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Seite: Fragen + Glauben
25.05.2012
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Straße zum Himmel.

Straße zum Himmel.

Schwere Kost

Hinter dem Ambo

Zum Schmunzeln. Ein kleiner Mann - der Pfarrer - hinter dem Ambo. Man sieht nur noch Stirn und Haare. Und die Lesung - schwere Kost: Paulus! Aber der Sprecher "bringt ihn gut rüber". Er selbst verschwindet buchstäblich hinter der Botschaft.

Ich bin mit Christus gekreuzigt worden. Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir. (Gal 2,19-20)

Wer von uns kann so sprechen? Das geht nicht leicht von der Zunge.
Auch Paulus hat Neuland betreten: Ein Mann der ersten Stunde, Theologie für Anfänger im Christentum - auch für ihn selbst nach seiner umstürzenden Lebenswende: "Altes ist vergangen, Neues ist geworden." Umfassender Gestaltwandel, totaler Bruch mit dem Bisherigen. Er nennt es "in Christus sein", mit ihm "gestorben und auferweckt". Neue Identität von Christus her wider alle Mächte von "Gesetz", Sünde und Tod.

Soweit sind wir in der Regel - noch - nicht. Auch für Paulus steht ja die "Vollendung" noch aus. Als Gewohnheits- oder Gelegenheitschristen sind wir im Sinne Pauli weit davon entfernt, "der Welt gestorben" zu sein.
Paulus führt ein Leben, das dem Geschick Jesu "gleichgestaltet" ist. Er erklärt es seinen Hörern anhand der Taufe:

Wisst ihr nicht, dass wir alle, die wir auf Christus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind... Wenn wir nämlich ihm gleichgeworden sind in seinem Tod, so werden wir mit ihm auch in seiner Auferstehung vereinigt sein... Sind wir mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden. (Röm 6,3-8)

Mit der Taufe werden Christen auf einen Weg gesetzt, auf dem "Christus in ihnen Gestalt gewinnen soll" (Gal 4,18). Paulus ist uns auf diesem Wege voraus.
Taufe - als Untergang des alten und Aufgang des neuen Lebens! Nachvollzug von Tod und Auferstehung Jesu, "bis wir in seine Herrlichkeit verwandelt werden" (Phil 3,21).
Solche Sätze nehmen dem christlichen "Normalverbraucher" den Atem. Nachvollzug?
Helle und dunkle Worte.

Kreuz tragen, Kreuz auf sich nehmen, täglich, sagt Lukas - aszetisch gemeint. Es kann sich wohl nicht um allerlei selbstverschuldete Beschwerden des Alltags handeln, sondern um die Last einer gelebten "Reich-Gottes-Praxis" und um Leiden im Dienst am Glauben.

"Nachvollzug" - als "Sterben des alten Menschen", als Hingabe an "Geringste", als Dienst an denen auf dem letzten Platz.
Bei solchen Sätzen möchte man als Priester gern hinter dem Ambo verschwinden und lieber Paulus und andere sprechen lassen. Er kennt das Vorher und Nachher. Sein Leben ist in seinen Briefen Sprache geworden - als Vollzug der Taufe.

Nach einer aktuellen Spiegel-Umfrage glauben 75 Prozent der Männer und 50 Prozent der Frauen in Deutschland nicht mehr an ein "ewiges Leben".
Paulus - der Christuserfahrene - konfrontiert uns mit der Behauptung :

Unsere Heimat ist im Himmel. Von dort erwarten wir auch Jesus Christus, den Herrn, den Erretter... (Phil 3,20 ff.)

Das widerstrebt dem Grundgefühl aller, die daran "noch nicht denken", weil sie hier leben wollen und müssen und "Irdisches im Sinn haben" (Phil 3,19): Heimat als der Ort, wo sie sich zuhause fühlen, zugehörig und zuständig.

Paulus hat die "Ewige Heimat" im Visier, weil er "am Ende ist", im Gefängnis in Ephesus, vor allem aber, weil er seit Damuskus seinen Lebenshaftpunkt "im Himmel - beim Herrn" hat. "Mit Christus gekreuzigt und auferstanden" ist seine durch und durch diesseitige Erfahrung, keineswegs Flucht in eine Gegenwelt außerhalb der Verhältnisse.
Aber es ist für Paulus die goldene Straße zum "Himmel", um "ganz beim Herrn zu sein".

Paulus - der Bekehrte, geht immer aufs Ganze wie alle, die "von Christus ergriffen sind". - Die Fremdheit der Heiligen! Wir stellen uns dankbar den Botschaften, die sie verkörpern. Sie sind zwar mit uns und unserer Welt verbunden, aber hier nicht mehr "wesentlich" zuhause. Ihr Glaube ist ein "Schlüssel für die Geheimschrift der Dinge" (Otto Kuss) und lässt uns die Welt als eine geheimnisvolle "Einheit in Christus" begreifen. Sie zählen zu denen, die "zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit suchen". Deshalb wirken sie fremd in unserer Gesellschaft, es sei denn, wir setzen Therapie und Sozialpolitik damit gleich. Heil ist für sie jedoch mehr als psychische Heilung oder soziale Gerechtigkeit.

Paulus ist als Handwerker und Vielreisender durchaus ein Mann von Welt. Er kann es mit den geistigen Größen seiner Zeit aufnehmen. Er behauptet aber: Alles hier hätte keinen Sinn, wenn es nicht auf Christus zuginge. Das ist mein Halt, meine Hoffnung, meine Kraft, mit der ich hier alles aushalte und schaffe. Ich bin hier nicht richtig zuhause. Solange wir "fern vom Herrn leben, leben wir in der Fremde". Solange wir noch glaubend unterwegs sind und ihn noch nicht von Angesicht zu Angesicht schauen, sind wir noch nicht da, wohin wir gehören.

Paulus hilft uns, die Balance zwischen irdisch und himmlisch, weltlich und geistlich zu finden oder ein geistliches Leben mitten im weltlichen zu versuchen. Kein Mann für Gelegenheits- oder Auswahlchristen!

Was uns von Paulus trennt: Er ist ein Mensch der Antike, ein frommer Jude, im Glauben Israels verwurzelt, und er ist ein Bekehrter, radikal christusorientiert, ein Vollblutmissionar und Vollzeitchrist!

Keiner von uns lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn. Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn. (Röm 14,7-8)

In Vers 7 scheint schon die deutsche Sprache zu versagen (sich selber leben?). Das Gemeinte aber leuchtet durch. Selbstzufriedenen und Selbstgenügsamen, Selbstsicheren und Selbstversponnenen werden die Augen geöffnet.
Aus gläubiger Sicht sind Heiden Menschen, die keine Hoffnung haben (1 Thess 4,13), keine Hoffnung auf Ewigkeit, Erfüllung und Vollendung.
Paulus weiß, wovon er spricht. Seit Damaskus kennt er die Zielrichtung seines Lebens.

Übrigens: Der Mann hinter dem Ambo (ich kenne ihn nicht) vermittelt den Eindruck, Paulus sehr nahe zu stehen.
Vielleicht hat er als Verkündiger der Frohen Botschaft früher darunter gelitten, so klein geraten zu sein.
Vielleicht hat er früher versucht, durch viel Getöse auf sich aufmerksam zu machen.

Heute wirkt er "gereift", still und besonnen. Seine Sätze sind eindringlich, nicht aufdringlich. Seine Stimme stimmt. Seine liturgischen Gesten sind weder lässig-fahrig noch verkrampft, weder pathetisch noch theatralisch ausladend.
Er nimmt sich als Diener des Wortes fast scheu zurück, lässt uns aber an der Last und Not des aufrichtigen Verkündigers teilhaben - auch an seinem Glück.
Predigt scheint für ihn darin zu bestehen, "ein Wort in der Gegenwart Gottes zu sprechen" (J. A. Heschel).

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