
Blick über den See Gennesareth.
Das fünfte Evangelium
Erfahrungen im Heiligen Land
Eine jüdische Anekdote erzählt von einem Rabbi, der von seinen Schülern gefragt wird, warum er immer wieder in die Wüste gehe, wo er sie doch gelehrt habe, dass Gott überall zu finden sei und überall derselbe sei.- Der Rabbi antwortet: Das stimmt, Er ist überall derselbe - aber ich nicht.
"Ich bin nicht überall derselbe." Das erfahre ich immer wieder. So, wenn ich mit einer Pilgergruppe durch Nazareth auf den Marienbrunnen zugehe. Wie üblich herrscht chaotischer Verkehr, die laute orientalische Stadt hält uns gefangen. Auf dem Platz vor dem Marienbrunnen, kommt uns eine Klasse mit arabischen Kindern in ihren Schuluniformen mit leuchtend gelbem Hemd und Jeans entgegen. Und ,natürlich laut, singen sie ein fröhliches Lied, das immer wieder von Gelächter unterbrochen wird - gegen den Straßenlärm an.
Das Lied macht uns neugierig und so fragen wir nach, wovon es handelt und was daran so lustig ist. "Um die Liebe geht es und wer wohl mal wen heiraten wird!" lautet die Antwort. Und dann zeigen sie auf zwei andere Kinder und alle lachen noch lauter gegen den Protest eines Mädchens und eines Jungen an.
Wir treten ein in die kleine orthodoxe Verkündigungskirche mit dem alten Brunnen darin, der seit mehr als zweitausend Jahren hier Wasser spendet. Hierhin wird wohl auch Maria, die junge Frau aus Nazareth, gegangen sein, um Wasser zu schöpfen. Das war Frauensache in den orientalischen Familien.
Zum Brunnen gingen auch die jungen Burschen, um ihre Viehherden zu tränken, und - um sich nach einer Braut umzusehen. Das erzählt die Bibel ja auch in den Geschichten von Jakob und Rachel, von Mose und Zipora. Auch von Jesus, der die Frau am Jakobsbrunnen trifft. –
Die ostkirchliche Tradition lässt die Verkündigung an Maria hier geschehen, am Brunnen, dem Ort der Brautwerbung. Gott schickt den Engel Gabriel um eine Braut zu suchen!
"Um die Liebe geht es und wer wohl mal wen heiraten wird..." Das Lied der Kinder und das leise Plätschern des Brunnens verbinden sich: "Der Herr ist mit dir!" sagte der Engel, versteckt hinter einem Strauch.
Mir geht durch den Kopf, dass er nicht sagt: Der Herr sei mit dir, wie wir das als liturgischen Gruß kennen... so, als wünsche er alles Gute und viel Kraft, wo doch alles so schwierig ist, was auf Maria zu kommt. Nein, der Engel sagt: Der Herr ist mit dir! Jetzt, in all dem Lärm, jetzt in all dem Chaos, jetzt in all den ungelösten Fragen! Hier und Jetzt ist er bei dir schon am Werk!
Der Herr ist mit dir!
Dieses Wort klingt anders hier in Nazareth, hinein gesagt zwischen Kinderspiel, Brunnengeplätscher, Straßenlärm – und immer wieder hinein gesagt in all die schlimmen Nachrichten aus dem 'unheiligen' Heiligen Land. Es gilt hier und jetzt für den, der sich aufmacht und dem leisen Werben Gottes mehr traut als den lauten Nachrichten.
Über das fünfte Evangelium möchte ich heute morgen zu Ihnen sprechen. Vier Evangelien kennen Sie aus der Bibel, aus dem Neuen Testament.
Vom fünften Evangelium hat zum ersten Mal der Heilige Hieronymus gesprochen. Im Jahr 347 wird er geboren, 417 stirbt er – im vierten Jahrhundert, in einer Zeit gewaltiger politischer und kirchlicher Umbrüche. Hieronymus stammte aus Kroatien. Nach seiner Bekehrung und Taufe wurde er ein strenger aufstrebender Kleriker in Rom und bald Sekretär des Papstes Damasus I. Auch ihn führte eine Pilgerreise ins Heilige Land. Aber er ist entsetzt und warnt davor nach Jerusalem zu fahren: "Die Stätten der Kreuzigung und Auferstehung liegen in einer hektisch belebten Stadt, in der es Behörden, Garnisonen, Dirnen, Schauspieler und Witzbolde gibt.", schreibt er. Besser sei es, zu Hause ein guter Christ zu sein, als nach Jerusalem zu pilgern. –
Als er nach Rom zurückkehrt, bekommt er vom Papst den Auftrag, eine einheitliche lateinische Bibelübersetzung zu verfassen. Er beginnt mit dieser Arbeit, aber dann stirbt Papst Damasus. Hieronymus möchte gern dessen Nachfolger werden – aber den Römern ist er zu streng, sie wählen lieber einen anderen. Enttäuscht geht er mit einigen Begleiterinnen wieder ins Heilige Land, diesmal nach Bethlehem. Dort gründet er Klöster, auch eine Erscheinung dieser Umbruchzeit, und lebt selbst wie ein Mönch, um dort, in der biblischen Landschaft die Übersetzung der Bibel ins Lateinische zu vollenden.
Erst hier und jetzt kann Hieronymus das fünfte Evangelium entdecken: das Land in dem Gott Mensch wurde, die Landschaft, die Jesus, sein Leben und seine Botschaft geprägt hat. Die Landschaft, in der Gott Mensch wurde, hat selbst etwas zu sagen.
Es ist ein Land, das zwischen den Kontinenten Afrika, Asien und Europa liegt. Immer schon war es Durchgangsstation für viele Völker. Handelskarawanen und Heere zogen durch dieses Land, Großmächte bestimmten es und wurden von ihm geprägt.
Die vier Evangelien der Bibel zeigen sehr deutlich: Jesus gehört zu diesem Land. Seine Botschaft ist von diesem Land nicht zu trennen. Gott ist nicht "utopisch", ort-los, sondern ganz konkret.
In dieser, damals abgelegenen Provinz des römischen Reiches, hat er "in Fleisch und Blut" gelebt. Die fruchtbare Landschaft am See Gennesaret wird in Kapharnaum zu seiner Wahlheimat. Hier, wo die Früchte der Erde und des Wassers in Fülle zu finden sind, predigt er vom Reich Gottes.
Die Landschaft hat eine Botschaft. Das Heilige Land enthält sozusagen eine "Geo-theologie". Sie kann sich dem erschließen, der als Pilger ins Land kommt. Der Zeit und die Bibel mitbringt - und sich überraschen lassen kann:
Bei uns in Tabgha am See Gennesaret gibt es in der Brotvermehrungskirche das bekannte Mosaik aus dem fünften Jahrhundert. Zwei Fische sind dort rechts und links neben dem Korb vor dem Altar zu sehen, und im Brotkorb – vier Brote, nicht fünf, wie doch die Evangelien berichten. Als offenes Kunstwerk ist diese Darstellung angelegt: Das fünfte Brot kann ich auf dem Altar finden, in jeder Eucharistiefeier neu – oder es so verstehen, dass ich selbst zum lebendigen Brot für andere werden kann. Die Brotvermehrung geht weiter und ereignet sich hier und jetzt in der Gegenwart.-
Bei der Kirche in Tabgha gibt es seit vielen Jahren einen Garten mit einem Gästehaus, "Beit Noah" genannt, dazu noch Zelte für behinderte Menschen aus dem Land, aus Palästina und Israel. Einer der wenigen friedlichen Orte im Land, an dem sich Juden, Muslime und Christen begegnen können. Die biblische Einladung Jesu, "Kommt und ruht ein wenig aus" kann hier lebendig werden, das Evangelium geht weiter.
Es ist ein steinreiches Land, aber darunter sind auch "lebendige Steine" im fünften Evangelium. Wer Zeit mitbringt und offene Ohren, der kann ihnen zuhören, den lebendigen Steinen, wie die Christen sich hier auch nennen.
Wer den lebendigen Steinen zuhört, für den wird die Bibel lebendig. Wer geglaubt hatte, die Bibel sei ein Buch mit Geschichten aus der Vergangenheit, dessen "Glaube" wird verunsichert. Das fünfte Evangelium, das Land in dem Gott Mensch wurde, macht die Bibel gegenwärtig und lebendig.
Als Pilger setzt man sich auf der Reise durch dieses fünfte Evangelium einer heilsamen Verunsicherung aus. Aber genau die kann wieder in die lebendige Spannung des Glaubens führen. Der Umweg kann mich wieder auf den Weg zurückbringen.
Die Begegnung mit diesem Land, und die Begegnungen mit den Menschen hier, verändern. "Jetzt kann ich die Bibel besser verstehen und höre sie anders" sagen viele Pilgerinnen und Pilger nach einer Reise.
"Die Schrift nicht kennen, heißt Christus nicht kennen." lautet ein Satz des Heiligen Hieronymus. Das Heilige Land kann helfen ihn besser kennen zu lernen.
Am Palmsonntag wird übrigens für die "lebendigen Steine", für die Arbeit christlicher Einrichtungen im Heiligen Land in allen katholischen Kirchen Deutschlands eine Kollekte gehalten. Es ist eine gute Möglichkeit, christliches Leben in Israel und Palästina zu unterstützen und dafür zu sorgen, dass das fünfte Evangelium besonders unter Pilgern lebendig bleibt.
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Ludger Bornemann über Erwartung und Erfüllung der Pilger im Heiligen Land (15.11.2007)
Text: Ludger Bornemann | Foto: Michael Bönte
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