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Seite: Fragen + Glauben
25.05.2012
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Marienkirche (Lübeck)

Marienkirche (Lübeck).

Passion

Habe den Übergang schon manchmal betreten

Das kann nicht jeder. Menschen in den Tod begleiten. Über tausend in mehr als dreißig Jahren. Mit Sterbenden " hinübergehen". Eine Sozialarbeiterin berichtet, erzählt, bezeugt. Gespräche über Jahrzehnte:

So einfach stirbt man nicht

Am liebsten ein Schmerzmittel, um möglichst schmerzfrei in den Tod zu gehen, oder: Wie kann ich am besten schmerzlos verschwinden? Nein, nein, so einfach stirbt man nicht. So nicht!

Bei solchen kann ich nicht hingehen. Ich bin wie ein Windhauch. Entweder kapiert das ein Patient oder nicht. Ich greife nicht ein, sondern lasse frei. Ich lasse dem Sterbenden seine Freiheit. Dadurch behalte ich auch meine eigene. Er muss sich entwickeln, um seinen Tod ganz persönlich zu sterben. Stundenlang, tagelang und auch in die Nacht hinein bin ich bei ihnen (Überstunden in der Klinik!).

Die Schmerzen einer Krankheit unterscheiden sich vom Schmerz des Sterbenmüssens. Der Weg dorthin heißt "Kreuz": Brennen, Feuer, den Kelch trinken, den Tod auf sich nehmen, ausgeliefert sein wie Jesus. Nichts Theoretisches. Keine beschauliche Distanz.

Man macht sich und anderen etwas vor, wenn man meint, ohne diese Art von Todesbewältigung ans Ende kommen zu können. Grundfrage: Wie gehst du mit der Wahrheit dieses deines Todes um? Bist du im "Sterben" geübt?

Für eine Frau, die in Wehen liegt, sieht die Welt anders aus als während der Zeit ihrer Schwangerschaft, als sie sich auf das Kind freute. Sie braucht jetzt Hilfen - eine Hebamme. Ähnlich beim Sterben. Es wird niemandem erspart. Jeder wehrt sich.

Wenn man noch gesund ist, noch Kraft hat, noch alles regeln kann, redet man ziemlich "sicher". Ich kann bald sagen, ob jemand noch viel mitmachen muss. Ich spüre, wie er nicht will und sich ans Leben krallt.

Man kann den Tod akzeptieren, schmerzstillende Medikamente bekommen, aber nicht schmerzlos sterben. Die im Loslassen geübt sind, können diesen Schmerz leichter bewältigen.

Auch etwas ganz Schönes

Beim Sterben dabei zu sein ist oft auch etwas ganz Schönes. Mit Sterbenden lachen! Nach langen Gesprächen, bis sie keine Angst mehr haben und sich fallen lassen.

Ein großes Problem seit Jahren: Menschen, die wochenlang beatmet werden! Man lässt sie nicht sterben - fürchterlich! Ich habe eine Menge solcher Leute.

Die bereit sind, alles abzulegen, sind bereit für den Übergang und das, was kommt. - Gott ?

Wenn jemand sich wehrt, ist "Nähe" unmöglich. Meine Nähe. Gottes Nähe?

Die kein "Gepäck" mehr haben, sind ihm am nächsten. Sie stecken nicht mehr im Gefängnis ihrer Absicherungen. Oft versuchen Patienten, mich zu umarmen. Wenn einer "gelöst" ist, hält er mich nie fest und klammert sich nicht an mich. Er will mich nicht besitzen, nur nahe sein, intensive Nähe. Da ist dann nichts dazwischen. Das sind für mich "Sinnoasen".

Man fühlt sich in solchen Beziehungen total schwerelos, ohne Körper, "total Sinn oder so".

Ich bete nicht ausdrücklich. Bei mir durchzieht ein roter Faden den ganzen Tag: Das ist Gott! Durch meinen Beruf wird mein ganzes Leben dahin ausgerichtet.

Ich erlebe ständig "Auferstehung", bin ganz "hinüber", drüben, mit den Patienten, jenseits von mir, " wie gestorben". Kranke nehmen manchmal rein physisch Kraft von mir ab, so dass es weh tut. Beim Tode verändert sich die Atmospäre: Absolute Stille, eben Todesstille und manchmal "Licht von drüben".

Wenn ich mit "drüben" war, bin ich verletzbar. Es ist schwer, wieder auf die Erde zurück zu müssen, auf der wir nun mal leben. Weil ich den Übergang schon manchmal betreten habe, werde ich selbst wohl leichter sterben.

Bin durch viele kleine Tode hindurchgegangen

Obwohl äußerlich noch eine Menge Prozesse ablaufen, erlebe ich immer wieder, wie ein Gesicht aufleuchtet, nachdem ein Patient schon "hinüber" ist. Sterben - das ist wie eine zweite Geburt in eine neue Welt hinein.

Für Begleiter ist es zuerst einmal wichtig, auf der "Höhe" der Patienten zu sein, um ihnen ein Stück hinüber helfen zu können. Ich muss selbst zum Patienten werden, wenn ich ihm nahe sein und ihn verstehen will:

Durch Schmerzen hindurchgegangen und wissen, was Kreuztragen und Dornenkrone meint: hilflos am Boden, ausgebrannt, unverstanden, fremd und isoliert, getreten und gesteinigt.

Ich habe auch mit Drogenleuten, Pennern und Alkoholikern zu tun. Je mehr du dich diesen Kleinen und Geringsten näherst, umso mehr entfernst du dich von den Großen - auch in der Hierarchie eines Krankenhauses. Ich brauche keine Slums, keine Dritte Welt - ich habe sie hier. Die Erfahrungen mit diesen Menschen helfen mir, Sterbende zu verstehen und zu begleiten.

Manchmal denke ich: Es muss mir so schlecht gehen wie den Patienten. Dann verstehe ich sie. Dann kenne ich ihre Schmerzen. Sie nennen mich Pastorin und wollen einen Segen von mir.

Ich nehme die Leiden so auf, dass ich alles fühle, ohne viel reden zu müssen. Die Kranken merken es. Meine Haut ist immer total wund. Ich fühle einfach anders. Das macht das Leben so schwer.

Aber das Durchleiden ist nicht umsonst, sondern geradezu unheimlich fruchtbar - die Brücke zu den Menschen.

Bin zwischen Himmel und Erde

Ich bin in einer Welt tätig, da läuft man nicht, da schwebt man! Bin zwischen Himmel und Erde. Nicht ganz auf der Erde. In diesem Sinne heimatlos, oft fremd für die "Beheimateten", die mir nicht folgen können. Aber "eins" mit denen "da unten", den Patienten, bekomme ich so viel geschenkt. Ich merke richtig, was ich am anderen Tag in den Händen halte. Es ist immer wieder Auferstehung, obwohl das für andere verrückt klingt. Ich merke auch bei Sterbenden den Drang, die Sehnsucht dahin.

Ich möchte auch nach Hause, heim. Hier bin ich wie eine Fremde. Aber Gott liebt ja die Fremden. Eine Dauerwachheit durchzieht den Tag und die Nacht, wie wenn immer eine Kerze brennt. Ich bin immer bereit. Man kann mich holen, - einfach so.

Was aus Schmerzen kam, war Vorübergang.
Und mein Ohr vernahm nichts als Lobgesang.
(Werner Bergengruen)

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