vom Junggesellenabschied, über den Abschied von verstorbenen Haustieren bis hin zu dem von nahe stehenden Menschen. Unter dem Kunstwort "abschiedlich leben" beschäftigt sich sogar die Philosophie mit dem Thema.
Das reiche Angebot reagiert offensichtlich auf eine Nachfrage. Diese Nachfrage liegt sicher einmal daran, dass niemand um dieses Thema herumkommt. Schon unsere Geburt ist ja ein Abschied, dem dann viele weitere folgen. Und sich zu lösen bedeutet häufig eine Schwelle, die zu überschreiten schwer fällt. Man wehrt sich dagegen mit allen Fasern, will sich einfach nicht von dem lösen, was einem ans Herz gewachsen ist. "Abschied ist ein bisschen wie Sterben" singt ein Schlager. Wohl daher möchten viele Menschen die Kunst des Abschiednehmens lernen.
Blick auf Christi Himmelfahrt
Auch Christsein hat viel damit zu tun, abschiedlich leben zu lernen. Darauf möchte ich in dieser Woche mit Ihnen schauen. Denn das Fest, das wir in dieser Woche feiern, Christi Himmelfahrt, ist stark vom Abschiedsmotiv geprägt.
Nach der Chronologie des Evangelisten Lukas endet mit dem 40. Tag nach Ostern die Zeit, in der der Auferstandene erschienen ist. Immer wieder hatte er sich den Jüngern in dieser Phase als lebendig gezeigt. Nun entzieht er sich ihren Blicken, wie es in der Apostelgeschichte heißt. Die Jünger müssen sich also lösen von der Weise, wie der Auferstandene bis dahin unter ihnen war. Und das fällt ihnen alles andere als leicht.
Angst vor einer Leere?
Ihre körperliche Haltung bei der Himmelfahrt ist sehr verräterisch. Als Jesus ihren Blicken langsam entschwindet, starren sie ihm förmlich nach. Sie können und wollen ihren Blick nicht lösen, würden ihren Meister am liebsten mit den Augen festhalten. Für sie scheint Himmelfahrt nur Trennung zu bedeuten, Trennung von dem, der ihnen so am Herzen lag. Ob sie Angst haben vor Verwaisung, vor der Gottesferne, vor einer Leere, die sein Gehen zum Vater bei ihnen hinterlassen könnte? In den großen Abschiedsreden bei Johannes geht Jesus jedenfalls immer wieder auf die Trauer ein, die die Jünger wegen seines bevorstehenden Gehens erfüllt.
In den Evangelien ist es Jesus selbst, der den Jüngern hilft, die große Kunst des Abschiednehmens einzuüben. Dabei fällt ein Satz, der zunächst wenig einfühlsam, ja sogar fast ungeheuerlich klingt: Es ist gut für euch, dass ich fortgehe, sagt Jesus (16,7). Genau zu dieser Einsicht möchte Jesus seine Freunde führen. Sein Abschied wird zum Aufgang von etwas Neuem werden.
Entzugserfahrung
Er deutet ihren Abschiedschmerz wie die Geburtsschmerzen einer Frau: Vor der Geburt sei sie erfüllt von Sorge, nach der Geburt aber sei all das schnell vergessen aus Freude über das Neugeborene (16,21). Ja, die Jünger müssen zunächst eine Entzugserfahrung machen, sie müssen dort hindurch, die bisherige Gemeinschaft aufzugeben. Aber dann werden sie die Gegenwart ihres Herrn ganz neu erfahren können, er wird ihnen auf ganz andere Weise Beistand sein als bisher, und zwar durch seinen Geist.
Als irdischer Mensch war Jesus festgelegt auf ein enges Hier und Jetzt. Nur begrenzt konnte er Menschen nahe sein. In der neuen Gegenwart des Geistes kann er jedem Menschen und zu allen Zeiten nahe sein, ja sogar in den Tiefen eines Menschenherzens wohnen. Was zunächst wie ein Abschied scheint, ist in Wahrheit der Anfang einer neuen Nähe.
Jeden Tag neu am Kommen
Die Jünger verstehen das nur mühsam. Als sie nach der Erhöhung Jesus nachstarren und ihre Augen nicht von der Vergangenheit lösen können, brauchen sie noch einmal himmlische Abschiedshelfer, die sie aus dieser Erstarrung lösen. Zwei Männer in weißen Gewändern holen sie mit ihren Augen auf die Erde und damit in die Gegenwart zurück. Es ist keine trostlose, gottferne Gegenwart, in die sie geholt werden, sondern eine Gegenwart, in der der Herr jeden Tag neu am Kommen ist.
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Text: Michael Höffner | Foto: Michael Bönte
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